Sally Hollander

Sally lag auf dem Küchenboden und fühlte, wie die letzten ihrer Knochen vor der Kälte kapitulierten, die sich in ihr ausbreitete. Jetzt zeichnete sich in der Wärme ihres Fleischs deutlich ein Skelett aus Eis ab. Bisher hatte sie ihre Physiologie noch nie so bewusst wahrgenommen. Obwohl sie im Moment nach wie vor gelähmt war, kannte sie die exakte Position jedes ihrer zweihundertsechs Knochen und die exakte Form der diversen Platten, die zusammengeschweißt waren, um ihren Schädel zu bilden. Sie war sich jedes Gelenks bewusst: der Kugelgelenke in Schultern und Hüften, des Atlantoaxialgelenks in ihrem Nacken zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel, der eleganten Ellipsoiden ihrer Handgelenke, der wunderbar zweckmäßigen Scharniergelenke in ihren Fingern, Ellbogen und Knien. Sally war in der Lage, die Synovialhäute um ihre Gelenke herum zu fühlen, und sie nahm deutlich die klebrige, zähe Flüssigkeit wahr, die ihre Gelenke schmierte. Sie fühlte die Fasern aller stützenden Bänder, die verbindenden Sehnen und die Muskeln, die bereit waren, das gesamte Skelett bei Bedarf in Bewegung zu setzen. Es war, als hätte ihr Körper eine geschärfte Eigenwahrnehmung entwickelt, die sich an der ihres Geistes messen konnte.

Ihre Furcht war vergangen, als enthielte das, was der Dämon in sie gespien hatte, unter anderem auch ein Beruhigungsmittel. Sie hatte keine Befürchtungen mehr und nicht die geringsten Bedenken. Ihre Stimmung entsprach einer ruhigen Erwartungshaltung, einer meditativen Gelassenheit, nicht Apathie, sondern erleichterte Ergebenheit, mit der sie sich einer unvermeidlichen Transformation unterwarf.

Nachdem sie für ihren früheren Ehemann eine Art Sandsack gewesen war und den Mut aufgebracht hatte, ihn zu verlassen und die Scheidung zu erwirken, hatte sie vor mehr als zwanzig Jahren ihre Selbstachtung wiedergefunden und war seitdem zu stark gewesen, um sich jemandem auf diese Weise zu unterwerfen. Mit einer Stärke, auf die sie stolz war, wies sie Apathie von sich, nahm Gefühle und Hoffnung bereitwillig an und fand sich mit nichts ab – bis sie sich jetzt mit einer beinah angenehmen Erwartungshaltung dieser Situation beugte.

Ihr Gerippe begann seinen Widerstand aufzugeben. Sie fühlte, dass sich etwas innerhalb ihrer Knochen bewegte, als sei ihr Mark lebendig geworden und kröche in den Aushöhlungen, die es umfingen, herum. Sie spürte, wie sich die Knochen in ihren Beinen und Armen allmählich verlängerten. In ihren Zehen – und andernorts – schienen sich sogar zusätzliche Knochen zu bilden. Auch in ihren Gelenken tat sich etwas und sie fühlte, wie sich Knorpel verwoben, um sich der neuen Realität dieser Verbindungen anzupassen.

Die Bezeichnungen Werwolf und Werkatze kamen ihr in den Sinn, doch sie ließen keine Ängste aufkommen. Stattdessen war die Aussicht auf eine Verwandlung faszinierend und weckte in ihr die zaghafte Ahnung einer Möglichkeit, eine behutsame Bereitwilligkeit, abzuwarten und die Dinge auf sich zukommen zu lassen, in Erwägung zu ziehen, eine Veränderung könnte vielleicht zum Besseren sein. Ein Teil von ihr erkannte, dass das keine natürliche Reaktion war und demnach chemisch herbeigeführt worden sein musste. Sie vermutete, während ihr Körper umprogrammiert wurde, würde auch ihr Geist manipuliert. Doch selbst diese Erkenntnis erschreckte sie nicht, noch nicht einmal dann, als sie merkte, dass ihre rechte Hand, die auf dem Fußboden vor ihrem Gesicht lag, wo sie sie deutlich sehen konnte, größer wurde. Jeder Finger schien sich um einen weiteren Knöchel und ein weiteres Fingerglied zu verlängern. Knochen wanden sich im Fleisch, Haut dehnte sich und platzte, schloss sich aber sofort wieder.

* * *

Nachthaus
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