Padmini Bahrati
Kurz bevor die Welt verschwand, saß Padmini auf einem Hocker hinter dem Empfangsschalter, machte Pause und aß etwas von dem hausgemachten Uttapam, einem Gericht aus Reis und Linsen, das ihre Mausi zubereitet hatte, die Schwester ihrer Mutter. Sie fragte sich, wie es sein konnte, dass ihre Tante eine so viel bessere Köchin als ihre Mutter war, wenn man bedachte, dass die beiden Schwestern in derselben Küche von ihrer Mutter das Kochen gelernt hatten. Für Mausi Anupama waren Nahrungsmittel, was Farben und Leinwand für einen Künstler sind, aber für Padminis Mutter Subhadra war Essen eine Notwendigkeit und seine Zubereitung oft genug eine lästige Ablenkung.
Subhadra war Mathematikerin und noch dazu eine berühmte, sofern man bei Mathematikern überhaupt von Berühmtheit sprechen kann. Es gab keine American Idols Fernsehshows, die statt Sängern Mathegenies feierten, und Mathematiker waren auch nie von scharenweise Leibwächtern umgeben und wurden durch schreiende Mengen von Fans eilig zu bereitstehenden Limousinen geschleust. Außer Gefahr, jemals berühmt zu werden, experimentierte Anupama freudig mit Nahrungsmitteln und war stets darauf aus, neue und noch bessere Gerichte zu ersinnen. Subhadra sah ein Rezept an, wie ein Baustatiker die Spezifikationen für eine Brücke ansieht, mit der nüchternen Erkenntnis, dass ein einziger kleiner Fehler zu einem Zusammenbruch mit tödlichen Folgen führen konnte; sie maß jede Zutat präzise ab, befolgte jede Anweisung so buchstabengetreu, wie es menschenmöglich war, aber selbst wenn sie Anupamas Rezepte benutzte, kam bei Subhadra nur ein essbares, aber keineswegs aufregendes Abendessen heraus. Andererseits konnte Anupama keine Einnahmen und Ausgaben gegeneinander aufrechnen und Subhadra hatte zehn Ehrendoktortitel in Mathematik zusätzlich zu dem einen, den sie selbst erworben hatte.
Die Lektion, die Padmini aus den erfolgreichen Lebenswegen von Mausi Anupama und ihrer Mutter lernte, war, dass man das, was man tat, mit Leidenschaft und absoluter Hingabe tun musste, ganz gleich, was es war. Padmini war einundzwanzig und in ihrer ersten Anstellung, nachdem sie ihren Abschluss in Hotelmanagement gemacht hatte. Sie hatte vor, zwei Jahre im Pendleton zu bleiben, dann zur Concierge in einem Luxushotel aufzusteigen, sich zur Geschäftsführerin hochzuarbeiten und eines Tages ein eigenes berühmtes Hotel zu besitzen. Sie mochte Menschen, es bereitete ihr Vergnügen, Probleme für sie zu lösen und sie glücklich zu machen, und sie war sowohl in Mathe als auch im Kochen gut.
Sanjay, ihr Freund, sagte, sie hätte auch das richtige Aussehen, sie sei phatakdi, so sexy wie ein Feuerwerkskörper, und besäße doch gleichzeitig eine solche Würde und Eleganz und schwesterlichen Charme, dass sie nie den Neid anderer Frauen erregen würde. Sanjay wollte immer nur chodo, ein Wort, das Padmini niemals in irgendeiner Sprache laut sagen würde. Wenn Sanjay zwischen essen und chodo wählen müsste, würde er wahrscheinlich verhungern. Aber er war ein guter Junge, der seine eigene Karriere ernst nahm, und sie hatte nie erlebt, dass er log, noch nicht einmal, um seinen stets bereiten Lauda dahin zu kriegen, wo er ihn haben wollte.
Wenn es für eine Concierge, eine Hotelmanagerin und – letzten Endes – eine Hotelbesitzerin von Vorteil war, gut auszusehen, dann konnte es doch manchmal durchaus auch lästig sein. Senator Blandon hatte sie immer mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht, und seine Vorstellung von einem Flirt bestand darin, ihr unangebrachte Witze zu erzählen, die fast schon schweinisch zu nennen waren und sie zum Erröten brachten. Er hatte auch jemanden gefunden, der ihm Wörter in ihrer Sprache beibrachte, die er in das Gespräch einfließen ließ; damit wollte er ihr zeigen, dass er locker mit ihrer Kultur umgehen konnte. Manchmal sagte er, sie sei eine der Apsaras, der himmlischen Nymphen, oder er nannte sie Batasha, was Kandiszucker hieß. Gelegentlich sprach er sie als Bibi Padmini an, was nichts weiter als »Miss« bedeutete. Aber derjenige, der ihn mit diesen Worten eindeckte, musste Verachtung für ihn empfunden haben, denn Blandon nannte sie unwissentlich auch Bjajiyas, was der Name für einen frittierten Snack war, und Akha Anda, was »totales Ei« bedeutete, oder Chotti Gadda, was »kleine Matratze« hieß. Ihre Geduld und ihre Fassung wurden auf eine harte Probe gestellt, doch es gelang ihr immer, ihm vorzumachen, sie fühle sich geschmeichelt von seinen ungeschickten Versuchen, die Sprachen Indiens zu verwenden, und sie lachte ihm nie ins Gesicht.
Bisher war Padmini eine Begegnung mit dem Senator während ihrer aktuellen Schicht erspart geblieben, was sie als göttliche Vorsehung auffasste, aber als es auf ihrer Uhr 17 Uhr 51 war, passierte etwas viel Schlimmeres. Ein elektronisches Kreischen stürmte abrupt von allen Seiten auf sie ein und sie sprang erschrocken von ihrem Hocker auf. Die Zeitschrift Hotelier, in der sie gelesen hatte, fiel auf den Boden. Sie stieß die Schwingtür auf, kam hinter ihrem Empfangsschalter hervor und stürzte ins Foyer. Wenn der Feueralarm getestet wurde, erzeugte er ein elektronisches Blöken, aber das hier klang ganz anders. Trotzdem wusste Padmini, dass derart schrille Geräusche nichts Gutes zu bedeuten hatten.
Als um sie herum alles verschwamm und die verschwommenen Umrisse, die immer noch vertraut waren, sich dann plötzlich zu etwas Unkenntlichem verzerrten, als das Kreischen vielleicht aus dem Inneren ihres Kopfes zu kommen schien und nicht aus den Wänden und als außerdem ein unheilverkündendes Rumpeln zu vernehmen war, glaubte sie, sie müsse wohl gerade einen Schlaganfall erleiden. Sie war erst einundzwanzig und hatte so viele Träume, von denen sich bisher erst so wenige erfüllt hatten, und diese Ungerechtigkeit war niederschmetternd. Aber sogar während sie sich um ihre eigene Achse drehte und die Augen zusammenkniff, damit sie ihre verschmierte Umgebung wieder klarer sehen konnte, dachte sie an ihre Mutter und an ihren Vater Ganesh und an ihren Bruder Vikram und an Anupama und natürlich auch an Sanjay, und ihr setzte die Erkenntnis zu, dass sie schwerbehindert und ihnen allen nur noch eine Last sein könnte oder dass sie ihnen, die sie am meisten liebte, durch ihren Tod Kummer bereiten könnte. Und dann hörte das Geräusch auf und die Welt wurde wieder klar.
Padmini konnte sich vorstellen, dass ein Blutgerinnsel oder ein Aneurysma ihr vitales Hirngewebe zerstörte, obwohl sie noch so jung war, aber sie konnte sich keinen Moment lang vorstellen, jemals verrückt zu werden. Sie hielt ihren Kurs so beständig, als hätte sie einen Kurskreisel in ihrem Kopf und sei an ein Satellitenleitsystem angeschlossen. Objektive Vernunft diente ihr als Spazierstock, der gesunde Menschenverstand als Landkarte.
Das Foyer, das in willkommener Stille abrupt wieder klar um sie herum zu sehen war, war ihr vertraut, und doch stimmte einiges nicht. Der Marmorboden wies Sprünge und ein paar fehlende Fliesen auf, und er war schmutzig und mit Einwickelpapieren und verschrumpeltem braunem Laub übersät, das von draußen hereingeweht sein musste. Nur zwei von den vier LED-Röhren, die in die Decke eingelassen waren, funktionierten noch. Die zentrale Deckenlampe brannte auch nicht mehr. Zusätzliches schwefelgelbes Licht vom südöstlichen Ende des Raums, wo ein menschliches Skelett mit dem Rücken an der Stelle lehnte, wo die Wände aufeinandertrafen; die Knochen waren ein halb sichtbares Gerüst, über dem sich eine Kruste aus etwas Phosphoreszierendem gebildet hatte – vielleicht eine Kristallformation oder ein Schimmelpilz, das war schwer zu sehen. Jedenfalls war dieses Zeug bis zur Decke hochgekrochen und hatte sich dort ein bis zwei Meter weit ausgebreitet, als ob es sich vom Fleisch des Toten genährt und dann sein Wachstum eingestellt hätte. Diese makabre Lampe spendete ein düsteres Licht, das sie an Albträume erinnerte, die sie als Kind gehabt hatte: steinerne Gänge, durch die sie sich vorangepirscht hatte, während sich Kali, die achtarmige Hindugöttin des Todes und der Zerstörung, ihrerseits an sie heranpirschte.
Das konnte nicht sein, aber es war so. Da sie als Concierge Dienst hatte, bestand ihre Aufgabe darin, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, wenn sie ihr auch noch so unwahrscheinlich erschienen, die Herausforderung anzunehmen, die Ursache zu ergründen und die Dinge so schnell wie möglich wieder in Ordnung zu bringen. Ihr Mund war trocken und sie hatte Herzklopfen, doch ihr Verstand war klar, ihre Haltung entschlossen.
Als Padmini feststellte, dass die Lichter der Shadow Street draußen vor der Eingangstür und den Fenstern zu beiden Seiten nicht mehr zu sehen waren, durchquerte sie das Foyer, schnitt eine Grimasse über den Zustand des einst so schönen Bodens und trat vor die Tür. In dem kuppelförmigen Tiffany-Vordach waren nur noch ein paar der Lichter funktionsfähig. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Himmel war klar. Die Luft fühlte sich um etliche Grade wärmer an, als sie es an einem frühen Dezemberabend hätte sein sollen. Die Straße, die Gebäude, die einst dort gestanden hatten, und der Rest der Stadt waren verschwunden.
Im Mondlicht schien der Hügel in einem Radius von etwa fünfzig Metern so kahl wie die Oberfläche des Mondes selbst zu sein. Dahinter gab etwas, das sie für hohe, dichte Gräser hielt, in der totenstillen Nacht ein phosphoreszierendes Licht ab und wogte wie Seeanemonen unter dem Einfluss von seltsam rhythmischen Strömungen.
Ein schriller Schrei im Dunkeln führte dazu, dass Padmini den Kopf umwandte und gerade noch etwas bizarres Bleiches auf ihr Gesicht zufliegen sah. Bis jetzt hatte sie nicht bemerkt, dass sie in der rechten Hand noch die Gabel hielt, mit der sie Mausi Anupamas köstliches Uttapam gegessen hatte. Tatsächlich hielt sie die Gabel so fest umklammert, dass ihre Knöchel schmerzten. Jetzt stieß sie mit der Gabel zu, hielt ihren Angreifer auf Armeslänge auf, stach die Zinken der Gabel in die Stirn von etwas, das eine Made von der Größe eines dreipfündigen Bananenkürbisses zu sein schien, mit ledrigen Flügeln und einem Gesicht, das zur Hälfte das einer haarlosen Katze und zur anderen Hälfte das einen ungefiederten Vogels zu sein schien, mit leuchtend silbernen Augen. Die Gabel bereitete dem Schrei ein Ende und die Kreatur warf sich nach hinten und segelte durch die Luft, bevor sie auf den Boden klatschte.
Padmini wich aus der Nacht in das Foyer des Pendleton zurück.
Solange ein Concierge am Empfangsschalter Dienst tat, wurde die Eingangstür nie abgeschlossen. Padmini verriegelte sie nun trotzdem.
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