Bailey Hawks

Ihm war nicht wohl dabei, Sally Hollander allein zu lassen, obgleich sie sich nach der Behaglichkeit und Abgeschiedenheit ihrer eigenen Wohnung gesehnt hatte. Die flinke dunkle Gestalt, die er gesehen hatte, und der bedrohliche Schwimmer im Pool waren mit Sicherheit Manifestationen desselben »Dämons«, der im Geschirrkabinett der Cupp-Schwestern an ihr vorbei gestürzt war. Ganz gleich, was im Pendleton vorging, ob es übernatürlich war oder nicht – alles wies darauf hin, dass Abgeschiedenheit nicht ratsam war.

Andererseits hatte Bailey sich mühelos befreien können, obwohl er bei seiner Flucht aus dem Pool am Knöchel gepackt worden war. Und auch Sally war ja nicht verletzt worden; sie hatte nur einen Schrecken eingejagt bekommen. Diese Phantasmen schienen böswillige Absichten zu haben, aber vielleicht besaßen sie nicht die Kraft, die Gewalttätigkeiten zu begehen, nach denen sie lechzten. Das wiederum schien sie in die Gruppe der Gespenster einzureihen, die spukten, aber keinen Schaden anrichten konnten.

Bailey glaubte nicht an Gespenster, aber er hatte keine andere Schablone, die er anlegen konnte, um diese Situation zu verstehen: Geister, Gespenster, Schemen, Dinge, die nachts krakeelten. Wenn es nichts dergleichen war, konnte er sich nicht vorstellen, was es sonst sein mochte.

Nachdem er Sally in der 1-C abgeliefert hatte, nahm er anstelle des nördlichen Aufzugs die Treppe in den ersten Stock. Als Teil seines Fitnessprogramms mied er häufig Aufzüge. Der umschlossene runde Treppenaufgang stammte noch aus dem ursprünglichen Belle Vista; er war keine der Ergänzungen im Zuge des Umbaus in Eigentumswohnungen im Jahre 1973. Die polierten Marmorstufen waren tief und das verschnörkelte Bronzegeländer an der Innenseite war ein Beispiel für die erlesenste Handwerkskunst des neunzehnten Jahrhunderts, die sich heute nur zu horrenden Preisen nachempfinden ließ. Als er die Treppe hochstieg, fühlte sich Bailey an ein französisches Schloss erinnert, das er einmal besucht hatte.

Da die Treppe rund war, gab es nur auf jeder Etage einen Absatz und keine Treppenabsätze auf halber Höhe. Als er den Absatz erreichte und eine Hand nach der Tür ausstreckte, hörte er rasche Schritte die Treppe hinunterkommen und eine Kinderstimme, die sang:

»Sing a song of sixpence, a pocketful of rye, four and twenty blackbirds baked in a pie …«

Die Stimme war so klar und melodisch, dass Bailey stehen blieb, um zu sehen, wer da sang. Es gab nur wenige Kinder im Pendleton.

»When the pie was opened, the birds began to sing …«

Auf der Treppe über ihm tauchte ein Mädchen von vielleicht sieben oder acht Jahren auf, so hübsch wie ihre Stimme und mit lebhaften blauen Augen. Sie trug anscheinend eine Verkleidung: ein himmelblaues Baumwollkleid mit einem Rüschenrock und gerafften Ärmeln, darüber ein blassgelbes Kleidungsstück aus Leinen, das Ähnlichkeit mit einer Schürze hatte und mit schlichter Spitze eingefasst war, dazu weiße Gamaschen. Ihre weißen Schuhe, die bis über die Knöchel reichten, waren geknöpft, keine Schnürschuhe.

Als sie Bailey sah, blieb sie stehen und deutete einen Knicks an. »Guten Abend, Sir.«

»Dieses Kleid musst du von Edna Cupp haben«, sagte Bailey.

Das Mädchen sah ihn verwundert an. »Es ist von Partridge’s, wo Mommy all unsere Sachen kauft. Ich bin Sophia. Sind Sie ein Freund von Daddy?«

»Das könnte sein. Wer ist denn dein Vater?«

»Der Hausherr natürlich. Aber ich muss mich beeilen. Der Eismann wird jeden Moment die Küche beliefern. Wir werden von einem der Blöcke Eis abraspeln und Kirschsirup darübergießen, das schmeckt einfach köstlich.«

Als sie an Bailey vorbeischlüpfte und von dem Absatz auf die Stufen sprang, sagte er: »Wie heißt du mit Nachnamen, Sophia?«

»Pendleton natürlich«, sagte sie und stimmte ein weiteres Lied an, während sie auf der gewundenen Treppe aus seinem Blickfeld verschwand.

»Old King Cole was a merry old soul, and a merry old soul was he …«

Die Schritte und die Stimme des Mädchens verklangen schneller, als es sich durch die Krümmung des Treppenhauses erklären ließ.

Bailey wartete auf das Geräusch, mit dem eine Tür geöffnet und geschlossen wurde, doch die Stille des fensterlosen Treppenhauses wurde zu einem abgrundtiefen Schweigen.

Ohne genau zu wissen, was er damit beabsichtigte, stieg er wieder ins Erdgeschoss hinunter und von dort aus weiter in den Keller. Er rechnete damit, dass das Mädchen dort unten wartete. Die schwere Feuertür ließ sich nicht lautlos öffnen und schließen. Und doch war das Mädchen fort.

* * *

Nachthaus
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