13 Apartment 3-D
Als Logan Spangler, der Sicherheitschef, aus dem nördlichen Aufzug auf den Flur im zweiten Stock trat, befand sich der Eingang mit der zweiflügeligen Tür zur Wohnung der Cupp-Schwestern links neben ihm. Den halb so breiten Eingang zu Silas Kinsleys Wohnung hatte er direkt vor sich. Das war die Ecke, die er den Greisenwinkel nannte. Er mochte die alten Damen und den pensionierten Anwalt. Sie waren ruhig, anständig und rücksichtsvoll. Die einzigen Wohnungseigentümer, die ihm noch weniger Probleme machten, waren der in 1-B, der vor neun Monaten gestorben und dessen Nachlass noch nicht geregelt war, und Mr. Beauchamp in 1-D, der vor zwei Wochen einer Lungenentzündung erlegen war.
Nachdem er aus dem Polizeidienst ausgeschieden war, vermutete Logan, wenn er als Nächstes den Job im Pendleton aus Altersgründen aufgab, könnte er Sicherheitschef eines Friedhofs werden. Ein Feld voller Toter in ihren beengten kleinen Unterkünften würde sich noch ruhiger und anständiger gebärden als Edna und Martha Cupp. Und wenn er den Job aus Altersgründen an den Nagel hängte, könnte er sich einfach in eine vorbereitete Grube legen und mit Erde zudecken lassen.
Er war nicht verbittert darüber, dass er mit 62 gezwungen gewesen war, den Polizeidienst zu quittieren. Das war sechs Jahre her, Schnee von gestern. Er war zwar nicht verbittert, aber er war zum Zyniker geworden. In Wahrheit hatte er bei der Arbeit schon immer etwas von einem Zyniker und einem Griesgram an sich gehabt – was ihm gute Dienste erwies, wenn er es mit mörderischen Drecksäcken zu tun hatte: Es half ihm dabei, sie zu verstehen, zu finden und festzunehmen. Außer Dienst war er jedoch gut gelaunt und relativ unbekümmert gewesen. Da jetzt allerdings die gesamte Action aus seinem Leben verschwunden war, konnte Logan seine negativen Energien nicht täglich abbauen und hatte den Verdacht, infolgedessen zu einem Griesgram rund um die Uhr zu versauern.
Aber damit konnte er leben.
Nachdem er aus dem Aufzug gestiegen war, wandte er sich nach rechts und bog nach etwa sechs Metern wieder nach rechts in den nördlichen Flur ab. Die Wohnungen lagen auf der rechten Seite, alle drei, mit Blick auf den Innenhof. Die hinterste Wohnung gehörte Mickey Dime; abgesehen davon, dass er Geld geerbt hatte, war Dime angeblich auch ein erfolgreicher Firmenberater, spezialisiert auf die Lösung von Konflikten mit Angestellten. Das mit dem geerbten Geld mochte stimmen, aber Logan war der Überzeugung, der Rest sei kompletter Quatsch. Die Wohnung neben Dime gehörte Bernard Abronowitz, der gerade im Krankenhaus lag und sich dort von einer Operation erholte.
Die vorderste und größte der drei Wohnungen gehörte dem ehemaligen Senator Earl Blandon. Falls der in Ungnade gefallene Politiker in den Aufzug ein-, aber nie ausgestiegen war, was die Überwachungskameras vermuten ließen, dann gab es hier ein Rätsel zu lösen, das eine Herausforderung für den Grips des klügsten Kriminalbeamten darstellen mochte. Wenn er bedachte, wie ereignislos und undramatisch die letzten sechs Jahre im Pendleton gewesen waren, bezweifelte Logan, dass ein solches Rätsel auf seine Lösung wartete. Er rechnete damit, dass Blandon ihm mehr oder weniger angetrunken die Tür aufmachen würde.
Nachdem Logan dreimal geläutet hatte und ihm nicht geöffnet worden war, pochte er fest an die Tür. Er wartete und klopfte dann noch einmal.
Er hatte bereits den Pförtner angerufen, der für die Frühschicht eingeteilt war und den Nachtportier Norman Fixxer um sechs Uhr morgens abgelöst hatte, und sich bestätigen lassen, dass der Senator das Pendleton nicht im Lauf des Vormittags oder am frühen Nachmittag durch das Foyer verlassen hatte. Jetzt rief er Padmini Bahrati an, die an diesem Nachmittag um 14 Uhr zu ihrer Spätschicht erschienen war, und sie war sich sicher, dass der Senator, seit sie am Empfang saß, weder zu Fuß das Gebäude verlassen noch darum gebeten hatte, seinen Wagen in der Shadow Street vorfahren zu lassen.
Natürlich hätte Blandon das Grundstück durch das Osttor des Innenhofs verlassen, sich zu den Garagen hinter dem Pendleton begeben und wegfahren können, ohne sich den Wagen bringen zu lassen. Da diese Möglichkeit nicht auszuschließen war, rief Logan Tom Tran an und bat ihn, auf dem Garagenstellplatz des Senators nachzusehen.
Zwei Minuten später berichtete der Hausmeister, Blandons Mercedes stünde in der Garage. Demnach war er nicht weggefahren.
Nachdem er noch einmal auf die Klingel von 3-D gedrückt und niemand ihm geöffnet hatte, schloss Logan die Tür mit seinem Hauptschlüssel auf. Falls der Senator zu Hause war, hatte er weder die Sicherheitskette vorgelegt noch den Riegel vorgeschoben, der sich vom Hausflur aus nicht öffnen ließ.
Logan hielt die Tür auf, blieb aber im Hausflur stehen, während er rief: »Senator Blandon? Sir, sind Sie zu Hause?«
Die Wohnung des Senators war nur halb so groß wie die der Cupp-Schwestern. Wenn er nicht bewusstlos war oder unter der Dusche stand, hätte er Logan hören müssen.
In einem Notfall, wenn Grund zu der Annahme bestand, dass ein Bewohner des Hauses sterbenskrank oder durch andere Umstände außerstande war, jemanden einzulassen, war in den Richtlinien des Eigentümerverbandes festgelegt, dass sich ein Wachmann mit einem Hauptschlüssel Zutritt zu der jeweiligen Wohnung verschaffte, allerdings nur in Begleitung des Pförtners oder des Hausmeisters. Dahinter stand der Gedanke, das ohnehin schon geringe Risiko, ein Mitglied eines gründlich überprüften Wachteams könnte eine solche Gelegenheit für einen Diebstahl nutzen, weiter zu minimieren.
Da bei Earl Blandon leicht eine Sicherung durchbrannte und man sich darauf verlassen konnte, dass er in Alkohol getränkt und daher leicht entflammbar, wenn nicht gar explosiv war, beschloss Logan Spangler, die Wohnung allein zu betreten. Falls der Senator keine Hilfe brauchte, würde er sich gewaltig über Spanglers Eindringen ärgern. Paranoia war Blandons Rüstung, selbstgerechte Empörung sein Schwert, und er ließ nie eine Gelegenheit aus, sich zu beschweren. Ein einzelner ungebetener Besucher würde ihn verärgern, aber zwei würden ihn in Rage versetzen.
Logan hatte keinerlei Interesse an Inneneinrichtung, doch als er im Wohnzimmer das Licht einschaltete, fiel ihm auf, dass der Senator das Dekor vornehmer Klubs nachgeahmt hatte. Kassettendecken mit starken Vertiefungen. Dunkle Holzvertäfelung. Wuchtige Ledersessel. Schwere Beistelltische aus Massivholz auf Klauenfüßen. Bronzelampen mit Pergamentschirmen. Über dem Kaminsims aus Kalkstein hing ein Hirschkopf mit glasigen Augen und einem vierzehnendigen Geweih, den Blandon zweifellos gekauft und nicht seinem Talent als Jäger zu verdanken hatte.
Die lange Tischplatte im Esszimmer war aus Mahagoni und auf Hochglanz poliert. Sämtliche Stühle hatten Armlehnen und eine hohe Rückenlehne, doch am Kopfende des Tisches stand ein breiterer Stuhl mit kunstvolleren Schnitzereien und silbernen Einlegearbeiten, als sollte damit angedeutet werden, der Gastgeber sei zwar nicht von königlichem Geblüt, könne aber dennoch für sich in Anspruch nehmen, ranghöher als seine Gäste zu sein.
Während er eine Runde durch die Wohnung drehte, ohne etwas anderes zu berühren als Lichtschalter und Türen, die aufgestoßen werden mussten, war sich Logan, wie immer, der Pistole an seiner rechen Seite bewusst, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, dass er sie brauchen würde. In einer verkümmernden Welt, die von Tag zu Tag düsterer und gewalttätiger zu werden schien, stellte das Pendleton doch eine Oase des Friedens dar.
Logan rief weiterhin den Namen des Senators, als er durch die Räume schritt und zum Schlafzimmer gelangte. Hier war die Kassettendecke mit den verschnörkelten Verzierungen weiß gestrichen und eine blassgoldene Tapete verlieh den Wänden eine weiche Struktur und ein zartes Muster.
Das Bett war frisch gemacht und alles hatte seine Ordnung. Da Earl Blandon kein Mensch von der Sorte zu sein schien, die gewohnheitsmäßig gründlich hinter sich aufräumten, hatte Logan den Verdacht, der Mann hätte es letzte Nacht gar nicht bis in sein Bett geschafft.
Diejenigen unter den Bewohnern der Hauses, die – wie der Senator – keine eigenen Voll- oder Teilzeithaushälterinnen beschäftigten, hatten für die benötigte Haushaltshilfe Abkommen mit einer Dienstleistungsagentur getroffen, die vom Eigentümerverband gutgeheißen wurde. Am liebsten war ihnen im Allgemeinen ein Dienstmädchen, das ein- oder zweimal in der Woche kam. Die Chefconcierge, die derartige Dienstleistungen organisierte, hatte dem Sicherheitsdienst eine Liste vorgelegt, der zu entnehmen war, dass Earl Blandons Haushaltshilfe immer dienstags und freitags kam.
Heute war Donnerstag. Folglich war keine Haushälterin hier gewesen, um das Bett zu machen.
Im Schlafzimmer lagen zwei große zusammengeknüllte Handtücher achtlos auf dem Fußboden. Als Logan sich bückte, um sie anzufassen, stellte er fest, dass sie nicht mehr feucht waren. Als er die Glastür öffnete, sah er keinen einzigen Wassertropfen in der mit Marmor verkleideten Duschkabine, und auch die Fugen wirkten trocken.
Der Senator hatte vielleicht vor 24 Stunden geduscht, bevor er am vergangenen Abend aus dem Haus gegangen war. Offensichtlich hatte er letzte Nacht nicht in seinem Bett geschlafen. Die Anzeichen dafür, dass er bei seiner Rückkehr den Aufzug betreten, aber nie mehr ausgestiegen war, häuften sich, obwohl das undenkbar war.
Wenn Politiker sich auch noch so sehr bemühten, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass sie Magier waren, die Wunderlösungen parat hatten, dann hatten sie doch keine Tarnumhänge und keine Pillen, die sie auf die Größe einer Ameise schrumpfen ließen. Wenn der Senator den Aufzug nicht durch die Tür verlassen hatte, musste er durch den Notausgang in der Decke gestiegen sein.
Wie Blandon so etwas innerhalb der dreiundzwanzig Sekunden, in denen die Kamera im Aufzug nicht funktionierte, bewerkstelligt haben sollte und warum er etwas Derartiges hätte tun sollen, stellte Logan Spangler vor ein Rätsel. Eine nähere Inspektion des Aufzugs konnte ihm möglicherweise einen Anhaltspunkt geben.
Als er sich umdrehte, um das Badezimmer zu verlassen, stieg wieder ein Rumpeln unter dem Gebäude auf, und die Lichter gingen aus, sowohl im Bad als auch im Schlafzimmer. In der blendenden Schwärze zog er die fünfzehn Zentimeter lange Taschenlampe von seinem Gürtel und knipste sie an. Der weiße Strahl der LED-Lampe war heller als der einer herkömmlichen Taschenlampe, und doch war er schon dabei, das Badezimmer zu verlassen, als er merkte, dass sich um ihn herum alles verändert hatte.
Diese wenigen Sekunden im Dunkeln schienen Jahre gewesen zu sein. Der weiße Marmorboden, der gerade noch blank poliert gewesen war und geschimmert hatte, war stumpf vor Staub. In der dekorativen geflochtenen Bordüre aus grünem und schwarzem Granit fehlten Stücke. Das vernickelte Waschbecken wies grüne Flecken und Rost auf. Zerfetzte Spinnweben hingen wie Girlanden von den Griffen und dem Auslauf der Wasserhähne, als hätte hier schon lange niemand mehr Wasser laufen lassen.
Im Spiegel, der jetzt trüb und fleckig war, als hätten Pilze oder Schwämme, die dahinter wuchsen, die silberne Beschichtung der Rückseite teilweise zerfressen, schien Logans Spiegelbild eine Erscheinung zu sein, der es an der Substanz eines echten Menschen fehlte. Der unerklärliche abrupte Verfall seiner Umgebung verschlug ihm im ersten Moment den Atem und er rechnete fast damit zu sehen, dass er gemeinsam mit dem Raum gealtert war. Er blieb jedoch so, wie er gewesen war, als er sich an jenem Morgen vor seinem eigenen Badezimmerspiegel rasiert hatte: das graue Haar mit dem Bürstenschnitt und das von Erfahrungen zerfurchte Gesicht, aber noch nicht vom Alter ausgemergelt.
Als das Rumpeln nachließ, sah Logan, dass die Glasscheibe in der Tür der Duschkabine verschwunden war. Nur der Rahmen war noch da, rostig und schief. Auf dem Boden waren keine Handtücher zu sehen.
Er war bestürzt, bekam aber wieder Luft, als er die Schwelle zum Schlafzimmer überschritt, in dem keine Möbel mehr standen. Der Strahl der LED-Lampe zeigte ihm, dass das Bett, die Nachttische, die Kommode, der Sessel und die Kunst an den Wänden fort waren. Auch der unechte Perserteppich war verschwunden und an seiner Stelle war mehr von dem Holzboden zu sehen.
Sein anfängliches Erstaunen darüber, das Zimmer unmöbliert vorzufinden, wich der Bestürzung und der Sorge um seine Zurechnungsfähigkeit, als der zitternde Lichtstrahl ihm zeigte, dass sich das Schlafzimmer in einem seit langer Zeit leer stehenden Haus zu befinden schien. Der Mahagoniboden war unter dem Staub abgenutzt und verzogen und hatte sich von dem Beton, an dem er lange gehaftet hatte, stellenweise gelöst und aufgeworfen. Flecken, die wie samtige Flügel riesiger Nachtfalter aussahen, verfärbten die Tapete und die einstmals weiße Farbe über seinem Kopf war jetzt grau und vergilbt und hing in Fetzen herab, als seien die tiefen Kassettenfelder die Kokons gewesen, aus denen sich diese insektenartigen Gebilde herausgewunden hatten.
Als Kriminalbeamter setzte Logan unerschütterliches Vertrauen in das, was ihm seine fünf Sinne vermeldeten, und in die Schlussfolgerungen, die sein Verstand – mithilfe von Vernunft und Intuition – aus der Gesamtsumme dieser zahlreichen Einzelheiten am Ende ziehen würde. Lügner konnten Tatsachen verdrehen, doch jede Tatsache war wie ein Stück Memory-Metall, das dank seines Formgedächtnisses zwangsläufig wieder seine ursprüngliche Form annehmen würde. Seine Augen konnten ihn nicht belügen, obwohl er versuchte, diese undenkbaren Veränderungen im Schlafzimmer des Senators durch rasches Blinzeln zu vertreiben.
Nach so vielen Jahren als Bulle betrachtete er die ganze Welt als einen Schauplatz von Verbrechen, und an jedem Tatort wartete die Wahrheit darauf, gefunden zu werden. Anfangs konnte es vorkommen, dass man die Indizien falsch deutete, aber das dauerte selten lange, und ihm passierte so etwas nie. Während seiner gesamten Karriere hatten ihn andere Bullen Adlerauge genannt, und das nicht nur, weil er so gute Augen hatte, sondern auch, weil er wie aus großer Höhe auf einen Fall hinabblicken und die Wahrheit sehen konnte, wie ein Adler die Feldmaus sogar im hohen Gras erspäht. Doch obwohl er wusste, dass jetzt alles um ihn herum eine Lüge sein musste, konnte er durch die Sinnestäuschung hindurch die Realität nicht erkennen.
Nach einem Moment stieg jedoch, als hätte jemand einen Magnetregler leicht verschoben, Licht auf, zuerst von mysteriösen Quellen, doch dann von halbtransparenten Formen, die den Lampen ähnelten, die hier gewesen waren, als Logan das Zimmer erstmals betreten hatte. Nicht nur Lampen, sondern auch Möbelstücke materialisierten sich, anfangs in Form von gespenstischen Umrissen, wie das schwächere Bild auf einer fotografischen Doppelbelichtung, doch sie verfestigten sich rasch und wurden detaillierter. Der nachgemachte Perserteppich tauchte wieder unter seinen Füßen auf.
Während sich in der Wohnung des Senators die Realität des Schlafzimmers wieder behauptete und die Vision eines leer stehenden und verfallenen Gebäudes verblasste, drehte sich Logan langsam im Kreis. Das hervorquellende Licht wusch die Mottenflecken von der blassgoldenen Tapete. Die Streifen grauer und vergilbter Farbe, die sich von der Kassettendecke schälten, glätteten sich wieder zu einer weißen Oberfläche.
Im Lauf der Jahre hatte sich Logan Spangler in Momenten der Gefahr so oft bewährt und einen solchen Gleichmut bewiesen, dass er sich für nahezu unfähig hielt, um sein Leben zu bangen. Doch das Erstaunen vertiefte sich rasch zu Ehrfurcht und das Geheimnis des sich verwandelnden Zimmers war so imposant, dass ihn tiefes Grauen beschlich, als er sich fragte, welche Macht eine solche Veränderung hervorrufen könnte und warum.
Nachdem er sich um hundertachtzig Grad gedreht hatte, stand Logan Spangler wieder vor dem Badezimmer. Auf der anderen Seite der Tür brannte helles Licht. Der staubige, beschädigte Marmorboden schien wieder sauber und in gutem Zustand zu sein.
Hinter ihm zischte etwas.