Twyla Trahern

Der Gesang endete abrupt. Als die Sängerin das Interesse an dem Lied verlor, hörten auch die Phantomfinger in Twylas Kopf auf, sie zur Kapitulation zu verlocken.

Sie und Sparkle Sykes konnten im unteren Stockwerk von Gary Dais Wohnung keinen anderen Weg dorthin finden, wo Winny sie mit Iris erwartete. Als sie zu der Schwelle zurückkehrten, die sie nicht überschritten hatten, weil der Junge sie gewarnt hatte, stellte der Raum voller Peitschen kein Hindernis mehr dar. Sie hatten sich in die Wände zurückgezogen, und geblieben waren nur die von hinten grün angestrahlten Netze von Sprüngen im Verputz und die phosphoreszierenden gelben Pilzkolonien, die nicht mehr pulsierten.

Von Winny und Iris war hinter der Tür am anderen Ende des Raumes, wo sie noch vor weniger als einer Minute gewesen waren, nichts zu sehen, und als ihre Mütter nach ihnen riefen, reagierten sie nicht. Unter den gegebenen Umständen war die Stille eines Kindes nicht weniger alarmierend, als es ein Schrei gewesen wäre.

Falls die Bestien dieser Zukunft verschlagen waren, könnte dieser anscheinend gefahrlose Raum vor ihnen eine Falle sein. Sowie sie und Sparkle eintraten, würden die Peitschen vielleicht schlagartig aus den Wänden hervorkommen, sie geißeln, sich um sie schlingen und sie bewegungsunfähig machen wie Fliegen im feinen, klebrigen Gespinst eines Spinnennetzes.

Dennoch zögerten sie nur einen Moment, bevor sie sich in das Zimmer stürzten. Dieses Pendleton einer fernen Zukunft war zur letzten Heimat – und zu einem Mahnmal – des Bösen geworden, das Männer und Frauen seit Menschengedenken bedrohte. Hier in dieser Welt, wo anscheinend keine Menschheit mehr existierte, die man martern konnte, musste die Schar von Nachbarn aus dem Jahr 2011 ein äußerst begehrenswerter Leckerbissen sein. Der Verderber, der über diesen Ort herrschte, könnte eine Zeitlang auf der Lauer liegen, sich zum Spaß in Abstinenz üben und sich den endgültigen Nachtisch mit ein paar Löffeln Vorfreude versüßen, bevor er ihn endlich verschlang. Twyla fühlte, dass der hungrige Raum sie mit einer Intensität begehrte, die er nur mit Mühe zügeln konnte, und sie spürte, dass Sparkle es so ähnlich empfand. Wenn sie quer durch das Zimmer rannten, konnte das Stampfen ihrer Schritte genügend Vibrationen erzeugen, um den leicht provozierbaren Appetit anzuregen, und daher gingen sie rasch, aber leichtfüßig und hofften, den Jäger nicht aus seinem verträumten Nachsinnen über den Geschmack von Fleisch und Seelen zu reißen. Das Licht in den Tiefen der Risse im Verputz hätte von weiteren phosphoreszierenden Pilzen stammen können, aber da Twyla sich aufmerksam beobachtet fühlte, erschien es ihr wie der Glanz von Tieraugen.

Der Raum erlaubte ihnen die gefahrlose Durchquerung, die er ihnen zu verheißen schien, aber Twyla verspürte keine Erleichterung, als sie durch die Tür auf den Flur trat, der zu den restlichen Räumen der Wohnung führte. Es war nicht nur ein Raum, der sie wollte, sondern das ganze Haus und die Welt außerhalb des Hauses. Der Biss würde kommen, ganz gleich, an welchem Ort.

Weder Winny noch Iris hielt sich in dem schmalen Flur auf und die beiden antworteten auch nicht auf die Rufe ihrer Mütter. Wenn Winny noch irgendwo in der Wohnung war, würde er ihr antworten, es sei denn, er war bereits tot. Ein toter Winny war kein Anblick, den sie verkraften konnte, und auch keiner, nach dem sie suchen würde. Sie ließ die restliche Wohnung undurchsucht und führte Sparkle durch den Flur, durch einen Raum, einen kleineren Raum und aus einer Tür hinaus auf den Hausflur im ersten Stockwerk, gegenüber vom südlichen Aufzug.

Nach seiner früheren Erfahrung mit dem Aufzug würde Winny das nicht noch einmal wagen. Die südliche Treppe war in der Nähe, aber 2-G, die Wohnung der Sykes’, lag gleich um die Ecke an dem langen südlichen Hausflur, und es war einleuchtend, dass eine verängstigte Iris dorthin gelaufen und Winny ihr gefolgt sein mochte.

* * *

Nachthaus
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