Tom Tran
Im westlichen Hausflur des Erdgeschosses packte Tom Padminis Hände und küsste sie, während er ihr überschwänglich dafür dankte, dass sie ihn vor der Ausgeburt des Massengrabs von Nha Trang, oder was auch immer es gewesen war, gerettet hatte. Sie nannte es Rakshasa und sagte, das sei ein Geschlecht von Dämonen, und obwohl er nicht viel über Hinduismus wusste, fand Tom, das könnte für dieses Geschöpf eine ebenso gute Erklärung sein wie jede andere.
»Baba«, sagte sie, »was ist passiert? Wissen Sie, warum sich alles verändert hat?«
Baba, hatte sie ihm einmal erzählt, sei eine liebevolle Form der Anrede, die in Indien benutzt wurde, wenn man mit kleinen Kindern oder alten Männern sprach. Er war zwar erst sechsundvierzig, aber mehr als doppelt so alt wie sie, und daher nahm Tom Tran keinen Anstoß daran. Manchmal dachte er an Padmini als die Tochter, die er nie gehabt hatte. Jedenfalls sorgte ihr reizendes Naturell dafür, dass nur die streitsüchtigsten Miesepeter es fertigbrachten, sie anzufeinden.
»Meiner Erfahrung nach«, sagte er und ließ ihre Hände los, »zerbricht die Welt von Zeit zu Zeit und wahnsinnige Dinge passieren, aber nicht ein solcher Wahnsinn.«
»Ich habe den Haupteingang von der Straße aus abgeschlossen«, sagte sie.
»Gut, gut«, sagte er und warf einen Blick auf den Innenhof hinter der Glastür, wo der Rakshasa hinter Unmengen von eigentümlicher Vegetation verschwunden war.
»Ich wollte gerade in den Wachraum runtergehen und fragen, was der Wächter weiß.«
»Ja«, sagte Tom, der langsam einen Teil seiner Fassung wiedergewann. »Das sollten wir tun.«
Gemeinsam eilten sie durch den unerklärlich dreckigen und schlecht beleuchteten Korridor zur südlichen Treppe, wobei Tom auffiel, dass hoch oben an der Rückwand ein quadratischer Monitor von dreißig Zentimetern Seitenlänge angebracht war, der vorher nie dort gewesen war. Der Sockel, auf dem er stand, war teilweise abgebrochen und der Bildschirm hing schräg herunter und war dunkel.
Als sie sich der Tür zum Treppenaufgang näherten, öffnete sie sich, und beide blieben erschrocken stehen. Silas Kinsley trat mit einer Pistole in einer Hand und einer Taschenlampe in der anderen auf den Flur.
»Mr. Kinsley«, sagte Padmini, »die Welt spielt verrückt, khiskela, nichts stimmt mehr, alles hat sich verschoben.«
»Ja, ich weiß«, sagte der Anwalt. »Was haben Sie gesehen?«
»Dämonen«, erwiderte Tom und fragte sich, was es zu bedeuten hatte, dass Silas Kinsley sich nicht im Geringsten über dieses Wort zu wundern schien.
Padmini sagte: »Wir wollten gerade in den Wachraum runtergehen und nachsehen, ob Vernon Klick vielleicht mehr weiß.«
»Er ist tot«, teilte der Anwalt ihnen mit. »Der Wachraum ist nicht mehr das, was er früher einmal war. Da unten gibt es für uns nichts zu tun.«
* * *