Winny

Er kriegte nicht mit, dass Iris fortging, bis er einen Blick dorthin warf, wo sie bisher gewesen war, und sah, dass sie bereits durch den Türbogen ans andere Ende des angrenzenden Zimmers gelangt war, eine verschwommene Gestalt, die sich durch Schleier aus diesem gespenstischen gelben Licht bewegte.

In den meisten Büchern, die Winny las, gab es immer einen Helden, manchmal auch mehr als einen. Selbstverständlich identifizierte er sich mit dem Helden und nicht mit dem Bösewicht. Es war einfach, ein Bösewicht zu sein, aber ein Held zu sein, fiel schwer. Winnie hatte schon vor einiger Zeit begriffen, dass der Weg zu Erfolg und Glück darin bestand, immer die schwierigere Herausforderung anzunehmen. Seine Mom liebte es, Songs zu schreiben, aber es war gar nicht einfach, den Text und die Melodie richtig hinzukriegen. Sie arbeitete lange an ihren Kompositionen und feilte daran herum, bis alles genau stimmte. Aber sie war glücklich und erfolgreich. Auf ihre Weise war sie wohl eine Heldin. Farrel Barnett, Winnys Dad, konnte man nicht direkt als Schurken bezeichnen. Er zog nicht durch die Gegend und sprengte Kirchen in die Luft oder zündete Welpen an, und er schlug auch keine alten Damen mit einer Axt tot. Aber er war sicher auch kein Held, weil er es sich zu oft zu leicht machte. Sich mit jeder Tussi, die ihm zuzwinkerte, nackt auszuziehen, war viel einfacher, als seiner Ehefrau treu zu sein. Winny hatte ihn manchmal gemeinsam mit seinen Kumpeln betrunken gesehen. Sich zu besaufen war so ziemlich das Einfachste, was man tun konnte. Und seinen Sohn vor anderen dafür zu verspotten, dass er nicht männlicher wirkte – das war auch einfach. Schwierig war es, derjenige zu sein, der fertiggemacht wurde, und es lächelnd über sich ergehen zu lassen. Ein Exemplar von seiner neuesten Autogrammkarte zu schicken war viel einfacher, als seinen Jungen zu besuchen und ihn vielleicht mal in einen Vergnügungspark mitzunehmen oder so. Winnys Dad war kein Bösewicht vom Schurkenkaliber, aber er war schon ein Stück weit dort drüben, auf der dunklen Seite. Wenn man erst mal dort drüben war, lief man eher Gefahr, tiefer abzurutschen. Winny wollte es sich nicht leicht machen, denn er wollte glücklich sein. Farrel Barnett war nicht glücklich, obwohl er berühmt und reich war und Millionen von Fans ihn bewunderten. Winny konnte sehen, wie unglücklich sein Dad war, und das machte ihn traurig und wütend, und es machte ihm Angst. Er dachte immer, seinem Alten würde etwas Fürchterliches zustoßen, und er wollte nicht sehen, was das sein könnte. Er war außerstande, seinem Dad zu sagen, dass er sich den schwierigen Herausforderungen stellen sollte, statt es sich leicht zu machen, weil er nicht wollte, dass sein Gesicht in eine Kloschüssel gepresst wurde. Einer von Farrels schmarotzenden Trinkkumpanen bekam einmal Streit mit ihm, als sie beide total betrunken waren, und der alte Farrel hatte das Gesicht des armen Kerls in eine Toilette gedrückt. Zum Glück war vorher gespült worden. Winny konnte seinen Dad nicht retten. Er konnte nur vermeiden, es sich selbst leicht zu machen, indem er sich für die schwierigeren Lösungen entschied und das Beste hoffte.

Aus diesem Grunde flitzte er hinter Iris her, als sie durch eine Tür am Ende des angrenzenden Zimmers verschwand. Bloß weil er das Schwierige tat, machte ihn das aber noch nicht zu einem Helden. Er stand am Fuß eines tausend Meter hohen Steilhangs und die Helden waren oben; er hatte den gesamten Aufstieg noch vor sich. Es fing schon damit an, dass ein Held nicht nur mutig sein musste, sondern auch schlau. Das Schlaueste wäre gewesen, die anderen darauf aufmerksam zu machen, dass Iris weglief, aber auf den Gedanken kam er erst, als er schon durch den Türbogen ins angrenzende Zimmer gerannt war. Dann schrien, ehe er etwas sagen konnte, seine Mom und Mrs. Sykes und die beiden alten Damen alle gleichzeitig. Ein schlauer Held würde aber auch keine Vermutungen anstellen, er würde sich auf Tatsachen verlassen, damit er sich seiner Sache sicher sein konnte, aber Winny vermutete – wie dumm von ihm, wie schrecklich dumm von ihm –, dass sie nach ihm und Iris riefen und ihre Verfolgung aufgenommen hatten. Er lief weiter, flitzte aus dem zweiten Zimmer hinaus und sprintete durch einen Flur, als Iris vor ihm mit der Schulter eine Schwingtür aufstieß. Er eilte hinter ihr her durch die Küche, in eine Waschküche, durch die Hintertür der Cupp-Wohnung und in den kurzen westlichen Flur am südlichen Ende des zweiten Stockwerks.

Dann war Iris verschwunden. Sie war nicht weit vor Winny gewesen. Wenn sie um die Ecke gelaufen und in den langen südlichen Flur eingebogen wäre, würde er ihre Schritte noch hören. Stille.

Links von Winny war der Aufzug, aus dem er vorhin mit knapper Not entkommen war. Wenn Iris in die bereitstehende Kabine gelaufen war, konnte sie bereits Insektenfutter sein.

Rechts von ihm befand sich die Eingangstür zu Gary Dais Wohnung. Die Tür war aufgebrochen worden, aber nicht erst kürzlich.

Plötzlich ertönte von dort eine Stimme, hoch und lieblich, die Stimme eines Mädchens, wahrscheinlich die Stimme von Iris, obwohl er sie noch nie etwas sagen gehört hatte. Sie sang eine Melodie, kein Text, nur jede Menge na-na-na, la-la-la und solches Zeug. Er rief sie mit einem lauten Flüstern bei ihrem Namen, dann lauter, doch Iris antwortete nicht. Es war kein Singen von der fröhlichen Sorte, wie bei Himmel-und-Hölle oder beim Seilspringen. Es war die Form von Gesang, die einen, wenn man ihn bis zu seinem Ursprung zurückverfolgte, zu einem kleinen Mädchen in einem schimmeligen alten Totenhemd führen könnte, mit löchriger grüner Haut und vielen Sargsplittern und Erde zwischen den Zähnen.

Niemand war ihm aus der Wohnung der Cupps gefolgt. Wo blieb seine Mom? Und wo Mrs. Sykes?

Wenn man große Töne darüber spucken wollte, schwierige Dinge zu tun, dann konnte man, wenn man erst einmal damit begonnen hatte, nicht einfach wieder aufhören, wenn das schwierige Vorhaben zu schwierig wurde und wenn Mommy nicht da war, um einen zu unterstützen. Das war mordsmäßig feige, und wenn man so leicht aufgab, dann konnte man sich ebenso gut eine Kloschüssel suchen und und sein Gesicht selbst reinpressen.

Der Gesang klang nach einem Mädchen, das stimmte schon, aber nach einem Mädchen, das etwas ausheckte, denn es hatte diese Art Sirenenstimme, wie eine Meerjungfrau, die idiotische Matrosen zu spitzen Felsen lockt, wo ihr Schiff untergeht. Winny war kein Matrose und er war nicht alt genug, um sich von irgendeiner scharfen Sirene aufgeilen zu lassen. Und Iris war mit Sicherheit keine Meerjungfrau, sie war einfach nur dieses verkorkste Mädchen, das in den sicheren Tod rannte. Als er jetzt auf die Schnelle entscheiden musste, ob er es hinschmiss oder nicht, entschied Winny, er hätte ja doch nichts Verlockenderes zu verlieren als Mrs. Grace Lymans Ringerverein, ein Saxofon, das so groß war wie er, und eine Karriere im Musikgeschäft. Er überquerte die Schwelle, stieg über die eingetretene Tür, die unter seinen Füßen wackelte, und schritt auf der Suche nach der Sängerin tapfer durch das Pilzlicht voran.

Nachthaus
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