Mickey Dime
Er kam im zweiten Stock aus dem nördlichen Treppenhaus und dort herrschten dieselben trostlosen Zustände wie im Keller. Mickey wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte. Diese Situation ließ sich nicht dadurch beheben, dass er jemanden umbrachte. Und selbst wenn sie sich dadurch beheben ließe, nutzte es nichts, weil er nicht wusste, wen er umbringen musste, damit die Dinge wieder so wurden, wie sie sein sollten. Mit Ausnahme von Jerry und Klick, dem Arschloch, wurden seine Opfer für ihn ausgesucht, von Menschen, die er nicht kannte und deren Gesichter er nie gesehen hatte. Bis sein Telefon läutete und sie ihm einen Namen nannten, würde er in diesen beklagenswerten Umständen ausharren müssen.
Dicht unter der Decke sah er einen weiteren der pulsierenden blauen Monitore, der so in der Ecke angebracht war, dass er sowohl den kurzen Flur im Westen als auch den längeren im Norden überblickte. Er beschloss, die roboterhafte Stimme im Fernsehen klänge patzig. Diesmal kam sie nur bis »erwachsene männliche Person«, bevor Mickey den Bildschirm mit einem Schuss zerschmetterte.
Vor Apartment 3-D zog er in Erwägung zu läuten. Vielleicht wüsste Senator Earl Blandon, wer getötet werden musste, um alles wieder in Ordnung zu bringen. Mickeys Mom hatte den Senator gemocht. Sie sagte, der einzige Fehler des Senators sei, dass er seine Macht dazu benutzte, seine Feinde zu ruinieren. Er hätte sie dazu benutzen sollen, sie auszumerzen. Die Menschen, die er ruinierte, lebten noch und konnten Komplotte gegen ihn schmieden. Nach reiflicher Überlegung beschloss Mickey, der Senator sei vielleicht doch nicht die ideale Person, um sich Rat bei ihm zu holen.
Als er an der 3-E vorbeikam, sagte ein weiterer verdammter blauer Monitor am Ende des Hausflurs, noch hinter seiner Wohnung und nah am Lastenaufzug: »Erwachsene männliche Person. Braunes …«
Mickey schoss, der Bildschirm wurde dunkel, und während der Schuss von den Wänden widerhallte, rief hinter ihm jemand: »Mr. Dime!«
Als er sich umschaute, sah er Bailey Hawks in den Trümmern des ersten abgeschossenen Monitors stehen. Sie kannten einander nur vom Sehen und grüßten sich im Treppenhaus, weiter nichts. Hawks war früher beim Militär gewesen. Er war eine Art Schütze gewesen und Mickey hatte den Verdacht, Hawks könne den Schützen in ihm wittern. Er traute Hawks nicht. Er traute niemandem mehr, seit seine Mutter gestorben war. Erst vor wenigen Stunden hatte sein eigener Bruder ihn zu töten versucht. Es gab keinen Grund, weshalb Hawks nicht auch versuchen sollte, ihn zu töten.
»Wir sind zu acht in der Wohnung der Cupps. Wir werden das Haus von oben bis unten durchsuchen und alle zusammentrommeln.«
»Mich nicht«, sagte Mickey. Er wandte sich ab und ging auf seine Wohnung zu.
»Mr. Dime! Was auch immer geschieht, wir müssen zusammenhalten.«
»Die Starken agieren, die Schwachen reagieren.«
»Was haben Sie gesagt?«
»Was raufgeht, kommt nicht zwangsläufig wieder runter, wenn man die Bedeutung von runter neu definiert.«
Das war keine der Redensarten seiner Mutter. Mickey hatte sie selbst erfunden, als er zehn Jahre alt war, in der Hoffnung, ihr damit eine Freude zu machen. Er fand den Spruch gut, aber sie schloss ihn daraufhin für vierundzwanzig Stunden in einem Schrank ein, ohne Nahrung und ohne Wasser, nur mit einem Einmachglas als Toilette. Er lernte zu würdigen, wie sinnlich Dunkelheit sein konnte. Er lernte daraus aber auch, dass er kein Philosoph oder Gesellschaftskritiker war.
Hawks rief noch einmal seinen Namen, doch Mickey schenkte ihm keinerlei Beachtung.
Die Tür zu seiner Wohnung stand offen. Der Lichtschalter funktionierte nicht. Noch mehr von diesem Schimmel oder Moos oder was auch immer es war, das dieses eigenartige Licht verströmte. Überall mehr davon. Ein bedrückendes uringelbes Licht rieselte durch alle Räume. Mickey kam sich vor, als würde auf ihn gepisst. Echt wahr.
Seine Möbel waren fort. Niemand konnte in den wenigen Minuten, seit er das letzte Mal hier gewesen war, all seine Sachen gestohlen haben.
Die Möbel mussten dahin verschwunden sein, wo auch der tote Jerry und Vernon Klick waren. Er wollte nicht wissen, wo das war. Er wurde aus dieser Situation einfach nicht schlau.
Er stand mit der Pistole in der Hand in seinem Schlafzimmer, aber es gab niemanden, den er erschießen konnte. Diese neue Realität, diese miese Realität, war überall um ihn herum. Sie war außer Kontrolle geraten, und er wollte sie dazu bringen, dass sie bei Fuß ging. Was hatte sie mit »Würgehalsband« gemeint? Was hatte sie mit »Leine« gemeint? Was hatte sie mit »bei Fuß gehen« gemeint? Damals hatte das alles so tiefgründig und gescheit und wahr geklungen. Aber die Realität war kein Hund, den man am Genick packen konnte.
Unter den Intellektuellen ihrer Zeit war sie die mit den meisten Bewunderern gewesen. Also musste sie recht gehabt haben. Der Fehler musste bei Mickey liegen. Er war zu dumm, um sie zu verstehen.
Er musste schärfer darüber nachdenken. Vielleicht sollte er sich für vierundzwanzig Stunden in einem Kleiderschrank einschließen, mit nichts weiter als einem Einmachglas, das er als Toilette benutzen konnte. Vielleicht würde das Ordnung in seinem Kopf schaffen und die bessere Realität würde wieder da und diese schlechte Realität verschwunden sein, wenn er herauskam. Vielleicht. Aber er hatte ja noch nicht mal ein Einmachglas.
* * *