Logan Spangler

Er wusste nicht, wie lange er in der Wohnung des Senators in der Gästetoilette gestanden und seine schwarzen Fingernägel angestarrt haben mochte. Sie schienen jetzt nicht mehr bloße Nägel zu sein, sondern sie waren wie zehn kleine Bogenfenster, durch die er in eine vollkommene Dunkelheit im Inneren seiner Hände blicken konnte.

Logan erinnerte sich an einen Mörder, den er vor drei Jahrzehnten festgenommen hatte. Der Mann hieß Marsden, ein Typ von Anfang dreißig, der gern vergewaltigte und tötete. In seinem Geständnis hatte er gesagt, das Töten mache ihm so viel Spaß, dass er manchmal sogar vergessen hätte, sein Opfer vorher zu vergewaltigen. Marsden hatte nichts von der Reizbarkeit oder Hyperaktivität an sich, die man bei vielen Psychopathen erlebt. Er war so ruhig wie ein Schaf, das auf einer Marihuanaweide graste, und behauptete, beim Morden ebenso ruhig zu sein. Er sagte, seine innere Landschaft sei in ein immerwährendes Dunkel gehüllt, er könne sich an sein ganzes Leben erinnern, aber vor seinem geistigen Auge nur Ereignisse sehen, die sich nachts abgespielt hätten. Und wenn er schliefe, spielten seine Träume immer an dunklen Orten, manchmal an so lichtlosen Schauplätzen, dass er in seinen Träumen blind sei. »Ich bin«, sagte er, nicht ohne Stolz, und ergötzte sich an sich selbst, »innerlich so dunkel, dass ich mir sicher bin, in meinen Adern fließt schwarzes Blut.«

Als er seine schwarzen Fingernägel ansah, war Logan nicht alarmiert, sondern so ruhig, wie Marsden es gewesen war. Über ihn hatte sich eine heitere Ruhe gesenkt, die ihm das Gefühl gab, über alle Unwetter und Schatten erhaben zu sein. Unerschütterlich darüberzustehen. Er konnte sich nicht daran erinnern, warum er sich hier in der Gästetoilette des Senators befand oder warum seine Nägel schwarz waren oder was er als Nächstes vorgehabt hatte.

Als er sich Momente – oder Stunden – später im Schlafzimmer des Senators befand, konnte er sich nicht daran erinnern, wie er dorthingekommen war. Er ging von dort aus in das angrenzende Bad und öffnete die Glastür zu der geräumigen Dusche. In der Duschkabine gab es eine eingebaute Marmorbank, die zu den Wänden passte. Die Dusche diente gleichzeitig als Dampfbad. Über das Computerpanel wählte er die Dampffunktion, verließ die Duschkabine, durchquerte das Zimmer und schaltete die Lichter aus. Irgendwoher kannte er den Weg im Dunkeln und kehrte zur Dusche zurück, ohne ein einziges Mal einen Fuß falsch aufgesetzt zu haben. In der Duschkabine zog er die Tür hinter sich zu. Vollständig bekleidet setzte er sich auf die Marmorbank, während ihn warme Wolken einhüllten.

Er brauchte Dunkelheit, Feuchtigkeit und Wärme. Nur für kurze Zeit. Er brauchte nirgendwo hinzugehen und er hatte nichts zu tun. Er konnte sich eine Zeitlang hier ausruhen. Dunkelheit, Feuchtigkeit und Wärme. Bruchstücke der Vergangenheit fielen ihm zu, zufällige Momente aus seinem Leben, ohne jede Reihenfolge, und keine Erinnerung schien mit einer anderen verknüpft zu sein; sie zogen vor seinen Augen vorbei wie kleine Filme und es waren ausnahmslos Dinge, die ihm nachts zugestoßen waren, genauso, wie Marsden vor seinem geistigen Auge nur nächtliche Momente seiner Vergangenheit hatte heraufbeschwören können. In der tiefen Dunkelheit des fensterlosen Badezimmers und in der weniger tiefen Dunkelheit seiner Erinnerungen seufzte er leise und atmete tief den dichten, warmen Dunst ein, der ihn beschwichtigte. Dunkelheit, Feuchtigkeit und Wärme. Er atmete alle drei ein und füllte sich innerlich mit Dunkelheit, Feuchtigkeit und Wärme. Er war ruhig, friedlich, entspannt und selbstbeherrscht. Beherrscht. Er musste nirgendwohin und hatte nichts zu tun. Es gab niemanden, der er sein musste. Bald verblassten die Erinnerungen an nächtliche Momente seines Lebens und seine innere Landschaft war so lichtlos wie das Badezimmer, in dem er saß. Für kurze Zeit suchte er nach der einen oder anderen Erinnerung, nach irgendeiner Erinnerung, doch er war wie ein Blinder in einem Labyrinth aus leeren Räumen. Er brauchte ohnehin nirgendwo hinzugehen, er brauchte nichts zu tun, er brauchte niemand zu sein. Er entspannte sich und hörte auf, die innere Schwärze zu erkunden. Er hörte auf zu denken. Er war im Dunkel und das Dunkel war in ihm. Nach einer Weile nahm er wahr, dass sich etwas tief in seinem Inneren blindlings durch ihn vortastete.

* * *

Nachthaus
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