16 Im Topper’s

Im Restaurant Topper’s, auf der anderen Seite der Shadow Street und einen halben Block tiefer gelegen als das Pendleton, wurden in elegantem schwarz-weißem Art-déco-Ambiente mit viel dekorativem Ätzglas und Edelstahl gute Steaks mit den üblichen Steakhausbeilagen serviert.

In der angrenzenden Bar saß Silas Kinsley in einer Nische an einem Fenstertisch. Hier schattierte die indirekte Beleuchtung, die noch gedämpfter und kunstvoller war als im Restaurant, alle Kanten und verlieh dem reflektierenden Material noch mehr Schimmer.

Nora und er waren oft hier gewesen, um Steaks zu essen, aber manchmal waren sie auch nur auf ein Getränk hergekommen. Im ersten Jahr nach ihrem Tod war er an keinen der Orte zurückgekehrt, die sie öfter gemeinsam aufgesucht hatten, weil er fürchtete, dass die heraufbeschworenen Erinnerungen zu schmerzhaft sein würden. Jetzt suchte er dagegen praktisch nur noch Orte auf, an denen sie gemeinsam gewesen waren, weil die Erinnerungen ihm Kraft gaben. Je mehr Zeit seit ihrem Tod vergangen war, desto näher fühlte er sich ihr, was vermutlich hieß, dass er sich rasch auf seinen eigenen Tod zubewegte, der ihn zu ihr bringen würde.

Obwohl es noch kurz vor Büroschluss war, hatte sich am Tresen bereits eine Schar von Geschäftsleuten versammelt, die vielleicht nicht nur vor dem Unwetter Zuflucht suchten und sich Abhilfe gegen mehr als nur ihren Arbeitsdruck erhofften. Silas praktizierte zwar seit vielen Jahren nicht mehr als Anwalt, doch das Gespür für die verräterischen Details, die eine Zeugenaussage bestätigten oder widerlegten, war ihm nicht verloren gegangen. In der gegenwärtigen haarsträubenden Wirtschaftslage, in diesen Zeiten raschen Wandels, in denen irrationale Gewalttätigkeit an der Tagesordnung war, wiesen zahlreiche Feinheiten im persönlichen Stil und Auftreten der Gäste darauf hin, dass ihre Wahl auf das Topper’s fiel, weil sie sich danach sehnten, nicht nur ihren alltäglichen Sorgen zu entkommen, sondern auch der Zeit, in der sie lebten. Als Hintergrundmusik lief Big Band Swing, Glenn Miller, Benny Goodman und Artie Shaw. Die bevorzugten Getränke waren Martini, Gin-Tonic und Singapur Sling, genau die, die schon in den Dreißigerjahren für Stimmung gesorgt hatten, und nicht der labberige Weißwein und das kalorienarme Bier der jetzigen freudlosen Epoche der Gesundheitsfanatiker. Um dem Gesetz zu trotzen, rauchten manche Gäste sogar Zigaretten. Sie hatten ihre eigenen Aschenbecher mitgebracht, wie in den Zeiten der Prohibition, als manche Leute Schnapsflaschen in braunen Papiertüten versteckten, und weder das Personal noch andere Gäste beschwerten sich darüber. Eine aufsässige Stimmung war so deutlich wahrzunehmen wie die Musik, obwohl viele der Gäste vielleicht nicht einmal in Worte hätten fassen können, wogegen sie aufbegehren wollten.

An seinem Fenstertisch blickte Silas nach Osten die Straße hinauf, und durch den peitschenden Regen konnte er die Lichter des Pendleton sehen. Ihm gegenüber saß Perry Kyser, der für den Bauunternehmer, der 1973 das Belle Vista zum Pendleton umgebaut hatte, Baustellenleiter gewesen war. Kyser hatte gerade seinen Martini serviert bekommen und er hatte vor, den ersten Schluck genüsslich zu kosten, ehe er Silas die Geschichte anvertraute, die er ihm zu erzählen hatte.

Er war ein hochgewachsener Mann, der mit fortschreitendem Alter kein Fett angesetzt hatte. Trotz seiner Glatze und des schneeweißen Schnurrbarts sah er so aus, als könne er immer noch jede Arbeit auf einer Baustelle bewältigen. Er und Silas waren die bei Weitem ältesten Personen im Raum und die Einzigen, die Big Bands noch aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatten, als Swing noch die verbreitetste Tanzmusik gewesen war und in den Rundfunksendungen vorgeherrscht hatte.

Perry Kyser war der Vater von Gordon Kyser, der in den Achtzigern und Neunzigern Anwalt in der Kanzlei Kinsley, Beckinsale, Gunther und Fortis gewesen war. Das war lange bevor Silas in den Ruhestand gegangen war, seine Frau verloren hatte, in seine derzeitige Wohnung gezogen war und die Geschichte des Gebäudes für ihn zu einer Art Besessenheit geworden war. In den Zeiten, als er Gordons Seniorchef gewesen war, war er Perry Kyser nie begegnet, doch die Verbindung zu dem Sohn hatte ausgereicht, damit der Vater sich bereit erklärte, über einen Vorfall zu reden, über den er bisher noch mit niemandem gesprochen hatte.

Ihr Small Talk beschränkte sich auf Gordon und das Wetter und das Altern, und nach dem zweiten Schluck Martini kam Perry Kyser auf das Thema zu sprechen, das die beiden Männer zusammengeführt hatte: »Bei der Renovierung eines älteren Gebäudes, sei es nun ein Theater, eine Schule, ein Bürohaus oder ein Riesenklotz wie das Pendleton, ist es in der Vergangenheit fast immer schon zu einigen Todesfällen gekommen. Im Allgemeinen keine Morde. Eher Unfälle, Herzinfarkte und dergleichen. Und wenn man einen großen Bautrupp hat, kommt es etwa in der Hälfte aller Fälle vor, dass zwei oder drei Typen darunter sind, die etwas für Geistergeschichten übrighaben. Sie erfinden sie nicht, das will ich damit nicht behaupten, aber wenn über das Bauvorhaben oder seinen Standort irgendwelche Geschichten in Umlauf sind, werden diese Typen sie kennen und sie in den Pausen oder beim Mittagessen zum Besten geben. Wenn das passiert, wird auf einmal kleinen Zwischenfällen, bei denen sich normalerweise niemand etwas denken würde, eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Sogar vernünftige, besonnene Menschen bilden sich dann ein, Dinge zu sehen … und sie glauben fest daran, dass sie diese Dinge tatsächlich gesehen haben. Verstehen Sie, was ich damit sagen will?«

»Suggestivkraft«, sagte Silas.

»Ja. Aber so war es beim Pendleton nicht. Dort ist ’73 wirklich etwas passiert. Ende November, Anfang Dezember. Ich habe meinen besten Bauschreiner verloren, er hat die Arbeit hingeschmissen, weil er etwas gesehen hatte, er wollte nicht mal darüber reden, er wollte nur noch raus, weg von dort. Andere Männer, gestandene Kerle, haben behauptet, sie hätten etwas gesehen, was sie Schattenmenschen nannten. Dunkle Umrisse, die ein Zimmer durchquerten, durch einen Flur liefen, sogar durch Wände gingen, so flink wie Katzen, fast zu schnell für das menschliche Auge.«

»Haben Sie diese Schattenmenschen gesehen?«

»Nein. Ich nicht.« Kyser warf einen Blick auf die anderen Gäste und zögerte, statt seinen Bericht fortzusetzen. Als überlege er sich noch einmal, ob er seine Erlebnisse tatsächlich einem anderen Menschen anvertrauen sollte. »Nicht die Schattenmenschen.«

Silas hakte nach. »Sie sagten ›Ende November, Anfang Dezember‹. Erinnern Sie sich noch genau daran, wie lange diese Phänomene gedauert haben?«

»Soweit ich weiß, begannen sie am 29. November, einem Donnerstag. Das Letzte könnte am 1. Dezember beobachtet worden sein. Dieses Spukhausgerede scheint Sie nicht zu überraschen.«

»Ich glaube nicht, dass es in dem Haus spukt, aber der Ort hat, wie ich Ihnen am Telefon schon sagte, etwas Eigenartiges an sich. Es scheint, als passierten im Pendleton alle achtunddreißig Jahre furchtbare Dinge.«

»Die Nachforschungen, die Sie angestellt haben, die Stunden, die Sie in diese Arbeit gesteckt haben … Warum?«

Silas zögerte und zuckte dann mit den Achseln. »Ich habe nichts anderes zu tun.«

»Der Ruhestand kann einem ganz schön zusetzen, was?« Eine kleine Spur von Sarkasmus in Kysers Stimme wies darauf hin, dass er die Antwort nicht glaubte und eine bessere haben wollte, ehe er mitteilsamer wurde.

»Also gut. Seit ich meine Frau verloren habe, bin ich auf nichts anderes gestoßen, was mich interessiert hat. Die üblichen Ablenkungen – Fernsehen, Filme, Bücher, Musik –, nichts von alldem scheint mir die Zeit wert zu sein. Vielleicht sind diese Nachforschungen auch reine Zeitvergeudung. Vielleicht ist alles nur Zeitvergeudung. Aber ich habe nun mal nichts anderes mehr.«

Kyser dache einen Moment über diese Antwort nach und nickte dann. »Ich habe Jenny noch. Ich kann mir vorstellen, wenn ich sie nicht mehr hätte, würde ich vielleicht auch irgendein eigenes Projekt in Angriff nehmen.« Wieder musterte er die Leute in der Bar, als rechne er damit, jemanden zu sehen, den er kannte.

Silas kam auf den Zweck ihres Treffens zurück: »Sie sagten gerade, die Phänomene seien von Donnerstag, dem 29., bis zum 1. Dezember aufgetaucht. Das war ein Samstag. Haben Sie samstags gearbeitet?«

Kysers Aufmerksamkeit verlagerte sich von dem Gedränge an der Bar auf seinen kristallklaren Martini, in den er schaute, als ließe sich darin die Zukunft lesen. »In den ersten zwölf Monaten haben wir einen großen Bautrupp sechs Tage in der Woche beschäftigt, um den Termin zu halten. Aber gegen Ende ’73 hatten wir für die Nachbesserungen eine Fünftagewoche eingeführt. Ich war an jenem Samstagmorgen da, um ein Mängelprotokoll zu erstellen, Hunderte von Kleinigkeiten, die wir erledigen mussten, wenn wir die Arbeiten bis Weihnachten abgeschlossen haben wollten.«

Hinter der Fensterscheibe ließen sturzbachartige Regenfälle die Rinnsteine überlaufen, und das abfließende Wasser brachte den Asphalt zum Schimmern. Die Shadow Street erhob sich wie eine große Sturmwoge auf einem nächtlichen Meer und auf ihrem Kamm zeichnete sich das Pendleton ab, nicht prächtig und einladend, wie es ihm zuvor erschienen war, sondern so unheilverkündend wie ein kolossales Kriegsschiff mit massiven Geschützen, die für die Schlacht geladen waren.

»Ricky Neems, der Chef unserer Malerbrigade, war an eben jenem Samstag auch da und hat oben sein eigenes Mängelprotokoll erstellt. Wegen dieser Sache« – er zögerte – »ich meine, wegen dem, was vorgefallen ist, bin ich früher gegangen und habe meine Liste nicht fertiggestellt. Ricky … wir haben ihn nie wieder gesehen. Ein guter Anstreicher, der beste, aber ein paar Mal im Jahr hat er zur Flasche gegriffen, sich einen Alkoholexzess geleistet und ist für drei Tage verschwunden. Er ist jedes Mal zurückgekommen und hat gesagt, es sei die Grippe oder etwas dergleichen gewesen, aber wir kannten die Wahrheit. Die meiste Zeit war er nüchtern und er war ein so guter Kerl, wenn er nüchtern war, dass wir seine Sauftouren einfach toleriert haben. Aber nach jenem Samstag ist Ricky nie mehr zurückgekommen. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Die Polizei hat eine Vermisstenanzeige aufgenommen, kam aber bald zu dem Schluss, er hätte sich betrunken, sich mit dem falschen Kerl angelegt, sei umgebracht und irgendwo verscharrt worden. Ich wusste, dass es nicht so war. Oder ich dachte, es zu wissen. Meiner Meinung nach haben sie keinerlei Anstrengungen unternommen, um Ricky zu finden, denn er war alleinstehend und hatte keine Familie, die auf Antworten gedrängt hat. Aber selbst wenn sie hart gearbeitet hätten, hätten sie ihn nicht unbedingt gefunden … ich glaube, Ricky wurde geschnappt und mit Leib und Seele geradewegs in die Hölle oder an einen ähnlichen Ort befördert.«

Diese Verurteilung zur ewigen Verdammnis schien untypisch für einen Bauleiter zu sein, der sein Leben lang mit den Händen gearbeitet und auf robusten Fundamenten gebaut hatte. Wieder verstummte Perry, wich Silas’ Blick aus und musterte die Leute am Tresen, während er von seinem Martini trank.

Wenn er eidesstattliche Aussagen aufnahm, gab es Momente, in denen ein guter Anwalt wusste, dass eine Zwischenfrage den Redefluss hemmen konnte. In diesen Momenten waren Geduld und Schweigen erforderlich, um einen tief sitzenden Splitter Wahrheit herauszuziehen. Silas wartete also.

Als Perry Kyser dem Anwalt endlich in die Augen sah, standen in seinem unbeirrbaren Blick Entschlossenheit, Intensität und Herausforderung, die ahnen ließ, dass er damit rechnete, auf Skepsis zu stoßen, dass er aber auch die Absicht hatte zu erreichen, dass sein Gegenüber ihm am Ende doch glaubte.

»Jedenfalls bin ich an jenem Samstag im Keller, in dem späteren Fitnessraum, und nehme mein Mängelprotokoll auf. Dieser Lärm ertönt unter dem Gebäude, wie eine Kesselpauke, ein Tympanon. Dann schwillt das Geräusch zu einem Rumpeln an, begleitet von Vibrationen im Boden. Ich denke, das muss ein Erdbeben oder so was sein, also gehe ich in den Flur … und da ist nichts so, wie es sein soll, nicht so sauber und hell, wie wir es gemacht hatten, sondern feucht, schmutzig und muffig. Die Hälfte der Deckenlampen ist aus. Schimmel auf den Wänden und an der Decke, zum Teil schwarz, aber an manchen Stellen schwefelgelb, heller als die Deckenlampen. Am Ende des Flurs diese Überwachungsmonitore, die von der Decke hängen, und darauf sind Ringe von pulsierendem blauem Licht zu sehen. Einige Bodenfliesen haben Sprünge. Hier hat schon lange niemand mehr etwas instand gehalten. Das ist nicht einleuchtend. Also glaube ich, es liegt an mir, mit mir stimmt etwas nicht, ich habe Halluzinationen und sehe den Flur so, wie er nicht ist. Dann sehe ich dieses … dieses Ding. Es ist keine Sinnestäuschung, kein Streich, den mir die Schatten spielen, Silas. Es klingt zwar nicht glaubhaft, aber es war so real, wie Sie hier vor mir sitzen.«

»Sie haben am Telefon gesagt, Sie hätten noch nie jemandem davon erzählt.«

»Nie. Ich wollte nicht, dass die Leute mich so ansehen, Sie wissen schon, wie jemand, der behauptet, er sei in einem Ufo geflogen.«

»Meiner Ansicht nach macht Ihr Schweigen in all diesen Jahren Sie umso glaubwürdiger, Perry.«

Kyser trank seinen Martini in einem Zug aus. »Dann … bin ich also am Ende des Flurs vor dem Fitnessraum. Dieses Ding ist auf halber Höhe, in der Nähe der Tür zum Versorgungsraum mit der Heiß- und Kühlwasseranlage. Es ist groß. So groß wie ich. Größer. So bleich wie eine Made, und es sieht auch ein bisschen so aus wie eine Made, ist aber keine, weil es nämlich irgendwie auch etwas von einer Spinne hat, aber ein Insekt ist es auch nicht, es ist zu fleischig für eine Spinne. Jetzt denke ich: Wer hat mir da bloß was in meinen Kaffee geschüttet, was kann das bloß für eine Droge sein, und wie kommt die in meine Thermoskanne? Nichts auf Erden sieht so aus wie dieses Ding. Es entfernt sich von mir, in Richtung Wachraum, aber es hört mich oder es riecht mich und es dreht sich zu mir um. Es sieht aus, als könne es sich schnell bewegen, aber vielleicht kann es das gar nicht, denn es tut es nicht.«

In Anbetracht der Geschichte des Pendleton und der gespenstischen Äußerungen auf den Schnipseln aus Andrew Pendletons Tagebuch hatte Silas schon erwartet, dass Kyser ihm von einem sonderbaren Vorfall berichten würde, wie bereits am Telefon angedeutet, aber das hier war bizarrer als alles, was sich Silas hätte ausmalen können.

Perry Kyser sah Silas weiterhin in die Augen und schien sie unablässig nach Anzeichen von Ungläubigkeit abzusuchen.

Die Intuition eines Anwalts sagte Silas, dass dieser Mann nicht log, dass er nicht lügen konnte, nicht wenn es um diese Sache ging, vielleicht sogar in keinem Punkt, der ihm wichtig war.

»Diese Stimme dringt aus den blauen Monitoren – ›Eliminieren‹, sagt sie. ›Eliminieren.‹ Das Ding kommt auf mich zu. Jetzt kann ich sehen, wie knubbelig es ist, nicht wie irgendein Tier, knubbeliges Fleisch, bleiche Haut. Und feucht, vielleicht feucht von Schweiß, aber milchig feucht, ich weiß es selbst nicht. Eine Art Kopf, keine Augen, kein nennenswertes Gesicht. Um den Hals herum etwas, was Reihen von Kiemen sein könnten, aber kein Mund. Ich weiche zur nördlichen Treppe zurück und höre mich selbst sehr schnell sagen: ›… der du das höchste Gut und all meiner Liebe würdig bist‹, also bin ich schon halbwegs durch mit einem Sühnegebet, obwohl mir gar nicht klar war, dass ich damit begonnen hatte. Ich bin mir sicher, dass ich bereits tot bin. Während ich rückwärts auf die Tür zum Treppenhaus zugehe und das Sühnegebet beende, beginnt das Ding … mit mir zu sprechen.«

Silas warf überrascht ein: »Es hat gesprochen? Englisch?«

»Da war kein Mund, den ich sehen konnte, aber es hat gesprochen. Ein solches Elend lag in dieser Stimme. Ich kann dieses Elend und diese Verzweiflung nicht rüberbringen. Es sagt: ›Hilf mir. Um Gottes willen, so hilf mir doch jemand.‹ Die Stimme gehört Ricky Neems. Dem Maler, der in dem Moment oben im zweiten Stock ist und sein Mängelprotokoll erstellt. Ich weiß nicht … ist das wirklich Ricky oder imitiert dieses Ding Ricky nur? Ist dieses Ding irgendwie Ricky? Wie kann das sein? Mein ganzes Leben lang … habe ich so schnell keine Angst bekommen. Ich hatte nie etwas, das es wert war, sich zu fürchten, nicht nach Korea, nach dem Krieg.«

Die Kellnerin kam an ihren Tisch, um zu fragen, ob sie eine zweite Runde wollten. Silas brauchte noch eine Drink, wollte ihn aber nicht. Perry lehnte ebenfalls ab.

»Korea war auch mein Krieg«, sagte Silas. »Wenn man Tag für Tag mit dieser Angst lebt, ist man irgendwann immun dagegen.«

»Aber in diesem Kellerflur, Silas, da graust mir so sehr, dass mich jede Kraft verlässt, wie es mir in Korea nie passiert ist. Ich habe eine Hand auf dem Türknopf liegen und es scheint so, als könnte ich ihn nicht umdrehen. Meine Knie sind weich. Der einzige Grund, weshalb ich noch auf den Füßen bin, ist, dass ich mit dem Rücken an der Tür zum Treppenhaus lehne. Dann verändert sich alles. Das Licht wird heller. Der schmutzige Fußboden, der Schimmel, die blauen Monitore, alles, was falsch ist, verblasst, die Konturen lösen sich auf. Der Flur, wie er zu sein hat, frisch und sauber, nimmt wieder Gestalt an. Und das Ding, das auf mich zukommt, verblasst auch, als sei alles nur ein Traum gewesen. Aber ich bin wach. Es war kein Traum. Etwas war es mit Sicherheit, aber bestimmt kein Traum.«

Perry starrte einen Moment in den regnerischen Abend hinaus, ehe er fortfuhr: »Anschließend gehe ich nach oben, um mich auf die Suche nach Ricky zu machen, und er ist da, ihm fehlt nichts. Er hatte dieses Rumpeln auch gehört, wie ein Tympanon, aber ansonsten war ihm nichts zugestoßen, und ich wusste nicht, wie ich ihm sagen sollte, was ich gesehen hatte. Es hätte doch total bescheuert geklungen. Aber ich hätte es ihm sagen sollen. Ich hätte darauf bestehen sollen, dass er die Baustelle verlässt und sein Mängelprotokoll am Montag fertig schreibt. Ich habe versucht, ihn dazu zu bringen, dass er Feierabend macht, aber er wollte nicht, und so habe ich ihn dort sterben lassen.«

»Das haben Sie nicht. Sie konnten es nicht wissen. Wer hätte das ahnen können?«

»Am nächsten Tag, am Sonntag, gehe ich in die Kirche. Da war ich schon seit einiger Zeit nicht mehr. Es schien mir nötig zu sein. Am Montag bin ich mit einer Pistole unter der Jacke zur Arbeit gegangen. Nicht, dass ich geglaubt hätte, mit einer Pistole ließe sich was dagegen ausrichten. Aber womit denn sonst? Eine Pistole war immerhin etwas. Aber … es war vorbei. Keine Schattenmenschen mehr. Nichts von der Sorte, was ich gesehen hatte. Vielleicht war am Samstag etwas passiert, aber außer Ricky Neems war niemand da, der es hätte sehen können. Im Lauf des nächsten Monats haben wir die Arbeiten abgeschlossen.«

Silas wischte seine Finger an einer Serviette ab, da seine rechte Hand von dem beschlagenen Scotchglas feucht und kalt war. »Haben Sie irgendwelche Theorien dazu?«

Perry Kyser schüttelte den Kopf. »Nur das, was ich vorhin schon sagte. Ich habe einen Blick in die Hölle geworfen. Diese Begegnung hat mich verändert. Es schien mir plötzlich eine gute Idee zu sein, häufig zur Beichte zu gehen und das Abendmahl zu empfangen.«

»Und Sie haben Ihrem Sohn oder Ihrer Frau nie etwas davon erzählt?«

»Ich habe mir gesagt … wenn mir ein Blick in die Hölle gewährt wurde, dann brauchte ich wohl den Schock. Um mich zu ändern. Und ich habe mich geändert, aber nicht den Mut aufgebracht, meiner Frau zu sagen, warum es notwendig gewesen sein könnte. Verstehen Sie?«

»Ja«, sagte Silas. »Ich weiß nichts über die Hölle. Im Moment weiß ich so gut wie gar nichts mit Sicherheit.«

Die Kellnerin kam zurück und ließ die Rechnung auf dem Tisch liegen.

Während Silas das Trinkgeld ausrechnete und Bargeld aus seiner Brieftasche zog, musterte Perry wieder die Gäste am Tresen. »Mit denen stimmt doch etwas nicht.«

Silas sagte überrascht: »Sie spüren es also auch?«

»Ich weiß nicht, was es ist. Wie alt sind die – um die zwanzig oder dreißig, oder? Für ihr Alter sind sie zu bemüht.«

»Bemüht um was?«

»Um Sorglosigkeit. Wenn man so jung ist, sollte das ganz von selbst kommen. Sie wirken, ich weiß auch nicht … besorgt und verunsichert.«

Silas sagte: »Ich glaube, sie kommen wegen des Ambientes, der Musik und der Atmosphäre hierher, weil sie sich in eine sichere Zeit flüchten wollen.«

»So eine Zeit gab es nie.«

»Eine weniger unsichere Zeit«, verbesserte sich Silas.

»Die Dreißigerjahre? Da stand der Krieg bevor.«

»Aber der hatte ein Ende. Das jetzt … endet vielleicht nie.«

Perry hatte seinen Blick immer noch auf das Gedränge am Tresen gerichtet, während er sagte: »Und ich dachte, es läge nur daran, dass ich alt werde.«

»Was?«

»Dieses Gefühl, dass alles zu Bruch geht. Oder, genauer gesagt, niedergerissen wird. Ab und zu habe ich diesen Albtraum.«

Silas steckte seine Brieftasche wieder ein.

Perry Kyser sagte: »Alles niedergerissen, jeder ist sich selbst der Nächste. Nein, noch schlimmer: Jeder gegen jeden.«

Silas blickte auf die Shadow Street hinaus, an deren oberem Ende das Pendleton in dichten Regenschauern aufragte.

»Jeder gegen jeden«, wiederholte Perry, »Mord und Selbstmord überall, Tag und Nacht, erbarmungslos.«

»Das ist nur ein Albtraum«, sagte Silas.

»Kann schon sein.« Perry sah ihn an. »Und jetzt?«

»Jetzt gehe ich nach Hause, setze mich hin und denke eine Weile nach.«

»Nach Hause«, stimmte Perry ihm zu. »Aber ich werde versuchen, an nichts zu denken.«

»Danke, dass Sie sich die Zeit für mich genommen haben und so offen waren.«

Als sie von ihren Stühlen aufstanden, sagte der kräftige Mann: »Ich dachte, wenn ich endlich drüber rede, würde es was von seinem Schrecken verlieren. Hat aber nicht geholfen.«

Die Stimmen am Tresen klangen jetzt lauter und gereizter. Das Gelächter tönte schrill.

Als sie in dem kleinen Foyer an der Garderobe warteten, sagte Perry: »Haben Sie Kinder?«

»Wir hatten nie welche.«

»Wir haben Kinder, Enkel und Urenkel.«

»Allein das sollte doch schon gegen die Mutlosigkeit helfen.«

»Ganz im Gegenteil. Ich bin alt genug, um zu verstehen, dass ich sie nicht beschützen kann. Nicht vor dem Schlimmsten. Eigentlich sogar vor ziemlich wenig.«

Silas protestierte, als Perry Kyser darauf bestand, der Garderobiere ein Trinkgeld für beide zu geben.

Draußen unter der Markise zog sich jeder von beiden in dem kalten Wind die Kapuze seines Regenmantels über den Kopf. Sie gaben einander die Hand. Perry Kyser ging den Hügel hinunter. Silas stieg zum Pendleton hinauf.

Nachthaus
titlepage.xhtml
cover.html
ePub_98-3-641-08888-0.html
ePub_98-3-641-08888-0-1.html
ePub_98-3-641-08888-0-2.html
ePub_98-3-641-08888-0-3.html
ePub_98-3-641-08888-0-4.html
ePub_98-3-641-08888-0-5.html
ePub_98-3-641-08888-0-6.html
ePub_98-3-641-08888-0-7.html
ePub_98-3-641-08888-0-8.html
ePub_98-3-641-08888-0-9.html
ePub_98-3-641-08888-0-10.html
ePub_98-3-641-08888-0-11.html
ePub_98-3-641-08888-0-12.html
ePub_98-3-641-08888-0-13.html
ePub_98-3-641-08888-0-14.html
ePub_98-3-641-08888-0-15.html
ePub_98-3-641-08888-0-16.html
ePub_98-3-641-08888-0-17.html
ePub_98-3-641-08888-0-18.html
ePub_98-3-641-08888-0-19.html
ePub_98-3-641-08888-0-20.html
ePub_98-3-641-08888-0-21.html
ePub_98-3-641-08888-0-22.html
ePub_98-3-641-08888-0-23.html
ePub_98-3-641-08888-0-24.html
ePub_98-3-641-08888-0-25.html
ePub_98-3-641-08888-0-26.html
ePub_98-3-641-08888-0-27.html
ePub_98-3-641-08888-0-28.html
ePub_98-3-641-08888-0-29.html
ePub_98-3-641-08888-0-30.html
ePub_98-3-641-08888-0-31.html
ePub_98-3-641-08888-0-32.html
ePub_98-3-641-08888-0-33.html
ePub_98-3-641-08888-0-34.html
ePub_98-3-641-08888-0-35.html
ePub_98-3-641-08888-0-36.html
ePub_98-3-641-08888-0-37.html
ePub_98-3-641-08888-0-38.html
ePub_98-3-641-08888-0-39.html
ePub_98-3-641-08888-0-40.html
ePub_98-3-641-08888-0-41.html
ePub_98-3-641-08888-0-42.html
ePub_98-3-641-08888-0-43.html
ePub_98-3-641-08888-0-44.html
ePub_98-3-641-08888-0-45.html
ePub_98-3-641-08888-0-46.html
ePub_98-3-641-08888-0-47.html
ePub_98-3-641-08888-0-48.html
ePub_98-3-641-08888-0-49.html
ePub_98-3-641-08888-0-50.html
ePub_98-3-641-08888-0-51.html
ePub_98-3-641-08888-0-52.html
ePub_98-3-641-08888-0-53.html
ePub_98-3-641-08888-0-54.html
ePub_98-3-641-08888-0-55.html
ePub_98-3-641-08888-0-56.html
ePub_98-3-641-08888-0-57.html
ePub_98-3-641-08888-0-58.html
ePub_98-3-641-08888-0-59.html
ePub_98-3-641-08888-0-60.html
ePub_98-3-641-08888-0-61.html
ePub_98-3-641-08888-0-62.html
ePub_98-3-641-08888-0-63.html
ePub_98-3-641-08888-0-64.html
ePub_98-3-641-08888-0-65.html
ePub_98-3-641-08888-0-66.html
ePub_98-3-641-08888-0-67.html
ePub_98-3-641-08888-0-68.html
ePub_98-3-641-08888-0-69.html
ePub_98-3-641-08888-0-70.html
ePub_98-3-641-08888-0-71.html
ePub_98-3-641-08888-0-72.html
ePub_98-3-641-08888-0-73.html
ePub_98-3-641-08888-0-74.html
ePub_98-3-641-08888-0-75.html
ePub_98-3-641-08888-0-76.html
ePub_98-3-641-08888-0-77.html
ePub_98-3-641-08888-0-78.html
ePub_98-3-641-08888-0-79.html
ePub_98-3-641-08888-0-80.html
ePub_98-3-641-08888-0-81.html
ePub_98-3-641-08888-0-82.html
ePub_98-3-641-08888-0-83.html
ePub_98-3-641-08888-0-84.html
ePub_98-3-641-08888-0-85.html
ePub_98-3-641-08888-0-86.html
ePub_98-3-641-08888-0-87.html
ePub_98-3-641-08888-0-88.html
ePub_98-3-641-08888-0-89.html
ePub_98-3-641-08888-0-90.html
ePub_98-3-641-08888-0-91.html
ePub_98-3-641-08888-0-92.html
ePub_98-3-641-08888-0-93.html
ePub_98-3-641-08888-0-94.html
ePub_98-3-641-08888-0-95.html
ePub_98-3-641-08888-0-96.html
ePub_98-3-641-08888-0-97.html
ePub_98-3-641-08888-0-98.html
ePub_98-3-641-08888-0-99.html
ePub_98-3-641-08888-0-100.html
ePub_98-3-641-08888-0-101.html
ePub_98-3-641-08888-0-102.html
ePub_98-3-641-08888-0-103.html
ePub_98-3-641-08888-0-104.html
ePub_98-3-641-08888-0-105.html
ePub_98-3-641-08888-0-106.html
ePub_98-3-641-08888-0-107.html
ePub_98-3-641-08888-0-108.html
ePub_98-3-641-08888-0-109.html
ePub_98-3-641-08888-0-110.html
ePub_98-3-641-08888-0-111.html
ePub_98-3-641-08888-0-112.html
ePub_98-3-641-08888-0-113.html
ePub_98-3-641-08888-0-114.html
ePub_98-3-641-08888-0-115.html
ePub_98-3-641-08888-0-116.html
ePub_98-3-641-08888-0-117.html
ePub_98-3-641-08888-0-118.html
ePub_98-3-641-08888-0-119.html
ePub_98-3-641-08888-0-120.html
ePub_98-3-641-08888-0-121.html
ePub_98-3-641-08888-0-122.html
ePub_98-3-641-08888-0-123.html
ePub_98-3-641-08888-0-124.html
ePub_98-3-641-08888-0-125.html
ePub_98-3-641-08888-0-126.html
ePub_98-3-641-08888-0-127.html
ePub_98-3-641-08888-0-128.html
ePub_98-3-641-08888-0-129.html
ePub_98-3-641-08888-0-130.html
ePub_98-3-641-08888-0-131.html
ePub_98-3-641-08888-0-132.html
ePub_98-3-641-08888-0-133.html
ePub_98-3-641-08888-0-134.html
ePub_98-3-641-08888-0-135.html
ePub_98-3-641-08888-0-136.html
ePub_98-3-641-08888-0-137.html
ePub_98-3-641-08888-0-138.html
ePub_98-3-641-08888-0-139.html
ePub_98-3-641-08888-0-140.html
ePub_98-3-641-08888-0-141.html
ePub_98-3-641-08888-0-142.html
ePub_98-3-641-08888-0-143.html
ePub_98-3-641-08888-0-144.html
ePub_98-3-641-08888-0-145.html
ePub_98-3-641-08888-0-146.html
ePub_98-3-641-08888-0-147.html
ePub_98-3-641-08888-0-148.html
ePub_98-3-641-08888-0-149.html
ePub_98-3-641-08888-0-150.html
ePub_98-3-641-08888-0-151.html
ePub_98-3-641-08888-0-152.html
ePub_98-3-641-08888-0-153.html
ePub_98-3-641-08888-0-154.html
ePub_98-3-641-08888-0-155.html
ePub_98-3-641-08888-0-156.html
ePub_98-3-641-08888-0-157.html
ePub_98-3-641-08888-0-158.html
ePub_98-3-641-08888-0-159.html
ePub_98-3-641-08888-0-160.html
ePub_98-3-641-08888-0-161.html
ePub_98-3-641-08888-0-162.html
ePub_98-3-641-08888-0-163.html
ePub_98-3-641-08888-0-164.html
ePub_98-3-641-08888-0-165.html
ePub_98-3-641-08888-0-166.html
ePub_98-3-641-08888-0-167.html
ePub_98-3-641-08888-0-168.html
ePub_98-3-641-08888-0-169.html
ePub_98-3-641-08888-0-170.html
ePub_98-3-641-08888-0-171.html
ePub_98-3-641-08888-0-172.html
ePub_98-3-641-08888-0-173.html
ePub_98-3-641-08888-0-174.html