21 Da und dort
Zeuge
Kalter Regen strömte an den hohen Schornsteinkästen hinunter. Wie Schleifsteine, an denen sich der Wind mit einem dünnen Pfeifen wetzte, und sogar hier, wo nur wenige es jemals sehen würden, blieb man von architektonischen Details nicht verschont. Jeder Schornstein trug eine Kappe aus gemeißeltem Akanthuslaub und alle vier Seiten des hohen Schornsteinkastens zierte ein ovales Medaillon aus Kalkstein, in das die Buchstaben BV für Belle Vista geritzt waren.
Das Dach des grandiosen Hauses, das mit glasierten Keramikziegeln gedeckt war, wirkte flach, war aber vom Mittelpunkt bis hin zu der taillenhohen Balustrade auf allen vier Seiten leicht abgeschrägt. Der Regen strömte in kupferne Wasserabzüge und wurde von dort zu den Fallrohren befördert, die in die Ecken des Gebäudes einbetoniert waren.
Zeuge schlängelte sich zwischen den Schornsteinen und den Abzugsrohren, die ihm so vertraut waren wie die Muster seiner lange andauernden Melancholie, durch den heftigen Regenguss und näherte sich der westlichen Brüstung. Er trug Stiefel, Jeans, einen Pullover und eine gefütterte Jacke, aber keinen Regenmantel. Er war aus einer Nacht gekommen, in der es nicht regnete; und er hatte hier keinen Regen erwartet.
Er blieb an der hohen Balustrade stehen, blickte auf den regen Verkehr auf dem Boulevard hinunter und dann auf die funkelnde Weite der Stadt, die sich unter ihm ausbreitete. Es war das vierte Mal, dass er die Großstadt von diesem Punkt aus sah, und sie war sowohl heller als auch größer als bei den drei bisherigen Gelegenheiten. Wenn die Straßenbeleuchtung und die Lichter in den Gebäuden nicht in dem Regenschleier zerflossen wären, wäre die Stadt sogar noch beeindruckender gewesen.
Zeuge wartete auf plötzliche Trockenheit, auf eine Dunkelheit, die tief und unermesslich war.
Silas Kinsley
Als er sich auf dem Rückweg von seinem informativen Treffen mit Perry Kyser in der Bar von Topper’s Restaurant dem Haupteingang des Pendleton näherte, zögerte Silas, weil das Licht schwächer und gelblicher war, als es hätte sein sollen, und der Übergang von der ersten zur zweiten Stufe nur undeutlich zu sehen war. Die erste Stufe hatte die Tiefe von zwei gewöhnlichen Stufen, sodass Leute, die angeheitert waren (was auf Silas nicht zutraf) oder älter (was dafür umso zutreffender war), dort manchmal stolperten, und die zweite war bereits die große freie Fläche vor der Tür.
Von einem Türsturz aus Kalkstein umgeben, in den ein Efeumotiv gemeißelt war, waren die Türen aus gewölbter Bronze und Glas unter einem halbkugelförmigen Vordach aus Glas und Bronze von Louis Comfort Tiffany zurückversetzt. Die Lichter, die unaufdringlich unter dem Vordach verborgen waren, beleuchteten die Stufen und die Tür. Keine Birne war ausgebrannt, aber der Eingang schien nur halb so gut erhellt zu sein wie sonst.
Als Silas eine der Türen aufstieß und das Foyer betrat, wurde ihm klar, dass auch hier das Licht schwächer war als sonst. Er zog die Kapuze seines Regenmantels vom Kopf und stellte fest, dass die Beleuchtung noch die geringste unter den Veränderungen war, denen sich der Ort unterzogen hatte. Bestürzt stellte er fest, dass er sich nicht in dem vertrauten Foyer ohne Teppiche befand, sondern in einem ganz anders ausgestatteten Raum mit einem edlen antiken Tabristeppich, der einen Teil des Marmorbodens bedeckte. Zudem standen da zwei Diwane, auf denen Besucher warten konnten, bis sie empfangen wurden. Zu seiner Linken war der Schalter der Concierge verschwunden, ersetzt durch eine robuste und ansprechend getäfelte Wand, in die eine einzige Bogentür eingesetzt war. Von Padmini Bahrati, der Concierge, die am späten Nachmittag und am frühen Abend hier arbeitete, war nirgends etwas zu sehen. Anstelle von zwei Doppeltüren aus Glas zu seiner Rechten, die in einen großen Bankettsaal führten, den Bewohner des Hauses für Partys nutzten, wenn in ihren eigenen Wohnungen nicht genug Platz gewesen wäre, befand sich dort jetzt eine weitere stabile Bogentür ohne Glas, die ebenfalls in eine getäfelte Wand eingefügt war. Direkt vor ihm waren die Glastüren zu dem gemeinschaftlich genutzten Flur im Erdgeschoss durch eine beeindruckende Bogentür mit einer kunstvoll verzierten Einfassung ersetzt worden, die keinen Blick auf den Raum freigab, der dahinterlag. Anstelle von indirekter Deckenbeleuchtung und zurückversetzten Deckeneinbauleuchten gab es jetzt grandiose Kronleuchter aus Kristallglas und Stehlampen mit plissierten seidenen Lampenschirmen und Quasten.
Er kannte diesen Raum von alten Fotografien. Es war nicht das Foyer des Pendleton im Jahre 2011, sondern die Empfangshalle von Belle Vista in einer fernen Zeit; die Wohnanlage war verschwunden, das private Wohnhaus zurückgekehrt. Im späten neunzehnten Jahrhundert war die Shadow Street als erste Straße in der ganzen Stadt mit Strom versorgt worden und Belle Vista war das erste neue Haus gewesen, das man hier ohne Gaslampen gebaut hatte. Die Beleuchtung war schwächer als sonst, weil diese Glühbirnen primitive Edison-Produkte aus den Anfängen der Beleuchtungsrevolution waren.
Manchmal litt Silas – das lag bei ihm in der Familie – unter Stress oder bei heftigen Gefühlsausbrüchen an Zuckungen der rechten Hand und des Kiefers, die seinen Mund beben ließen. Jetzt begann er zu zittern, jedoch nicht vor Furcht, sondern aus Verwunderung. Vergangenheit und Gegenwart schienen sich hier zu treffen, als seien all die vergangenen Epochen nur eine Tür, eine Schwelle, einen Schritt entfernt.
Direkt vor ihm öffnete sich eine Tür und der Spuk begann. Der Mann, der eintrat, war Jahrzehnte vor Silas Kinsleys Geburt gestorben. Andrew Pendleton. Milliardär zur Blütezeit der amerikanischen Wirtschaft. Der erste Besitzer dieses Hauses. Er war kein Geist, kein kettenrasselndes Gespenst, das es darauf abgesehen hatte, Ebenezer Scrooge zu peinigen, sondern eher ein Reisender aus einer anderen Zeit. Er war für eine andere Epoche gekleidet: breite Aufschläge an den Hosenbeinen, ein breites Revers am Jackett, eine hohe Passe an der Weste, eine handgeknotete Schleife.
Verblüfft fragte Pendleton: »Wer sind Sie?«
Ehe Silas darauf antworten konnte, kräuselte sich Belle Vista und schimmerte wie eine Fata Morgana, und gemeinsam mit dem Empfangsraum wurde der längst tote Geschäftsmann transparent und löste sich auf. Silas stellte fest, dass er in dem hell erleuchteten Foyer des Pendleton stand und alles so war, wie es sein sollte.
Hinter dem Schalter der Concierge befand sich der Eingang zu einer Garderobe, die nur benutzt wurde, wenn in dem Bankettsaal Partys gefeiert wurden. Durch diese Tür kam jetzt Padmini Bahrati, eine schlanke Schönheit mit riesigen dunklen Augen, die Silas an seine Nora erinnerten, die er verloren hatte.
»Mr. Kinsley«, sagte die Concierge, »wie geht es Ihnen heute Abend?«
Silas zitterte immer noch. Er blinzelte, blieb einen weiteren Moment lang sprachlos und sagte dann: »Haben Sie ihn gesehen?«
Sie rückte die Manschetten ihrer Bluse zurecht und sagte: »Wen denn?«
Nach ihrem Verhalten zu urteilen hatte sich die Verwandlung des Foyers nicht auf die Garderobe erstreckt. Ihr war nicht bewusst, was passiert war.
Silas bemühte sich, mit fester Stimme zu sprechen. »Einen Mann. Der gerade fortgegangen ist. Er war so angezogen, als käme er geradewegs aus dem späten neunzehnten Jahrhundert.«
»Vielleicht ist das ein neuer Modetrend«, sagte Padmini. »Das wäre doch hinreißend, wenn man bedenkt, wie manche Leute heutzutage herumlaufen.«
Twyla Trahern
Als sie die Tür zu Winnys Zimmer zuknallte und sich davon erhoffte, die bösartige Kraft, die sich dort zu manifestieren versucht hatte, in dem Zimmer einzusperren, und als sie mit dem Jungen durch den Flur zu ihrem Schlafzimmer eilte, sagte sich Twyla im ersten Moment, sie würde nur das Nötigste in einen Koffer werfen, ehe sie das Pendleton verließ. Aber als sie die Schwelle ihres Schlafzimmers erreichte, beschloss sie, es wäre eine Dummheit, ihren Aufbruch auch nur eine Minute länger als nötig hinauszuzögern. Vor ihren Augen hatte sich die Wirklichkeit verändert und dann wieder zurückverwandelt. Sie wusste nicht, was hier geschah, aber sie musste so darauf reagieren, wie sie reagiert hätte, wenn sie den Geist eines Geköpften gesehen hätte und der Kopf, den er unter dem Arm trug, mit ihr gesprochen hätte: Sie musste schleunigst verschwinden.
Sie brauchte nichts weiter als ihre Handtasche, die ihre Autoschlüssel, ihr Scheckheft und ihre Kreditkarten enthielt. Neue Kleidung und alles, was sie sonst noch brauchten, konnten sie überall kaufen.
»Bleib dicht bei mir«, drängte sie Winny, als sie das Wohnzimmer durchquerte, um zu dem Teil der Wohnung zu gelangen, in dem sich ihr Arbeitszimmer befand, denn dort hatte sie ihre Handtasche liegen lassen.
Sie ging nicht so oft in die Kirche, wie sie es vielleicht tun sollte, aber Twyla war gläubig. Sie war in einem Haushalt mit einer viel gelesenen Bibel aufgewachsen, wo man jeden Abend vor dem Essen und noch einmal vor dem Schlafengehen betete. In der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen war, lebten die meisten Menschen so weit es ging nach der Überzeugung, die auch ihre Familie teilte: Dieses Leben sei eine Vorbereitung auf ein anderes. Als Winston, ihr Daddy, bei der Explosion eines Kohlebrechers gestorben war, hatten auf seiner Beerdigung viele Leute gesagt: »Er ist jetzt an einem besseren Ort«, und sie hatten es ernst gemeint. Es gab diese Welt und die Welt danach, und Twyla hatte einmal einen Song über die Notwendigkeit geschrieben, angesichts unserer Sterblichkeit demütig zu sein, und einen anderen über das Geheimnis der Gnade. Beide waren Hits geworden.
Sie wusste jedoch mit Sicherheit, dass in der nächsten Welt, wie auch immer sie aussehen mochte, die Wände des Himmels nicht abbröckelten und fleckig und schmierig und mit einer kriechenden schwarzen Schimmelschicht überzogen waren wie die Wand, die sich in Winnys Schlafzimmer verändert hatte. Falls es im Himmel Fernsehen gab – was etwa so wahrscheinlich war wie die Existenz von Stationen für Krebskranke im Himmel –, dann würde es weder Spionageprogramme geben, die jeden Fernseher zu einem Überwachungsgerät machten, noch ausdruckslose Computerstimmen, die das Eliminieren von Menschen anordneten. Das klang noch nicht mal nach der Hölle, sondern eher nach einer Hölle auf Erden, vielleicht nach Nordkorea oder dem Iran oder einem anderen Land, das von Irren regiert wurde.
Als sie im Arbeitszimmer ihre Handtasche vom Klavierhocker schnappte und kehrtmachte, um die Wohnung zu verlassen, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen Blitz auf die Fenster gelenkt, und sie erinnerte sich wieder an die Illusion, die ihr das Unwetter und die vom Regen überströmten Scheiben für einen Moment vorgegaukelt hatten: Die Stadt war verschwunden und durch eine unbebaute Landschaft ersetzt worden, ein Meer aus Gras mit seltsamen Bäumen, schroff und schwarz, die sich in den Himmel krallten. Das war ein Teil von dem hier gewesen, keine Illusion, sondern ein Blick in eine andere Realität.
Der Knoten der Furcht in ihrer Brust zog sich enger zu.
Mit seiner gewohnt scharfen Wahrnehmung sagte Winny: »Was ist? Was ist los?«
»Ich weiß es nicht. Es ist verrückt. Komm, Süßer. Du gehst vor mir her, ich will dich nicht aus den Augen verlieren. Wir brauchen Jacken und Schirme.«
Ihre Wohnung war die größte im ersten Stock, doppelt so groß wie die zweitgrößte, und die einzige mit zwei Eingängen. Die eigentliche Wohnungstür führte auf einen kurzen Hausflur mit dem nördlichen Lift und der Dienstboteneingang lag gleich neben dem südlichen Aufzug. Ihre Wintermäntel und ihre Regensachen befanden sich in einem Schrank in der Waschküche, nicht weit von der Hintertür.
Als sie die Küche durchquerten, sagte Twyla: »Winny, warte eine Sekunde«, und nahm das Telefon aus der Halterung an der Wand. Sie drückte die Null, die in der kundenspezifisch angepassten Telefonanlage des Pendleton sowohl in der Pförtnerloge als auch am Empfangsschalter die Telefone läuten lassen würde.
Eine Frau sagte: »Vermittlung«, was nicht die übliche Begrüßung war, und sie klang auch nicht wie Padmini Bahrati, die Chefconcierge und einzige weibliche Person, die als Pförtnerin arbeitete.
Twyla fragte verwirrt: »Spreche ich mit der Concierge?«
»Der was? Entschuldigen Sie. Nein, Ma’am. Hier spricht die Vermittlung.«
Vielleicht war das eine neue Angestellte, die noch nicht mit den Benimmregeln vertraut war.
»Hier spricht Twyla Trahern von 2-A. Würden Sie bitte augenblicklich meinen Escalade aus der Garage holen lassen?«
»Es tut mir leid, Ma’am. Sie sind mit der Vermittlung verbunden. Wenn Sie von dieser Concierge eine Nummer haben, stelle ich den Anruf gern für Sie durch.«
Vermittlung? Den Anruf durchstellen?
Winny beobachtete seine Mutter und zog die Augenbrauen hoch.
Twyla sagte zu der Vermittlung: »Sind Sie nicht am Empfangsschalter?«
»Nein, Ma’am. Ich bin bei City Bell, im Hauptamt der Telefonvermittlung. Wen wollen Sie denn anrufen?«
Twyla hatte noch nie etwas von City Bell gehört. Sie sagte: »Ich versuche die Rezeption des Pendleton zu erreichen.«
»Des Pendleton? Ist das eine private Nummer? Einen Moment, bitte.« Eine Zeitlang herrschte Stille, ehe sie sich wieder meldete: »Im Rufnummernverzeichnis sind keine Pendletons mehr aufgeführt. Meinen Sie vielleicht zufällig … das Belle Vista?«
Twyla hatte gerade genug über die Geschichte des Gebäudes gehört, um zu wissen, dass es Belle Vista genannt worden war, als es noch von einer einzigen Familie bewohnt wurde. Aber damit war irgendwann in den Siebzigern Schluss gewesen.
Die Vermittlung sagte: »Das wäre dann Mr. Gifford Ostock und Familie. Aber ich fürchte, das ist eine Geheimnummer.«
»Gifford Ostock?« Der Name sagte Twyla nichts.
»Ja, Ma’am. Seit Mr. Pendleton … verstorben ist … nun ja, seitdem lebt doch Mr. Ostock im Belle Vista.«
Andrew Pendleton war vor mehr als einem Jahrhundert gestorben.
»Dieser Ostock lebt hier nicht mehr«, sagte Twyla.
»Oh, doch, Ma’am. Er lebt schon seit mindestens dreißig Jahren dort.«
Twyla hatte nie mit einer Telefonvermittlung zu tun gehabt, die so gesprächig und geduldig gewesen war wie diese. Aber auch wenn die Frau einen noch so netten Eindruck machte, war der Gedanke naheliegend, ihre unerhörte Nachsicht müsste subtiler Spott, wenn nicht gar etwas Unheimlicheres sein.
Obwohl ihr selbst nicht klar war, warum sie die Frage stellte, bevor das letzte Wort über ihre Lippen gekommen war, sagte Twyla: »Tut mir leid. Ich war einen Moment lang verwirrt. Könnten Sie mir bitte die Nummer des Paramount Filmtheaters geben?«
Das Paramount, ein Kinopalast aus den Dreißigerjahren im Art-déco-Stil, stand am Fuß von Shadow Hill und war vom Pendleton aus zu Fuß erreichbar.
Die Vermittlung sagte Twyla nicht, sie solle die Auskunft anrufen. Stattdessen sagte sie nach einer Pause: »Ja, Ma’am. Die Nummer ist Deerfield 227.«
»DE-227. Das ist eine fünfstellige Nummer.«
»Darf ich Sie mit dem Paramount verbinden, Ma’am?«
»Nein. Ich mache den Anruf später. Könnten Sie mir sagen, ob die Buchstaben auf einem Tonwahltelefon an derselben Stelle sind wie auf einer … Wählscheibe?«
Als sei sie zu dem Schluss gekommen, dass sie es wohl mit einer Betrunkenen zu tun hatte, seufzte die Dame von der Vermittlung endlich, blieb aber weiterhin höflich: »Es tut mir leid, Ma’am, aber ich kenne den Begriff ›Tonwahltelefon‹ nicht.«
»Welches Jahr haben wir gerade?«, fragte Twyla, woraufhin Winny wieder die Augenbrauen hochzog.
Nach kurzem Zögern sagte die Vermittlung: »Ma’am, brauchen Sie vielleicht ärztlichen Beistand?«
»Nein. Nein, keineswegs. Ich muss nur wissen, welches Jahr wir haben.«
»1935 natürlich.«
Da legte Twyla auf.
Logan Spangler
In der Gästetoilette von Senator Blandons Wohnung ließ Logan Spangler im unzureichenden gelben Schimmer der amöbenartigen Form an der Decke den Schein der LED-Taschenlampe über den gewundenen blassgrünen und schwarz gesprenkelten Schimmelpilz auf den Wänden gleiten, aus dem an sechs Stellen auf dicken, kurzen Stielen dichte Pilze in ähnlicher Farbe und seltsamer Form sprossen. Solche Pilze hatte Logan noch nie gesehen und er betrachtete sie mit Neugier, aber auch mit Argwohn. Sie waren weniger deshalb suspekt, weil sie ungewöhnlich waren, sondern weil ihre gewellte Form und ihre gespenstische Färbung ihn auf einer so tiefen Ebene verstörten, dass er sie nicht ausloten konnte, vielleicht sogar so tief wie das Gedächtnis der menschlichen Rasse, ein intuitives Gespür dafür, dass er sich in Gegenwart von etwas befand, was nicht nur widerlich, nicht bloß giftig, sondern außerdem auch noch fremdartig, verdorben und verderblich war.
Hinter Logan sagte jemand etwas, das er nicht verstand, aber als er sich hastig umdrehte, ragte niemand bedrohlich in der Tür oder im Flur dahinter auf. Stille. Dann ertönte die Stimme wieder hinter ihm, in einer fremden Sprache, ein gedämpftes und unheilverkündendes Flüstern, weniger bedrohlich, sondern eher weissagend, wie jemand, der schreckliche Nachrichten überbringt. Er drehte sich wieder um, sowie der Sprecher verstummte, doch niemand hatte sich in der Toilette materialisiert, während er abgelenkt gewesen war. Er war nach wie vor allein.
Allein mit dem Pilzbefall. Die Stimme ertönte ein drittes Mal und gab ein oder zwei weitere Sätze in einer fremden Sprache von sich, ganz nah, zu seiner Linken, wo die Wand vollständig von dem grünen und schwarzen Bewuchs bedeckt war. Was wie dieselbe Silbenfolge klang, ertönte augenblicklich von der Wand direkt vor ihm, und eine weitere Wiederholung kam irgendwo aus der Nähe der halb verdeckten Toilette. Während Logan der Stimme, die sich ihm entzog, mit dem Strahl der Taschenlampe zu folgen versuchte, stellte er fest, dass sich das Licht auf einen Klumpen der Pilze nach dem anderen richtete, die aus den gebogenen, schlangenartigen Grundmustern herausquollen.
Als der Verdacht in ihm keimte, dass die Stimme von den Pilzen kam – oder was zum Teufel das eben sein mochte –, zog Logan seine Pistole. In all seinen Jahren bei der Mordkommission hatte er seine Waffe vielleicht ein Dutzend Mal gezogen und in den sechs Jahren im Pendleton hatte er sie bisher immer im Halfter stecken lassen. Möbelstücke, die um ihn herum verschwanden, Räume, die verlotterten und verfielen, dann aber wie durch Zauberhand wiederhergestellt wurden: In diesen bizarren Vorfällen nahm er keine akute Bedrohung wahr, vielleicht weil die Verbrecher, mit denen er sein ganzes Leben lang zu tun gehabt hatte, vorwiegend einfallslose Rohlinge und Dummköpfe gewesen waren und er daher keine besondere Vorstellungskraft entwickeln musste, um sie zu finden und sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Aber wenn seine Fantasie auch noch so verkümmert sein mochte, dann war sie doch nicht gänzlich abgestorben, und jetzt regte sie sich auf einmal in Form von immensen Ängsten.
Die körperlose Stimme, tief und doch raunend, schwoll plötzlich zu einem Chor von Stimmen an, von denen jede etwas anderes sagte, wobei alle nach wie vor in gesenktem Ton sprachen, murmelnd und unübersetzbar, aber eindringlicher als zuvor. Sie schienen gar nicht mit Logan, sondern miteinander zu reden, sich zu verschwören, etwas auszuhecken. Als der Strahl der Taschenlampe hier, da und dort zustach, gelangte Logan zu der Überzeugung, wenn er die Unterseiten der Hüte sehen könnte, würden die feinen Lamellen vibrieren wie Stimmbänder.
Er hatte sich von den Pilzen abgewandt, als er glaubte, jemand hätte in der offenen Tür hinter ihm etwas gesagt, doch er wollte ihnen nur ungern noch einmal den Rücken zuwenden. Mit der Pistole in der rechten und der Taschenlampe in der linken Hand riss er seinen Blick von diesem grotesken Organismus los – in diesem Moment schlug die Tür zu.
Ein Teil von ihm behauptete, es sei ein Traum, Halluzinationen, und wenn er aufwachte oder sich wieder in den Griff bekam, könnte er all das dazu bringen, dass es aufhörte oder verblasste wie die Vision in Blandons Schlafzimmer, die sich schließlich von selbst aufgelöst hatte. Aber er hatte nie zuvor Halluzinationen gehabt und kein Traum war jemals auch nur annähernd so lebhaft gewesen. Er hatte einmal gelesen, wenn man in einem Traum starb, sterbe man vielleicht auch in Wirklichkeit und wache nie mehr auf – eine Theorie, die ihm einleuchtete und die er nicht auf die Probe stellen wollte.
Logan legte die kleine Taschenlampe auf den schmutzigen Waschtisch, neben das gesprungene und fleckige Waschbecken. Er wagte es nicht, seinen Blick von der Kolonie mit den vielen Stimmen zu lösen, und hielt seine Pistole im Anschlag, als er blind nach dem Türknopf hinter seinem Rücken tastete und eine Hand darauflegte, aber feststellen musste, dass sich der Türknopf nicht bewegen ließ. Er tastete nach dem kleinen Knopf in der Mitte, der die Tür verriegelte, aber der war nicht eingerastet. Toilettentüren kann man nicht von außen abschließen, und doch war die Tür unbeweglich und gab überhaupt nicht nach, als sei sie an den Türrahmen genagelt.
An der Decke leuchtete die phosphoreszierende gelbe Scheibe, die nicht da gewesen war, als er sich das erste Mal in diesem Raum umgesehen hatte, immer schwächer. Logan schnappte sich seine Taschenlampe vom Waschtisch.
Die Vision von abbruchreifen, leer stehenden Räumlichkeiten im Schlafzimmer und im Bad des Senators hatte weniger als eine Minute angehalten. Diese geisterhafte Schimmelpilzerscheinung dauerte jetzt schon deutlich länger, aber gewiss würde auch sie sich bald erbarmen, und die Realität würde zurückgeströmt kommen wie eine Flutwelle.
In dem schwächer werdenden Licht sah er, wie die schlangenförmigen Schimmelpilze zu pulsieren begannen, nicht alle Reihen im Einklang miteinander, sondern erst einige von ihnen und dann andere. Eine Wellenbewegung pulsierte in diesen röhrenförmigen Organismen, wie die Peristaltik, die Nahrung durch Kontraktionen durch die Speiseröhre und den Verdauungstrakt pumpt, als schluckten sie lebende Nagetiere oder als seien es die Eingeweide einer gewaltigen Bestie.
Logans bisher brachliegende Vorstellungskraft trieb vom einen Moment zum anderen üppige Blüten. Wenn die Schimmelpilze zu inneren Bewegungen fähig waren, die sich so radikal von allem anderen im Pflanzenreich unterschieden, dann waren sie vielleicht auch in der Lage zu kriechen oder sich voranzuschlängeln. Oder sich zusammenzurollen und anzugreifen.
Etwas geschah mit den Pilzklumpen auf den Wänden und der zur Hälfte von ihnen bedeckten Toilette. Die runzligen Höcker auf den Kappen begannen sich zu öffnen und die Außenhaut zog sich zurück und ähnelte jeweils einer Vorhaut, die sich von einer schwellenden Eichel zurückzieht. Wie aus Abzugsöffnungen stiegen kleine blasse Dunstschwaden aus den Kappen in die Luft auf, als atme jemand an einem winterlichen Morgen aus.
Die phosphoreszierende Form an der Decke wurde dunkel. Im hellen Schein der Taschenlampe funkelten die schwebenden Partikel wie Diamantstaub. Also doch keine Dämpfe. Diese Partikel waren zu groß, um die Komponenten von Dunst zu sein, so groß wie Salzkristalle – manche sogar größer –, und doch waren sie offensichtlich leicht, denn sie schwebten durch die Luft. Sporen.
Instinktiv hielt Logan Spangler den Atem an. Er befürchtete jetzt nicht mehr, die schlangenartigen Formen könnten sich von den Wänden lösen, Fangarme ausstrecken und ihn abrupt an sich reißen. Stattdessen machte er sich Sorgen, die Wolke von Sporen würde das tun, worauf es Sporen immer abgesehen hatten: Kolonien bilden. Er steckte seine Pistole ins Halfter, drehte sich zur Tür um und untersuchte im Schein der Taschenlampe die drei Angeln.
* * *