24 Da und dort
Vernon Klick
Verärgert über Bailey Hawks’ Eindringen in seinen Herrschaftsbereich ließ sich Vernon also auf seinen Stuhl zurückfallen und rief die Videoaufzeichnungen der Kameras vor der nördlichen Treppe im Parterre und im Keller auf. Er behielt den Plasmabildschirm im Auge, während er die wenigen Minuten, die infrage kamen, im Schnellvorlauf abspielte, aber außer Bailey Hawks, Mr. Großer Kriegsheld persönlich, der vor einer Minute herausgekommen war, war niemand zu sehen.
Vernon sagte: »Wenn sie wirklich an Ihnen vorbeigekommen ist, als Sie auf dem Absatz im ersten Stock standen …«
»Da war ich und sie kam mir entgegen«, sagte Hawks so ungeduldig, als dürfe man nichts, was er sagte, in Zweifel ziehen, weil er einen Schwung Orden dafür kassiert hatte, dass er vielleicht fünfhundert unbewaffnete alte muslimische Matronen abgemurkst und ihre Enkelkinder abgefackelt hatte.
»Wie hat diese Frau ausgesehen?«, fragte Vernon.
»Es war ein Mädchen. Sieben oder acht Jahre alt.«
Vernon zog die Augenbrauen hoch. »Sie sind einem kleinen Mädchen durch das Gebäude gefolgt?«
»Ich bin ihr nicht gefolgt. Sie war so seltsam gekleidet, als wäre sie kostümiert. und sie ist mir auf der Treppe entgegengekommen.«
»Da sagen die Kameras aber etwas anderes. Es sei denn, sie wäre noch im Treppenhaus, tot oder auch nicht. Oder so was.«
Hawks versuchte anscheinend, verwirrt zu wirken, aber Vernon war sich ziemlich sicher, dass er in diesen unsteten Geldverwalteraugen Schuldbewusstsein sah. »Was soll das heißen?«
»Das heißt überhaupt nichts«, sagte Vernon. »Nur, dass wir von der letzten Nacht bereits ein 23-Sekunden-Rätsel am Hals haben, vielleicht ein Raubüberfall, so was wie in Der rosarote Panther, aber wahrscheinlich schlimmer. Und jetzt wird auch noch dieses Mädchen vermisst.«
»Sie hat gesagt, sie hieße Sophia Pendleton und ihr Vater sei der Hausherr.«
»Ich muss schon sagen, eine schöne Geschichte«, höhnte Vernon. Er provozierte Hawks in der Hoffnung, eine Reaktion aus ihm herauszuholen, die sich in seinem Enthüllungsbuch gut machen würde.
Ein rumpelndes Geräusch stieg aus der Erde unter dem Gebäude auf, schwoll rasch an und ebbte dann langsam wieder ab.
»Diese verdammten Narren«, sagte Vernon. »Niemand bekommt eine Sprengungsgenehmigung für eine so späte Tageszeit.«
»Das sind keine Sprengungen. Dafür dauern die Schockwellen viel zu lange.«
Vernon hätte Hawks gern gefragt, ob er das gelernt hatte, als er der große Kriegsheld war, der Krankenhäuser und Kindergärten in die Luft gesprengt hatte, oder ob er vielleicht schon bei seiner Geburt alles gewusst hätte, aber er hielt den Mund, um seine Tarnung aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass sein Buch nicht schon vor Erscheinen Klagen und einstweilige Verfügungen provozierte.
»Hier geschieht etwas. Irgendwas stimmt hier nicht«, sagte Hawks und eilte aus dem Wachraum.
»Erst kommt er hier angetanzt, als gehörte ihm der Wachraum«, schimpfte Vernon laut vor sich hin. »Stört den Wachablauf und will, dass ich ihm dabei helfe, sich an ein hübsches kleines Mädchen anzuschleichen, du meine Güte, und dann rauscht er raus und bedankt sich noch nicht mal. Dieser miese, geldgierige, aufgeblasene, arrogante, heuchlerische, ahnungslose, perverse Waffennarr.«
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem nördlichen Flur im zweiten Stock zu. Immer noch kein Anzeichen von Logan Spangler. Natürlich konnte es sein, dass der alte Knacker die Wohnung des idiotischen Senators verlassen hatte, während Vernon durch Hawks abgelenkt worden war.
»Du selbstgerechter, heimtückischer, raffgieriger, abartiger Kriegshetzer«, schnaubte Vernon aufgebracht. »Du verkorkster, ignoranter, syphilitischer, schwindelnder, eingebildeter, blöder, kindermordender, rassistischer Schweinehund!«
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