28 Im Topper’s
Bei überbackenen gefüllten Champignons als Vorspeise sprachen sie über Renata Dime, obwohl Mac sagte, der Gedanke an sie verdürbe ihm die Stimmung. Nach all diesen Monaten schien ein Thema, über das Renata Dime geschrieben hatte, in naturwissenschaftlichen Kreisen immer mehr an Bedeutung zu gewinnen, und vielleicht war das auch ein Thema, über das sie einen Beitrag für ihre neue Rundfunksendung gestalten sollten.
Das Buch von ihr, das beide zu lesen versucht hatten – Mac war bis Seite 104 gekommen, Shelly bis Seite 260, also genau bis zur Hälfte –, war eine philosophische Untersuchung des Posthumanismus’ gewesen. Zumindest lautete so der Untertitel von Eine rationalere Spezies. Als Mac das Buch auf den Boden geworfen hatte und ein paar Mal draufgetrampelt war, um seinen Abscheu auszudrücken, hatten sich vielleicht zwanzig Prozent des Textes um Posthumanismus gedreht und achtzig Prozent Renata Dime verherrlicht, ihre einmalige Intelligenz und ihre tiefen Einsichten, über die sie sich gar nicht genug auslassen konnte, was aber vielleicht auch nur daran lag, dass ihr Verleger einen maximalen Umfang für den Band vorgegeben hatte.
Laut Shelly ging es in dem Text, wenn man Seite 207 erreichte, zu neunzig Prozent entweder um Renatas Leben oder um Renatas Interpretationen von Renatas Theorien für gewöhnliche Sterbliche oder um Renatas Neuinterpretation von Renatas Theorien zu ihrem eigenen Nutzen, denn sie hatte jetzt »einen reiferen Standpunkt und einen ausgeprägteren Sinn für Synthese, der mich die unbewusste Tiefgründigkeit meiner früheren Einsichten umfassender verstehen lässt«. Shelly trampelte nicht auf dem Buch herum, wie Mac es getan hatte. Sie nahm es auf einen ihrer samstagmorgendlichen Spaziergänge mit und ließ es in das offene Feuer in einer Tonne auf einem leeren Grundstück fallen, wo Hilfsarbeiter darauf warteten, dass Arbeitgeber an den Straßenrand fuhren und ihnen für einen Tag einen Job anboten.
Der Posthumanismus war nicht Renatas Erfindung, nur etwas, wofür sie sich interessiert hatte, um ihr Geschwafel daran aufzuhängen. Viele Wissenschaftler und »Futuristen« glaubten, der Tag sei nahe, an dem die menschliche Biologie und die Technologie eine Verbindung miteinander eingehen würden, an dem alle Krankheiten und tief sitzenden genetischen Übel geheilt würden und die menschliche Lebensspanne durch BioMEMS – biologische mikroelektromechanische Systeme – verlängert würde. Milliarden dieser Mikrosysteme, miniaturisierte Geräte, die so klein wie eine menschliche Zelle oder kleiner waren, würden in den Blutkreislauf injiziert, um Viren und Bakterien zu zerstören, um Toxine zu eliminieren und um DNAIrrtümer zu korrigieren, aber auch um versagende Organe von innen nach außen wieder aufzubauen.
Als er seine Portion Champignons fast aufgegessen hatte, sagte Mac Reeves: »Das Ziel eines langen Lebens ohne Krankheiten scheint mir okay zu sein. Die Arthritis von meinem Dad will ich jedenfalls bestimmt nicht haben.«
Shelly deutete mit ihrer Gabel auf ihn und sagte: »He, vielleicht könnten BioMEMS sogar deine Sturheit heilen, denn auch die scheint genetisch zu sein.«
»Wer würde eine Tugend heilen wollen? Was du Sturheit nennst, nennen mein Dad und ich Engagement für unsere Ideale.«
»Seit wann ist die Weigerung, beim Autofahren das GPS zu benutzen, ein Ideal?«
»Ich weiß immer, wohin ich fahre.«
»Ja, das weißt du. Das Problem ist nur, dass du, um von A nach F zu kommen, über Z fährst.«
»Das nennt sich die landschaftlich reizvollere Strecke. Und hinter der Weigerung, ein GPS zu benutzen, steckt ein Ideal. Es ist das Ideal der menschlichen Sonderstellung. Ich werde meinen freien Willen nicht irgendeiner blöden Maschine unterwerfen.«
»Ein paar von diesen einzigartigen Menschen haben das GPS erfunden«, rief ihm Shelly ins Gedächtnis. »Es mag ja sein, dass die Maschine blöd ist, aber sie ist immerhin nicht stur.«
»Erinnere mich daran, warum ich dich geheiratet habe.«
»Weil du wusstest, dass ich eine Rundfunksendung bestreiten kann.«
»Ich dachte, es war, weil du klug, witzig und sexy bist.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nee. Du wusstest, dass es nichts macht, wenn du mal einen mauen Tag hast und auf Sendung bist, weil ich da sein würde, um für dich einzuspringen.«
»Nicht, dass ich jemals einen mauen Tag hätte«, sagte er.
»Nein, du doch nicht, Süßer.«
Befürworter des Posthumanismus’ malten sich BioMEMS aus – in diesem Fall künstliche rote Blutkörperchen, die Respirozythen genannt wurden –, die die Sauerstoffzufuhr mit noch größerer Effizienz durchführen würden als die natürlichen Zellen und die Sauerstoff hundert-, wenn nicht tausendmal effizienter als echtes Blut einlagern und transportieren würden. Ein Mac oder eine Shelly mit BioMEMS könnte einen Marathonlauf absolvieren und wäre hinterher kaum außer Atem oder sie könnten sogar ohne Scuba-Ausrüstung schnorcheln und ohne Atem zu holen stundenlang unter Wasser bleiben.
»Die Kehrseite von Respirozythen«, sagte Mac, »ist die, dass deine Schwester dann noch mehr und noch schneller reden würde, weil sie nicht mehr so oft Pause machen müsste, um Luft zu holen.«
»Und genau deshalb werden wir lange Stunden unter Wasser verbringen wollen, wo wir sie nicht hören können«, stimmte Shelly ihm zu. »Ich hänge wirklich an Arlene, aber der Gedanke, eines Tages könnte sie, unterstützt durch irgendwelche Geräte, nonstop quasseln, ist mir irgendwie umheimlich.«
»Sie sagen Blut, das mit Nanobots angereichert ist, für 2025 voraus, vielleicht spätestens 2030. Du weißt doch, was passieren wird, wenn die Lebensspanne auf dreihundert Jahre oder so steigt?«
»Wir werden uns was Neues suchen müssen. Ich liebe das Radio, aber noch zweihundert Jahre schaffe ich das nicht.«
»Vielleicht müssen wir bis ins hohe Alter weitermachen«, sagte Mac. »Die Sozialversicherung wird keinem eine Rente zahlen, der jünger als zweihundertfünfzig ist.«
»Wegen der Sozialversicherung würde ich mir keine Sorgen machen, Schatz. Die wird schon lange vor 2025 pleite sein, ganz bestimmt.«
»Das ganze Thema Posthumanismus – vielleicht ist es zu komplex für den Frühstücksklub.«
»Oder zu düster«, sagte Shelly. »Morgens wollen die Leute was mit Wohlfühlfaktor.«
Die düsteren Aussichten des Posthumanismus’ waren genau der Aspekt, der die Theoretiker und Wissenschaftler in Aufregung versetzte: die Anreicherung des Gehirns mit Hunderten von Millionen von Mikrocomputern, die in erster Linie aus Kohlenstoffnanoröhren bestanden und auf unsere grauen Zellen verteilt würden. Diese winzigen Hochleistungscomputer würden durch ein drahtloses Netzwerk miteinander, mit dem Gehirn und potenziell mit jedem Computer auf Erden in Interaktion treten und die Intelligenz und das Wissen des Einzelnen gewaltig steigern. Die posthumane Spezies, eine Kombination aus biologischer Intelligenz und Maschinenintelligenz, die nie alterte, nahezu unsterblich war und immer noch Menschengestalt hatte, inspirierte Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology, am Robotics Institute der Carnegie Mellon University und an Hunderten von anderen Universitäten und Technischen Hochschulen und in Firmen überall auf der Welt. Sie sahen endlich einen möglicherweise schnellen Weg zu einer menschlichen Zivilisation mit übermenschlichen Fähigkeiten, der vollständigen Unterwerfung der Natur durch die Menschheit, der Aneignung gottähnlicher Macht, und das bevorstehende Ende von Nationalismus, Tribalismus und Aberglauben, mithin die Beseitigung sämtlicher Grenzen in allen Dingen.
Als der Kellner ihre Hauptgerichte brachte, sagte Mac: »Für die Sendung könnten wir uns einfach auf den vergnüglichen Teil der Sache konzentrieren und einen Experten einladen, der darüber redet. Und überhaupt sehen die Leute, die auf den Posthumanismus hinarbeiten, gar keine finstere Seite. Sie betrachten ihn als Fortschritt auf dem Weg zu absoluter Freiheit.«
»Was könnte da wohl schiefgehen?«, sagte Shelly. »Was könnte womöglich schiefgehen, wenn das Ziel die Erschaffung einer perfekten Welt ist?«