32 Da und dort
Twyla Trahern
Als sich die Aufzugtüren öffneten, sagte Twyla überrascht: »Martha, Edna«, und Sparkle fragte: »Was tun Sie hier, wohin wollen Sie?«
Schon während sie die Fragen stellten, begriff Twyla, dass sie keine Antworten bekommen würden. Etwas stimmte nicht mit den Cupp-Schwestern, etwas Fürchterliches, und das galt auch für den Sicherheitschef. Marthas Gesicht war weniger faltig als noch vorhin. Nicht jünger. Einfach nur voller. Sie war aufgeschwemmt wie jemand mit einer Herzkrankheit, die zu Wasseransammlungen führt, und ihre Haut hatte sogar im blauen Licht des Aufzugs eine gelbe Färbung. Edna war auch aufgeschwemmt und ihr Fleisch schien wie das der beiden anderen weich und von großen Poren durchlöchert zu sein, fast schon schwammig, vielleicht so wie das Fleisch des sechsbeinigen Monsterbabys, das Sparkle beschrieben hatte.
Aber das, was Twyla einen Schauer über den Rücken laufen ließ und nachdrücklicher als alles andere bekundete, dass sie nicht mehr menschlich waren, das waren ihre Augen. Es waren die Lotusblütenaugen von Menschen, die sämtliche Tage ihres Lebens vergessen hatten, Krokodilaugen, in denen unersättlicher Hunger stand, und sie waren so rauchig, als hätten sie Katarakte im Anfangsstadium, und glühten doch vor unerbittlichem Hass.
Sparkle war näher am Aufzug als Twyla, aber sie wich zurück, als sie diese veränderten Augen wahrnahm.
Twyla hob ihre Pistole und hielt sie mit beiden Händen gepackt. Sie kam nicht wirklich damit klar, Menschen, die sie kannte, zu erschießen, selbst wenn sie nicht mehr diese Menschen waren, aber sie würde tun, was nötig war, falls sie auf sie zukamen. Sie rechnete fest damit, dass sie aus dem Aufzug stürmen würden, doch sie standen nur da und starrten gebannt vor sich hin, als warteten sie darauf, dass sich die Türen wieder schlossen und die Kabine sie in welche Hölle auch immer hinunterbrachte, die ihr Ziel war.
Die mörderische Wut der drei Gestalten stand greifbar im Raum, was ihre Zurückhaltung bedeutsam machte, doch Twyla wusste nicht, welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen sollte. Die Arme hingen schlaff an ihren Seiten hinunter, doch ihre Hände waren unablässig in Bewegung, als verspürten sie den Drang, zu zerfleischen und zu erdrosseln. Dazu schwarze Fingernägel. Ednas Unterkiefer hing hinunter und ihr Mund war leicht geöffnet, und nach allem, was Twyla sehen konnte, waren auch die Zähne der alten Frau schwarz. Tatsächlich handelte es sich bei diesen beiden scheinbaren Frauen und bei Spangler jetzt um Wesen, die in Sümpfen und übel riechenden Urwaldtümpeln besser aufgehoben gewesen wären, in feuchten, tiefen Kellern und in Grotten, wo Stalaktiten tropften wie das Gift aus den Fangzähnen todbringender Schlangen.
Mit einer Stimme, die als die seine erkennbar war, obwohl sie so feucht und klebrig klang, als würde sie von einer mit Schleim verklumpten Kehle gefiltert, verkündete das Ding, das einst Logan Spangler gewesen war, durch schwarze Zähne: »Ich werde sein.«
Twyla wusste nicht, was das heißen sollte, falls es überhaupt etwas zu bedeuten hatte, und sie wusste auch nicht, ob es der Auftakt zu einem Angriff war oder eine Einladung, so zu werden, wie sie.
Sie hielt die Waffe nicht ruhig. Es schien fast so, als führte diese ein Eigenleben und spränge in ihren Händen auf und ab. Falls sie schießen musste, würde sich die Mündung mit einem Ruck nach oben richten, und da ihre Arme schlackerten, würde sie niemanden treffen, sondern eine Patrone hoch oben in die Wand schießen. Sie strengte sich an, ihre Handgelenke gestreckt zu halten, ihre Ellbogen durchzudrücken, das Korn nach unten zu ziehen und die Mündung auf ihr Ziel zu richten.
Als Spangler diese Worte wiederholte, sprach Martha sie mit einer gurgelnden Stimme im Takt mit, als seien sie zwei Individuen mit einem einzigen Bewusstsein: »Ich werde sein.«
Die Aufzugtüren hätten sich inzwischen automatisch schließen sollen. Aber anscheinend hielt das Haus sie offen – entweder das Haus oder das, was von dem Haus Besitz ergriffen hatte.
Logan und Martha und jetzt auch Edna wiederholten synchron die drei Wörter: »Ich werde sein.« Und noch einmal mit größerer Beharrlichkeit: »Ich werde sein!« Und ein weiteres Mal mit offenkundiger Wut in ihren Augen: »ICH WERDE SEIN!«
Sparkle wich fluchtbereit in die offene Tür von Gary Dais Wohnung zurück.
Auf Marthas Kinn und an ihrer linken Wange hinauf bis zum Ohr bildete sich wie ein Ausbruch pubertärer Akne auf ihrem Fleisch eine Reihe von winzigen Pilzen.
Als Twyla ebenfalls von dem Aufzug zurückwich, verzog das Edna-Ding seinen Mund zur Parodie eines Kusses. Etliche dunkle Projektile spritzten zwischen den Lippen heraus, flogen zischend an Twylas Gesicht vorbei und schlugen in die Wand ein.
Twyla betätigte reflexartig den Abzug. Die Patrone traf das Edna-Ding hoch oben in der Brust, schien ihm jedoch nichts anhaben zu können, doch die Edelstahltüren des Aufzugs schlossen sich endlich.
Als die Kabine surrend im Schacht hinunterglitt, wirbelte Twyla herum, weil sie sehen wollte, was da nach ihr gespuckt worden war. Die Projektile waren etwas größer und länger als Paranüsse, dunkel und ölig, und sie zitterten, als seien sie lebendig. Zwei hatten sich in die Gipsfaserplatte gebohrt und schienen zu versuchen, sich tiefer hineinzuwühlen, doch das machte ihnen große Mühe. Zwei weitere krochen wie Raupen auf dem Boden herum und schienen auf der Suche nach etwas zu sein, vielleicht Nahrung, was in ihrem Fall wahrscheinlich ein Synonym für Fleisch war.
Sparkle trat aus der offenen Tür zu Dais Wohnung auf den Hausflur und sagte: »Was sollte das denn bedeuten? ›Ich werde sein‹?«
Twyla antwortete erschüttert: »Ich weiß es nicht.«
»Warum haben sie uns nicht getötet?«
»Ich weiß es nicht.«
Sparkle deutete auf die Dinger in der Wand und auf dem Boden, die anscheinend dort verendeten, und fragte verwundert: »Was wäre gewesen, wenn sie dein Gesicht getroffen hätten?«
»Dann wären sie jetzt in meinem Gehirn. Ich wäre wie die Cupp-Schwestern.«
Sparkle sagte: »Die Kinder« und eilte zur südlichen Treppe, während weiterhin die Geräusche des Aufzugs zu hören waren, der nach unten fuhr.
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