11 Apartment 3-F

Mickey Dime ließ Jerry tot auf einem Sessel im Arbeitszimmer zurück.

In der Küche wusch er sich die Hände. Er hatte das Wasser gern so heiß, dass es brannte. Die schäumende flüssige Seife wirkte besänftigend. Sie roch nach Pfirsich. Pfirsiche mochte er lieber als jedes andere Obst.

Vor dem Fenster blitzte es am Himmel. Es blitzte und blitzte. Er wünschte, er wäre draußen und könnte das Zittern der Luft fühlen und genüsslich den scharfen Ozongeruch einatmen, der auf Blitze folgte. Der Donner krachte. Er fühlte es bis ins Mark.

Er schenkte sich ein Glas Schokoladenmilch ein und legte einen Zitronenmuffin auf einen Teller. Das Glas war von Baccarat, der Teller Limoges-Porzellan, die Gabel von Tiffany. Ihm gefiel, wie diese Gegenstände aussahen und wie sie sich anfühlten. Der Muffin war mit einem dicken Zuckerguss glasiert. Er setzte sich an den Frühstückstisch vor einem Fenster mit Blick auf den Innenhof. Er aß langsam und genoss die Gaumenfreude.

Viel Zucker machte die meisten Menschen hyperaktiv, doch auf Mickey wirkte er beruhigend. Seit er ein kleiner Junge war, hatte seine Mutter gesagt, er sei anders als andere Leute. Das war keine reine Angeberei. Mickey war in vielerlei Hinsicht tatsächlich anders. Zum Beispiel war sein Metabolismus eine Hochleistungsmaschine, wie ein Ferrari. Er konnte futtern, was er wollte, und nahm nie ein Gramm zu.

Nach dem Muffin aß er genüsslich drei Oreos. Er zog die Kekse auseinander und leckte zuerst die Füllung ab. Seine Mom hatte ihm beigebracht, sie so zu essen. Seine Mom hatte ihm so viel beigebracht. Ihr verdankte er alles.

Mickey war fünfunddreißig. Seine Mutter war vor sechs Monaten gestorben. Er vermisste sie immer noch.

Sogar jetzt konnte er sich noch an die deutlich wahrnehmbare Kälte und die zu weiche Konsistenz ihrer Wange erinnern, als er sich über den Sarg gebeugt hatte, um ihr einen Kuss zu geben. Er hatte ihr auch auf beide Augenlider einen Kuss gedrückt und fast damit gerechnet, dass sie sich unter seinen Lippen flatternd öffnen würden. Aber sie waren zugenäht.

Er aß seinen Snack auf. Er hielt den Teller, das Glas, die Gabel unter fließendes Wasser. Er ließ alles auf dem Abtropfbrett stehen, damit die Haushälterin, die zweimal in der Woche kam, die Sachen gründlich spülte.

Eine Zeitlang blieb er vor dem Spülbecken stehen und sah zu, wie Regentropfen an das Fenster klopften. Ihm gefielen die Muster von Regen auf Glas. Und er mochte das Geräusch.

Es zählte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, durch warmen Sommerregen und durch kalten Herbstregen zu laufen. Er besaß ein Wochenendhäuschen auf dem Land, mit knapp fünftausend Hektar Grund. Er saß gern nackt vor dem Haus, in dem frisch duftenden Regen. Er mochte das Gefühl, wenn ein Unwetter ihn mit seinen tausend Zungen wusch.

Mickey kehrte ins Arbeitszimmer zurück, wo Jerry tot auf dem Sessel saß. Die 32er Pistole mit dem aufgesteckten Schalldämpfer war aus nächster Nähe abgefeuert worden. Die Kugel hatte das Herz durchdrungen. Unter der Eintrittswunde hatte der Blutfleck auf dem weißen Hemd die Form einer Träne, ein anmutiges Detail, das Mickey zu würdigen wusste.

Jerrys Anzug war hervorragend geschneidert. Die Bügelfalten seiner Hose wirkten so scharf wie Messerklingen. Das dichte Gewebe des Wollstoffs fasste sich angenehm an, als Mickey ein Revers zwischen Daumen und Zeigefinger rieb. Das Hemd und die Krawatte schienen aus Seide zu sein. Mickey mochte den Geruch von Seide. Aber Jerry hatte ein herbes Eau de Cologne mit einem zitronigen Duft aufgetragen, das die subtileren Gerüche der Stoffe überdeckte.

Seit er Profi geworden war, tötete Mickey niemanden mehr umsonst. Das war unnatürlich. Als hätte Picasso ein Gemälde verschenkt. Ein wesentlicher Bestandteil der sinnlichen Erfahrung des Mordens war das anschließende Geldzählen.

Als er das erste Mal getötet hatte, eine Woche nach seinem 20. Geburtstag, war er Amateur gewesen. Er hatte Glück gehabt und war ungeschoren davongekommen. Er hatte versucht, sich mit dieser Bardame namens Mallory zu verabreden. Sie hatte ihn abgewiesen. Und zwar keineswegs nett. Sie hatte ihn gedemütigt. Er hatte alles über sie in Erfahrung gebracht: dass sie ein kleines Häuschen mit einer Freundin teilte und ihre fünfzehnjährige Schwester bei ihr lebte. Er hatte sie dort aufgesucht, mit einem Taser, einer chemischen Keule und Plastikhandfesseln. Es war nur um Sex gegangen, und davon hatte er jede Menge bekommen. Dann musste er sie beide töten und stellte fest, dass das eine andere Form von Sex war. Aber es war dumm, jemanden zu töten, um Sex zu bekommen, wenn man Sex kaufen konnte. Da er getötet hatte, um an Sex zu kommen, und nicht aus reiner Lust am Töten, hatte er mit Sicherheit DNA zurückgelassen. Außerdem war er außer Kontrolle, wenn er total heiß und voll dabei war, machte folglich bestimmt Fehler und hinterließ alle möglichen Hinweise. Daher hatte er, obwohl es die bis dahin beste Nacht seines Lebens gewesen war, beschlossen, nie mehr als Amateur zu töten. Er war stolz auf seine spätere Selbstbeherrschung.

Mickey hatte bisher auch noch nie einen Verwandten abgeknallt. Jerry war allerdings sein Bruder. Vielleicht hätte es ein anderes Gefühl sein sollen, aber er empfand genau wie sonst. Der einzige Unterschied bestand darin, dass er keinen dicken Umschlag voller Kohle für den Job bekam.

In all den Jahren, in denen er vom Morden geträumt hatte, hatte sich Mickey nicht ein einziges Mal ausgemalt, jemanden in dieser Wohnung um die Ecke zu bringen. Das war ja so was von unpraktisch.

Jerry Dime hatte den Moment erzwungen. Er war hergekommen, um Mickey zu töten. Aber er war Amateur. Er hatte seine Absichten überdeutlich signalisiert.

Wenn er es sich recht überlegte, würde Mickey eines Tages für diese Arbeit entlohnt werden. Jetzt bestand keine Notwendigkeit mehr, die Hinterlassenschaft seiner Mutter zu teilen.

Er holte eine Zusatzdecke aus dem Schlafzimmer. Sie war aus irgendeiner Mikrofaser hergestellt, so weich wie Fell, aber robust. Er rieb sein Gesicht daran. Sie roch wie ein Kamelhaarsakko, einer von Mickeys Lieblingsgerüchen.

Jerrys weit offene Augen wirkten im Tod blauer als im Leben. Mickey hatte rostbraune Augen. Die Augen ihrer Mutter waren grün gewesen. Mickey wusste nicht, welche Augenfarbe ihre Väter gehabt hatten. Es waren anonyme Samenspender gewesen.

Nachdem er die Leiche von dem Sessel auf die Decke gezogen hatte, durchsuchte Mickey die Taschen seines Bruders. Er nahm Jerrys Brieftasche, sein Handy und die Münzen an sich. Die Münzen waren noch warm; sie hatten Jerrys Körpertemperatur gespeichert.

Mickey rollte den Toten in die Decke. Die Enden band er mit zwei seiner Krawatten zu.

Als er das Arbeitszimmer verließ, zog er die Tür hinter sich zu und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. In dem Moment läutete es.

Ludmilla, die zweimal monatlich für seine Maniküre sorgte, kam. Sie war eine russische Immigrantin, Mitte fünfzig, dunkelhaarig, eifrig.

Ihr Englisch war gut, aber sie hatten sich darauf geeinigt, dass sie nicht sprechen würde, außer, um sich bei ihm für die Bezahlung zu bedanken. Jedes Gespräch wäre eine Ablenkung von den Freuden der Maniküre und der Pediküre gewesen.

Nach dem Tod seiner Mutter hatte Mickey sein Bad um das Gästezimmer erweitert. Er hatte nie Besuch, der über Nacht blieb.

Das riesige Badezimmer hatte Wände und eine Decke aus weißem Marmor, Ablageflächen und Umrandungen aus schwarzem Granit und ein Schachbrettmuster aus Marmor und Granit als Boden. Es gab einen Fußpflegestuhl mit Becken und Wasseranschluss, einen nach seinen speziellen Wünschen angefertigten Massagetisch und eine Ecksauna, die mit Zedernholz getäfelt war.

Mickey machte es sich auf dem Pedikürestuhl bequem. Er tauchte seine nackten Füße in warmes Wasser. Das Fußbad war mit Duftsalzen parfümiert.

Während Ludmilla mit seinen Händen beschäftigt war, schloss Mickey die Augen. Langsam hörte er auf, ein Mann zu sein, und wurde zu nichts weiter als zehn Fingerspitzen. Das Säuseln der Nagelfeile war eine Symphonie. Der Duft des Transparentlacks berauschte ihn. Die schlichtesten Genüsse konnten eine Wonne sein, wenn man sich ihnen ganz und gar hingab.

Sinneswahrnehmungen waren alles. Sie waren das Einzige.

Nachthaus
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