Winny

Den Aufzug konnten sie nicht benutzen, weil mit dem etwas nicht stimmte – da war ein großes Insekt oder so was drin, das es auf seine Hand abgesehen hatte –, und vor der Treppe fürchteten sie sich, und daher nahmen er und seine Mom eine Auszeit in der Wohnung der Sykes’, denn es schien so, als könnten sie nirgendwo anders hin.

Winny kannte Mrs. Sykes nur vom Grüßen, wenn sie sich im Treppenflur oder unten im Foyer begegneten, und er wusste, wer Iris war, die allerdings nie Hallo sagte. Iris war drei Jahre älter als Winny und ertrug keine Menschen, was nicht daran lag, dass sie sie für dumm oder gemein oder langweilig hielt – obwohl die meisten von ihnen es waren –, sondern daran, dass sie Autismus hatte. Winnys Mutter sagte, die meiste Zeit sei Iris jede Berührung unerträglich und sie geriete so gut wie immer total außer sich, wenn zu viele Menschen um sie herum waren. Von Autismus hatte er eine gewisse Vorstellung, weil er ein bisschen darüber gelesen hatte, aber wie Iris zu Menschen stand, das konnte er voll und ganz verstehen, weil er damit selbst ein Problem hatte. Er schien immer das Falsche oder etwas Dummes zu sagen oder etwas, das unsinnig war, weil er es nur stammelte. Iris konnte gar nichts sagen und Winny wusste nicht, was er sagen sollte, und daher saßen sie gewissermaßen im selben Boot.

Als er sah, wie Mrs. Sykes beide Riegel vorschob, klappernd die Sicherheitskette vorlegte und dann überprüfte, ob die Tür auch wirklich abgeschlossen war, was natürlich der Fall war, wusste Winny, dass auch ihr kürzlich etwas Gespenstisches zugestoßen war und dass sie sich genauso fürchtete.

»Vielleicht sperre ich ja etwas mit uns ein«, sagte Mrs. Sykes, »statt es auszusperren. Aber wozu soll ein Schloss überhaupt gut sein, wenn sie ohnehin durch Wände gehen können?«

Winnys Mom sah ihn an und er schnitt eine alberne Grimasse, damit sie nicht merkte, was für einen Schrecken ihm Mrs. Sykes eingejagt hatte. Was auch immer hier passierte – es würde seinen Vorsatz, den Stempel Waschlappen-Weichei zu vermeiden, auf eine harte Probe stellen.

»Ich muss Ihnen etwas zeigen«, sagte Mrs. Sykes. »Ich hoffe, es ist noch da. Oder vielleicht lieber nicht. Doch, ich hoffe, es ist noch da. Denn wenn Sie das verdammte Ding sehen, weiß ich wenigstens, dass ich nicht dabei bin, den Verstand zu verlieren.«

Winny schaute seine Mutter an und schnitt wieder eine alberne Grimasse, die aber diesmal nicht angemessen zu sein schien, obwohl sie es gerade noch gewesen war. Jetzt wusste er nicht nur nicht mehr, was er sagen sollte; er wusste auch nicht mehr, was er mit seinem Gesicht tun sollte. Oder mit seinen Händen. Er steckte die Hände in die Jackentaschen, aber sein Gesicht war ja immer noch da und jeder konnte es sehen.

Als Mrs. Sykes sie alle durch das Wohnzimmer führte, merkte sie, dass Iris ihr nicht folgte. Das Mädchen stand da, starrte ins Leere und hatte die Hände an ihren Seiten zu Fäusten geballt. Ihre Mutter sprach auf eine ganz seltsame Weise mit ihr. Es schien fast so, als zitiere sie Zeilen eines Gedichts. »Fürchte dich nicht. Komm mit mir und fürchte dich nicht. Ich bin froh, dass ich dich mitnehmen und dir den Weg zeigen kann.«

Diesmal kam Iris mit, hielt sich aber ein paar Schritte hinter ihnen. Sie gingen durch einen Flur und betraten ein Zimmer, das ihr gehören musste, denn es war in Mädchenfarben gehalten und überall saßen Stofftiere herum. Hauptsächlich Häschen, aber es waren auch ein paar Frösche darunter, ein paar alberne Vögel und ein dämliches Eichhörnchen, alle ganz weich und plüschig, keines von ihnen ein Tier, das in der wirklichen Welt scharfe Zähne hatte und andere Tiere tötete.

Winny war überrascht, so viele Bücher zu sehen, weil er geglaubt hatte, autistische Kinder könnten nicht gut lesen, vielleicht sogar überhaupt nicht. Aber offenbar las Iris viel. Er wusste, warum. Bücher waren ein anderes Leben. Wenn man schüchtern war und nicht wusste, was man sagen sollte, und das Gefühl hatte, nirgendwohin zu gehören, boten einem Bücher die Möglichkeit, ein anderes Leben zu führen, die Möglichkeit, ein ganz anderer Mensch oder überhaupt irgendjemand zu sein. Winny wusste nicht, was er ohne seine Bücher täte, nur, dass er wahrscheinlich ausrasten, Leute töten und Aschenbecher aus ihren Schädeln machen würde, obwohl er nicht rauchte und bestimmt auch niemals rauchen würde.

»Es ist noch da«, sagte Mrs. Sykes und deutete auf ein Fenster.

Ein total verrücktes Ding klammerte sich im Regen an die Glasscheiben: Es hatte ungefähr die Form von einem Football, war allerdings größer, aber auf der Unterseite flach, und es hatte zu viele Stummelbeine, die so aussahen, als seien sie dazu gemacht, auf einem anderen Planeten herumzulaufen, und ein Gesicht, das mehr menschlich als nicht-menschlich war, abgesehen davon, dass dieses Ding das Gesicht auf dem Bauch hatte.

Ein Teil von Winnys Strategie, um den Ruf eines Waschlappens zu vermeiden, bestand darin, während eines Gruselfilms nie wegzuschauen. Um keinen Preis. Er schaffte es immer, seinen Blick nicht einmal von der grausigsten Handlung abzuwenden, indem er in seinem Kopf fortlaufend Kommentare dazu abgab, sich über schlechte Darsteller lustig machte, idiotische Dialoge ins Lächerliche zog und lausige Spezialeffekte verspottete. Auch wenn er anderen gegenüber oft keinen Ton herausbrachte, konnte er ohne Punkt und Komma drauflos reden, wenn er mit sich selbst sprach. Außerdem bewertete er jeden psychopathischen Killer und jedes Monster nach der Skala »Scheiß dir in die Hose und renn weg«, auf der die höchste Punktzahl zehn war. Er hatte jedoch festgestellt, dass er die Horrorwirkung jedes Geschöpfs, das jemals über eine Filmleinwand gekrochen war, vermindern konnte, indem er der strengstmögliche Kritiker war, und er verlieh nie mehr als sechs Punkte, eine Wertung, bei der man sich nicht mal in die Hose pinkelte.

Das Ding vor dem Fenster bekam eine Sieben.

Er pinkelte sich aber nicht in die Hose, obwohl seine Mom vor Schock und Ekel aufschrie, als sie das Kriechtier sah, und obwohl Mrs. Sykes die Bemerkung machte, das sei ein Meskalintraum, was auch immer das sein mochte. Winny gab keinen Laut von sich, der die Furcht verriet, die seinen Puls beschleunigte.

Iris half ihm dabei, seine Fassung zu bewahren. Sie sagte nichts, stellte keinen Blickkontakt her und rührte sich nicht einmal vom Fleck, sondern blieb neben ihrem Bett stehen, von dem sie sich ein Plüschhäschen mit großen Schlappohren geschnappt hatte. Aber ihr Gesicht war vor Angst verzerrt und sie wirkte so verletzlich, dass Winny sich größere Sorgen um sie als um sich selbst machte. Er glaubte nicht, dass sie das Ding auf der Fensterscheibe gesehen hatte, weil sie weder zu ihm noch zu einer der Erwachsenen Blickkontakt herstellte und es bei einem Monster ganz bestimmt nicht täte, und er wollte sichergehen, dass sie nicht versehentlich einen Blick darauf warf. Sie wollte ohnehin schon losgehen wie eine Flaschenrakete, und das bloß, weil zwei Nachbarn in ihrem Zimmer waren – man konnte ihr ansehen, wie mühsam sie um Beherrschung rang –, und das Ding auf der Fensterscheibe brächte sie wahrscheinlich dazu, komplett auszurasten. Für sie war das Leben ohnehin schon schwer genug. Sie brauchte nicht auch noch Monster. Niemand brauchte Monster, aber Iris konnte sie am wenigsten gebrauchen.

Unter dem Pendleton rumpelten wieder ein paar von diesen Geisterzügen auf Schienen, die nicht existierten, und auf das hohe Fenster kroch ein weiteres Geschöpf wie das erste, in jeder Hinsicht mit ihm identisch, wenn man davon absah, dass es sich bei dem Gesicht in seinem Bauch nicht um das eines Mannes, sondern um das einer Frau handelte, vielleicht sogar um das Gesicht eines kleinen Mädchens in einem dieser Zerrspiegel, die sie auf Jahrmärkten hatten. Die Lippen zogen sich zurück und eine Zunge flatterte gegen das Glas.

Wenn Winny und seiner Mom die Flucht aus dem Pendleton gelungen wäre, wären sie dem, was hier passierte, nicht entkommen. Vielleicht ging es draußen sogar noch verrückter zu als innerhalb des Gebäudes.

Winny fand eine innere Kraft in sich, die ihn überraschte. Er stürzte ans Fenster, packte die Zugschnur und zog die schweren Vorhänge zu, sodass die Monstrositäten sie nicht mehr sehen und auch nicht mehr gesehen werden konnten.

Ehe seine Mutter und Mrs. Sykes protestieren konnten, sagte er schlicht und einfach: »Iris.«

* * *

Nachthaus
titlepage.xhtml
cover.html
ePub_98-3-641-08888-0.html
ePub_98-3-641-08888-0-1.html
ePub_98-3-641-08888-0-2.html
ePub_98-3-641-08888-0-3.html
ePub_98-3-641-08888-0-4.html
ePub_98-3-641-08888-0-5.html
ePub_98-3-641-08888-0-6.html
ePub_98-3-641-08888-0-7.html
ePub_98-3-641-08888-0-8.html
ePub_98-3-641-08888-0-9.html
ePub_98-3-641-08888-0-10.html
ePub_98-3-641-08888-0-11.html
ePub_98-3-641-08888-0-12.html
ePub_98-3-641-08888-0-13.html
ePub_98-3-641-08888-0-14.html
ePub_98-3-641-08888-0-15.html
ePub_98-3-641-08888-0-16.html
ePub_98-3-641-08888-0-17.html
ePub_98-3-641-08888-0-18.html
ePub_98-3-641-08888-0-19.html
ePub_98-3-641-08888-0-20.html
ePub_98-3-641-08888-0-21.html
ePub_98-3-641-08888-0-22.html
ePub_98-3-641-08888-0-23.html
ePub_98-3-641-08888-0-24.html
ePub_98-3-641-08888-0-25.html
ePub_98-3-641-08888-0-26.html
ePub_98-3-641-08888-0-27.html
ePub_98-3-641-08888-0-28.html
ePub_98-3-641-08888-0-29.html
ePub_98-3-641-08888-0-30.html
ePub_98-3-641-08888-0-31.html
ePub_98-3-641-08888-0-32.html
ePub_98-3-641-08888-0-33.html
ePub_98-3-641-08888-0-34.html
ePub_98-3-641-08888-0-35.html
ePub_98-3-641-08888-0-36.html
ePub_98-3-641-08888-0-37.html
ePub_98-3-641-08888-0-38.html
ePub_98-3-641-08888-0-39.html
ePub_98-3-641-08888-0-40.html
ePub_98-3-641-08888-0-41.html
ePub_98-3-641-08888-0-42.html
ePub_98-3-641-08888-0-43.html
ePub_98-3-641-08888-0-44.html
ePub_98-3-641-08888-0-45.html
ePub_98-3-641-08888-0-46.html
ePub_98-3-641-08888-0-47.html
ePub_98-3-641-08888-0-48.html
ePub_98-3-641-08888-0-49.html
ePub_98-3-641-08888-0-50.html
ePub_98-3-641-08888-0-51.html
ePub_98-3-641-08888-0-52.html
ePub_98-3-641-08888-0-53.html
ePub_98-3-641-08888-0-54.html
ePub_98-3-641-08888-0-55.html
ePub_98-3-641-08888-0-56.html
ePub_98-3-641-08888-0-57.html
ePub_98-3-641-08888-0-58.html
ePub_98-3-641-08888-0-59.html
ePub_98-3-641-08888-0-60.html
ePub_98-3-641-08888-0-61.html
ePub_98-3-641-08888-0-62.html
ePub_98-3-641-08888-0-63.html
ePub_98-3-641-08888-0-64.html
ePub_98-3-641-08888-0-65.html
ePub_98-3-641-08888-0-66.html
ePub_98-3-641-08888-0-67.html
ePub_98-3-641-08888-0-68.html
ePub_98-3-641-08888-0-69.html
ePub_98-3-641-08888-0-70.html
ePub_98-3-641-08888-0-71.html
ePub_98-3-641-08888-0-72.html
ePub_98-3-641-08888-0-73.html
ePub_98-3-641-08888-0-74.html
ePub_98-3-641-08888-0-75.html
ePub_98-3-641-08888-0-76.html
ePub_98-3-641-08888-0-77.html
ePub_98-3-641-08888-0-78.html
ePub_98-3-641-08888-0-79.html
ePub_98-3-641-08888-0-80.html
ePub_98-3-641-08888-0-81.html
ePub_98-3-641-08888-0-82.html
ePub_98-3-641-08888-0-83.html
ePub_98-3-641-08888-0-84.html
ePub_98-3-641-08888-0-85.html
ePub_98-3-641-08888-0-86.html
ePub_98-3-641-08888-0-87.html
ePub_98-3-641-08888-0-88.html
ePub_98-3-641-08888-0-89.html
ePub_98-3-641-08888-0-90.html
ePub_98-3-641-08888-0-91.html
ePub_98-3-641-08888-0-92.html
ePub_98-3-641-08888-0-93.html
ePub_98-3-641-08888-0-94.html
ePub_98-3-641-08888-0-95.html
ePub_98-3-641-08888-0-96.html
ePub_98-3-641-08888-0-97.html
ePub_98-3-641-08888-0-98.html
ePub_98-3-641-08888-0-99.html
ePub_98-3-641-08888-0-100.html
ePub_98-3-641-08888-0-101.html
ePub_98-3-641-08888-0-102.html
ePub_98-3-641-08888-0-103.html
ePub_98-3-641-08888-0-104.html
ePub_98-3-641-08888-0-105.html
ePub_98-3-641-08888-0-106.html
ePub_98-3-641-08888-0-107.html
ePub_98-3-641-08888-0-108.html
ePub_98-3-641-08888-0-109.html
ePub_98-3-641-08888-0-110.html
ePub_98-3-641-08888-0-111.html
ePub_98-3-641-08888-0-112.html
ePub_98-3-641-08888-0-113.html
ePub_98-3-641-08888-0-114.html
ePub_98-3-641-08888-0-115.html
ePub_98-3-641-08888-0-116.html
ePub_98-3-641-08888-0-117.html
ePub_98-3-641-08888-0-118.html
ePub_98-3-641-08888-0-119.html
ePub_98-3-641-08888-0-120.html
ePub_98-3-641-08888-0-121.html
ePub_98-3-641-08888-0-122.html
ePub_98-3-641-08888-0-123.html
ePub_98-3-641-08888-0-124.html
ePub_98-3-641-08888-0-125.html
ePub_98-3-641-08888-0-126.html
ePub_98-3-641-08888-0-127.html
ePub_98-3-641-08888-0-128.html
ePub_98-3-641-08888-0-129.html
ePub_98-3-641-08888-0-130.html
ePub_98-3-641-08888-0-131.html
ePub_98-3-641-08888-0-132.html
ePub_98-3-641-08888-0-133.html
ePub_98-3-641-08888-0-134.html
ePub_98-3-641-08888-0-135.html
ePub_98-3-641-08888-0-136.html
ePub_98-3-641-08888-0-137.html
ePub_98-3-641-08888-0-138.html
ePub_98-3-641-08888-0-139.html
ePub_98-3-641-08888-0-140.html
ePub_98-3-641-08888-0-141.html
ePub_98-3-641-08888-0-142.html
ePub_98-3-641-08888-0-143.html
ePub_98-3-641-08888-0-144.html
ePub_98-3-641-08888-0-145.html
ePub_98-3-641-08888-0-146.html
ePub_98-3-641-08888-0-147.html
ePub_98-3-641-08888-0-148.html
ePub_98-3-641-08888-0-149.html
ePub_98-3-641-08888-0-150.html
ePub_98-3-641-08888-0-151.html
ePub_98-3-641-08888-0-152.html
ePub_98-3-641-08888-0-153.html
ePub_98-3-641-08888-0-154.html
ePub_98-3-641-08888-0-155.html
ePub_98-3-641-08888-0-156.html
ePub_98-3-641-08888-0-157.html
ePub_98-3-641-08888-0-158.html
ePub_98-3-641-08888-0-159.html
ePub_98-3-641-08888-0-160.html
ePub_98-3-641-08888-0-161.html
ePub_98-3-641-08888-0-162.html
ePub_98-3-641-08888-0-163.html
ePub_98-3-641-08888-0-164.html
ePub_98-3-641-08888-0-165.html
ePub_98-3-641-08888-0-166.html
ePub_98-3-641-08888-0-167.html
ePub_98-3-641-08888-0-168.html
ePub_98-3-641-08888-0-169.html
ePub_98-3-641-08888-0-170.html
ePub_98-3-641-08888-0-171.html
ePub_98-3-641-08888-0-172.html
ePub_98-3-641-08888-0-173.html
ePub_98-3-641-08888-0-174.html