Mickey Dime
In den Wänden waren murmelnde Stimmen. Und warum auch nicht? Jetzt konnte alles passieren. Es gab keine Regeln mehr.
Seine Mutter hatte gesagt, Regeln und Vorschriften seien für die an Geist und Körper Schwachen da, für jene, die im Interesse der Ordnung in Schranken gehalten werden mussten. Sie sagte, für Intellektuelle dagegen, für die rechtmäßigen Herrscher über die Kultur, sei eine Koexistenz von Vorschriften und uneingeschränkter Freiheit nicht denkbar.
Aber er glaubte nicht, dass seine Mutter damit gemeint hatte, auch die Naturgesetze müssten abgeschafft werden. Er glaubte nicht, dass ihre Definition von uneingeschränkter Freiheit beinhaltete, die Schwerkraft solle sich zum Teufel scheren.
Vorhin hatte Mickey ein paar Minuten lang an einem der Fenster gestanden und in den Innenhof geblickt. Dort unten war alles verändert. Und es war keine Veränderung zum Besseren. Dort unten sah es grauenhaft aus. Jemand war dafür verantwortlich. Jemand hatte etwas Schlimmes getan. Irgendein inkompetenter Narr.
Der sollte nur warten, bis Mickeys Mutter erfuhr, was passiert war, was auch immer es sein mochte. Sie duldete keine inkompetenten Narren. Sie wusste immer, wie man mit ihnen umsprang. Wartet es nur ab. Er war schon gespannt darauf zu sehen, was seine Mutter tun würde.
Tom Tran war über den gewundenen Fußweg gekommen. Er hatte einen Regenmantel und seinen albernen Schlapphut getragen. Es regnete nicht mehr und er trug trotzdem Regenkleidung. Was für ein Idiot.
Tom Tran war der Hausmeister. Er wurde dafür bezahlt, das Pendleton tipptopp in Schuss zu halten. Wenn jemanden die Schuld an dem traf, was passiert war, dann musste Tom Tran derjenige sein.
Mickey hatte versucht, das Drehflügelfenster aufzukurbeln, damit er Tom Tran auf der Stelle erschießen konnte. Wenn die Dinge sich nicht wieder einrenkten, obwohl er Tom Tran erschoss, dann würde nichts seine Welt wieder ins Lot bringen. Aber das Fenster ließ sich absolut nicht öffnen. Die Kurbel war wohl kaputt oder so was.
Im Innenhof hatte Tom Tran die Tür zum Erdgeschoss erreicht. Mickey spielte mit dem Gedanken, schleunigst runterzulaufen und Tom zu erschießen. Es spielte keine Rolle, ob er Tom draußen oder im Haus erschoss. Allein schon, dass er ihn erschoss, sollte alles wieder in Ordnung bringen.
Ehe Mickey sich von der Stelle rühren konnte, war etwas anderes dort unten über den gewundenen Pfad gewankt. Irgendein Ding. Mit Biologie kannte er sich nicht aus – abgesehen vom Sex natürlich, über den er alles wusste –, aber er glaubte nicht, dass es sich bei dem Ding um eine bekannte Spezies handelte, die in Lehrbüchern abgebildet war. Was auch immer es war, es sah jedenfalls nicht aus wie etwas, das man leicht töten konnte.
Die Wirklichkeit war jetzt anscheinend vollständig außer Kontrolle geraten. Er wandte sich von den Fenstern ab. Was dort draußen im Innenhof los war, verkraftete er einfach nicht mehr. So stand er jetzt schon eine ganze Weile da.
Während er die veränderte Welt nicht in seinen Verstand einlassen wollte, sah er Sparkle und Iris plötzlich lebhafter denn je vor sich. So verlockend. Sie waren seine Fantasie, und doch war der Gesichtsausdruck von beiden hochmütig und verächtlich. Sie erschienen ungebeten vor seinem geistigen Auge und sie verhöhnten ihn. Er musste die Realität im Zaum halten, und fürs Erste musste er sich die Schriftstellerin und ihre Tochter so gefügig machen, dass sie bei Fuß gingen.
Bei Fuß gehen. Das erinnerte ihn an diesen vertrottelt wirkenden Professor, diesen Dr. Ignis, den, der manchmal eine Fliege und eine Jacke mit Flicken an den Ellbogen trug, um Gottes willen. Ignis hatte früher einen Hund gehabt. Einen großen Labrador, den er an einer Leine spazieren führte. Manchmal hatte der Hund Mickey leise angeknurrt. Ignis hatte sich dafür entschuldigt und gesagt, er hätte noch nie geknurrt. Ignis war auch einer, der erschossen werden musste. Das würde wahrscheinlich alles wieder in Ordnung bringen.
Aber wenn diese Welt, mit der etwas schiefgegangen war, ihn weiterhin zurückwies, würde er vorher Sparkle und Iris finden, wo auch immer im Pendleton sie sich aufhalten mochten, und er würde sie so dafür büßen lassen, wie er vor fünfzehn Jahren diese anderen Frauen hatte büßen lassen. Er würde sie grausamer töten, als er jemals jemand anderen getötet hatte. Dann würde garantiert alles wieder seine Ordnung haben.
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