Winny
Er wusste nicht, was Iris zur Flucht veranlasst hatte und wovor sie davongerannt war, aber Winny wusste, worauf sie zurannte, nämlich auf großen Ärger der einen oder anderen Sorte. Er betete, sie würde es ihm nicht noch schwerer machen, als es unbedingt sein musste, ein Held zu sein. Selbst wenn sie autistisch war, hätte sie deutlich erkennen müssen, dass er nicht für diese Rolle ausgestattet war, dass es ihn Mühe kostete, die Lage zu retten, und dass er jede Hilfe gebrauchen konnte, die er bekam.
Aufgrund der unbeholfenen Bewegungen des Mädchens und weil sie sich wie eine Schildkröte in ihren Panzer zurückzuziehen schien, wenn sie unter Menschen war, hatte Winny angenommen, ein schlurfender Gang sei ihre Höchstgeschwindigkeit, doch er hatte sich geirrt. Er glaubte, er würde sie noch in Gary Dais Wohnung einholen und festhalten, bis ihre Moms zu ihnen kamen, aber sie war so schnell, dass es ihm wie Magie erschien; als könnte sie die Tochter einer Windhexe sein, obwohl Mrs. Sykes überhaupt nicht nach irgendeiner Sorte Hexe aussah. Im Hausflur holte er Iris auch nicht ein.
Bevor er ihr durch die Tür zur südlichen Treppe folgte, rief er: »Mom! Die Treppe!« Aber er hatte das ungute Gefühl, sie sei zu weit weg, um ihn zu hören. Wenn er zauderte, würde er Iris verlieren, und allein in diesem Wunderland der Schreckgespenster würde das Mädchen nicht lange am Leben bleiben.
Iris raste ihm davon. Sie rannte die südliche Treppe hinunter, als wüsste sie, wohin sie wollte, und hätte schon gestern dort sein müssen. Obwohl Winny zwei Stufen auf einmal nahm und blindlings um die lange, uneinsehbare Kurve flitzte, fiel die Tür, die sich langsam schloss, beinah vor seiner Nase zu, als er das Erdgeschoss erreichte.
Als er aus dem Treppenhaus herauskam, sah er Iris auf halber Höhe des langen westlichen Flurs an der zweiflügeligen Tür, die in den Innenhof hinausführte und die sie jetzt aufzureißen versuchte. Die Tür schien abgeschlossen oder zugerostet zu sein. Aber Winny erinnerte sich lebhaft an das Ding, das in der Wohnung der Sykes’ auf der Fensterscheibe herumgekrochen war, und an den fliegenden Mantarochen mit Müllabfuhrmaul, und wenn die Dinge im Pendleton auch noch so schlecht standen, dann wusste er doch, dass es draußen viel schlimmer zuging. Er rief ihr zu, sie solle von der Tür wegbleiben, und das tat sie auch, aber nur, um wieder loszulaufen und vor ihm wegzurennen.
Als Iris das Foyer durchquert hatte und in die Nähe der Toiletten kam, gab sie einen schrillen Laut von sich, nicht direkt einen Schrei, eher ein lang gezogenes Wimmern, wie ein Tier, das Schmerzen hat. Sie wich aus, machte einen Bogen um zwei dunkle Umrisse, die auf dem Boden lagen, und sauste noch schneller bis ans Ende des Flures und durch die Tür zur nördlichen Treppe.
Als Winny die Umrisse erreichte, denen Iris ausgewichen war, machte auch er einen Bogen um sie herum, und das Pilzlicht reichte gerade aus, um zu sehen, dass es sich um zwei Gestalten handelte, eine nackt und ganz und gar nicht menschlich, die andere bekleidet und halb menschlich, beide tot, beide mit geborstenem Schädel. Er glaubte nicht, dass er einen Schrei ausstieß, aber er fühlte sich, als würde er schreien, und daher war sein Schrei vielleicht noch viel schriller als der Laut, den Iris von sich gegeben hatte, so hoch, das nur Hunde ihn hören konnten.
Als er das Treppenhaus erreichte, betete er wieder; diesmal wünschte er sich inbrünstig, Iris sei nach oben und nicht nach unten gelaufen, denn er wusste ganz einfach, dass es eine schlechte Idee war, in den Keller zu gehen. Keller waren sogar dann, wenn sie sauber und gut beleuchtet waren und sich in der anderen Welt, in seiner Welt, befanden, wo die meisten Monster menschlich waren, ziemlich oft eine schlechte Idee. Hier war der Keller wahrscheinlich eine Pforte zur Hölle oder zu einem Ort, an den nicht einmal die Höllenbewohner umziehen wollten.
Er hörte die verkrusteten Angeln einer Tür unter sich knarren, als Iris das Treppenhaus verließ.
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