Meine Reisesammlungen

Indien und Israel, Yoga und Aviva Steiners Gymnastik – sie bilden Wurzeln und Stamm des Luna-Yoga. Fehlen also noch Äste und Zweige, Blüten und Blätter, die Früchte des Baums Luna-Yoga. Die wuchsen und entfalteten sich während meiner Reisen in verschiedene Länder der Erde.

Mit Yoga hatte ich 1967 während meines Studiums in Wien begonnen. Maharishi Mahesh Yogi, der auch die Beatles zu Yoga und Meditation geführt hat, war damals mein erster Yogameister. Die verschiedenen LehrerInnen, die ich seitdem hatte, setzten in ihren Kursen unterschiedliche Schwerpunkte: Mal war mein Yoga-Unterricht rein spirituell ausgerichtet, ein andermal ganz auf den Körper bezogen, manche gingen spielerisch vor, andere streng, der eine betonte die Disziplin, die andere legte Wert auf eigene Kreativität.

1978 begann ich eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Auf diesem Grundstock konnte ich meine verschiedenen körpertherapeutischen Weiterbildungen aufbauen. Der weibliche Körper rückte für mich in den Mittelpunkt, als ich Anfang der 1980er Jahre die Diagnose »carcinoma in situ« am Gebärmutterhals erhielt. Und das mir, wo ich doch so lange schon gesund lebte: Jahrelang hatte ich mich nur von Früchten und Salaten ernährt, mich regelmäßig in der freien Natur bewegt, brav meine Hatha-Yoga-Übungen befolgt, meditiert. Schock, Ernüchterung, Nachdenken und Nachsinnen wechselten sich ab. Wo war in dieser strengen Disziplin meine Lebenslust geblieben?

Ich hatte mein Leben stark nach meinem Beruf – der mir großen Spaß machte – ausgerichtet. Ich arbeitete als Redakteurin bei Nachrichtenagenturen. In all diesem technischen Funktionieren schien etwas zu fehlen. Ich hatte mich in einem damals noch stark männlich geprägten Beruf durchgesetzt, war so gut wie die Männer und hatte meinen Rhythmus außer Acht gelassen. Monatelang, manchmal ein oder zwei Jahre setzte meine Periode aus. Da stimmte etwas nicht. Mir dämmerte, dass Lebendigsein sich in wechselnden Stimmungen ausdrückt und nichts mit maschineller Gleichförmigkeit gemein hat. Ich wandte mich meinem Zyklus zu und von meinem Beruf ab, kündigte meine Stelle als Redakteurin bei der französischen Nachrichtenagentur afp in Paris und beschäftigte mich mit meiner Erkrankung, um wieder gesund zu werden. Ich wollte die Ursachen erkennen.

Ich betrachtete meine Ängste, die mit meinem Frausein zusammenhingen, und überlegte, was mir denn wirklich gefallen würde. Ich wollte leben mit Lust und Laune und nicht mehr kämpfen und konkurrieren. Ich wollte nichts mehr beweisen müssen, sondern leben und sein.

Ich sah mir unsere Katzen an, überhaupt Tiere – wie verhalten sich die, wenn sie krank sind? In der freien Natur gibt es keine MedizinerInnen, die ihnen etwas wegschneiden, kein Krankenhaus, in dem sie bestrahlt werden. Zudem hatte ich als Jugendliche miterlebt, wie meine Mutter trotz intensiver und invasiver Behandlungen im Spital an Dickdarmkrebs starb. Ich misstraute der Krankenhausmedizin, die mir zur Totaloperation riet, und vertraute meinen Selbstheilungskräften. Alternativen zur Schulmedizin fand ich mit Hilfe meiner FreundInnen. Ich ließ mich akupunktieren, nahm homöopathische Mittel ein und wurde massiert. Ich spritzte mir Mistelextrakt, ging in Psychotherapie und nahm Atem- und Klangstunden. In einer zweijährigen Psychoanalyse nach C. G. Jung kam ich mir, meiner Individualität näher. Ich probierte Diäten und verschiedene Massagen. Die Diäten ließ ich allerdings bald sein, denn sie nahmen mir die Lust am Essen. Ich verließ mich auf mein eigenes Gespür und aß, wonach ich Verlangen hatte. Das war weiterhin vegetarisch, doch nicht mehr nur Rohkost. Das machte mich auch wieder sozialer, konnte ich doch unbekümmert Essenseinladungen annehmen und genüsslich auch gekochtes Gemüse verspeisen. Ich stocherte nicht länger lustlos in meinen Salaten herum oder kaute einen ganzen Abend an einer Mohrrübe oder einem Apfel.

Ich glaube nicht, dass Krankheiten eine einzige Ursache haben. Deshalb habe ich auf vielen Ebenen nach Heilung gesucht. Nach zwei Jahren war das carcinoma in situ nicht mehr nachweisbar. Ich hatte viel gelernt – nicht immer nur leicht: Oft war der Weg mühsam, Zweifel kamen auf. Doch war die Erleichterung groß, als der PAP-Abstrich, der mehrmals mit dem Prädikat V bedacht wurde, nach zwei Jahren sogar die allerbeste »Note«, nämlich I, bekam. Lebensmut und Lebensfreude kehrten wieder. Seit damals arbeite ich selbstbestimmt und frei.

Durch die Auseinandersetzung mit meinem Kranksein war ich zum Gesundsein gekommen, hatte begriffen, dass beides zusammengehört. Denn meine spezielle Erkrankung wies mir auch einen speziellen Weg zu meinem Frausein. So entwickelte ich Luna-Yoga.

Wegen meines carcinoma fuhr ich 1981 zu Aviva Steiner nach Israel und begeisterte mich sofort für ihren Ansatz und ihre Methode. Denn als ich bei ihr ankam und meine ersten Stunden bei ihr nahm, hatte ich zuvor mehr als zwei Jahre nicht menstruiert. Nach vier Tagen kam eine Blutung. Das erstaunte und faszinierte mich, ich wollte mehr über diese Bewegungsmuster herausfinden. Bei Aviva Steiner habe ich Übungen gefunden, die Spaß machten. Endlich. Und sie waren eigens für Frauen. Von da an habe ich überall nach Übungen, Bewegungen, Tänzen für Frauen und für die Fruchtbarkeit Ausschau gehalten.

Die unterschiedlichen Rollen von Frau und Mann in den verschiedenen Ländern und Kulturen und der Rückblick in die Geschichte eröffnen neue Ausblicke für unsere eigene Lebensgestaltung. Das Ausprobieren wie auch das Sich-Aneignen anderer Bewegungsformen macht uns freier, gibt uns mehr Möglichkeiten zum Gesundsein zu gelangen.

Die Bewegungskünste in den alten Traditionen weisen häufig einige Gemeinsamkeiten auf – Ausdruck dafür, dass sich der Menschenkörper im Verlauf der Jahrtausende relativ gleich geblieben ist. Auch betonen viele alte Bewegungsschulen das rechte Maß. Dieser Gedanke des Maßhaltens zieht sich über alle Kontinente. Immer wieder wird zudem auf den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung hingewiesen, wird Bezug genommen auf Zyklen und Rhythmen. Und festgelegte Formen wie spontane und impulsive Aktivitäten existieren gleichwertig nebeneinander.

Äste und Zweige des Baums Luna-Yoga, die sich während meiner Reisen bildeten, sind nun nicht immer direkt als diese oder jene Bewegung, dieses oder jenes Ritual aus einer bestimmten Kultur nachweisbar. Viele Ideen strömten indirekt ein, nährten Luna-Yoga von innen heraus. Strukturen gestalteten sich, Formen festigten und verflüssigten sich wieder.

Aus der Vielfalt der Reisemitbringsel möchte ich nur ein paar herausgreifen. Im klassischen Yoga in Indien wird meist noch streng die Disziplin in den Mittelpunkt gestellt. Auch Aviva Steiner in Israel hat ihre Menstruationsgymnastik nach klaren Regeln gegliedert. Unsere westliche Arbeitswelt weist aber schon so viele Normen auf, dass etwas Heilsames eher aus dem offenen Chaos erwachsen kann. Diese Freiheit im Umgang mit alten Traditionen fand ich in den USA und Kanada. Dort konnte ich erleben, wie uralt-ehrwürdige Künste neugierig betrachtet und auf ihre Eignung zur Integration überprüft werden. Das, was guttut, wird übernommen; was nicht bekömmlich ist, lässt man weg. Ohne Skrupel oder Sorge, damit etwas zu verfälschen. »Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche«, soll der österreichische Komponist und Dirigent Gustav Mahler (1860–1911) in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Zeitgenossen zugerufen haben, als sie seine modernen Musikdarbietungen kritisierten.

Mit dem Feuer der Begeisterung bleibt die Lebendigkeit erhalten, und das, was dabei entsteht, ist dem heutigen Menschen angemessen. Darin findet sich auch wieder die Forderung nach dem Maß.

Lust an der Bewegung fand ich bei AfrikanerInnen. Einfach tänzeln, den Impulsen des Körpers nachgeben, sich wiegen und drehen, springen und hüpfen und die Fähigkeit, beim eigenen Rhythmus zu bleiben, scheint ihnen in die Wiege gelegt worden zu sein. Wir können es lernen. Dabei geht es nicht nur darum, bei sich selbst zu bleiben, beim Eigenen, sondern zugleich in die Begegnung zu treten, sich in Kontakt und Kommunikation mit den anderen zu bewegen. All das bezieht sich nicht nur auf körperliche Bewegung oder bleibt Tänzen bei Festen oder Feiertagen vorbehalten, sondern darf spielerisch als Handlungsmöglichkeit in den Alltag hineingeholt werden.

Im Norden Ugandas saß ich abends meist mit den Frauen des Acholi-Stammes zusammen. Wir guckten in den Himmel, zu den Sternen, zum Mond und manchmal begann eine zu singen, eine andere klatschte, und einige fingen an zu tanzen.

Der sonntägliche Gottesdienst in der katholischen Kirche endete regelmäßig damit, dass alle tanzten.

Im indianischen Gedankengut wird die Kraft der Frau besonders in ihrer Mens gesehen. Zu bluten, ohne zu verbluten, erscheint einigen traditionellen Kulturen auf dem amerikanischen Kontinent als großes, verehrungswürdiges Mysterium. Die Fähigkeit zu entscheiden, ob Leben gegeben wird oder nicht, ehren Indianer wie Indianerinnen sehr. Daran können wir westlich geprägten Frauen uns orientieren: Begreifen wir unsere Blutung nicht länger als lästiges Übel, können wir spüren, welche Stärke darin liegt. Davon können Männer unserer Kultur lernen: Wenn wir frei und verbunden miteinander leben und neue Formen des Zusammenlebens kreieren wollen, sind Respekt und Vertrauen wichtige Voraussetzungen. So kann Menstruation auch zum Thema für Männer werden: Wenn sie mit Frauen leben, gehört es dazu. Neues Verständnis füreinander kann daraus erwachsen. In matriarchalen indianischen Kulturen herrscht nicht die Frau über den Mann, sondern beide tragen Verantwortung für unterschiedliche Lebensbereiche. Matriarchat heißt eben nicht »Herrschaft über«, sondern die griechische Wortwurzel bezeichnet den Ursprung, die Abstammung. Männer und Frauen haben eigene Rituale zur Stärkung ihrer persönlichen Kräfte und gemeinsame Riten, um die Gemeinschaft zu fördern. Mann und Frau begegnen sich so als gleichwertige, gleichermaßen kraftvolle Menschen.

Ich schreibe hier viel von und über Frauen. Einmal, weil ich selbst eine bin, und zum andern arbeite ich viel mit Frauen. Dazu kann ich Aussagen treffen. Gleichwohl glaube ich, dass das hier Gesagte auch Männer angeht. Nämlich in dem Sinne, dass wir zusammen in neuen Formen leben und nicht in unbrauchbar gewordenen Konventionen erstarren wollen. So möchte ich Luna-Yoga nicht als beschnittenes Zierbäumchen hinstellen, sondern als einen Baum wachsen lassen, wie ihn der türkische Dichter Nazim Hikmet beschreibt:

»Leben
einzeln und frei
wie ein Baum
und brüderlich wie ein Wald
ist unsere Sehnsucht«

Und schwesterlich geht es sicher genauso gut.

Luna-Yoga: Der sanfte Weg zu Fruchtbarkeit und Lebenskraft: Der sanfte Weg zu Fruchtbarkeit und Lebenskraft. Tanz- und Tiefenübungen.
titlepage.xhtml
978-3-641-08899-6.html
978-3-641-08899-6-1.html
978-3-641-08899-6-2.html
978-3-641-08899-6-3.html
978-3-641-08899-6-4.html
978-3-641-08899-6-5.html
978-3-641-08899-6-6.html
978-3-641-08899-6-7.html
978-3-641-08899-6-8.html
978-3-641-08899-6-9.html
978-3-641-08899-6-10.html
978-3-641-08899-6-11.html
978-3-641-08899-6-12.html
978-3-641-08899-6-13.html
978-3-641-08899-6-14.html
978-3-641-08899-6-15.html
978-3-641-08899-6-16.html
978-3-641-08899-6-17.html
978-3-641-08899-6-18.html
978-3-641-08899-6-19.html
978-3-641-08899-6-20.html
978-3-641-08899-6-21.html
978-3-641-08899-6-22.html
978-3-641-08899-6-23.html
978-3-641-08899-6-24.html
978-3-641-08899-6-25.html
978-3-641-08899-6-26.html
978-3-641-08899-6-27.html
978-3-641-08899-6-28.html
978-3-641-08899-6-29.html
978-3-641-08899-6-30.html
978-3-641-08899-6-31.html
978-3-641-08899-6-32.html
978-3-641-08899-6-33.html
978-3-641-08899-6-34.html
978-3-641-08899-6-35.html
978-3-641-08899-6-36.html
978-3-641-08899-6-37.html
978-3-641-08899-6-38.html
978-3-641-08899-6-39.html
978-3-641-08899-6-40.html
978-3-641-08899-6-41.html
978-3-641-08899-6-42.html
978-3-641-08899-6-43.html
978-3-641-08899-6-44.html
978-3-641-08899-6-45.html
978-3-641-08899-6-46.html
978-3-641-08899-6-47.html
978-3-641-08899-6-48.html
978-3-641-08899-6-49.html
978-3-641-08899-6-50.html
978-3-641-08899-6-51.html
978-3-641-08899-6-52.html
978-3-641-08899-6-53.html
978-3-641-08899-6-54.html
978-3-641-08899-6-55.html
978-3-641-08899-6-56.html
978-3-641-08899-6-57.html
978-3-641-08899-6-58.html
978-3-641-08899-6-59.html
978-3-641-08899-6-60.html
978-3-641-08899-6-61.html
978-3-641-08899-6-62.html
978-3-641-08899-6-63.html
978-3-641-08899-6-64.html
978-3-641-08899-6-65.html
978-3-641-08899-6-66.html
978-3-641-08899-6-67.html
978-3-641-08899-6-68.html
978-3-641-08899-6-69.html
978-3-641-08899-6-70.html
978-3-641-08899-6-71.html
978-3-641-08899-6-72.html
978-3-641-08899-6-73.html
978-3-641-08899-6-74.html
978-3-641-08899-6-75.html
978-3-641-08899-6-76.html
978-3-641-08899-6-77.html
978-3-641-08899-6-78.html
978-3-641-08899-6-79.html
978-3-641-08899-6-80.html
978-3-641-08899-6-81.html
978-3-641-08899-6-82.html
978-3-641-08899-6-83.html
978-3-641-08899-6-84.html
978-3-641-08899-6-85.html
978-3-641-08899-6-86.html