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Bitte, erlaub mir, dass ich heute Nacht im Krankenhaus bleibe! Du bist müde, und es ist besser, wenn du heute Abend bei Mama bleibst.«
»Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist …«
»Natürlich ist das eine gute Idee! Morgen früh löst du mich ab, und ich verschwinde ohne lange Diskussionen.«
»Na gut, aber nur, weil deine Mutter mich braucht.« Er küsst mich auf die Wange. Dann nimmt er seinen Mantel und verlässt das Zimmer.
Simona hatte am Nachmittag einen Schwächeanfall. Ihre Nerven haben die Anspannung nicht mehr mitgemacht. Sie hat geschluchzt und geschrien, sie wollte ihren kleinen Jungen zurück. Sie hat sogar versucht, ihn wachzurütteln. Die Krankenschwestern mussten ihr ein Beruhigungsmittel geben, jetzt braucht sie dringend Ruhe.
Ich blicke hinaus auf die Landschaft, auf der anderen Seite des Fensters. Die Nacht ist so dunkel wie nie. Im Zimmer steht eine kleine Liege, aber keiner von uns hat sie bis jetzt benutzt. Ich setze mich auf den üblichen Stuhl, obwohl mein Rücken mörderisch schmerzt. Vielleicht ist das meine Methode, mich zu bestrafen.
Mit dem Verband um den Kopf und all diesen Schläuchen sieht mein Bruder noch kleiner und verletzlicher aus als je zuvor. »Marcolino, weißt du eigentlich, dass wir uns wirklich Sorgen um dich machen? Schlag die Augen auf, jetzt sag mir schon, dass ich dich nicht so nennen soll.«
Er bewegt sich nicht.
»Ich werde dich zu dem verlassenen Turm bringen, ich bringe dich hin, wo immer du willst …« Wenn es einen Gott gibt, möchte ich, dass er meine Gebete erhört.
Die Ärzte haben gesagt, je länger Marco in diesem Zustand verharrt, desto schwieriger wird das Aufwachen und dass es Komplikationen geben könnte.
Nimm doch mich! Er hat das alles nicht verdient, er ist doch noch ein Kind! Er sollte an nichts denken müssen außer ans Spielen und daran, jeden Tag die Wunder dieser Welt zu entdecken.
Ich lasse den Kopf hängen.
»Bitte …«, sage ich unter Tränen.
Eine Hand in meinen Haaren. Ein sanftes Streicheln.
Ich schaue auf. Mikael steht vor mir.
Die Tür ist geschlossen, wie kurz zuvor. Ich frage mich nicht, wie er hier hereingekommen ist.
Das hier ist kein Traum.
Ich stehe mit zitternden Beinen auf. »Es ist alles meine Schuld«, bringe ich schluchzend hervor. »Hätte ich mich mehr um ihn gekümmert, wäre das nicht passiert. Ich vernachlässige ihn seit Wochen.«
Mikaels Augen sind ganz hell. Sie bringen Licht in das Dunkel, das seit Tagen mein Herz fest umklammert hält. Er wirkt nicht wie ein Dämon, eher wie ein tröstender Engel.
Wieder streichelt mich seine weiche Hand und wischt mir die Tränen ab.
»Er hatte mich gebeten, mit ihm ins Kino zu gehen … Bitte, Mikael, sag mir, dass er nicht sterben wird. Wenn ihm etwas zustößt, würde ich …«
»Weine nicht, ich bin hier, um dir zu helfen. Es wird alles gut.«
»Danke, dass du gekommen bist. Du weißt immer, wenn ich es wirklich brauche, dass mich jemand in den Arm nimmt. Du hast mir so gefehlt …«
»Ich war immer bei dir. Ich habe dich still aus der Entfernung beobachtet.«
»Es war ein Fehler, dass ich dich gebeten habe, mich in Ruhe zu lassen. Ohne dich habe ich mich gefühlt, als würde ich sterben. Oder vielleicht bin ich sogar gestorben und habe es nicht bemerkt. Ich liebe meinen Bruder. Er ist mein kleiner Frosch …«
Die Gedanken sprudeln ungeordnet und heftig aus mir heraus.
Mikael umfängt mich mit seinen Armen, ich kann einfach nicht aufhören zu weinen. Ich atme den Duft seiner Haut ein.
Er befreit sich sanft aus meiner Umarmung und hilft mir, mich zu setzen. Dann geht er vor mir in die Knie, sieht mir intensiv in die Augen.
Als wollte er in meinem Herzen lesen.
Er führt meine Hand an die Lippen und küsst sie. Dann steht er auf, und einen Moment lang befürchte ich, dass er jetzt geht. Aber stattdessen stellt er sich neben meinen Bruder.
Er senkt langsam die Hände, eine liegt jetzt auf Marcos Stirn und die andere auf seiner Brust.
Darauf schließt er die Augen, und ein blaues Licht überträgt sich von seinen Händen auf den Körper meines Bruders.
Ich halte den Atem an. Mikaels Gesichtszüge verzerren sich. Er scheint großen Schmerz zu empfinden und zugleich grenzenloses Mitgefühl.
Mich erfüllt eine tiefe Wärme, und ich empfinde keine Angst mehr.
Allmählich wird das blaue Licht schwächer, bis es schließlich ganz verschwindet.
Mikael ist blass, er taumelt auf unsicheren Beinen einen Schritt zurück, als hätte er eine ungeheure Anstrengung hinter sich gebracht. Ich begreife zwar nicht, was passiert ist, aber ich ahne, dass dies ein heiliger Moment war.
Jetzt sehe ich alles wie durch einen Schleier. Die Luft wirkt, als hätten tausend Kerzen gebrannt und wären alle gleichzeitig erloschen.
»Scarlett?« Die helle Kinderstimme meines Bruders.
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Eine Welle des Glücks überschwemmt mich, so heftig, dass es mir den Atem raubt.
»Marco! Du bist wieder da … hier bei uns!« Und ich umarme ihn. Ich küsse ihn auf die Wangen, ich bade ihn in meinen Tränen.
»Warum weinst du?«, fragt er.
»Weil ich glücklich bin. Ich hab dich so lieb, Marco.«
»Ich dich doch auch, aber lass das … ich bin doch kein Mädchen!«
Ich lache und weine gleichzeitig. Noch einmal sage ich ihm, wie gern ich ihn habe, dann drehe ich mich um und will Mikael danken.
Er ist nicht mehr da.
Ich laufe zum Fenster. Dort ist nur die Nacht. Aber sie ist nicht mehr ganz so dunkel.
»Ich liebe dich«, sage ich leise.