65

Streik! Die Schüler der dreizehnten Klasse haben sich zu kleinen, lärmenden Gruppen zusammengeschlossen und versperren den Jüngeren entschlossen den Weg. »Wir lassen nicht zu, dass man unsere Privatsphäre mit Füßen tritt«, sagt ein langhaariger Typ.

»Es gibt ein entsprechendes Gesetz, das uns schützt«, stimmt ihm ein anderer zu.

»Aber sie tun das doch nur zu unserem Schutz! Nach allem, was passiert ist, kann man sich nicht einmal mehr in der Schule sicher fühlen!«, mischt sich Caterina ein.

»Ja, das wollen sie dir einreden. Es wird aber auch im Park und in der Schulmensa Videokameras geben; so können sie uns überwachen. Dann werden sie genauso wissen, wenn wir mal eine rauchen.«

»Außerdem hast du doch sicher kein Problem damit, wenn der Unterricht jetzt ausfällt«, fügt der Langhaarige hinzu.

»Also, ich bestimmt nicht! Ich habe nichts für Geschichte gelernt«, sagt Genziana.

»Lasst mich durch …« Wir drehen uns gleichzeitig um. Livio scheint in Schwierigkeiten zu stecken. Ein paar Jungs halten ihn am Arm fest.

Ich gehe dazwischen. »Was ist hier los?«

»Dieser Streber will unbedingt zum Unterricht«, antwortet einer der Rabauken.

Livios Gesicht ist gerötet, und er stottert: »D-die lassen mich nicht rein.«

»Lasst ihn in Ruhe! Ihr seid doch hier, um eure Meinung zu verteidigen, nicht um sie anderen aufzuzwingen.«

»Scarlett?« Mikaels Stimme.

Seine Anwesenheit genügt, und die Gruppe löst sich unverzüglich auf.

Livio ist nicht mehr da. Ich sehe, wie er im Flur verschwindet.

Mikael macht ein finsteres Gesicht und hat die Hand an seinem Anhänger, während er sich umschaut.

»Ist irgendetwas nicht in Ordnung?«, frage ich.

»Hier sind zu viele Leute …« Ich folge ihm an einen etwas ruhigeren Platz. »Was ist passiert?«, fragt er.

»Das war einer aus meiner Klasse … Sie wollten ihn nicht durchlassen. Er ist wie ich erst dieses Jahr hierhergezogen und sehr schüchtern.«

»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst auf dich aufpassen, stattdessen gehst du los und verteidigst einen, der sich nicht einmal die Mühe macht, sich bei dir zu bedanken!« Er schaut sich immer noch unruhig um. »Lass uns von hier verschwinden.«

Ich nicke. Wir gehen in Richtung Motorrad.

»Hast du Lust, mit mir an einen ganz besonderen Ort zu fahren?«

Etwas, das mit »uns beiden« und »einem besonderen Ort« zu tun hat – das klingt, als sollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. »Jaaa!«, antworte ich begeistert.

Jemand rempelt Mikael an. Umberto! Die beiden sehen einander feindselig an. Demonstrativ hake ich mich bei Mikael unter und werfe Umberto einen unmissverständlichen Blick zu.

Die Straße rast unter uns hinweg. Das Motorrad brüllt wie eine Naturgewalt. Ich umarme Mikael fest, der Wind spielt mit meinen Haaren, und die Sonne hat eine ungewöhnliche Kraft für diese Jahreszeit. Er hat mir nicht sagen wollen, wohin er mich bringt, aber die Straßenschilder verraten ihn. Florenz.

Etwa vierzig Minuten später stehen wir auf der Piazza della Signoria.

Mikael ist schöner als je zuvor. Seine Züge sind genauso vollkommen wie die der Statuen, die uns hier umgeben. Ich kann nicht umhin, die königliche Haltung und die Kraft von Perseus zu bewundern, der das Haupt der Medusa triumphierend hochhält. Dann sehe ich Mikael an und stelle mir vor, wie er mit gezücktem Schwert gegen einen Dämon kämpft.

Da fällt mir auf, dass sich eine kleine Gruppe Touristen mehr für meinen Begleiter interessiert als für die Statuen in der Loggia. Auf ihn sind mehr Augen gerichtet als auf die Kopie von Michelangelos David, die nur wenige Schritte von uns entfernt ist.

»Ich bin so glücklich, mit dir hier zu sein.«

»Ich auch. Obwohl solche Extratouren nicht gerade das sind, was man von einem untadeligen Wächter erwartet. Weißt du was? Meine Rolle hat mich immer so erfüllt, dass ich nie eine Regel übertreten habe. Selbstkontrolle ist eine Form von äußerst starker Macht, aber … Es ist, als würdest du einen Schalter umlegen und deine Gefühle ausschalten.« Er streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, und mir läuft ein Schauer über den Rücken. »Du hast sie wieder eingeschaltet«, flüstert er.

Mikael nimmt meine Hand, und ich lege den Kopf an seine Schulter. Wir sehen aus wie all die anderen Paare, die einen romantischen Ausflug in eine der schönsten Städte der Welt machen.

Es gibt so vieles, was ich ihm gern sagen würde … Aber ich schweige.

Wir stehen auf dem Ponte Vecchio mit seinen alten Steinen und den Läden der Goldschmiede, die mit Holzplanken über dem Arno abgestützt sind. Das Wasser strömt mächtig unter uns hindurch, genauso reißend wie der Strudel der Gefühle, die in mir toben.

»Ich möchte dir einen Song vorspielen. Sag mir, was du davon hältst.« Er holt den iPod heraus und setzt mir zärtlich die Kopfhörer auf.

Der Text ist in Englisch. Er handelt von einem Mädchen, dessen Augen wie Sterne leuchten und das von einem anderen Planeten kommt. Der Held des Songs verliebt sich rettungslos und würde sein Leben für das Mädchen geben. Aber ihre Welten sind zu verschieden und um zusammen sein zu können, müssen sie Regeln verletzen.

Als das Lied abbricht, habe ich Tränen in den Augen.

Ich sehe ihn an. Die Spannung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Augenbrauen bilden einen vollkommenen Bogen, der den reinen Blick seiner Eisaugen einrahmt. Die vollen Lippen sind leicht geöffnet und lassen das Weiß der Zähne durchschimmern.

Ich bekomme weiche Knie. »Es ist wunderschön … atemberaubend. Der Stil erinnert an die Dead Stones, aber die Stimme … Sie geht so tief, als würde sie direkt zum Herzen sprechen.«

»Ich habe den Song gestern Abend aufgenommen, aber er ist noch nicht fertig. Meine Stimme klingt nicht so durchdringend wie die von Vincent, und es fehlen noch die Tonspuren der anderen Instrumente. Ich habe ihn in einem Atemzug geschrieben und dabei an dich gedacht … Du solltest ihn vorab hören. Er heißt Girl from the Stars. Wir werden ihn bei dem Konzert am Ersten Mai spielen.«

Aber dann … bin ich ja wirklich das Mädchen, dessen Augen leuchten wie Sterne!

Er lächelt. Ich mache einen Schritt auf ihn zu. Sanft fährt er über den Leberfleck an meiner Lippe und hebt dann mit seinen Fingern mein Kinn an. Er beugt sich über mich. Ich schließe die Augen und öffne leicht die Lippen.

»Entschuldigt! Könntet ihr ein Foto von uns machen?« Zwei Touristen in bunten Regenmänteln und komischen Kopfbedeckungen halten uns eine Kamera hin. Sie umarmen einander und sagen: »Cheese!« Der idyllische Moment ist vorüber.

Mikael starrt auf das Wasser, das unter uns hindurchfließt. Plötzlich ist er wieder ganz melancholisch.

»Wie geht es aus?«, frage ich ihn.

»Das weiß ich noch nicht. Vielleicht opfert er sich, damit das Mädchen, das er liebt, ein friedliches Leben führen kann. Vielleicht wird sie in Zukunft hin und wieder an ihn denken.«

»Wie kannst du nur so etwas sagen! Sie zieht bei Weitem ein chaotisches Leben an seiner Seite einer unausgefüllten Ruhe vor!«

»Scarlett, das Leben ist kein Märchen. Die beiden sind so verschieden, sie kommen aus so gegensätzlichen Welten, und jeder Tag, den sie zusammenbleiben … erhöht die Gefahren.«

Die Sonne ist hinter Wolken verschwunden, die Luft ist kühl geworden. Ich gehe los, um Mikael und diesen Worten, die mir wehtun, zu entkommen.

Dieses Mal bin ich so wütend, dass ich es schaffe, den Helm selbst zu schließen.

Mikael beschleunigt bis zum Anschlag, und das Motorrad frisst die Kilometer der Straße unter uns.

Seltsamerweise habe ich keine Angst. Ich weiß, wenn ich mit ihm zusammen bin, kann mir nichts Böses widerfahren, selbst wenn mein Knie in jeder Kurve nur einen Zentimeter über dem Asphalt ist. Auch wenn er sich zwischen den Autos hindurchschlängelt und dabei keine Anstalten macht, langsamer zu werden.

Ich weine lautlos.

Die Straße, so grau wie meine Augen, nimmt meine Tränen auf.

Dann gewinnt mein Zorn die Oberhand. »Das Mädchen von den Sternen würde auf ein ganzes Leben verzichten, nur um ihn zu umarmen!«, schreie ich. »Das Mädchen von den Sternen will keine Angst mehr haben, es will leben. Und Leben heißt Lieben«, flüstere ich dann.

Ofelias Armreif glitzert an meinem Handgelenk.

Mikael sagt nichts, aber allmählich durchdringt mich ein Gefühl der Wärme. Ich treibe durch ein gedämpftes Universum, im Hintergrund ertönt Girl from the Stars, und mein Bild schwebt zwischen den Sternen. Mikael gestattet mir noch einmal einen Blick in sein Herz. Er kann zwar mit Worten versuchen, mich von sich zu entfernen, aber seine Seele lügt nicht.

Girl from the Stars, take me away from all this darkness, Mädchen von den Sternen, bring mich weg aus all dieser Dunkelheit. Seine Stimme klingt melodisch und tief. Noch nie hat mir jemand etwas so Schönes gewidmet, ich hätte so gern, dass es auch auf der Bühne von ihm gesungen wird.

Und einen Moment lang sind wir auf der menschenleeren Straße eins.