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Mein Körper ist erschöpft, aber mein Verstand hört nicht auf zu arbeiten. Das Bett ist vom vielen Hin- und Herwälzen schon ganz zerwühlt, das Fenster zieht mich magisch an wie eine Fata Morgana in der Wüste. Ich habe das dringende Bedürfnis, den bedrückenden Wänden meines Zimmers zu entkommen. Daher schlüpfe ich jetzt in mein Katzensweatshirt. Vielleicht hilft mir ja die kalte Luft da draußen, ruhiger zu werden.
Ich klettere über das Fensterbrett hinaus und setze mich auf das abschüssige Vordach. Der verlassene Turm erhebt sich in der Ferne vor mir. Auch er wirkt irgendwie traurig.
In Gedanken konzentriere ich mich auf Mikael und rufe ihn. Ich weiß, dass er mich hören kann. Er muss mich hören. Obwohl ich vor Kälte zittere, rühre ich mich nicht vom Fleck. Wenn er in der Nacht in der Bibliothek meine Angst wahrnehmen und zu meiner Rettung herbeieilen konnte, dann kann er vielleicht auch jetzt spüren, dass ich erfriere und dass ich mich nicht von hier fortbewege, bis er bei mir ist.
Die Nacht ist feucht und eisig, ich spüre, wie meine Lippen kalt werden, die Zehen an den Füßen sind trotz der dicken Socken ganz klamm geworden.
Sein Schatten zeichnet sich unter mir im runden Lichtschein einer Straßenlaterne ab.
Ein wenig steif laufe ich zu ihm in den Hof hinunter.
Ich verberge meine tränengefüllten Augen unter der Kapuze. Wir setzen uns auf die Schaukeln. Wie oft habe ich mir diese Szene vorgestellt. Aber nicht so, nicht in diesem Zustand.
Ich beschließe, das Schweigen zu brechen.
»Wie konntest du nur?«
»Ich musste es tun.«
Er versucht gar nicht erst, es abzustreiten, aber ich kann mich über seine Ehrlichkeit nicht freuen. Ich hätte mir gewünscht, dass eine tiefere Wahrheit dahintersteckte, die nicht so wehtut.
»Das Gleichgewicht zwischen der Welt der Menschen und der Dämonen muss geschützt werden. Das ist Teil des Paktes. Umberto wurde gefährlich. Er hätte Probleme bekommen, wenn er seine merkwürdigen Nachforschungen weiter betrieben hätte.«
»Was denn für Probleme? Hättest du dich wieder in ein Monster mit Fledermausflügeln verwandelt und seine Seele ausgesaugt?« Aus mir spricht die blanke Wut.
»Du bist ungerecht. Du weißt doch, dass ich einem Menschen niemals etwas antun würde. Ich bin ein Wächter. Ich bin hier, um euch zu beschützen.« Ich spüre seinen Blick auf mir, aber ich weiche ihm aus.
»Und so schützt du uns?«, fahre ich ihn an. »Du hast Umberto vom ersten Augenblick an gehasst.«
»Ich habe ihn nie gehasst. Was ich heute getan habe, diente einer höheren Sache. Ich darf meine Kräfte nicht für persönliche Zwecke einsetzen, damit würde ich selbst den Pakt brechen und müsste mich einem Urteil und einer Strafe stellen. Ich habe dir doch erklärt, dass es unumstößliche Regeln gibt, was die Beziehung zwischen den beiden Welten betrifft.«
»Trotzdem hast du das schon mal getan, da bin ich mir ganz sicher. Und zwar bei Vanzi, an jenem Morgen in der Schule. Du hast ihn davon überzeugt, dass ich aus gutem Grund zu spät gekommen bin. Da hast du auch deine Kräfte eingesetzt, oder?«
»Das stimmt so nicht. Damals habe ich nur meine Überzeugungskraft eingesetzt. Vielleicht ist sie etwas ausgeprägter als bei einem Menschen, das kann schon sein. Aber es ist bloß ein Teil meiner persönlichen Eigenschaften.«
»Das verstehe ich nicht …«
»Wenn ich meine Kräfte einsetze, dann bedeutet das, dass ich in den natürlichen Ablauf des Lebens der Menschen eingreife, und bei Umberto konnte ich nicht anders. Ich habe die Erinnerungen an das gelöscht, was er herausgefunden hatte, um ihm das Leben zu retten und dich zu beschützen, Scarlett. Edoardo ist tot, du wurdest angegriffen. Begreifst du denn nicht, dass das hier kein Spiel ist?«
»Ich weiß selbst, dass das kein Spiel ist, aber ich stecke doch schon mittendrin! Ich habe Edoardo Gerechtigkeit versprochen und werde nicht aufhören, zu versuchen, Licht in das Rätsel um seinen Tod zu bringen, ob dir das jetzt passt oder nicht.«
»Ich hatte dich gebeten, damit aufzuhören.«
»Und wenn nicht? Was wirst du dann tun? Auch meine Erinnerungen löschen? Dann hättest du ein Problem weniger.«
»So etwas würde ich niemals tun, und das weißt du auch. Ich habe mein Dasein in deine Hände gelegt, als ich beschlossen habe, dich zu retten. Du bedeutest jetzt alles für mich …«
»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Erinnerungen sind unser wertvollstes Gut. Sie gehören nur uns selbst, sie definieren uns als das, was wir sind, und keiner kann sie uns nehmen. Umberto hat vielleicht einen Fehler gemacht, aber eine solche Strafe hat er nicht verdient.«
»Versteh doch, es war keine Bestrafung! Umberto ist das Opfer in einem viel größeren Krieg, einem Krieg, den ich seit Langem kämpfe. Einem Krieg gegen die Dunkelheit.«
Ein Regentropfen auf meiner Hand. Auch der Himmel möchte weinen.
Mikael steht auf. Er steht jetzt direkt vor mir. Nach dem, was passiert ist, kann ich ihm nicht mehr in die Augen sehen.
»Was ich dir jetzt sage, ist eines der Geheimnisse, die ich am strengsten beschützen müsste. Aber ich will dir beweisen, dass ich dir vertraue, Scarlett.«
Ich antworte nicht, sondern beschränke mich darauf aufzuschauen, obwohl ich weiß, dass ich seinem Blick nicht lange standhalten kann.
»Umberto hat in den Zeitungsarchiven nachgeforscht, die in der historischen Bibliothek der Stadt aufbewahrt werden. Er hat herausgefunden, dass in den letzten achtzehn Jahren kein Lancieri bei einem Flugzeugunglück umgekommen ist. Und nicht nur das. Er hat in der Villa Montebello Ofelias Dienstboten mit Fragen gelöchert, um Informationen über das Waisenhaus zu erhalten, aus dem sie adoptiert wurde.«
»Und wie hätten diese Informationen über eure Familien euch in Gefahr bringen können?«
»Keiner von uns hat eine Familie. Und früher oder später hätte Umberto das in seinem Zorn oder seiner Eifersucht herausgefunden.«
»Wie ist das möglich?«
»Ich habe dich angelogen, Scarlett. Aber ich habe es zu deinem Besten getan.«
»Zu meinem Besten? Alle sagen immer, es sei nur zu meinem Besten. Dabei will ich bloß die Wahrheit wissen!«
»Die Wahrheit ist manchmal viel zu unglaubwürdig oder zu schmerzhaft, als dass man sie akzeptieren könnte.«
Ich schlucke meine Bitterkeit hinunter. Das stimmt, die Wahrheit schmerzt. Als ich eben erfahren musste, dass er mich angelogen hat, hat mich das getroffen wie ein Stich ins Herz.
»Alle Legenden haben einen wahren Ursprung. Hast du jemals von der Sage von Persephone gehört? Eine wunderschöne Frau, die von einem Dämon entführt wurde, der sich in sie verliebt hatte und sie dann in die Unterwelt brachte. Das ist so: Manchmal kommt es vor, dass ein Dämon den Pakt bricht und eine Frau raubt … Dann kommt es zu dem schlimmsten Fluch. Die Frau stirbt, wenn sie der Frucht aus dieser widernatürlichen Vereinigung das Leben schenkt, und der Dämon muss zusehen, wie nun sein schlimmster Feind das Licht der Welt erblickt.«
»Was bedeutet das?«
»Das Schicksal des Kindes ist vorbestimmt: Es wird ein Wächter. In seinen Adern fließt sowohl Menschen- wie auch Dämonenblut, die ständig miteinander in Konflikt geraten.«
»Willst du mir damit sagen, dass du der Sohn eines …« Ich kann den Satz nicht zu Ende bringen.
»Ich wollte dich nicht zu sehr erschrecken und habe daher die Geschichte meiner Herkunft im Dunkeln gelassen. Als ich dir gesagt habe, dass ein Teil meines Blutes dämonisch ist, war das nicht nur im übertragenen Sinn gemeint. Ich habe meine Mutter niemals kennengelernt. Es liegt in meiner Natur, dass ich mich keiner der beiden Welten zugehörig fühle, von denen ich ein Teil bin. Mir war schon immer bewusst, dass ich anders bin und eine Bürde in mir trage. Wir Wächter werden als Einzelgänger geboren und sind dazu verdammt, unser ganzes Leben allein zu bleiben.«
Es regnet heftig. Der Wind peitscht die Tropfen in stürmischen Böen.
Ich zittere.
Mikael hat sein Innerstes vor mir entblößt und mit mir die verborgensten Geheimnisse seines Wesens geteilt, aber dennoch fühle ich nichts als Kälte.
»Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht mehr vertrauen.« Mein Schluchzen zerreißt die Stille. »Ich möchte nicht immer befürchten müssen, dass … jedes Mal, wenn ein Problem auftaucht … du dich einmischst und die Menschen dazu bringst, das zu tun, was du möchtest. Oder dass du die Erinnerungen von jemandem auslöschst, wenn du dich bedroht fühlst.«
Mikael ist triefnass, unaufhörlich prasselt der Regen auf seine Schultern. Sein Gesicht ist undurchdringlich.
»Du hast recht, so bist du nun einmal, das ist dein Wesen. Vielleicht bin ich einfach nicht stark genug, das zu ertragen. Wer weiß, wie viele Lügen du mir noch erzählt hast …«
Ich muss schwer schlucken. Dann schaue ich ihn an. Ich schäme mich meiner Tränen nicht. »Ich weiß jetzt nicht mehr, wer du bist. Ich habe an uns beide geglaubt, aber … Vielleicht war es auch nur ein schöner Traum. Ich wollte nicht daraus erwachen, aber jetzt habe ich die Augen geöffnet.«
Vielleicht weint auch Mikael. Oder es ist nur der Regen. Als er endlich etwas sagt, verrät seine Stimme keine Gefühle. »Ich will nur dein Bestes. Wenn du mich darum bittest, aus deinem Leben zu verschwinden, werde ich im gleichen Moment fort sein.«
Eine Pause, die eine Ewigkeit zu dauern scheint. Vielleicht ist es auch nur der unendlich tiefe Abgrund zwischen uns.
»Ja … bitte …« Ich senke die Lider. Und mache eine Pause, um mein letztes bisschen Kraft zu mobilisieren. »Aber keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir sicher.« Ein leise dahingehauchtes Flüstern im tosenden Gewitter. Als ich wieder hochschaue, ist Mikael nicht mehr da.
Er ist im Regen verschwunden in ebendem Moment, als ich dieses verfluchte Wörtchen Ja ausgesprochen habe. Vom Schmerz überwältigt sinke ich zu Boden.