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Die Toilette im Erdgeschoss ist ganz klar der magische Ort für die letzten Korrekturen vor jedem wichtigen Ereignis. Neben mir steht eine von den Kleinen aus der neunten Klasse und zupft sich den gepolsterten BH unter ihrer Bluse aus Voile und Spitze zurecht. Ich sehe mich um. Alle haben sich gestylt wie für einen Abend in der Diskothek. Genziana ist wunderschön, durch den Lidschatten glänzen ihre grünen Augen wie Edelsteine. Sie fährt sich mit den Händen durch die Haare, eine feurige Mähne mit orangefarbenen und feuerroten Reflexen. Laura vollendet mit geschickten Bewegungen ihr Make-up. Kajalstift und Mascara passen gut zu ihrem Look ganz in Schwarz.

Ich betrachte verstohlen mein Spiegelbild, und denke wieder einmal, wie unscheinbar ich doch aussehe. In meinen Augen sehe ich nur graue Reflexe, die mich an ein Meer im Winter erinnern oder an einen bleiernen Himmel, an dem ein Gewitter aufzieht. Hätte ich mir doch wenigstens die Haare gewaschen! Wenn sie mir offen über die Schultern fielen, würden sie zumindest von dem giftgrünen T-Shirt ablenken, in dem ich zu ertrinken scheine. Aber vielleicht würde es auch gar nichts ändern.

»Möchtest du ein bisschen Lipgloss?«, fragt Laura.

»Danke.« Ich führe den Stift schnell über den Mund. Er riecht nach Erdbeeren.

»Kommt, sonst sind die besten Plätze weg. Und ich möchte mir das Konzert aus der Nähe ansehen.«

Wir gehen in Richtung Turnhalle, wo das Konzert stattfindet. Horden von Dead-Stones-Fans, die man eindeutig an den Logos auf ihren T-Shirts erkennt, sind unter den Schülern auszumachen.

»Hast du eine Minute, Scarlett?«, fragt Genziana. »Ich möchte vor dem Konzert mit dir reden.«

Wir sondern uns etwas ab in der Flut von Leuten, die kommen und gehen.

»Was ist denn? Wenn du mir sagen willst, dass man ziemlich viel Mut braucht, um so angezogen zum Konzert zu kommen, das weiß ich selber. Nach dem Schock von heute lasse ich meine Mutter sich an meinem Kleiderschrank austoben, das schwöre ich!« Und um mein Versprechen zu besiegeln, lege ich die rechte Hand aufs Herz.

»Nein. Das ist mir nicht einmal aufgefallen … Es geht um Caterina … Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll …«

»Schieß los.«

»Ich kenne sie jetzt seit zwei Jahren, sie ist nicht nur ein tolles Mädchen, sondern auch eine gute Freundin. Und um zur Sache zu kommen … Ich glaube, nein, ich bin mir sicher, dass sie sich in Umberto verknallt hat. Und jetzt leidet sie darunter, dass er dir so viel Aufmerksamkeit schenkt …« Sie schweigt einen Moment. »Ich verlange nicht von dir, dass du ihn aufgeben sollst, wenn er dir wirklich etwas bedeutet. Ich bitte dich nur, dass du ganz kurz in dich gehst und Caterinas Gefühle berücksichtigst, wenn du dich entscheidest.«

Ihre Worte treffen und rühren mich. »Du bist aber auch eine gute Freundin«, sage ich nur. Und da, als hätten wir ihn gerufen, bemerkt uns Umberto in der Menge. »Oh, nein«, rutscht mir heraus.

»Wenn man vom Teufel spricht … taucht Umberto auf«, meint Genziana im Spaß.

»Hallo, Mädels.«

»Umberto«, sagt sie.

»Hallo«, sage ich. Und was jetzt?

»Wir führen Frauengespräche … Entschuldigst du uns bitte?« Genziana hakt sich bei mir unter, zieht mich weg und lässt ihn verwundert zurück.

Ich winke ihm kurz zum Abschied zu, und dann platze ich lachend heraus: »Du weißt echt, wie man eine Situation rettet.«

»Da ist Cat!«

Sie sitzt an der Tür zur Turnhalle auf ihrem Rucksack und wartet auf uns. Als sie uns sieht, springt sie strahlend auf und läuft uns entgegen. Nein, sie verdient es nicht, meinetwegen zu leiden. Ich weiß zwar, dass ich nichts getan habe, um Umberto Hoffnungen zu machen, aber ich weiß auch, dass ich ebenso wenig dafür getan habe, ihn abzuweisen. Hätte ich das tun müssen? Hätte eine gute Freundin ihn sofort auf Abstand halten müssen? Vielleicht ist es ja einfach so, dass Umberto mich doch ein ganz klein wenig interessiert … und seine Aufmerksamkeit mir schmeichelt. Oder vielleicht hat es mir geholfen, an ihn zu denken, um meine Erinnerungen an Matteo wegzuschieben. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. In meinem Kopf geht alles wild durcheinander und inmitten dieses Chaos ist nur eins sicher: Ich möchte nicht, dass Caterina leidet.

Auf keinen Fall.