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Ich glaube, das hier gehört dir.« Er hält mir das Handy hin.
Das hatte ich komplett vergessen! »Danke, du weißt gar nicht, was für Albträume ich deswegen hatte. Jedes Mal, wenn zu Hause das Telefon klingelte, habe ich gefürchtet, man hätte es dort in dem Chaos gefunden.«
»Ich habe mich Sonntag in der Morgendämmerung darum gekümmert. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, für den Einbruch in die Bibliothek macht man Randalierer verantwortlich: Sie glauben, es waren frustrierte ehemalige Schüler oder jemand, der sitzen geblieben ist und sich rächen wollte. Deswegen wird die Überwachung in der Schule verschärft, mit Kameras und einem privaten Sicherheitsdienst. Es hat in letzter Zeit zu viele Unfälle gegeben, zu viel Aufsehen für eine Schule mit einer untadeligen Fassade.«
Ich betrachte meine Schuhspitzen und schmolle ein wenig. Auf dem Rückweg vom Turm haben wir beinahe kein Wort miteinander geredet, wir haben uns nur an der Hand gehalten, und jetzt, wo wir vor meiner Haustür angekommen sind, möchte ich mich nicht von ihm verabschieden müssen … Zumal da noch diese graue Wolke ist, die sich in meine Gedanken geschlichen hat.
»Stimmt was nicht?«
»Es ist nur …«
»Was?«
»Der Knutschfleck auf Lavinias Hals, warst du das?«
»Wovon redest du eigentlich?«
»Sie hat ihn mir gezeigt … und gesagt, dass du mit mir nur spielst, aber mit ihr wäre es dir ernst.«
»Du bist wirklich komisch! Da erzähle ich dir, dass in meinen Adern Dämonenblut fließt, und du regst dich über so etwas Albernes auf!« Er lacht laut, und wieder einmal versinke ich bewundernd in der Betrachtung seiner vollkommenen Gesichtszüge, seiner strahlendweißen Zähne. »Eine wie Lavinia würde ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen … Aber bei dir schaffe ich es einfach nicht, den Sicherheitsabstand einzuhalten.«
Ich kann nicht verhindern, dass ich rot werde.
Er wird wieder ernst. »Und denk daran, verrate niemandem, was geschehen ist.«
»Versprochen.« Ich schaue ihm tief in die Augen.
Der Sonnenaufgang überrascht uns wie eine zartrote Umarmung. Ich habe noch nie mit jemandem zusammen die Sonne aufgehen sehen, sondern immer nur allein, wenn ich schlaflos am Fenster stand. Jetzt wünsche ich mir nichts mehr, als dass Mikael meine Lippen in einem Kuss berührt. Danach hätte ich vor nichts mehr Angst.
Dann könnte ich auch sterben.
Er nähert sich mir und drückt seine Lippen auf meinen Hals. Ein Schauer überläuft mich.
»Du riechst gut«, flüstert er. Und dann verschwindet er wie ein schöner Traum, der sich beim Erwachen in Nichts auflöst.
Bevor ich hineingehe, werfe ich noch einen Blick auf die Straße … Aber er ist schon nicht mehr zu sehen.