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Ich bin mir gar nicht sicher, was ich wirklich gesehen habe. Kann ich meinen Erinnerungen trauen? Ich sehe Edoardos Hand verdreht auf dem Boden liegen, die verschrumpelte Haut, als hätte ihm jemand das Leben ausgesaugt. Als wäre er um hundert Jahre gealtert. Wie kann man so etwas mit einem Menschen machen?

Ich bin im Schulhof. Mit gesenktem Blick laufe ich durch das typisch fröhliche Stimmengewirr der Schüler zu Unterrichtsschluss.

»Hallo, Scarlett.« Es ist Umberto.

Nicht jetzt, denke ich. Aber es ist zu spät, er hat mich schon gesehen.

»Hallo«, sage ich und zwinge mich zu einem Lächeln.

»Wie geht es dir?«

»Mir ging’s schon mal besser.«

So schnippisch wollte ich gar nicht rüberkommen, aber ich habe keine Lust auf große Erklärungen. Alle fragen mich, wie es mir geht. »Wie soll es mir schon gehen?«, würde ich am liebsten schreien. Mein bester Freund ist gerade gestorben, ich habe seine Leiche gesehen, und die Polizei tappt über die Motive seines Ablebens völlig im Dunkeln. Lorenzo sagt, in den Nachrichten hätte man dementiert, dass es sich um Mord handelt. Jetzt heißt es, er sei eines natürlichen Todes gestorben. Aber keine natürliche Todesursache kann einen Menschen so zurichten. Ich möchte mir ja gern einreden, dass meine Erinnerungen durch den Schock verfälscht sind, aber ich weiß genau, was ich gesehen habe. Edoardos Hand sah aus … wie die einer Mumie, die seinen Ring trug.

Ich fühle mich beobachtet. Meine anfängliche Besorgnis weicht zunehmend blanker Angst, auch wenn es mir schwerfällt, mir das einzugestehen.

»Das kann ich mir vorstellen. Ich wollte dir keine dumme Frage stellen … Soll ich dich irgendwohin fahren?«

»Nein, danke.«

»Wenn du irgendetwas brauchst, ich bin für dich da.«

Ich weiß, dass er es ehrlich meint, seine kastanienbraunen Augen leuchten, und seine Stimme klingt zärtlich und liebevoll. Und doch möchte ich jetzt bloß noch weg, von ihm, von der Schule, von allen. Von den neugierigen Blicken und dem Getuschel über den Bibliothekar, das abbricht, sobald ich näher komme. Jetzt, da alle von meinem Nervenzusammenbruch in der Bibliothek wissen, behandelt man mich, als wäre ich krank.

»Wir sehen uns morgen, Umberto«, erwidere ich und gehe, ohne ihm die Möglichkeit für eine Antwort zu lassen.

Verdammt! Jetzt habe ich ganz vergessen, mich bei ihm dafür zu bedanken, dass er das mit Caterina und Genziana in Ordnung gebracht hat. Er hat sogar eingewilligt, Cat Nachhilfe in Mathematik zu geben. Gut, darum kümmere ich mich morgen.

In den letzten Tagen habe ich gedacht, ich würde nie wieder lächeln können. Stattdessen braucht es nicht viel dafür. Ich muss nur ihn sehen, und schon erscheint ein kleines Lächeln auf meinen Lippen. Mikael starrt mich über das Gewühl aus Schülern und Rucksäcken hinweg an. Seine Eisaugen durchbohren mich und erfüllen mich mit Aufregung. Also mit dieser guten Aufregung über etwas Schönes, die mit den Schmetterlingen im Bauch. Die dich an das Leben denken lässt und nicht an den Tod. Ich lächele, und für einen Moment vergesse ich alle Sorgen.

Vincent steht ihm gegenüber. Er redet erregt auf Mikael ein und richtet den Zeigefinger auf ihn. Da ist auch das wunderschöne Mädchen mit dem schwarzen Pagenkopf, es steht einige Meter entfernt vor Vincents Motorrad, das leicht an dem schwarzen Panther auf dem Lack zu erkennen ist. Aufgerissene Kiefer, ausgefahrene Krallen. Das Mädchen sieht wie immer wunderschön aus. Sie verfolgt anscheinend leicht besorgt die Auseinandersetzung zwischen den beiden Cousins.

Mikael will zu mir, aber Vincent packt ihn am Arm. Sie schauen einander einen Moment lang an, bevor der Cousin ihn loslässt. Er setzt seinen Helm auf, steigt auf sein Motorrad und fährt mit quietschenden Reifen los. Er hält direkt auf mich zu, ich bleibe vor Angst wie gelähmt stehen, aber im letzten Moment weicht er aus und rast davon. Das Mädchen mit den violetten Augen folgt ihm. Sein Motorrad scheint wie ein Panther zu fauchen, als es an mir vorbeifährt.

»Bitte frag mich nicht, wie es mir geht«, flehe ich Mikael an.

»Ich möchte dich nur nach Hause bringen.«

»Dein Cousin hat mich nicht überfahren. Gefahr gebannt, es ist nicht nötig, dass du mich bringst«, sage ich. Gleich darauf fällt mir etwas anderes ein, was ich mit Mikael verbinde: Black!

»Oh nein!« Mir fällt plötzlich ein, dass ich dem Kätzchen schon seit Tagen kein Essen mehr gebracht habe. Bei all dem, was passiert ist, habe ich es vollkommen vergessen. Ich muss schlagartig ganz blass geworden sein, denn Mikael nimmt meine Hand und drückt sie. Die unerwartete Berührung lässt mich erröten. Ich spüre, wie mir die Hitze in die Schläfen steigt. Er lächelt. Diese perfekten weißen Zähne, die vollen Lippen! Jedes Mal überrascht es mich wieder, wie schön er ist … und wie unerreichbar für jemanden wie mich.

»Keine Sorge, ich habe mich um das Kätzchen gekümmert.«

»Woher wusstest du, dass ich an Black gedacht habe?«

»Du bist so leicht zu durchschauen, Scarlett, wie klares Quellwasser.« Instinktiv ziehe ich meine Hand zurück und wende ihm den Rücken zu. Ich will los, um seinem Blick zu entfliehen, in der Hoffnung, dass er nicht merkt, welche Wirkung er auf mich ausübt.

»Komm, ich bring dich schnell nach Hause.«

»Das ist nicht nötig. Ich bin doch gleich da.«

»Scarlett, nach dem, was passiert ist, musst du besser aufpassen.« Er spricht meinen Namen aus, als wäre es etwas ganz Empfindliches, das man mit den Lippen beschützen muss. Überrascht darüber, wie besorgt er klingt, drehe ich mich um.

»Mir passiert schon nichts.«

»Nicht, wenn du mir erlaubst, dich zu fahren. Ich bestehe darauf.«

Wie könnte ich mir nicht wünschen, mich noch einmal an ihn zu pressen? Er hilft mir mit dem Helm. Während er am Verschluss hantiert, streifen seine Finger mein Kinn. Als er fertig ist, legt er mir die Hände auf die Schultern.

»Versprichst du mir, dass du nicht mehr so eigensinnig bist und besser auf dich aufpasst?«

Ich verstehe nicht genau, was er damit meint, aber ich nicke.

»Keine Alleingänge in die Bibliothek mehr, versprochen?«

»Aber …«

Er legt mir den Zeigefinger auf die Lippen. Ich verstumme. Woher zum Teufel weiß er davon? Ich sehe an mir herunter und frage mich, ob ich tatsächlich so durchschaubar bin.

»Spring auf«, drängt er mich. Ich kann mich gerade noch an ihm festhalten, da fährt er schon mit quietschenden Reifen los.

Umberto steht in der Nähe und verfolgt die Szene mit langem Gesicht. Morgen werde ich mich für das, was er getan hat, bei ihm bedanken, aber ansonsten darf er sich nicht einmischen. Er hat gesagt, Mikael würde nicht zu mir passen und dass ich ihn vergessen soll. Was weiß er schon? Ich folge meinem Herzen.