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Den Kopf gesenkt, die Hände zu Fäusten geballt – wenn der Tag schon so beginnt! Ich verlasse das Haus mit versteinertem Herzen. Beim gestrigen Abendessen herrschte eine arktische Atmosphäre. Ich habe stumm gegessen und war froh, als ich den schneidenden Blicken und stummen Anklagen wieder entfliehen konnte. Nach dem, was passiert ist, haben Simona und ich nicht mehr miteinander gesprochen. Das Thema ist durch, da gibt es nichts hinzuzufügen.

Sie versucht gar nicht erst, sich in mich hineinzuversetzen, sondern beschränkt sich darauf, Befehle zu geben und andere zu verurteilen. Ich halte das nicht mehr aus. Ihre ständige Nervosität, die Unzufriedenheit, die immer wieder hinter ihrer Maske einer Vorzeigemutter hervorkommt. Was ich zu ihr gesagt habe, tut mir leid, aber gestern war ein so schwieriger Tag. Ein Tag, den man am besten schleunigst vergessen sollte, wäre da nicht Mikael gewesen. Und sie konnte das nicht verstehen. Sie hat mich nur herumkommandiert: Lass dich nicht mitnehmen, setz dich hin, iss am Tisch, hör mir zu … Es reicht! Auszeit! Ich muss auch mal durchatmen können. Ich habe meinen besten Freund verloren, und es macht mir Angst, dass die ganze übrige Welt ihn anscheinend vergessen und die Geheimnisse um seinen Tod mit ihm begraben will.

Es ist noch kein Datum für die Beerdigung festgesetzt worden. Ich muss an seine Frau denken, an ihren Schmerz. Ob sie wohl Kinder hatten? Sicher würden die auch lieber einen Schlussstrich unter die wilden Spekulationen in der Presse ziehen und in Frieden um ihn trauern.

Ich sehe auf, entspanne die Fäuste und lockere meine angespannte Verteidigungshaltung. Nur ein paar Meter vor mir steht Mikael neben seinem schwarzen Motorrad. Ich lächle. Trotz der Entfernung zwischen uns überraschen mich seine Augen wie die sanfteste Streicheleinheit der Welt. Ich kann mich gerade noch bremsen, nicht wie ein Kind auf ihn zuzurennen.

»Hallo! Was machst du denn hier?«

»Ich war gerade in der Gegend.«

Er hält mir den Helm hin, und ich nehme ihn entschieden aus seinen Händen. »Diesmal setze ich ihn mir selbst auf.« Er lässt mich machen, aber ob es an seinem spöttischen Lächeln liegt, an seinen verführerischen Eisaugen oder vielleicht einfach nur daran, dass ich so ungeschickt bin, jedenfalls schaffe ich es nicht, ihn zuzumachen.

»Wenn du rechtzeitig in der Schule sein willst, überlässt du das besser mir.«

Ich grummele, aber dann gebe ich mich doch in seine erfahrenen Hände. Da, fertig, er braucht nur einen Moment.

Seine weichen Lippen ziehen sich besorgt zusammen: »Scarlett, bitte, nach dem, was deinem Freund Edoardo passiert ist, musst du wirklich gut auf dich aufpassen.«

»Was meinst du damit?«

»Ich will nicht, dass du in Schwierigkeiten gerätst …«

»Bist du deshalb vorbeigekommen, um mich abzuholen? Weißt du etwa mehr als ich?«

»Eins weiß ich mit Sicherheit: Wenn wir uns jetzt nicht beeilen, kommen wir zu spät, also spring auf und halt dich an mir fest.«

Gehorsam steige ich auf und umklammere ihn. Warum ist der Weg zur Schule nur so kurz? Ich würde mich so gern noch ein bisschen an ihn schmiegen, sagen wir mal, mindestens für die nächsten paar Stunden?

Jetzt, da ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass er ein paar Hundert Meter von unserem Haus entfernt geparkt hat, als wüsste er von dem Streit zwischen meiner Mutter und mir. Jedes Mal scheint er in meinem Innersten zu lesen. Und warum reitet er ständig darauf herum, dass ich aufpassen soll? Verbirgt er etwas vor mir? Ganz zu schweigen von den vielen Gelegenheiten, bei denen er aus dem Nichts vor mir aufgetaucht ist, und den Dingen, die ich ihm nicht sage, aber die er zu wissen scheint. Oh Mann, anstatt wild herumzuspekulieren, sollte ich lieber diese Umarmung genießen!

Als hätte jemand unsere Ankunft auf dem Schulhof groß angekündigt, hat sich die gesamte Schule hier versammelt. Ich fühle jeden einzelnen Blick auf mir lasten. Eifersüchtige Augen, aufmerksame, neidische oder erstaunte, ungläubige oder bewundernde, alle sind auf uns gerichtet!

Und da ist Umberto. Er wirkt enttäuscht, vielleicht sogar wütend. Lavinia und Sofia stehen vor dem Eingang und verziehen das Gesicht. Vincent wirft mir einen vernichtenden Blick zu. Wenige Schritte von ihm entfernt steht das Mädchen mit dem Pagenkopf. Ihre Miene ist unergründlich, eine ätherische Schönheit. Und dann sind da die kleineren Mädchen, die einander anstoßen, lachen, flüstern und sich bestimmt fragen: »Wer ist denn diese unscheinbare graue Maus?«

Fühlt man sich so, wenn man mit einem Rockstar unterwegs ist? Mikael mag ja an diese Aufmerksamkeit gewöhnt sein, ich aber bin es bestimmt nicht. Ich nehme den Helm ab, unter dem ich kaum noch Luft bekomme, und steige vom Motorrad. Dabei stolpere ich und würde sicher der Länge nach hinfallen, wenn er mich nicht blitzschnell auffangen würde. Ich stütze mich mit den Händen an seinem muskulösen Brustkorb ab. Wir schauen uns in die Augen. Ja, jetzt kann ich glücklich sterben!

»Habe ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen?«, flüstert er mir zu. Sein Geruch ist wie Musik für die Sinne. Die ganze Welt verschwindet hinter dem strahlenden Blick seiner Eisaugen, in denen ich mich spiegele.

»Entschuldigt«, schaltet sich eine Männerstimme ein. Das ist Umberto, diesmal bringe ich ihn um!

Am liebsten würde ich ihn anfahren: »Was gibt’s denn? Siehst du nicht, dass ich gerade vom Anblick dieser makellosen Schönheit ganz verzückt bin?«, aber ich begnüge mich damit, ihn mit den wütenden Augen eines Killerchihuahuas anzufunkeln, dem man gerade die Hundekuchen geklaut hat.

»Ich muss mit dir reden.« Umberto wirkt ungeduldig.

Mikael nickt mir zu.

»Danke fürs Mitnehmen«, sage ich.

Mikael beugt sich noch einmal zu mir herunter und flüstert in meine Haare: »Sieh zu, dass du nie allein bist.«

Meine Beine tragen mich fort, aber mein Kopf will sich nicht von ihm und seinen rätselhaften Worten lösen.

»Was gibt es denn so Wichtiges?«, frage ich Umberto, sobald ich wieder der Sprache mächtig bin.

Er bleibt wenige Meter vor der Treppe stehen und sieht mich mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung an: »Mikael Lancieri ist nichts für dich. Das habe ich dir schon gesagt, und ich wiederhole es jetzt noch mal: Vergiss ihn!«

»Entschuldige, aber hast du mich etwa gerufen, um mir das zu sagen?«

»Scarlett, du verstehst das nicht!«

»Ja, ich verstehe tatsächlich nicht, was mit dir los ist! Du benimmst dich wie ein eifersüchtiger kleiner Junge!«

»Ich bin nicht eifersüchtig! Aber du bist mir wichtig, und ich möchte nicht irgendwann sagen müssen: ›Ich hab dich ja gewarnt!‹«

Ich zähle bis zehn, bevor ich ihm antworte. Jetzt bin ich so wütend, dass ich ihn am liebsten erwürgen würde. Er nutzt die Pause, um noch eins draufzusetzen: »Mikael ist merkwürdig. Um ihn und seinen Cousin sollte man besser einen Bogen machen. Guck dir doch Ofelia an! Man muss sie sich nur ansehen, um zu begreifen, dass sie ihnen hörig ist.«

Ich gehe auf den Eingang zu und vermeide seinen Blick: »Ofelia?«

»Vincents Freundin, die mit dem schwarzen Pagenkopf, die ihm überallhin folgt wie ein Hündchen. Sie hat keine Freundinnen, redet mit niemandem und zieht sich an wie die Königin der Vampire!«

»Sie könnte sich auch einen Sack überstülpen und wäre immer noch wunderschön! Außerdem ist Gothic dieses Jahr total angesagt! Wenn sie immer mit Vincent zusammen ist, ist das eben ein Zeichen dafür, dass sie sich in seiner Nähe wohlfühlt. Ich glaube kaum, dass jemand sie dazu zwingt.«

»Scarlett, hör mir zu. Mikael passt nicht zu dir. Je früher du das begreifst, desto eher lässt du deine Probleme hinter dir.«

»Jetzt hör du mir mal zu! Ich sage es dir zum allerletzten Mal: Ich bin alt genug, um mir meine Freunde selbst auszusuchen. Das solltest du akzeptieren und mich in Ruhe lassen.«

Auf dem Flur, der wie ein Marmorfluss seine Klasse von meiner trennt, gehen wir auseinander. Wir wechseln einen letzten Blick voller Wut und Unverständnis.

»Warte, Scarlett.«

Ich denke nicht daran.