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Ich habe Kopfschmerzen. Ich nehme ein Aspirin und gehe schlafen.«

»Gut, meine Kleine.« Papa küsst mich auf die Haare und lächelt mich an. »Gute Nacht.«

Simona ist in der Küche. Sie räumt geräuschvoll das Geschirr in die Spülmaschine. Ich weiß, dass sie das absichtlich macht, um zu zeigen, wie gereizt sie ist. Und ich wette, kaum ist Marco im Bett, wird sie Papa in eine der üblichen Diskussionen verwickeln. Sie wird ihm erzählen, dass ich es ihr gegenüber heute an Respekt habe fehlen lassen, nur weil sie mir verboten hat, zu einem Konzert zu gehen, für das ich zu jung bin. »Stell dir vor, der Klub, in den deine Tochter gehen wollte, heißt zu allem Überfluss auch noch Infierno

Ich ziehe die engsten Jeans an, die ich in meinem Kleiderschrank finde, und mein T-Shirt mit der Aufschrift QUEEN OF BONES. Das gefütterte Sweatshirt mit der Katzenkapuze und meine Chucks lege ich auf der Fensterseite neben das Bett, und ich stecke zehn Euro ein, für alle Fälle. Ich bin bereit! Dann ziehe ich die Bettdecke über mich, jetzt kann ich nur noch warten. Ich weiß, dass Mama nach einer Weile kommen und nachsehen wird, ob ich schlafe. Hoffentlich schlafe ich nicht wirklich ein! Das wäre ein Drama.

Es ist schon eine Stunde vergangen, als sie endlich kommt. Ich schließe die Augen und bleibe reglos liegen. Ich gebe mein Bestes als Dornröschen. Meine Mutter kommt auf Zehenspitzen herein und sieht nach, ob das Bündel im Bett wirklich ich bin und nicht ein Kissen. Ja, das bin ich, Simona, du kannst wieder runtergehen und mit Papa weiterstreiten. Ein paar Sekunden später verlässt sie zufrieden über ihren Sieg das Zimmer.

Und der Preis für die beste Darstellerin geht an … Scarlett Castoldi! Beifall vom Publikum.

Ich stehe auf, arrangiere das Kissen an der Stelle, wo ich gelegen habe und ziehe Sweatshirt und Schuhe an. Dann bürste ich mir kraftvoll die Haare, und die Bürste landet ebenfalls unter der Bettdecke. Den Taschenspiegel hervorgeholt und einen dunklen Lippenstift aufgetragen, passend für eine Dark Lady, eine Beilage aus einer Zeitschrift. Ich möchte anders aussehen als sonst. Denn heute Nacht fühle ich mich auch anders. Die neue Scarlett hat keine grauen, sondern blaue Augen. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und lasse mich auf das abschüssige Vordach fallen. Langsam, Scarlett, mach keinen Lärm beim Laufen! Ein kleiner Sprung, und ich bin im Garten. Ich schaue auf mein Handy. Verdammt, zehn Uhr! Hoffentlich ist Mikael nicht schon losgefahren.

Ich renne so schnell ich kann. Für dieses Konzert muss ich mich wirklich anstrengen. Jetzt fehlt nur noch, dass ich bis ins Stadtzentrum latschen muss! Mach, dass er da ist, mach, dass er da ist, mach, dass er da ist!

Er ist da! Ein Wagen parkt mit laufendem Motor. Ein glänzender schwarzer Sportwagen. Ich nähere mich dem Fenster auf der Fahrerseite. Hilfe! Ich bringe nicht einmal ein Wort heraus, weil ich so gerannt bin. Ich japse nach Atem und keuche: »Da bin ich … Entschuldige … Ich habe einen kleinen Dauerlauf hinter mir.« Er lächelt, und zwar genau dieses Lächeln, das mich in den Wahnsinn treibt. Ich winke Vincent zu, der neben ihm sitzt. Er übersieht meinen Gruß, dreht sich zur anderen Seite und nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette, bevor er die Kippe aus dem Fenster wirft. Hinten sitzt Ofelia. Sie nimmt Vincents Gitarre auf die Knie und macht mir neben sich Platz.

»Ich bin Scarlett«, stelle ich mich vor.

»Ofelia, freut mich, dich kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits … Du siehst toll aus«, sage ich. Und werde rot. Aus der Nähe sieht sie noch bezaubernder aus. Ihre Augen sind langgezogen wie die einer Orientalin, dazu eine perfekte kleine Stupsnase und herzförmige Lippen.

»Mit dieser Kapuze siehst du Black unglaublich ähnlich«, sagt Mikael und beobachtet mich durch den Rückspiegel. Ich tue, als sei ich beleidigt, aber ich bin nicht besonders überzeugend dabei. Denn auf meinem Gesicht macht sich ein strahlendes Lächeln breit. Ich bin mit Mikael zusammen, ich bin auf dem Weg zu einem Konzert der Dead Stones, und das noch dazu im Wagen der Dead Stones!

»Ich kann es kaum erwarten, dass das Konzert anfängt«, bringe ich heraus. Als einzige Antwort stellt Vincent das Radio lauter. Die Bässe dröhnen los, und die Musik aus den Lautsprechern lässt jeden Winkel des Innenraums erzittern. Ende der Unterhaltung.

Wir fahren los, ich schaue aus dem Seitenfenster und überlege, dass Vincent wirklich merkwürdig ist. Bei dieser Lautstärke könnte ich mich gar nicht mit Ofelia unterhalten, selbst wenn ich wollte. Dabei sitzt sie nur ein paar Zentimeter von mir entfernt! Ich beschränke mich also auf ein Lächeln. Als ich Mikaels Augen im Rückspiegel suche, bemerke ich, dass er heftig mit seinem Cousin streitet. Ich habe keine Ahnung, wie das überhaupt möglich ist, wo doch das Radio voll aufgedreht ist. Aber sie antworten einander, gestikulieren heftig. Ich versuche, von ihren Lippen zu lesen und zu erraten, worüber sie reden: keine Chance. Aber mein sechster Sinn sagt mir, dass ich der Grund für ihren Streit bin. Es ist mir egal, ob Vincent mich hasst oder Umberto mir geraten hat, ihn zu vergessen … Es gibt nur eine Stimme, die zählt, die meines Herzens.

Mikael, flüstert sie. Und ich lächele.