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Ja?«

»Hallo, Scarlett, ich bin’s, entschuldige die Störung.«

»Du störst mich doch nicht, Cat.«

»Was machst du gerade?«

»Na, rate mal! Ich versuche für die Physikarbeit zu lernen. Aber ich kapiere rein gar nichts …«

»Ich hätte dich auch nicht gestört, wenn es nicht wichtig wäre.«

»Was ist denn passiert? Also, deiner Stimme nach zu urteilen …«

»Das glaubst du nie! Es geht um Umberto. Ich weiß, ich habe immer total abgestritten, dass er mich interessiert, aber …«

»Keine Sorge, wir haben es sowieso alle gemerkt.«

»Ich habe eben schon mit Genziana telefoniert. Wenn ich dich zuerst angerufen hätte, hätte sie mich umgebracht. Sie versucht schon seit einer Ewigkeit, mich zu verkuppeln.«

»Was ist passiert?«, dränge ich sie. Seit sie den Namen Umberto erwähnt hat, habe ich ein ungutes Gefühl.

»Wo soll ich anfangen?«

»Von vorne natürlich!«

»Also, heute bin ich wegen der Mathenachhilfe zu ihm gegangen. Übrigens, danke! Wenn du nicht gewesen wärst … Aber zurück zu Umberto. Erst schien alles so zu laufen wie immer, und dann hat er mir auf einmal lauter Komplimente gemacht. Er hat gesagt, dass ich wunderschöne Augen habe und dass ich so süß wie Honig bin. Kannst du dir das vorstellen? So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt!«

Nur gut, dass es kein Videoanruf ist, sonst würde sie sehen, wie ich das Gesicht verziehe. Was bezweckt Umberto damit?

»Er hat meine Hand berührt und mich gebeten, den Haarreif abzunehmen. Ich habe nur gestottert: ›Wa-warum?‹ Aber dann habe ich ihn abgenommen. Er hat mir ganz tief in die Augen geschaut, und eine Sekunde später waren seine Lippen auf meinen. Das hätte ich nie erwartet! Es kam alles so plötzlich … Ich dachte, er interessiert sich gar nicht für mich.«

Ich schweige. Genau das ist das Problem. Es ging alles viel zu schnell, bis gestern war Umberto noch überhaupt nicht an ihr interessiert. In der Nacht des Konzerts hat er mir seine Liebe erklärt, hat versucht, mich zu küssen. Und er hat geschworen, Mikaels Geheimnisse aufzudecken. Wenn er wüsste …

»Warum sagst du denn nichts? Freust du dich nicht für mich?«, fragt sie enttäuscht.

»Ja, ja … Ich freue mich … wirklich. Aber versuch dich nicht zu sehr in ihn zu verlieben, Jungs sind wankelmütig.«

»Waaas? Mein Lebenstraum ist gerade Wirklichkeit geworden, und du sagst mir, ich soll mich nicht zu sehr in ihn verlieben? Du bist nicht zufällig eifersüchtig, oder?«

»Ach, woher denn! Ich hab dich einfach gern und möchte nicht, dass du hinterher leidest.«

»Na toll! Gott sei Dank hat sich Genziana viel einfühlsamer gezeigt. Dann einen schönen Abend noch.« Sie unterbricht das Gespräch, ohne dass ich noch etwas sagen kann.

Umberto hat sich in letzter Zeit stark verändert. Er hat abgenommen, und in seinen Augen ist dieses seltsame Funkeln. Erst kann er sich nicht damit abfinden, dass ich mich mit Mikael treffe, und dann macht er meiner Freundin falsche Hoffnungen. Aber damit kommt er nicht durch.