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Ich öffne die Augen. Gedämpftes Licht. Umrisse von Gegenständen, die mir vertraut sind. Ein Schreibtisch, ein schmaler Spiegel und ein Schaukelstuhl voller Plüschtiere.

Die Erinnerungen kehren unvermittelt wieder. Wie ein Stromschlag durchfahren mich zweihundert Volt Schmerz.

»Edoardo«, flüstere ich, und ich sehe die Szene noch einmal wie in Zeitlupe vor mir. Das weiße Laken, das den verkrümmt daliegenden Körper meines Freundes bedeckt. Die geblümte Fliege, ein lebloser Gegenstand nur wenige Schritte entfernt. Kein gemeinsames Lachen mehr, kein zufällig aufgeschlagenes Buch, um mir ein Zitat zu schenken, kein Edoardo mehr. Nie mehr. Eine Träne löst sich leise von meinen Wimpern. Sie bahnt sich ihren Weg in einen Fluss der Schmerzen, der mich mit sich fortreißt. Lautlos weine ich in mich hinein.

Eine Stimme im Gang. Ich erkenne meine Mutter. Sie spricht zwar leise ins Telefon, aber ich kann sie trotzdem hören.

»Manchmal denke ich, dass sie noch ein kleines Kind ist. Mach dir keine Sorgen, Evelyn, wir sind doch da. Das geht vorüber.« Sie redet mit meiner Großmutter. Wie gern wäre ich jetzt in ihrem Haus voller Erinnerungen mitten im Herzen von East End! Ich vermisse sie und ihre ganzen Nippesfiguren im Esszimmer, die Anekdoten von ihren drei Ehemännern und den Fünf-Uhr-Tee, den kleinen Markt in der Petticoat Lane und das Museum von Whitechapel.

Am liebsten würde ich jetzt eine Gutenachtgeschichte von ihr hören, und nach dem Aufwachen würde alles von Neuem beginnen.

Da bin ich wieder, ich beeile mich. Ich habe mein Turnzeug vergessen, und deshalb beschließe ich, in die Bibliothek zu gehen, um dort Biologie zu lernen. Edoardo ist da. Er liest in der Göttlichen Komödie und lächelt mir zu.

Meine Lider sind schwer, der Nebel wird dichter. Ich kann gerade noch einen Blick auf den Wecker werfen. Es ist fünf Uhr nachmittags. Für einen kurzen Moment spüre ich den angenehmen Geschmack von Bergamotte-Tee auf der Zunge. Ich schließe die Augen und lasse mich wieder von der Dunkelheit umfangen.

Mir kommt es vor, als schwebte ich durch ein Vakuum. Fühlt es sich so an, wenn man stirbt? Treibt man durch eine dunkle Flüssigkeit und kann die Augen nicht mehr öffnen? Oder ist es eher so, dass man die Augen sperrangelweit aufreißt und trotzdem nichts erkennen kann? Edoardo, bist du da? Ich suche ihn, aber ich finde nichts außer dieser dichten, endlosen Finsternis. Mir ist kalt.

»Scarlett …«

Eine Stimme. Dunkel und verführerisch.

Mikaels Stimme.

»Wo bist du?«, frage ich. »Ich habe Angst.«

»Ich bin bei dir. Hab keine Angst. Ich lasse dich nicht allein.«

»Alle lassen mich allein. Zuerst die Freunde aus Cremona, dann meine neuen Mitschülerinnen, Genziana, Caterina, Laura … Sie wollen nichts mehr von mir wissen. Und jetzt Edoardo.«

»Keine Sorge, Scarlett. Es wird alles gut. Ich lasse dich nicht allein. Ich bin an deiner Seite. Auch wenn du mich nicht sehen kannst.«

Eine seltsame Wärme erfüllt mich. Ich habe keine Angst, jetzt ist ja Mikael bei mir.

»Lass mich nicht allein«, flüstere ich.

»Hier, nimm. Du musst dich jetzt ausruhen.« Ich spüre, wie die Sternenkugel in meine Hand gleitet, und es breitet sich eine wohltuende Ruhe in mir aus.

Unvermittelt schrecke ich hoch. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Um mich herum ist es dunkel.

Mein Herz schlägt laut wie ein Presslufthammer.

Ich sehe auf den Wecker. Die Zeiger stehen auf halb vier. Wie lange habe ich geschlafen?

Ganz allmählich wird mein Atem regelmäßiger. Ich bin sehr durstig. Ich knipse meine Mondlampe an und bleibe einen Moment lang reglos sitzen.

Ich habe geträumt. Mikael …

Ich konnte ihn nicht sehen, aber seine Stimme hören. Er hat mich durch die Dunkelheit geleitet und mir Geborgenheit gegeben, und dann … Meine Augen wandern zu meiner geballten Faust. Ich öffne die Hand und finde darin die Sternenkugel von Oma Evelyn. Also war es doch kein Traum!

Ich springe auf, und wie ein kleines Mädchen sehe ich unter dem Bett nach. Wie dumm von mir! Dachte ich wirklich, ich würde Mikael darunter finden?

Und doch bin ich mir sicher, dass mein Glücksbringer zusammen mit Edoardos Geschenk in meiner Hosentasche war. Ich laufe zum Stuhl und taste mit der Hand hinten in meine Jeans. Da ist seine rosa Fliege. Rosa. Die Farbe der Freundschaft. Ich umklammere sie mit meinen Fingern und führe sie an mein Herz.

Ein stechender Schmerz. Ich kann nicht glauben, das Edoardo wirklich tot sein soll. Und … Irgendetwas war merkwürdig an seiner Hand. Ich kann mich nicht genau daran erinnern, aber allein bei dem Gedanken daran packt mich das Grauen.

Mit meinen Schätzen in der Hand kehre ich zum Bett zurück.

Gestern Nachmittag war ich so durcheinander, ich werde wohl vergessen haben, dass ich die Sternenkugel aus der Tasche genommen habe. Das ist die einzig mögliche Erklärung. Und doch war der Traum so real …

Ich versuche, Mikaels weiche warme Stimme wiederzufinden. »Bist du wirklich an meiner Seite?«, frage ich, ohne eine Antwort abzuwarten. Dann laufe ich auf Zehenspitzen zur Treppe und gehe in die Küche. Ich brauche unbedingt ein Glas Wasser.

Schweigen. Das ganze Haus schläft.

Ich fühle mich so einsam und verlassen. Sogar der Schlaf lässt mich im Stich, der einzige Trost, der mir noch bleibt.