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Der Anblick des Doms ist so fantastisch, dass es mir die Sprache verschlägt. Wie vorauszusehen hat Caterina natürlich doch lieber ihre Jeans angezogen. Der arme Blümchenrock, der jetzt im Kleiderschrank versauern muss! Von Genzianas Auswahl ist bloß das rosa T-Shirt übrig geblieben. Es guckt schüchtern unter einer grauen Jacke hervor und wirkt ein wenig streng.

»Das glaub ich ja jetzt nicht! Was wollen die denn hier?«

»Keine Ahnung. Hast du sie angerufen?«

»Natürlich nicht, du etwa?« Genziana baut sich vor Lorenzo und Pietro auf, um von ihnen eine Erklärung zu fordern.

»Hey, das hier ist ein öffentlicher Ort!«, meint Lorenzo grinsend.

»Oh ja. Ich muss also annehmen, dass das reiner Zufall ist. Wir hier und ihr auch. Am selben Tag zur selben Zeit.«

»Genziana, die Welt dreht sich nicht allein um dich.«

»Und du bist ein total schlechter Lügner!« Genziana kommt in Fahrt, und ihre geröteten Wangen passen wunderbar zu der Farbe ihrer Haare.

»Karottenköpfchen, jetzt beruhige dich doch, sonst kriegst du noch einen Herzinfarkt.« Als Antwort verpasst sie ihm einen Klaps. »Aua! Das habe ich doch nicht so gemeint. Mann, bist du empfindlich!«

Ich kann mich ja irren, aber … In letzter Zeit lassen Genziana und Lorenzo keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig aufzuziehen. Ob sich da zwischen den beiden was anbahnt?

Pietro bleibt ungerührt und stellt sich wortlos neben mich. Caterina lächelt, ich weiß, was ihr durch den Kopf geht.

»Da ist ja Umberto!«, ruft sie begeistert.

Ich muss schon sagen, dass Umberto es gut wegsteckt, dass ihn zwei ungebetene Gäste stören. Seinen Unmut erkennt man nur daran, wie er kaum merklich die Zähne zusammenbeißt. Dann sagt er wie erwartet: »Seid ihr bereit, die Wunder dieser Stadt zu erleben?«, und schaut mir in die Augen.

»Ja!«, antwortet Caterina für alle, und ihre Begeisterung wirkt ansteckend.

Die Fassade des Doms ist faszinierend. »Ist das nicht großartig? Eine Mischung aus Gotik und Romanik, diese Kathedrale hat eine ganz besondere Ausstrahlung, die sich mit kaum einer anderen Kirche in Italien vergleichen lässt«, erklärt Umberto.

»Wie langweilig!« Lorenzo fängt sich einen bösen Blick ein.

»Wenn du dich langweilst, kannst du dich ja gern vom Acker machen.« Genziana nimmt wie immer kein Blatt vor den Mund.

Die steinerne Wölfin beobachtet uns schweigend von einer Seite des Platzes. Im Inneren des Doms rauben mir die beeindruckenden Säulen buchstäblich den Atem. Inmitten einer kleinen Gruppe von Touristen, die sich laut unterhalten, wandele ich staunend umher, den Kopf in den Nacken gelegt, völlig überwältigt von dieser Ahnung von etwas Wunderbarem, das zu groß ist, um es in Worte zu fassen. Ein goldenes Licht fällt durch die Hauptrosette und beleuchtet die Marmorornamente am Boden.

Mit ein paar Witzen schafft es Lorenzo, die feierliche Stimmung in diesen Mauern zu zerstören, und wir gehen weiter zur Piazza del Campo.

»Dieser Platz ist wie eine große, offene Muschel gebaut, die nach außen hin ansteigt. Über die neun Segmente, ein Symbol für die Herrschaft der Neun, konnte das Regenwasser abfließen«, sagt Umberto und kommt an meine Seite. Aber Pietro drängt sich zwischen uns, und ich seufze erleichtert auf.

Die Reliefs an dem Brunnen der Piazza ziehen mich in ihren Bann.

»Das sind nicht die Originale«, stellt Umberto klar, »die werden im Museum von Santa Maria della Scala aufbewahrt. Aber auch die Nachbildungen sind vortrefflich.«

»Vortrefflich? Was ist denn mit dir los? Hast du zum Frühstück einen Reiseführer verschluckt?«, meint Lorenzo, und dieses Mal müssen wir alle laut lachen.

Alle außer Caterina. »Du bist ja bloß neidisch! Du lebst hier schon dein ganzes Leben lang und weißt nichts über deine Stadt.«

»Ich konzentriere mich … auf andere Schönheiten.«

Genziana verzieht das Gesicht, und Lorenzo tut so, als wäre er beleidigt. Dann hakt sie sich bei ihm unter und lächelt wieder.

So lassen wir uns ein wenig durch die Altstadt treiben, zwischen Schülergrüppchen und deutschen Touristen, unendlich vielen Tauben und ein paar alten Leuten, die auf einer Bank sitzen.

»Sieh mal, was für ein hübsches T-Shirt! Lasst uns hier hineingehen!«, schreit Cat. Kaum hat sie es angezogen, kommt ein Aufschrei: »Der Ausschnitt ist viel zu tief!« Auf den Regalen finde ich ein weißes T-Shirt mit einer weiten Halsöffnung, das eine Schulter frei lässt. QUEEN OF BONES lautet die Aufschrift, und es gefällt mir. Es wird mich immer an diesen Tag erinnern.

»Du bist wunderschön«, sagt Umberto, als ich aus der Kabine komme. Zum Glück ist Caterina gerade damit beschäftigt, sich die Accessoires anzusehen. Sie hat einen goldenen Haarreif in der Hand, und Genziana neben ihr schüttelt den Kopf, um ihn ihr auszureden. Beim Rausgehen haben wir Mädchen alle eine Tüte dabei. Wie nicht anders erwartet ist in der von Caterina der neue Haarreif. Genziana hat einen weiten Samtrock gekauft, der kobaltblau schimmert. Genau das Richtige für sie! Umberto hat mich gebeten, ihm bei der Wahl eines Schals zu helfen. Cat hat mir aus der Verlegenheit geholfen und das übernommen: Sie hat ihm einfach einen dunkelgrünen Schal um den Hals gelegt. »Der steht dir toll! Er betont deine Augenfarbe!«

»Aber ich habe doch braune Augen!«

»Mit grünen Einsprengseln!«

Endlich sitzen wir in der Eisdiele. Durch einen geschickten Trick haben Genziana und ich es hingekriegt, dass unser Rehauge auf Umbertos Schoß gelandet ist. Sie strahlt vor Glück! Auch wenn sie keinen Ton mehr sagt und ihre Wangen so rot geworden sind wie das Himbeereis, das sie isst.

Pietro macht sich über eine Schale mit einem Pfund Tiramisu her. Genziana und Lorenzo lassen keine Gelegenheit aus, miteinander zu streiten (merkwürdig). Endlich fühle ich mich als Teil einer Gruppe. Ich bin so voller Energie, als hielte ich meine persönliche kleine Oase der Glückseligkeit in Händen.

Ich balle die Hände fest zusammen, damit sie mir nicht davonschwebt.