10. Auf ewig Diener der Familie – Warum die Stiftung nicht erhält, was ihr zusteht

Die Beteiligung am Internetdienst America Online (AOL) erwies sich für Bertelsmann als Glücksgriff. Nicht, weil AOL so erfolgreich wurde, sondern weil Bertelsmann auf dem Höhepunkt der Interneteuphorie durch eine Konkurrenzklausel gezwungen wurde, die Anteile am amerikanischen AOL-Unternehmen und am europäischen Ableger AOL Europe zu verkaufen. Da AOL mit Time Warner fusionierte, musste Bertelsmann aufgrund einer Konkurrenzklausel seine Anteile verkaufen. Time Warner duldete nicht, dass das konkurrierende Medienunternehmen Bertelsmann Einblick in sein Geschäftsgebaren erhielt. So konnte Bertelsmann 2002 seinen 49-Prozent-Anteil an AOL Europe an AOL Time Warner für 6,75 Milliarden Dollar verkaufen, was damals mehr als 7 Milliarden Euro entsprach.

Der Geldsegen tat auch der Stiftung gut. Die Erträge stiegen von 49,7 Millionen Euro im Jahr 1999/2000 und 41,2 Millionen 2000/2001 auf 93,6 Millionen Euro im Jahr 2001/2002. Das war viel Geld. Aber im Vergleich zum Gewinn aus dem AOL-Verkauf, der dem Unternehmen mehr als 7 Milliarden Euro brachte, war es so gut wie nichts. Dabei gehörten der Stiftung damals 57,6 Prozent am Konzern. Das Unternehmen ließ sich den AOL-Gewinn in zwei Jahresraten auszahlen und verbuchte ihn mit Investitionen, unter anderem dem Kauf von RTL-Anteilen und dem Rückkauf von Anteilen, die die Zeit-Stiftung hielt. Die Bertelsmann Stiftung musste zusehen und nahm das geduldig hin.

2002 meldete das Unternehmen einen Gewinn von 928 Millionen Euro, den die AG erwirtschaftet hatte. Eigentlich hätten der Stiftung 534,5 Millionen Euro zugestanden – das wäre der Gewinnanteil für den 57,6-prozentigen Anteil der Stiftung gewesen. Bertelsmann schüttete aber nur 240 Millionen Euro an seine Aktionäre, also die Stiftung, Albert Frère und die Familie Mohn, aus. Frère erhielt 120 Millionen; die Stiftung und Familie Mohn erhielten ebenfalls 120 Millionen. Die Stiftung erhielt 2002 sogar nur 25,6 Millionen Euro. Der geringe Betrag kam wegen eines Rumpfgeschäftsjahres zustande; die Stiftung stellte damals das Geschäftsjahr auf das Kalenderjahr um. In eineinhalb Jahren erhielt die Stiftung insgesamt 86 Millionen Euro. Aber die Summe bleibt gering im Vergleich zu dem Betrag, den das Unternehmen einnahm.

Unterm Strich lässt sich sagen: Die Stiftung müsste Jahr für Jahr weitaus höhere Beträge erhalten, wenn die Eigentümer sie nicht als geduldige Sparbüchse des Unternehmens missbrauchten. Das ist nicht illegal und Praxis auch bei anderen unternehmensverbundenen Stiftungen. Das Unternehmen muss seine Gewinne versteuern. Aber ist es fair, der Öffentlichkeit fortlaufend zu versichern, gemeinnützige Stiftungen setzten sich ausschließlich für das Gemeinwohl ein, während sie am Ende die Interessen des Unternehmens an erste Stelle setzen? Die Öffentlichkeit lässt das zu, weil sie annimmt, dass sie den realen Gegenwert ihres Kapitalanteils in Form von gemeinnütziger Projektarbeit erhält. Das ist zumindest das Versprechen.

In Wirklichkeit erhält die Stiftung nicht die Gewinne, die ihr zustehen. In Wirklichkeit expandiert das Unternehmen der Mohns, indem die Gewinne reinvestiert werden. Ginge es der Stiftung wirklich in erster Linie um die Allgemeinheit und hätte sie das Sagen, das ihren Kapitalrechten entspricht, dann hätte sie den Gewinn aus dem AOL-Verkauf einfordern und für gemeinnützige Projekte verwenden können. Das wäre dann freilich auf Kosten der Expansion des Unternehmens gegangen.

Heute besitzt die Stiftung 77 Prozent am Unternehmen. Aber gehören ihr auch 77 Prozent am Gewinn? Natürlich nicht. Beispielsweise bestimmt der Gesellschaftsvertrag der BVG, dass 20 Prozent der Gewinne in eine Rücklage für das Unternehmen fließen. Das ist ein dreistelliger Millionenbetrag, der dem Unternehmen zur Verfügung steht. Die Mitglieder des Unternehmensvorstands erhielten 2001 übrigens 64 Millionen Euro als Vergütung; der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff allein einen Bonus von 20 Millionen Euro als Dank für den AOL-Gewinn. Das ist in Ordnung. Nicht in Ordnung ist aber, dass die Stiftung im Vergleich dazu fast leer ausging.

Der AOL-Verkaufserlös ging in zwei Jahresraten bei Bertelsmann ein. Die Mitarbeiter von Bertelsmann waren trotz gestiegener Gewinne nicht daran beteiligt, weil die Firmen der inländischen Gewinnbeteiligungsgemeinschaft nicht die erforderliche Eigenkapitalrendite von 10 Prozent erwirtschaftete, wie Siegfried Luther den Mitarbeitern 2003 erklärte.1 Sie hatten sich über den Verkaufserlös ebenso zu früh gefreut wie die Stadt Gütersloh, die aufgrund des AOL-Deals 2001 Steuereinnahmen in Höhe von 6,5 Millionen Euro eingeplant hatte. Doch davon erhielt sie keinen einzigen Euro. Im Gegenteil. Bertelsmann forderte 15 Millionen Euro an zu viel im Voraus gezahlten Gewerbesteuern zurück.

Zwei Mitarbeiter von Bertelsmann, die für Bertelsmann und AOL Deutschland tätig gewesen sind, behaupteten, sie hätten Anteil an Bertelsmanns Erlös aus AOL, und klagten in den USA auf Gewinnbeteiligung. Sie erhielten insgesamt 209 Millionen Euro zugesprochen und einigten sich 2004 mit Bertelsmann auf 160 Millionen Euro. Das ist mehr, als die Stiftung erhielt, die damals immerhin fast 60 Prozent des Unternehmens besaß. Hätte die Stiftung auch klagen sollen, um zu ihrem Recht und zu ihrem Geld zu kommen? Das ist natürlich eine hypothetische Frage, denn der Stiftung fehlt zu einer solchen Klage die Unabgängigkeit vom Unternehmen und den Mohns: Sie müsste gegen sich selbst klagen. Das bedeutet aber auch, dass die Stiftung ihr Recht und ihre Ansprüche gegen die AG und die Familie Mohn nicht wahrnehmen kann.

Bertelsmann betont gerne, dass die Stiftung ein genügsamer Aktionär sei und man deshalb Gott sei Dank nicht dem Druck der Börse ausgesetzt sei – als würden fremde Aktionäre das Unternehmen ausbeuten. In Wahrheit ließ sich der Fremdaktionär Albert Frère nicht nur 120 Millionen Euro Jahresdividende garantieren, sondern sorgte durch umfangreiche Vertragsregelungen dafür, dass auch die Stiftung mehr Dividende vom Gewinn ausbezahlt erhielt, wie der damalige Finanzchef Luther bestätigt. Frère drängte dabei auch auf Nachzahlungen an die Stiftung. Die Mehreinnahmen wanderten in die Rücklage der Stiftung. Das heißt: Die Fremdbeteiligung zahlte sich für die Stiftung aus, weil Frère nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Stiftung eine kräftige Dividende forderte. 2005 erhielt die Stiftung aufgrund dieser Nachzahlungen immerhin 125 Millionen Euro.

Bertelsmannrepublik Deutschland: Eine Stiftung macht Politik
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