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Sie glaubt ihm nicht. Denn es kann nicht sein. Leitner ist längst gegangen. Sie mag ihn irgendwie, den Leitner Michel. Warum der nur Polizist geworden ist!
Irma lehnt den heißen Kopf an das Fenster.
Julika! Wo ist nur meine Julika, mein Mädchen, meine Enkelin, auf die ich warte wie auf …
Zwei Edeldamen eilen die Gasse hinauf.
Was hat der Leitner noch einmal gesagt? Die Julika kommt nicht wieder? Er muss sich täuschen. Die Julika ist doch extra nach Landshut gezogen. Aus Amerika zurückgekommen, zu ihr, zu Irma. Ich kann nicht die Julika auch noch verlieren. Warum schmerzt Schuld noch nach so vielen Jahren?
Irma versteht das nicht.
Manchmal sagt man doch, die Zeit heilt alle Wunden. Es stimmt. Ihre Ehemänner hat sie betrauert, sie hat gelitten, als sie starben. Bei beiden hat sie gelitten wie ein Tier. Aber nach einigen Jahren ging es leichter, und sie hat die Lebensfreude wiedergefunden. Doch Lisa … So schwer ist die Schuld, dass sie Irmas Herz zusammendrückt. Schwer wie ein Rucksack, den sie zeit ihres Lebens nie ablegen konnte. Irma betrachtet ihre Hände. Geht zum Spiegel im Flur und sieht in ihr Gesicht. Julika. Sieht Julika ihr eigentlich ähnlich? Nein, Julika sieht aus wie Lisa, eine so schöne, junge Frau. Zart wie ein Schmetterling. Kein robustes, dunkles Lausmädel, wie Irma selbst eines war.
Ich liebe dich so, Julika, murmelt Irma, und im Spiegel sieht sie, wie ihre Lippen sich bewegen. Aber sie hört sich nicht. Sie sieht auf die Tür, weil sie denkt, warum kommt Julika nicht? Und wo ist überhaupt Lisa? Irmas Magen knurrt. Sie sieht wieder ihr Spiegelbild an. Warum sieht Julika ihr nicht ähnlich? Ist das wichtig? Irma lächelt. Sie muss dringend ihre Haare waschen. Julika hilft ihr gewöhnlich dabei. Besser, Irma wartet auf Julika.