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»Das tote Mädchen ist Julika Cohen«, sagte die Ärztin. »Sie ist dieses Jahr zum ersten Mal Hochzeiterin.«

»Woher weißt du das, Elke?«, fragte Michel Leitner. Sie saßen im Grünen, an der Straße nach Niederaichbach. Das tote Mädchen war in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Leitners Kollegen brauchten eine Verschnaufpause. Und Leitner eine Zigarette. Mindestens eine. Er drehte selber. In seinen kräftigen Fingern wand sich der Glimmstängel wie ein abgemagerter Wurm.

»Meine Mutter ist im Besetzungsausschuss.« Elke Winterling grinste. »Irma Schwand hat selber jahrelang mitgemacht und mitbestimmt, wer Hochzeiter werden darf, ob die Haare lang genug sind und all das. Du kennst das ja.«

Leitner dachte daran, dass das späte Mittelalter der heutigen Zeit um einiges voraus war. Hochzeiten wurden eingefädelt, um Fraktionen zu schmieden. Liebe kam dabei nicht vor. Sollte man vielleicht wieder einführen, dachte er, fügte aber im Stillen hinzu, dass politische Eheschließungen ohnehin nur für den Hochadel ein Thema gewesen waren. Verdammt cleverer Kerl, der Polenkönig, damals, dachte Leitner. Sein Imperium von Litauen bis zur Krim durch ungefähr fünf Hochzeiten fest an das Deutsche Reich zu binden und Polen zum Bollwerk des christlichen Abendlandes zu machen – auch wenn irgendwann die Habsburger das Rennen gemacht haben.

»Ich weiß, die alte Schwand ist die Oma«, sagte er und katapultierte sich damit in die Wirklichkeit des Jahres 2009 zurück.

»Julikas Mutter lebt in den USA, mit ihrer zweiten Tochter, Penelope.«

»Die haben vielleicht Namen!«

»Der Vater ist Amerikaner.«

Leitner zündete seine Zigarette an und inhalierte. Eine kurze Regenpause ausnutzend, saßen sie auf der Ladefläche seines Pick-ups. Amerikanisches Lebensgefühl, davon hatte er geträumt, als er jung war. Er ging auf die 60 zu, viel Zeit blieb nicht mehr, immerhin war er Kettenraucher. Man musste mit allem rechnen. Aber fit war er, im Sommer fuhr er dreimal die Woche 40 Kilometer mit dem Rad. Und dick war er auch nicht, hatte abgenommen seit dem Winter. Er war ein kompakter Typ, athletisch, einer, der Kraft hatte.

Am Rain blühten Lupinen, ein violettes Meer von Blüten, um die Hummeln und Bienen summten, als gelte es das Leben. Für die gilt es das Leben, dachte Leitner. Die sammeln Nektar wie ich Indizien. Die KT hatte ihm durchgegeben, dass mit Spuren wegen des unaufhörlichen Regens in der Nacht nicht mehr viel war. Teufel auch, ärgerte sich Leitner. Ein Mord kurz vor dem Startschuss, bevor die Hochzeitsparty das verträumte Landshut in einen Kessel aus Spaß und Chaos verwandeln würde. Die Medien das Spektakel beobachteten. Die Touristen die Gassen verstopften. Er hatte gehofft, es würde lediglich den üblichen Ärger mit Handtaschendiebstahl und Kleinkram geben, gestohlenen Autokennzeichen oder zerstochenen Mopedreifen. Stattdessen hatte er ein Kapitalverbrechen an der Backe.

»Irma Schwand wollte immer einen Amerikaner heiraten«, sagte Elke. »Hat meine Mutter erzählt. Das ging in Landshut rum, kaum dass der Krieg vorbei war. Wahrscheinlich haben sich damals alle Mädchen nach einem feschen Ami gesehnt. Mann, ist das schwül.«

Michel Leitner seufzte tief, genoss den letzten Zug und drückte die Kippe am Rand der Landefläche aus. »Also, Irma Schwand ist die Großmutter von Julika. Die Mutter des Mädchens lebt in den USA, zusammen mit der Schwester. Und dem Vater, schätze ich.«

»Keine Ahnung.« Elke grinste. »Du weißt, seit ich wieder in Landshut bin, muss ich die ganzen Klatschgeschichten erst mal irgendwie ins Koordinatensystem kriegen. Mir fehlen gute sechs Jahre! Da habe ich einiges verpasst.«

»Deine Frau Mama hat dich während deiner Abwesenheit bestimmt mit den wichtigsten Neuigkeiten versorgt«, unkte Leitner.

Elke Winterlings Mutter galt als die Klatschtante der Stadt. Sie war ein schlagkräftiger Ein-Personen-Geheimdienst, dem nichts entging. Flink genug, sich veränderten Situationen blitzartig anzupassen. Schwatzhaft bis zur Anstandslosigkeit.

»Ich fürchte, wir müssen zuerst die Großmutter verständigen. Damit die Irma es nicht von anderen erfährt.« Leitner wäre gerne auf seinem Pick-up sitzen geblieben, um anschließend als einsamer Cowboy in den Sonnenuntergang zu fahren. Oder zweisam, mit Elke. Die war zwar verheiratet, fast 20 Jahre jünger, aber seit Langem von ihrem Mann getrennt, und seit sie wieder in Landshut lebte, lief er ihr auffallend häufig über den Weg.

»Du weißt schon«, sagte Elke vorsichtig, »dass es Irma nicht so gut geht?«

»Hab’s gehört.«

»Sie macht ja kein Geheimnis draus. Die ganze Stadt weiß, dass sie Alzheimer hat. Sie ist ein bisschen wunderlich geworden. Julika kümmerte sich um sie, aber einer 20-Jährigen kann man die Pflege einer Demenzpatientin auch nicht zumuten.«

»Schlimm für die Tochter. An der bleibt’s hängen.«

»Es wird ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als über den großen Teich zu jetten. Übrigens, Todeszeitpunkt ist heute früh, zwischen 1.30 und 3 Uhr.«

Leitners Handy klingelte.

»Wir haben was Sonderbares, Leitner«, sagte seine Kollegin Gisel Katzenbacher.

»Und was ist ›was Sonderbares‹?«, knurrte Leitner.

»Eine CD mit komischem Datenkram. Trug sie im Lederbeutel an ihrer Spielfrauentracht.«

Leitner kratzte sich am Kopf. Damit sollte, bitte schön, die Katzenbacherin sich befassen. Frauen wussten besser als Männer, was Frauen mit sich herumtrugen, wenn sie als Hochzeiterin, Spielfrau, Gauklerin unterwegs waren.

»Willst du es dir anschauen?«, fragte die Katzenbacherin. »Und, zum Teufel, huste nicht immer ins Telefon. Mir fällt das Ohr runter.«

»Komme.«

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