Der im 18. Jahrhundert lebende Anatom und Geburtshelfer William Hunter (der Bruder von John Hunter; siehe Kapitel 64) hinterließ das Geld für den Bau des Hunterian Museum in Glasgow. Er stellte auch den Kern seiner Sammlung zur Verfügung – seine medizinische Ausrüstung und seine Proben sowie eine weitreichende Sammlung von Kunstwerken, Münzen, Büchern und Mineralien. In den 200 Jahren seines Bestehens hat das Museum seine Sammlung wissenschaftlicher und künstlerischer Exponate stark erweitert und zeigt auch eine bedeutende Ausstellung der Arbeit eines anderen großen Glasgowers, William Thomson (besser bekannt als Lord Kelvin).
William Hunter führte die Nutzung von Leichen im Unterricht von Medizinstudenten ein. Er spezialisierte sich schließlich auf die Geburtshilfe und veröffentlichte seine illustrierte Anatomy of the Human Gravid Uterus im Jahr 1774 (siehe Abbildung 73.1).
Das Museum ehrt Hunter durch die Ausstellung von dessen eigener Sammlung. Dabei bilden seine medizinische Ausrüstung und seine pathologischen Präparate einen besonderen Schwerpunkt. Die Sammlung umfasst auch frühe Röntgen- und Ultraschallgeräte. Der zeitgemäße Teil der Ausstellung befasst sich mit dem MRSA-Bakterium (dem multiresistenten Staphylococcus Aureus), dem wegen seiner Arzneimittelresistenz nur schwer beizukommen ist, sowie der Glasgow Coma Scale (einer Skala von 3 bis 15 zur Abschätzung von Bewusstseinsstörungen).
William Thomson wurde in Belfast geboren und kam nach Glasgow, als sein Vater eine Professur für Mathematik an der Universität antrat. Thomson ging an die Universität Cambridge und machte eine spektakuläre Karriere, die sowohl theoretische als auch praktische Arbeiten umfasste. Das Hunterian Museum beschreibt ihn als größten Glasgower Wissenschaftler, was zweifellos stimmt. Sein Wirken reichte jedoch weit über Glasgow hinaus und die Einflüsse sind bis in die heutige Zeit erkennbar.
Zu Lord Kelvins praktischen Erfindungen zählt ein Spiegelgalvanometer, der zur Verbreitung von Telegrafen in allen Teile des Britischen Empires führte (siehe Der Spiegelgalvanometer). Kelvin steht auch für die Standard-Temperatureinheit (siehe Kasten), er schuf den Begriff »kinetische Energie«, konstruierte ein hochgenaues Gerät zur Gezeitenvorhersage und war der Mentor von James Clerk Maxwell (siehe Kapitel 35). Er gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftlern aller Zeiten, zusammen mit Newton, Einstein und Faraday. Sein Grab befindet sich in der Westminster Abbey neben dem von Newton.
Eine der am häufigsten übersehenen Erfindungen Kelvins ist sein Kompass (Abbildung 73.3). 1874 schrieb und dozierte er ausgiebig über magnetische Kompasse, den magnetischen Nordpol (siehe Kapitel 128) und Probleme der Navigation. Sein Kompass war einerseits besonders empfindlich und konnte andererseits doch den ungünstigen Bedingungen trotzen, die für gewöhnlich auf hoher See herrschen. Es war sogar eine Feinabstimmung möglich, durch die die magnetische Ablenkung durch das Eisen in der Schiffskonstruktion beseitigt wurde. Dazu wurde ein kleiner Magnet in der Nähe des Kompasses platziert, wodurch das Schiffsmagnetfeld aufgehoben wurde.
Die Kelvin-Sonderausstellung des Museums umfasst seine Original-Gerätschaften und eine Reihe praktischer Experimente, die sich besonders für Schulkinder eignen. Abgesehen von einer seltsam furchterregenden Kelvin-Puppe, die ein wenig deplatziert wirkt, wird Kelvins theoretische und praktische Arbeit in der Ausstellung sehr gut erklärt.
Das Museum nutzt auch Multimedia, um das Leben Kelvins noch tiefgehender zu erläutern, und bietet außerdem die Möglichkeit, die entsprechenden Gerätschaften noch eingehender zu untersuchen. Mittels rechnergestützter Animationen wird Kelvins Arbeit zusätzlich veranschaulicht.
Die Website des Hunterian Museums finden Sie unter http://www.hunterian.gla.ac.uk/. Der Eintritt ist frei. Eine nützliche Online-Quelle zu Kelvins Forschung ist Scran (http://www.scran.ac.uk/), eine suchfähige Datenbank mit den Objekten schottischer Museen – suchen Sie einfach nach »Lord Kelvin«.




