51° 25′ 31.84″ N, 0° 24′ 13.20″ W
Eine funktionierende Dampfmaschine zu Gesicht zu bekommen, ist ein seltenes Vergnügen, vor allem dann, sie auch noch »in situ«, d.h. genau an dem Ort, an dem sie eingesetzt wurde, besichtigt werden kann. In Kempton Park wurde eine riesige 3-fach Expansionsdampfmaschine, Worthington Nummer 6, genutzt, um täglich 72 Millionen Liter Wasser nach Nordlondon zu pumpen. Diese Maschine und ein Zwilling liefen 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, von den späten 1920ern bis 1980.
Heute versorgt das Wasserwerk Kempton Park mit Hilfe elektrischer Pumpen London immer noch mit Wasser (etwa 284 Millionen Liter pro Tag). Erfreulicherweise wurde Nummer 6 wieder in einen funktionsfähigen Zustand versetzt. Dazu musste ein neuer Dampfkessel gebaut werden, da der alte beschädigt war. Nun kann die Maschine wieder an sieben Wochenenden im Jahr bei der Arbeit beobachtet werden.
Die Maschine ist fast 19 Meter hoch und wiegt 725 Tonnen. Sie besteht aus drei Zylindern unterschiedlicher Größe. Dampf tritt mit dem 14-fachen atmosphärischen Druck in den ersten (kleinsten) Zylinder ein, von dort mit weniger Druck in den zweiten, größeren Zylinder und schließlich in den dritten und größten Zylinder. Jeder Zylinder besitzt einen Kolben. Die Kolben sind alle mit dem gleichen Mechanismus zum Antrieb der Pumpen verbunden.
Der in den ersten Zylinder eingeleitete Dampf ist überhitzt, d.h. er wurde über den Siedepunkt hinaus erwärmt. In Kempton wird der Dampf um zusätzliche 65°C überhitzt. Dieser überhitzte Dampf erhöht den Wirkungsgrad der Maschine, weil er weniger kondensiert als Dampf mit niedrigeren Temperaturen.
Um die Maschine am Laufen zu halten, waren 12 Tonnen Kohle pro Tag nötig, die über eine speziell dafür gebaute Eisenbahn angeliefert wurden. Das Gebäude, in dem die Maschine steht, ist ein Denkmal für eine Zeit kommunaler Größe.
3-fach Expansionsdampfmaschinen waren bei der Wasserförderung weit verbreitet, spielten aber auch bei maritimen Antrieben eine wichtige Rolle. Die RMS Titanic wurde von zwei etwas größeren, aber vergleichbaren Dampfmaschinen angetrieben.
In Kempton sind auch Dampfturbinen zu sehen, bei denen der genutzte Dampf den gleichen Druck und die gleiche Temperatur aufweist wie bei den Dampfmaschinen. Die Turbinen wurden 1933 installiert und wiegen nur noch jeweils 25 Tonnen. Zwischen den Dampfmaschinen und den Turbinen steht die Pumpstation, die täglich 326 Millionen Liter Wasser liefern konnte.
Neben der Pumpstation befinden sich die Filterbecken, in denen man das Wasser filterte, bevor es in einem nahegelegenen Reservoir gespeichert wurde.
Das Wasserwerk liegt 35 Minuten westlich von London und ist mit dem Zug zu erreichen. Details finden Sie unter http://www.kemptonsteam.org/. Man kann auch eine spezielle Führung vereinbaren, bei der Sie die Maschine bedienen können, Dampf einlassen und die Geschwindigkeit bei 18 Umdrehungen pro Minute halten.
Wenn Sie es nicht nach Kempton schaffen, können Sie sich eine 3-fach Expansionsdampfmaschine auch im Kew Bridge Steam Museum in London ansehen. Das Museum besitzt eine Reihe historischer Dampfmaschinen, die an vielen Wochenenden in Betrieb sind. Die älteste Maschine des Museums wurde 1820 von Boulton und Watt gebaut und ist immer noch funktionsfähig. Details zu diesem Museum finden Sie unter http://www.kbsm.org/.


