67

Die Tür des staubigen Zimmers öffnete sich und Digger und Heap kamen herein. Die beiden Schläger schauten auf die Drähte, die von der Deckenlampe baumelten, und auf das Loch in der Wand, das jetzt größer war als zuvor und den Blick auf zerbrochene Holzlatten freigab. Auf dem Boden türmten sich Putzbrocken und zersplitterte Latten. Benny und Nix waren über und über mit Gipsputz bedeckt. Digger und Heap brachen in Gelächter aus.

»Was hattet ihr beiden Idioten denn vor?«, fragte Digger, der sich kaum halten konnte vor Lachen. »Wolltet ihr euch durch die Wand beißen?«

»Ja«, antwortete Benny verächtlich. »Wir hatten Hunger.«

Heap lachte, aber Digger schlug Benny mit dem Handrücken ins Gesicht. Benny sah den Schlag kommen, nahm die Bewegung auf und drehte sich zur Seite, um die Wucht des Schlags ein wenig abzumildern. Das hatte Tom ihm beigebracht. Es sah so aus, als hätte Benny den Schlag eingesteckt und würde ihn dann abschütteln.

Digger und Heap wechselten einen Blick. »Bist zäher, als du aussiehst, Junge«, murmelte Digger, ganz nah an Bennys Gesicht. »Wenn du mit heiler Haut aus den Gruben herauskommst, sollten wir beide mal hinter die Scheune gehen und uns ein wenig amüsieren. Ich wette, du bist nur halb so zäh, wie du glaubst.«

»Spar dir das für später auf«, mahnte Heap. Dann drehten sich alle zur Tür, da Preacher Jack das Zimmer betrat, gefolgt von einem Fremden, der größer war als der alte Mann und kräftiger als Rotaugen-Charlie es je gewesen war. Das Gesicht des Mannes wirkte wie eine Ruine aus geschmolzenem Fleisch. Statt dem einen Auge hatte er ein schwarzes Loch, während das gesunde Auge so blau schimmerte wie das Wasser eines Sees. Er trug einen schweren Mantel aus weißem Bärenfell. Obwohl Benny ihn noch nie gesehen hatte, wusste er sofort, wer er war. White Bear.

»Das sind also Tom Imuras kleiner Bruder und Jessie Rileys Tochter«, sagte White Bear und grinste. »Wirklich süß, die Kleinen.«

Heap und Digger lachten höhnisch und Preacher Jack lächelte sein hässliches Lächeln. »Dachte mir, du willst dich mal mit ihnen unterhalten, bevor wir anfangen«, meinte der alte Prediger.

»Oh ja, unbedingt«, bestätigte der große Mann und machte einen Schritt in den Raum. Unter dem Mantel aus Bärenfell trug er eine handgenähte Lederhose und Mokassins. Auf seiner Brust prangten große Brandnarben. Um den Hals trug er mindestens ein Dutzend Ketten aus Austernschalen, Perlen und Federn und an jedem seiner Finger schimmerte ein silberner Ring. Er stand in der Mitte des Zimmers und strahlte so viel Selbstbewusstsein aus, dass er den ganzen Raum einzunehmen und die anderen zu überragen schien. Vielleicht mit Ausnahme von Preacher Jack. Der große Mann grinste Benny und Nix an. »Wisst ihr, wie ich heiße?«

»White Bear«, sagte Nix.

»Richtig«, erwiderte der Riese, sichtlich erfreut. »Aber wisst ihr auch, wer ich bin?«

Sie schüttelten den Kopf.

»Ich bin der Geist des Leichenlands, der alte Medizinmann, der wiedergeboren wurde, um die Welt vor sich selbst zu bewahren. Ich bin der unsterbliche White Bear, geboren im Feuer und geboren aus dem Feuer.« Er musterte sie eindringlich und brach dann in Gelächter aus. Die anderen Männer lachten ebenfalls, und zu viert grölten sie über einen Witz, den weder Benny noch Nix verstanden. Schließlich wischte sich White Bear eine Träne aus dem Winkel seines gesunden Auges. »Okay, okay … das ist die Presseerklärung. Das erzählen wir den Trotteln, um sie zu begeistern. Funktioniert ziemlich gut. Falsche Informationen und falsche Versprechungen halten den Laden am Laufen.«

»Wovon reden Sie?«, fragte Nix fordernd.

»Nenn es Wahlkampfstrategie«, antwortete White Bear. »Man braucht immer eine gute Wahlkampfstrategie, wenn man für ein Amt kandidiert.«

Benny kniff die Augen zusammen. »Für welches Amt?«

»Oberboss des ganzen verdammten Leichenlands«, erklärte Digger.

»Ja, so ungefähr«, stimmte White Bear ihm zu. »Als wir hörten, dass dein Bruder Tom aus der Gegend verschwindet, hielten wir den Moment für gekommen, ein paar Veränderungen vorzunehmen. Zeit, endlich mit den bescheuerten Regeln Schluss zu machen, die in Käffern wie Mountainside und Haven herrschen. Charlie hatte das auch schon vor, aber er … äh … zögerte, solange Tom mitmischte.«

»Weil er vor Tom Angst hatte!«, rief Benny.

Das Lächeln auf White Bears Gesicht verblasste. »Junge, in einer Zombiegrube brauchst du weder Zähne noch beide Augen. Noch ein Wort über Charlie und ich richte dich verdammt übel zu, bevor ich dich an die …«

»Bear«, mahnte Preacher Jack leise. Mehr sagte er nicht, aber es reichte, um White Bear für einen Moment zum Schweigen zu bringen. Der große Mann nickte und holte Luft.

»Okay, okay«, sagte er dann, ließ Benny aber nicht aus dem einen Auge. »Charlie hatte vor niemandem auf Gottes grüner Erde Angst, du kleine Rotznase. Er war ein Ehrenmann und hat deinem Bruder Respekt erwiesen. Er hat ihn nicht gefürchtet, sondern respektiert.«

Benny wollte das Ganze nicht noch schlimmer machen und sagte daher nur: »Okay, ich verstehe.«

White Bear nickte einmal kurz. »Tom Imura geht mir zwar unheimlich auf die Nerven, aber er ist ein Krieger, und ich würde niemals etwas anderes behaupten.« Heap und Digger knurrten zustimmend und sogar Preacher Jack nickte. »Aber Tom will weiterziehen, und er hat mehr oder weniger gesagt, dass dieses Territorium ihn nichts mehr angeht. Das bedeutet, dass es allen offensteht – aber das, was Charlie gehört hat, steht rechtmäßig mir zu. Also rücke ich nach und übernehme seinen Posten. Ich habe große Pläne für die Gegend. Große, gute Pläne. Und willst du wissen, was das Beste ist? Wirklich zum Brüllen komisch?«

»Äh … klar«, erwiderte Benny.

»Ich wette, dein Bruder würde sogar gutheißen, was ich vorhabe.«

Nix grummelte leise vor sich hin, aber White Bear nahm es nicht wahr.

»Was meinen Sie?«, fragte Benny.

»Es ist höchste Zeit, dass die Leute aufhören, sich vor den Toten zu fürchten«, erklärte White Bear. »Ich meine, vor den Kindern Lazarus’.« Er warf Preacher Jack einen Seitenblick zu und Benny sah den missbilligenden Ausdruck im Gesicht des älteren Mannes. »Wir müssen uns die Welt mit ihnen teilen, aber es gibt genügend Platz für alle, und jeder kann bekommen, was er möchte.«

»Wie soll das gehen?«

»Wir werden das Leichenland zurückerobern, Kinder. Wir bringen die Toten von hier fort. Wir treiben sie alle …«

»Wir ›führen‹ sie«, berichtigte Preacher Jack ihn.

»Okay, wir führen sie aus diesen Bergen. Wir lassen die Menschen neue Schutzzäune errichten, aber die Grenzen verlaufen entlang von Flüssen, Schluchten und natürlichen Barrieren. Wir holen uns Ackerland zurück und halten wieder Vieh. Nicht nur ein paar Stück, wie die Leute in der Stadt, sondern viele Tausend. Wir pflanzen viele Millionen Morgen Getreide an. Und wir werden herausfinden, wie wir die Maschinen wieder in Gang bringen können. Mühlen und Fabriken, Traktoren und Mähdrescher. Vielleicht auch ein paar Panzer, damit alles reibungslos läuft.«

»Wer soll all diese Arbeit übernehmen?«, erkundigte sich Nix skeptisch.

White Bear grinste. »Es gibt eine Menge fauler Leute hinter den Zäunen. Ich und meine Mannschaft haben all die Jahre gearbeitet und alle Risiken auf uns genommen. Jetzt ist es an der Zeit, dass andere Leute anpacken und ins Schwitzen geraten.«

»Sie sprechen von Zwangsarbeit«, folgerte Nix.

»Es ist keine Zwangsarbeit«, protestierte White Bear und versuchte, unschuldig zu schauen, »es ist genossenschaftliche Arbeit. Nichts anderes als das System der Rationendollar, das wir jetzt haben. Wenn sie essen wollen, werden sie arbeiten müssen. Und wenn sie arbeiten, werden wir sie beschützen.«

Benny wandte sich an Preacher Jack. »Was ist mit den Kindern Lazarus’? Hatten Sie nicht gesagt, diese Welt würde jetzt ihnen gehören?«

Die Lippen des Predigers zuckten nervös. »Verwechsle nicht Philosophie und Praxisnähe, Junge.«

»Was soll das heißen?«

»Es soll heißen, dass die Toten kein Ackerland und kein sauberes Wasser brauchen«, verkündete White Bear. »Sie sind bereits zum Herrn aufgestiegen, sozusagen. Sie brauchen nur zu existieren. Also werden wir sie einfach in Gebiete treiben, ich meine führen, wo sie existieren können, ohne uns anzuknabbern. Meine Güte, niemand braucht Utah, Arizona und New Mexico. Wen kümmern schon diese verdammten Wüsten? Wir lassen sie dort und sie werden es gar nicht merken.«

»Das ist Gottes Wille«, pflichtete Preacher Jack ihm bei, und die beiden Schläger, die neben ihm standen, murmelten: »Amen.«

»Wie wollt ihr Millionen von …« Benny hätte fast »Zombies« gesagt, besann sich aber in letzter Sekunde. »Wie wollt ihr all diese Toten dorthin führen?«

»Die Toten selbst haben uns auf die Idee gebracht«, erklärte White Bear. »Ungefähr vor einem Jahr fingen sie an, sich in Rudeln zu bewegen. Sie bildeten Schwärme.«

»Sie haben sich zusammengerottet?«, fragte Nix.

»Ja. Wir nennen es Schwarmbildung«, sagte der Prediger. »Es ist eines von Gottes Mysterien.«

White Bear nickte. »Es fing unten in Mexiko und in einigen Städten in Nevada an. Massen von Toten, die jahrelang herumgestanden und nichts getan hatten, setzten sich plötzlich in Bewegung. Manche Leute machten sich deshalb in die Hosen vor Angst. Ein paar Siedlungen wurden vollständig überrannt. Mit jeder Woche wird es schlimmer. Oder besser. Je nachdem, wie man es sieht. Irgendetwas bringt ein paar Tote dazu, loszumarschieren, und kurz darauf folgen alle anderen in der Gegend. Hunderte, manchmal sogar Tausende schlurfen in dieselbe Richtung. Verrückt.« Er gluckste. »Das Ganze wird funktionieren, weil wir herausgefunden haben, wie wir die Schwärme lenken können.«

Benny erstarrte. »Ihr habt letzte Nacht einen Schwarm zu Bruder Davids Raststätte gelenkt!«

»Das ist richtig«, gab Preacher Jack zu. »White Bears Späher sagten, Tom sei dorthin unterwegs, also habe ich ein paar von meinen Laienpredigern losgeschickt, um einige der Schwärme umzuleiten. Es war wunderbar, nicht wahr? Ich habe 7000 gezählt.« Sein lächelndes Gesicht verfinsterte sich. »Und dann hast du sie verbrannt.«

Oh, oh, sagte Bennys innere Stimme. »Das … äh … haben Sie gesehen?«, fragte er und brachte ein gequältes Lächeln zustande.

»Ich habe alles gesehen.« Preacher Jacks Augen funkelten bedrohlich.

»Ich habe Sie aber nicht gesehen.«

»Weil du nicht nach oben geschaut hast.«

»Wie bitte?«

»Bis zu dem Moment, in dem das Feuer zu mir vorgedrungen ist, hab ich sehr bequem auf einem Klappstuhl oberhalb der Raststätte gesessen. Ein toller Platz, um die Kinder die Berghänge hinunterströmen zu sehen. Von dort hätte ich auch gut verfolgen können, wie sie dich, diese Schlampe da und die weißhaarige Hexe aus der Raststätte gezerrt hätten. Ich wollte sehen, wie sie sich über euch hermachten.«

»Sie werfen mir wirklich vor, dass ich mich selbst verteidigt habe?«, fragte Benny entrüstet und richtete sich auf. »Sie geben vor, Tom als Krieger zu respektieren, und nehmen mir übel, dass ich mich wehre, wenn ihr mich angreift? Ich meine … was haben wir euch eigentlich getan?«

White Bear lächelte ihn mit verbrannten Lippen an. »Siehst du dieses Gesicht? Das war Tom, als er Gameland in Brand gesteckt hat. Ich wäre fast draufgegangen.«

»Tom war …«

»Sei still, Junge«, herrschte Preacher Jack ihn an. Sein Lächeln war nicht zurückgekehrt und die ernste Version seines Gesichts wirkte noch beängstigender. »White Bears Gesicht ist sein Gesicht. Krieger haben Narben und seine Narben sind eine Angelegenheit zwischen ihm und Tom. Das ist nicht der Grund, warum ihr eine Blutschuld einzulösen habt. Nein … ihr beide und Tom und diese Hexe Lilah müsst zahlen, weil ihr die Kinder Lazarus’ – Gottes heiligen Schwarm – ausgetrickst und dazu gebracht habt, Charlie und seine Männer anzugreifen. Das allein ist Verbrechen genug, um euch das Fleisch von den Knochen zu reißen.«

»Aber er …«

White Bear trat plötzlich vor, packte Benny am Kragen seiner Weste, spannte kurz seinen gewaltigen Bizeps an und hob ihn vom Boden hoch. Er atmete Benny direkt ins Gesicht. »Du hast Charlie umgebracht. Ich versteh es zwar nicht, denn Charlie war ein starker Mann und ein großer Krieger, aber irgendwie hast du ihn überrumpelt und ihn getötet. Du!« Er spuckte Benny ins Gesicht. »Du hast meinen Bruder getötet.«

Benny starrte ihn völlig geschockt an. »Ich … ich …«

White Bear drehte sich seitwärts und rammte Benny gegen die Wand. Nix schrie auf, stürzte sich auf den großen Mann und versuchte, ihm mit den Fingernägeln das Gesicht aufzuschlitzen, aber Heap und Digger packten sie und zogen sie zurück.

»Und dann erhielten wir vor zwei Tagen die Nachricht aus der Stadt, dass Zak, mein anderer Bruder und sein Junge tot sind …«, stieß White Bear in einem bedrohlichen Flüsterton hervor. »Und rate mal, wer da die Finger im Spiel hatte?« Er zog Benny von der Wand fort und rammte ihn dann erneut dagegen. Die dünnen Latten knackten, als Benny mit Schultern und Kopf durch den Putz gestoßen wurde. »Meine beiden Brüder sind tot, wegen dir und deinem widerlichen Bruder und deinen widerlichen Freunden. Mein einziger Neffe ist tot! Zak junior ist tot. Du und diese rothaarige Judastochter habt ihn umgebracht!«

Mit diesen Worten schleuderte er Benny durch den Raum an die gegenüberliegende Wand, wo er schlaff zu Boden sackte. Nix riss sich von den Kopfgeldjägern los und rannte zu ihm. Benny hustete und stöhnte leise. Blut lief von seinem Haaransatz und aus seinem linken Ohr.

White Bear ragte bedrohlich über den beiden auf. Seine Brust hob und senkte sich und sein Gesicht glühte vor Hass. Aber noch schlimmer war der Ausdruck auf Preacher Jacks Gesicht. Alle Züge wirkten von innen erleuchtet; seine Augen brannten wie Feuer und schienen von einem Wahnsinn erfüllt, der erschreckender war als alles, was Benny je gesehen hatte. Er und Nix klammerten sich aneinander und blickten entsetzt zu dem Prediger hoch, als er durch das Zimmer auf sie zukam und sich dann über sie beugte.

»Ihr habt Charlie Matthias und Zachary Matthias umgebracht«, wisperte Preacher Jack. Und dann flüsterte der alte Mann fünf Worte, die die Welt in einen rotglühenden, wahnwitzigen Taumel stürzten. »Ihr habt meine Söhne getötet.«

Diese Worte trafen Benny härter als die Schläge, die White Bear ihm verpasst hatte. »W…was …?«, stammelte er.

»Wie soll die Gerechtigkeit in dieser Welt überleben, wenn ich euch ungestraft davonkommen lasse?«, sagte Preacher Jack mit eiskalter Stimme. »Wie soll die Welt dadurch wieder ins Lot kommen?«

Benny versuchte, etwas zu sagen, irgendetwas, das diese Worte widerlegen konnte, doch dann richtete sich Preacher Jack auf und wandte sich ab.

»Genug«, entschied er. »Bringt sie zu den Gruben.«