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Sie liefen tief in den Wald hinein und folgten einem Weg, der stets für die Händler und ihre Wagen freigehalten wurde, damit sie geplünderte Waren aus Lagerhäusern und kleinen Städten in diesen Teil von Mariposa County transportieren konnten – oder was einmal Mariposa County gewesen war, bevor die Erste Nacht sämtliche Landkarten in nutzloses Altpapier verwandelt hatte. Als die Sonne aufging, stolperte Benny nicht mehr so häufig über die Spurrillen der Wagenräder, aber Chong, der weniger geschickt war, geriet sehr oft ins Straucheln und fiel hin. Lilah half ihm jedes Mal wieder auf, war dabei jedoch alles andere als freundlich und verständnisvoll; sie knurrte ihn an und schubste ihn mit jedem Mal ein wenig stärker vorwärts. Nix schloss zu Benny auf und beide drehten sich grinsend zu Chong um. Er formte ein paar Worte mit den Lippen, die sie zum Lachen brachten, Chongs Eltern allerdings geschockt und Chong eine scharfe Zurechtweisung von Tom eingebracht hätten.

Nach ungefähr einem Kilometer fiel Tom aus vollem Lauf in leichten Trab und nach einem weiteren Kilometer in schnelles Gehen. Irgendwann blieb er stehen, und sie legten eine Pause ein. Benny war außer Atem und ging mit hinter dem Kopf verschränkten Händen hin und her, um seine Lungen zu weiten. Er schwitzte, aber die Anstrengung tat gut. Nix’ Gesicht glühte und auf ihrer Haut lagen feine Schweißperlen, doch sie lächelte.

Chong stolperte an den Wegesrand und übergab sich.

Auf ihren Speer gestützt, beobachtete Lilah ihn mit unverhohlener Verachtung.

Dabei war Chong kein Schwächling: Er hatte genauso hart trainiert wie alle anderen, und sein magerer Körper war mit sehnigen Muskeln bepackt, aber auf anhaltende Anstrengung hatte er seit jeher mit Übelkeit reagiert.

Benny klopfte Chong auf den Rücken, beugte sich dabei aber zu ihm hinunter und sagte leise: »Mann, du bist echt eine Schande für unser Geschlecht.«

Obwohl Chong keuchte und nach Luft rang, gelang es ihm, Benny ganz genau zu erklären, wohin er sich scheren und was er dort tun solle.

»Okay«, sagte Benny. »Ich sehe, du brauchst ein wenig Zeit für dich selbst. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.« Damit wandte er sich ab und ging hinüber zu Nix, die kleine Schlucke Wasser aus ihrer Feldflasche nahm.

Tom trat zu ihnen. »Ist Chong okay?«, erkundigte er sich.

»Er wird es überleben«, erklärte Benny. »Er mag keine körperliche Anstrengung.«

»Was du nicht sagst.« Tom grinste und deutete auf eine Weggabelung. »Wenn alle wieder bei Atem sind, gehen wir da lang. Der Weg führt auf höher gelegenes Gelände, wo wir weniger Zombies begegnen werden. Morgen überlegen wir dann, ob wir die Ebene durchqueren, da, wo die Untoten sind.«

»Warum?«, fragte Nix. »Wäre es nicht besser, sie ganz zu meiden?«

»Geht nicht«, mischte Lilah sich ein, die leise näher getreten war. »Nicht für immer. Die Untoten sind überall. Sogar oben in den Bergen.«

Benny seufzte. »Na toll.«

»Werden wir sie jagen?«, fragte Nix mit großen Augen.

»Jagen? Ja. Töten? Nein«, klärte Tom sie auf. »Ihr sollt sie aufspüren können, aber vor allem sollt ihr lernen, wie man ihnen aus dem Weg geht. Wir können das in der Theorie durchkauen, bis wir schwarz werden, aber das ist nicht das Gleiche wie praktische Erfahrung.«

»Klingt super«, murmelte Chong, als er zu ihnen trat. Er hatte eine üble Gesichtsfarbe, sah aber besser aus als während der letzten paar Hundert Meter, die er gelaufen war.

»Aber das ist es nicht«, meinte Tom ernst. »Es wird euch zu Tode erschrecken und euch vielleicht das Herz brechen.«

Sie schauten ihn überrascht an.

»Was ist?«, fragte Tom ruhig. »Habt ihr etwa gedacht, wir wären zum Vergnügen hier?«

Darauf gab niemand eine Antwort.

»Seht ihr, das ist einer der Gründe, warum ich mit euch hierherkommen wollte«, erklärte Tom. »Wenn alles nur Theorie ist, wenn wir nur diskutieren, statt zu handeln, lässt sich leicht über Zombies reden, als seien sie nicht real, sondern nur Figuren in einer Geschichte.«

»Sie bleiben abstrakt«, meinte Chong, und Tom nickte bestätigend.

»Genau. Aber hier draußen sind sie sehr real und konkret.«

Benny trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Und sie sind menschliche Wesen.«

Tom nickte. »Ja, und das dürfen wir nie vergessen. Jeder einzelne Zombie, jeder Mann, jede Frau und jedes Kind, egal, wie verwest oder beängstigend sie auch sein mögen – sie alle waren einmal wirkliche Menschen. Sie hatten Namen, ein Leben, eine Familie. Sie hatten Träume und Ziele, hatten eine Vergangenheit und glaubten, auch eine Zukunft zu haben … bis dann irgendetwas passiert ist, das ihnen all das genommen hat.«

»Noch so ein Rätsel«, murmelte Nix.

»Jajaja«, entgegnete Chong und stupste sie mit dem Ellbogen an. Sie grinste und stupste ihn zurück, nur fester.

»Wir wissen nicht, wie weit wir gehen müssen, um den Jet zu finden«, fuhr Tom fort. »Falls wir ihn überhaupt finden. Wir haben zwar gesehen, dass er nach Osten geflogen ist, aber er könnte überall gelandet sein.«

Benny zuckte zusammen. »Autsch.«

»Nein, mach dir deshalb keine Sorgen. Wir werden Hinweise finden. Andere Menschen werden ihn auch gesehen haben und es gibt noch viel mehr Menschen da draußen. Wir fragen einfach jeden, dem wir begegnen … Allerdings leben viele dieser Menschen in den Tiefebenen und außerdem gibt es in weiten Teilen des Lands keine Berge. Wir werden also sehr wahrscheinlich auf viele Zombies stoßen. Es lässt sich nicht vermeiden.«

»Also lernt, mit den Toten zu sein«, fügte Lilah hinzu. Ihre Worte klangen zwar nicht besonders redegewandt, aber alle verstanden, was sie sagen wollte.

Tom schlug Chong auf den Arm. »Bist du bereit? Der nächste Teil ist ein gemächlicher Sonntagsspaziergang.«

»Das ist schon besser.«

»Nein, ist es nicht«, korrigierte Lilah und legte sich ihren Speer über die Schultern. »Alles hier draußen will dich töten.«

Dann ging sie den Pfad entlang und Chong starrte ihr hinterher. »Ich hatte es schon kapiert«, meinte er. »Ganz ehrlich. Der letzte Teil war nicht mehr nötig.«

Nix lachte und folgte Lilah.

Benny legte sich sein Bokutō quer über die Schultern und sagte in einem Ton, der ziemlich nah an Lilahs raue Stimme herankam: »Alles hier draußen will unfitte Schlaffis namens Chong töten. Alles.« Dann schlenderte er davon.

Chong atmete tief durch und folgte ihm.

Aus Nix’ Tagbuch

Werkzeuge der Zombiejäger – Teil II

LILAHS SPEER: Der Schaft des Speers besteht aus einem 1,80 Meter langen, fünf Zentimeter dicken schwarzen Rohr. An beiden Enden und an zwei Stellen in der Mitte, wo sie ihn meistens festhält, ist der Speer mit Bändern aus braunem Rehleder umwickelt. Die Klinge stammt von einem Marinekorpsbajonett. Sie ist schwarz und 20 Zentimeter lang.

Lilah sagt, dies sei der vierte Speer, den sie gemacht hat. Einen hat sie verloren, als man sie nach Gameland brachte (sie war damals elf und dieser Speer war 1,50 Meter lang). Den zweiten verlor sie, als sie vor drei Jahren vor dem Motor City Hammer flüchtete. Der dritte verbog sich, als sie in eine alte Bibliothek einbrach, um sich Bücher zu besorgen. Der vierte ist ein Jahr alt.