Sie verließen die alte Straße und stießen auf einen ehemaligen Highway, dem sie dann folgten. Auch wenn sein Zeh wie verrückt schmerzte und seine Klamotten schweißnass an seiner Haut klebten, brachte Benny noch genug Energie auf, links und rechts jeden Schatten unter jedem Baum daraufhin zu überprüfen, ob sich dort etwas bewegte – entweder Zombies oder noch Schlimmeres.
Charlie ist tot, sagte er sich, aber seine innere Stimme – der weniger emotionale, vernünftigere Aspekt seines Verstandes – entgegnete: Das weißt du nicht genau.
Immer wieder sah er zu Nix hinüber, die ebenfalls heftig schwitzte, sich aber offenbar trotz der Schmerzen und der Verletzung auf den Beinen halten konnte. Es war nicht das erste Mal, dass ihn ihre Stärke verblüffte und demütig werden ließ.
Sie liefen und gingen, liefen und gingen.
In einer der Etappen, in der sie gingen, beugte sich Benny zu Nix hinüber. »Was zum Geier war das?«
»Preacher Jack«, sagte sie und schauderte. »Igitt. Ich hab das Gefühl, ich müsste dringend baden …«
Benny zählte an seinen Fingern ab: »Wir kennen … mal sehen … insgesamt sieben religiöse Menschen … Ich meine die Professionellen.«
»Geistliche meinst du? In der Stadt sind vier: Pastor Kellogg, Pater Shannon, Rabbi Rosemann und Imam Murad …«
»… und dann sind da noch die Mönche an der Raststätte: Bruder David, Schwester Shanti und Schwester Sarah. Sieben«, schloss Benny. »Abgesehen von den Mönchen, die ein bisschen, du weißt schon …« Er tippte sich an die Stirn und verdrehte die Augen.
»Von Gott berührt sind«, ergänzte Nix. »So drückt Tom es doch aus, oder?«
»Genau. Bis auf sie sind alle anderen eigentlich ganz in Ordnung. Ich meine, die Mönche sind an sich auch in Ordnung, aber einfach ein bisschen schräg, weil sie schon so lange hier draußen im Leichenland leben. Aber trotz verschiedener Religionen und verschiedener Kirchen gehören sie doch eigentlich zu jener Sorte von Leuten, die man um sich haben möchte, wenn es zu einer echten Gottesstrafe kommt.«
»Aber nicht Preacher Jack«, meinte Nix und nahm damit vorweg, was Benny sagen wollte. »Er ist gruseliger als die Zoms.«
»›Zoms‹ ist ein hässliches Wort, meine Kleine«, witzelte Benny und imitierte die ölige Stimme von Preacher Jack.
»Hey … lass das!« Nix boxte ihn auf den Arm.
Schweigend gingen sie einige Schritte, während die Straße in einer Biegung um einen Hügel führte.
»Seltsamer Tag«, meinte Benny.
»Seltsamer Tag«, stimmte Nix ihm zu.
Hinter der Kurve stießen sie auf Dutzende von Autos und Lastern, die man links und rechts an den Rand der Fahrbahn geschoben hatte, sodass in der Mitte ein breiter Pfad entstanden war. Einige der Autos waren in den Entwässerungsgraben am Straßenrand gerutscht, andere hatten sich ineinander verkeilt. In manchen saßen menschliche Skelette.
»Wer hat die Autos aus dem Weg geschoben?«, fragte Chong.
»Vermutlich ein Panzer«, antwortete Tom. »Oder ein Bulldozer. Bevor sie die Städte mit Atomwaffen zerstört haben und noch glaubten, dieser Krieg sei zu gewinnen.« Er deutete auf die Reihen defekter Fahrzeuge, von denen viele hinter den dichten Büschen kaum auszumachen waren. »Auf dieser Straße sind viele Händler und andere Leute unterwegs. All diese Autos wurden Hunderte von Malen nach Zoms durchsucht.«
Doch Nix ließ sich nichts vormachen und schenkte Tom ein wissendes Lächeln. »Was nicht bedeutet, dass sie keine Gefahr darstellen. Wir müssen uns jedes Mal aufs Neue vergewissern, richtig?«
Tom nickte zustimmend. »Genau so müssen wir denken …«
»… wenn wir am Leben bleiben wollen«, beendete Benny leicht genervt den Satz. »Ja, wir haben’s kapiert.«
Nix wandte sich an Tom: »Er ist nur sauer, weil er nicht als Erster darauf gekommen ist.«
»Doch, bin ich«, log Benny.
Sie marschierten weiter.
Als sich die Sonne auf die Baumgrenze im Westen zubewegte, gelangten sie auf eine Hügelkuppe und blickten auf eine lange, unbefestigte Nebenstraße hinab bis zu einem Punkt, wo unter einer Trauerweide eine alte Tankstelle stand.
»Sieh mal genauer hin«, schlug Tom vor und reichte Benny ein leistungsstarkes Fernglas.
Benny stellte die Schärfe ein und betrachtete die Szenerie. Die umgebende Vegetation war stark überwuchert, aber um eine Gruppe kleinerer Gebäude herum entdeckte er eine breite Betonplatte. Vor einer Wand aus Bäumen stand eine Reklametafel. Sie war schon lange ausgeblichen und jemand hatte Hunderte von Sätzen darauf geschrieben. Durch den Regen waren die meisten Zeilen verblasst, sodass sich nur noch wenige Worte entziffern ließen.
»Wohnt dort Bruder David?«, fragte Chong tonlos. Nach der Katastrophe mit dem Rhinozeros, der Entdeckung des toten Mannes und der seltsamen Begegnung mit Preacher Jack schien er nicht nur seinen Humor, sondern auch jegliche Gefühlsregung verloren zu haben. Er sprach so gut wie nie, und wenn, dann ohne jede Hebung und Senkung. Es hatte den Eindruck, als würde man einem Schlafwandler zuhören.
Beim Klang von Chongs Stimme wechselte Tom einen Blick mit Benny, der kurz nickte.
Mit den Lippen formte Tom die Worte: »Behalte ihn im Auge«, woraufhin Benny erneut nickte.
»Genau«, beantwortete Benny Chongs Frage. »Er war der erste Mönch, dem ich hier draußen begegnet bin. Er und zwei Frauen leben dort – sie nennen sich Schwester Sarah und Schwester Shanti.«
»Und der alte Roger«, ergänzte Nix.
»Wer?«, wollte Chong wissen.
»Ein Zombie, um den sie sich kümmern. Ich habe dir doch von ihm erzählt.«
Chong nickte, sagte aber nichts dazu.
Sie gingen den Pfad hinab, der sie an einer Reihe großer weißer Felsblöcke vorbeiführte, welche schon vor Urzeiten mit der Eiszeit hier gelandet sein mussten. Zwischen den Findlingen verlief fast geräuschlos ein schmales Bächlein. Chong blieb hinter den anderen zurück, und Benny ging langsamer, um sich Chongs Tempo anzupassen. Als Benny in sein Gesicht blickte, wäre er fast gestolpert.
In Chongs dunklen Augen standen Tränen.
»Hey, Alter. Was …?«
Chong berührte Benny am Arm. »Tut mir wirklich leid, Mann.«
Benny schüttelte den Kopf und wollte widersprechen.
»Nein«, unterbrach Chong ihn. »Ich hätte nie mitkommen dürfen. Ohne mich seid ihr besser dran.«
»Red keinen Blödsinn«, entgegnete Benny, klang aber nicht wirklich überzeugt. »Außerdem kannst du auf die Art ein paar Tage mit Lilah verbringen …«
Darauf antwortete Chong nur mit einem verächtlichen Schnauben. »Seit der Nummer mit dem Nashorn bin ich für sie noch nichtsnutziger als Hundescheiße.«
»Jetzt hör aber auf, Alter. Sie ist doch zu jedem so. Mich versucht sie schon seit Tagen zu befrieden.«
Chong schüttelte resigniert den Kopf. »Ich habe alles versaut.«
»Das ist doch Quatsch. Das darfst du nicht einmal denken.«
»Tut mir leid, dass ich mitgekommen bin«, sagte Chong wieder, dieses Mal aber eher zu sich selbst. Benny suchte gerade die passenden Worte, um Chong aufzumuntern, als Tom ihnen mit erhobener Faust bedeutete, stehen zu bleiben.
Er ließ kurz prüfend den Blick über das Terrain schweifen und winkte dann alle zu sich heran.
»Alles in Ordnung?«, fragte Benny.
»Das werden wir gleich sehen«, meinte Tom zurückhaltend.
Langsam ging er den Hang hinab, dicht gefolgt von den anderen. Für Benny war es der erste halbwegs entspannte Moment des Tages. Zwar hielt er Bruder David für nicht ganz dicht, trotzdem gehörte er zu den nettesten Menschen, denen Benny je begegnet war, und die beiden jungen Frauen waren liebenswürdig und hübsch. Außerdem konnten alle drei gut kochen, und selbst nach den dramatischen Ereignissen war Benny sich sicher, dass er ein ganzes Nashorn hätte verputzen können.
Schließlich gelangten sie auf die Betonplatte, aus der die einzige Zapfsäule herausragte wie ein großer rostiger Grabstein zum Gedenken an eine längst vergangene Kultur. Tom klopfte laut gegen das Metallgehäuse der Säule. Die umliegenden Hügel warfen das Echo zurück, das schwach zu ihnen zurückkam, bevor es ganz verhallte.
Keine Antwort.
Tom kniff die Augen zusammen.
»Bleibt hier.«
Vorsichtig ging er zur Vordertür der Tankstelle und klopfte.
Nichts.
»Bruder David?«, rief er.
Mit finsterem Blick winkte Tom die anderen zu sich heran, woraufhin sie sich äußerst vorsichtig und mit gezückten Waffen näherten.
»Haltet euch bereit«, befahl Tom und griff nach dem Türknauf. Dieser ließ sich leicht drehen und die Tür schwang nach innen auf. Tom zog seine Pistole und ging leise ins Innere der Raststätte, gefolgt von den anderen. Lilah schlich sich rechts neben Tom, dann schlüpfte Benny hinein, hinter ihm Nix. Schnell huschten die beiden auf Toms linke Seite. Allerdings bestand gar kein Grund zu dieser Vorsichtsmaßnahme.
»Wo sind denn alle?«, flüsterte Nix.
Tom schüttelte den Kopf und machte langsam ein paar Schritte in den Raum hinein.
Der vordere Teil der Tankstelle war so eingerichtet, dass dort in gemütlicher Atmosphäre Tauschgeschäfte durchgeführt werden konnten: Klappstühle, ein Holzofen und ein Esstisch. Benny, Tom und Nix hatten hier schon ein paarmal gesessen und die einfachen, aber gut zubereiteten Gerichte gegessen, welche die Kinder Gottes anboten; und Tom hatte immer ein paar Vorräte als Gastgeschenk mitgebracht.
Der Rest der Raststätte diente als Wohnbereich für Bruder David und die beiden Nonnen. Dort befanden sich Bettzeug und umgedrehte Getränkekisten aus Plastik, die als Nachttische fungierten. Auf Wäscheleinen gespannte Bettlaken sorgten für ein wenig Privatsphäre, und jemand hatte Nägel in die Wände geschlagen und daran Girlanden aus Blumen und Kräutern aufgehängt.
»Wo sind sie?«, fragte Nix wieder.
»Lilah, kontrollier den Schuppen«, forderte Tom.
Das Mädchen nickte kurz und schlüpfte ohne ein Wort durch die Tür. Benny ärgerte sich ein wenig darüber, dass Tom ihm nie eine solche Aufgabe zuteilte, doch jetzt war nicht der Moment, einen Streit vom Zaun zu brechen.
Nix ging zum Herd, schaute in die Töpfe und hielt die Hand über die Platten. »Sie sind kalt, aber in den Töpfen ist Essen. Ist noch nicht verdorben.«
»Auf dem Tisch stehen Teetassen«, ergänzte Benny. »Und es sieht so aus, als seien all ihre Sachen noch hier. Die Reisetasche von Schwester Shanti steht auf dem Bett. Vielleicht sind sie spazieren? Oder machen einen Tagesausflug?«
»Nein«, widersprach Tom kopfschüttelnd. »Sieht eher danach aus, als wären sie überstürzt aufgebrochen.« Er kniete sich auf den Boden und hob eine Lesebrille auf. Eines der Gläser hatte einen Sprung. »Die gehört Bruder David.« Er runzelte die Stirn. »Und noch etwas macht mir Sorgen. Ich hatte eine ganze Menge Vorräte hergeschickt – Teppichmäntel, Zelte, Kochzubehör, zusätzliche Nahrung und ein paar Waffen. Aber nichts davon ist hier.«
Die Tür ging auf und Lilah trat in den Raum. »Jemand hat das Schloss am Schuppen aufgebrochen. Der alte Roger ist nicht mehr da … die Spuren führen nach Osten.«
»Wie lange ist das her?«, hakte Tom nach.
»Später Vormittag.«
Wieder nickte Tom wissend. »Zu dieser Zeit müssen sie von hier aufgebrochen sein.«
Sie standen im staubigen Sonnenlicht, dachten über diese Tatsachen nach und zogen die naheliegenden Schlüsse.
»Okay … für eine Rückkehr in die Stadt bleibt es nicht mehr lange genug hell«, erklärte Tom, »und ich will ganz bestimmt nicht oben in den Bergen übernachten. Dafür sind hier zu viele merkwürdige Dinge passiert.«
»Das sehe ich auch so«, murmelte Benny.
»Uns bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder wir verbarrikadieren uns hier in der Raststätte oder wir ziehen so schnell wie möglich weiter nach Sunset Hollow. Wenn wir die meiste Zeit laufen, schaffen wir es noch vor Einbruch der Dunkelheit.«
Benny schüttelte bereits den Kopf. In Sunset Hollow hatten er und Tom vor der Ersten Nacht gelebt. Dort hatte Tom sich 14 Jahre um die Zombies ihrer Eltern gekümmert, und dort lagen sie jetzt auch begraben. Einerseits gab es dort eine hohe Mauer und einen Zaun, den sie absperren konnten, andererseits war Benny sicher, dass er völlig durchdrehen würde, falls er jemals dorthin zurückkehrte.
»Nix kann nicht so lange laufen«, warf er als vernünftige Entschuldigung ein. »Und Chong muss morgen nach Hause.«
»Mach es nicht von mir abhängig«, wehrte Nix trotzig ab. »Ich renne dir und deinem kleinen Arsch jeden Tag davon, Benny Imura.«
Benny zuckte zusammen.
»Hierbleiben«, befand Lilah. »Zu fünft können wir die Stellung halten.«
»Die Raststätte besitzt keinen Hinterausgang«, gab Tom zu bedenken.
Lilah dachte schweigend darüber nach. Schließlich drehte sie sich um, schaute die anderen an und runzelte die Stirn. »Wo ist Chong?«
Alle wandten sich zur Tür, und plötzlich wurde ihnen allen bewusst, dass Chong nicht mit ihnen hineingekommen war.
»War er draußen, als du hinter dem Haus nachgesehen hast?« Lilah nickte, stürmte aber auf der Stelle hinaus. Tom befand sich nur einen halben Schritt hinter ihr.
Chong war nirgendwo zu sehen.
