Lilah lief ihnen allen davon. Aber seit letztem September hatten die anderen Muskeln aufgebaut und ihre Kondition verbessert, sodass sie nicht allzu weit zurückfielen. In einer lockeren Gruppe kamen sie um die Kurve bei der Getreidemühle und sprinteten dann die Oak Hill Road entlang.
Benny grinste zu Chong hinüber, der zurückgrinste. Auf eine seltsame Art machte das Ganze Spaß. Sie waren Krieger, die letzte Gruppe von Samuraischülern auf der Welt. Und für Augenblicke wie diesen trainierten sie.
In dem Moment, in dem sie nach links in die Mockingbird Street einbogen, hörten sie erneut Schreie.
Es waren die schrillen, durchdringenden Schreie von Kindern.
Bei diesem Geräusch verschwand das Grinsen von Bennys und Chongs Gesicht.
Benny schaute zu Nix hinüber.
»Mein Gott«, keuchte sie und rannte noch schneller.
Die Schreie rissen nicht mehr ab. Für Benny sprach eher Angst als Schmerz aus ihnen – ein Gedanke, der eigenartigerweise etwas Tröstliches hatte.
Nebeneinander bogen sie in die Fairview ein, ihre Holzschwerter mit schweißfeuchten Händen umklammert. Dann blieben sie wie ein Mann abrupt stehen.
Am Ende einer Ladenzeile befanden sich drei Häuser – links das der Cohens, rechts das der Familie Matthias und in der Mitte das Haus der Housers. Vor dem mittleren Haus hatten sich Bewohner aus der ganzen Stadt versammelt, die meisten von ihnen mit Äxten, Mistgabeln und langstieligen Schaufeln bewaffnet. Benny entdeckte mindestens vier Personen mit einem Gewehr oder einer Pistole.
»Da wohnt Danny!«, flüsterte Nix vielsagend.
Benny und seine Freunde gingen mit Danny Houser in die Schule; Dannys Schwestern, die Zwillinge Hope und Faith, waren in der ersten Klasse.
Tom war auf der Veranda und spähte durch die geöffnete Tür vorsichtig ins Innere des Hauses. Dann wich er zurück, denn aus dem Schatten des unbeleuchteten Wohnzimmers kam etwas auf ihn zu.
Benny hielt den Atem an, als er sah, wie die Gestalt langsam, mit unsicheren Schritten und steifen Beinen durch die Tür trat, die Hände nach Tom ausgestreckt. Es war Opa Houser. »Nein!«, rief Benny, aber Tom wich weiter zurück.
Opa Housers Augen waren so dunkel und leer wie Löcher, und seine Kiefer klackten aufeinander, als wolle er in die Luft beißen.
Tiefe Trauer erfasste Benny. Er mochte Dannys Großvater – der alte Mann war immer freundlich und erzählte die lustigsten Anglergeschichten. Doch jetzt war Opa Houser verschwunden und durch ein Wesen ersetzt worden, das weder ein Bewusstsein noch Humor oder Intelligenz besaß und nur noch einen trügerischen äußeren Anschein von Menschlichkeit. Es war ein Zombie, getrieben von einem unstillbaren Hunger nach menschlichem Fleisch. Selbst aus zehn Metern Entfernung konnte Benny das leise Stöhnen des unendlichen Verlangens hören, das diese Kreatur ausstieß.
»Er muss im Schlaf gestorben sein«, urteilte Nix außer Atem.
Chong nickte. »Und er hat seine Schlafzimmertür nicht abgeschlossen.«
Es war eine traurige und schreckliche Tatsache, dass jeder, der starb, als Zombie zurückkehrte. Aus diesem Grund schlossen die Bewohner der Stadt sich nachts in ihre Schlafzimmer ein: Nur selten war ein Zombie in der Lage, einen Türknauf zu bewegen, und keiner von ihnen konnte ein Vorhängeschloss öffnen oder einen Schlüssel drehen. Dass jemand im Schlaf starb und dann als Zom wiedererwachte, gehörte zu den größten Ängsten der Stadtbewohner.
Denn so etwas konnte jederzeit passieren.
Benny nahm rechts von sich eine Bewegung wahr und sah dann, dass Zak Matthias ihn durch das Seitenfenster des Nachbarhauses beobachtete. Benny hätte Zak zwar nicht unbedingt als Freund bezeichnet, aber die meiste Zeit waren sie gut miteinander ausgekommen. Sie waren im gleichen Alter, besuchten dieselbe Schule und gingen gemeinsam zu den Pfadfindern. Außerdem hatten sie in der gleichen Baseballmannschaft gespielt, in derselben Gewichtsklasse gerungen und waren manchmal sogar zusammen zum Angeln gegangen, wenn Morgie und Chong keine Zeit hatten. Aber all das hatte sich seit letztem September geändert.
Zak Matthias war der Neffe von Rotaugen-Charlie. Und obwohl sie es nicht genau wussten, nahmen Benny und Nix an, dass Zak derjenige gewesen war, der Charlie erzählt hatte, was Benny in einem Packen Zombiekarten gefunden hatte: ein Bild des Verlorenen Mädchens.
Lilah.
Charlie hatte Benny verfolgt und versucht, ihm die Karte abzunehmen. Damals hatte Benny den Grund dafür nicht gekannt – doch kurze Zeit später erfuhr er, dass Charlie befürchtete, Lilah könnte den Leuten erzählen, was draußen im Leichenland vor sich ging: dass Kopfgeldjäger wie Charlie Kinder entführten und sie nach Gameland brachten, wo sie in den Zombiegruben kämpfen mussten, damit üble Burschen wie er Wetten auf die Sieger abschließen konnten.
Rotaugen-Charlies Versuch, alles auszulöschen, was über das Verlorene Mädchen und Gameland bekannt war, hatte zum Tod von Nix’ Mom und des Erosionskünstlers Rob Sacchetto geführt – der Mann, der die Karte des Verlorenen Mädchens gezeichnet hatte.
Mittlerweile ging Zak nicht mehr in die Schule. Sein Vater, Big Zak, behielt ihn zu Hause, und die ganze Familie wurde von den Leuten in der Stadt gemieden. Benny waren Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Zak von seinem Dad verprügelt worden war, weil er ihm die Schuld für das gab, was mit Charlie passiert war.
Trotz allem hatte Benny irgendwie Mitleid mit Zak. Er sah so einsam aus, wie er da hinter dem Spitzenvorhang am Fenster stand, ganz blass, weil er sich immer im Haus versteckte. Benny wollte ihn hassen, war sich aber sicher, dass Zak nicht geahnt hatte, welch schreckliche Folgen die Informationen haben würden, die er seinem Onkel gegeben hatte.
»Sei vorsichtig, Tom!«, rief jemand, und Benny drehte sich schnell um. Tom war bis zum Rand der Veranda zurückgewichen.
»Erschieß ihn, Tom!«, brüllte der Postbote der Stadt.
»Nein!«, kreischten zwei Stimmen gleichzeitig und Benny schaute nach oben zum ersten Stock, wo die Houser-Zwillinge am Fenster standen. »Opa!«, schrien sie. Ihre Stimmen waren so schrill wie die verängstigter Vögel.
»Erschieß ihn«, murmelte Morgie vor sich hin. Benny drehte sich zu ihm um und sah, dass Morgie vor Nervosität schwitzte. »Erschieß ihn.«
Toms Pistole steckte noch immer in dem Holster an seiner Hüfte.
Lilah schüttelte nur einmal kurz und entschieden den Kopf. »Nein, die Kugel wäre verschwendet.«
Plötzlich bewegte sich etwas auf der Veranda ganz schnell – Tom, dessen Körper förmlich zu verschwimmen schien. Er packte den Zombie bei den Schultern und wirbelte ihn herum, sodass Opa Houser über seine Hüfte gehebelt wurde und mit dem Gesicht nach vorn auf die Bretter der Veranda krachte. Dann kniete sich Tom auf den Rücken des alten Mannes, packte dessen blasse Handgelenke und band sie mit einer Kordel zusammen, die er aus seiner Tasche gezogen hatte. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden.
»Nehmt ihn mit«, befahl er, und zwei stämmige Männer traten zögernd auf die Veranda, zogen Opa Houser auf die Füße und schleiften ihn fort. »Bringt ihn in den Schuppen, aber befriedet ihn noch nicht.« Bei diesem Satz deutete er mit dem Kopf zum Fenster im oberen Stock.
Einer der Männer wollte die Treppe hinaufgehen, aber Tom hielt ihn zurück. »Nein … wir wissen noch nicht, wo Jack, Michelle und Danny sind.«
Benny hatte einen Kloß von der Größe eines Hühnereis im Hals.
»Sollen wir helfen?«, fragte Chong in einem Ton, der eindeutig verriet, dass er seinen Vorschlag nicht wirklich ernst meinte.
»Eindeutig nicht klug wie ein Krieger«, befand Morgie mit leiser Stimme.
»Ich helfe«, sagte Lilah in ihrer eisrauen Flüsterstimme und bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge. Die meisten Stadtbewohner wichen vor ihr zurück, als sei sie ein wildes, gefährliches Geschöpf –, und Benny begriff, dass das im Grunde ja auch stimmte.
Lilah nickte Tom kurz zu, dann schlichen sich die beiden vorsichtig ins Haus.
»Sie ist auf jeden Fall eine Kriegerin«, meinte Chong, »aber auch völlig durchgeknallt.«
»Sollten wir nicht auch reingehen?«, fragte Morgie. »Vielleicht brauchen sie unsere Hilfe.«
»Tom und Lilah? Mach dich nicht lächerlich«, entgegnete Nix. Sie, Chong und Benny drehten sich gleichzeitig zu ihm um.
Morgie lief rot an. »Jaja … schon gut«, beschwichtigte er sie. »Irgendwie dämlich, oder?«
Chong legte ihm tröstend die Hand auf den Arm. »Nein, Morgie, nicht nur irgendwie.«
Benny nahm wieder eine Bewegung im Haus nebenan wahr. Er sah, wie Zak Matthias vom Fenster zurücktrat, aber etwas in Zaks Gesicht machte ihn stutzig. Zak hatte dunkle Ringe um die Augen und irgendwie wirkte sein ganzes Gesicht geschwollen. Vielleicht hatte Big Zak ihm ein Paar Veilchen verpasst. »Mist«, murmelte Benny.
Nix folgte seinem Blick. »Was ist …?«
»Da oben steht Zak«, erklärte er leise. »Ich glaube, er ist verletzt. Er schaut schon die ganze Zeit zu uns runter.«
Nix öffnete den Mund, um etwas Abfälliges über Zak zu sagen, schloss ihn dann aber wieder.
Benny richtete den Blick erneut auf die Veranda der Housers, wo alles ruhig war. Ein paar Leute bewegten sich vorsichtig darauf zu. Dann wandte er sich wieder zu Zaks Haus und biss sich unschlüssig auf die Unterlippe.
Und dann, ohne sich dessen bewusst zu sein, ging er auf das Haus von Zak Matthias zu.
Aus Nix’ Tagebuch
Die Erste Nacht
So nennen die Menschen den Tag, an dem sich die Toten erhoben. Tom sagt, es habe morgens an ein paar Orten begonnen und sich bis zum Abend überall ausgebreitet.
Niemand weiß, warum es angefangen hat.
Niemand weiß, wo es angefangen hat.
Tom sagt, er habe aus einem Nachrichtenbericht aus Pittsburgh in Pennsylvania davon erfahren. Bei Anbruch des nächsten Tages hatte es sich über die ganze Welt verteilt.
Der Ausnahmezustand wurde verhängt. Tom meint, diese Maßnahme habe nicht ausgereicht und sei zu spät gekommen.
Bis zum Nachmittag des folgenden Tages war die Verbindung zu über 60 Städten in den Vereinigten Staaten und weltweit zu über 300 Städten abgebrochen. Niemand zählte mehr, wie viele Städte und Dörfer überrannt wurden.
Am fünften Tag stellten die Radio- und Fernsehstationen ihre Übertragungen ein.
Mobiltelefone funktionierten zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr.
Und danach konnte nicht mehr festgestellt werden, wie ernst die Lage war.
