63

Lilah schlief mit der Katze im Arm ein, aber als sie aufwachte, war sie allein. Sie schaute aus dem Fenster und sah den Greenman an einem Picknicktisch arbeiten. Der alte Mann blickte kurz auf, sah sie zögernd im Türrahmen stehen, lächelte und beugte sich dann wieder über seine Arbeit. Langsam kam Lilah aus dem Haus, blieb am anderen Ende des Tischs stehen und schaute ihm zu. Auf dem Tisch warteten Schalen mit Kräutern und Blättern, Blumensträuße, eine kleine Blumenpresse sowie Berge von Kiefernzapfen und andere Gegenstände, die Lilah nicht kannte. Darunter verschiedene Werkzeuge: Wiegemesser, eine Käsereibe, Schnitzmesser, Nähzeug, Draht und Scheren.

»Falls du die Toilette suchst: Hinter den Kiefern gibt es ein Plumpsklo«, sagte der Greenman, ohne den Blick von seiner Arbeit abzuwenden.

Lilah entfernte sich und kam nach ein paar Minuten zurück. Auf dem Tisch stand eine Tasse Tee für sie. Der Greenman knackte Nüsse und gab die Kerne in eine kleine hölzerne Schale. Dann hielt er inne und schob Lilah eine Schale mit Wasser, einen Strauß Blumen und eine Pinzette entgegen, immer darauf bedacht, sich nicht zu schnell zu bewegen oder ihr zu nahe zu kommen.

»Wenn du mir helfen willst, zeige ich dir, wie es geht.«

Lilah schaute zuerst die Blumen und dann ihn an. Sie nickte.

»Nimm die Pinzette und entferne damit die Blütenblätter. Die legst du dann ins Wasser und lässt sie schwimmen. Achte darauf, dass die Blätter nicht mit deinem Hautfett in Berührung kommen. Sie sollen ganz sauber sein. Sobald die Schale voll ist, bedecken wir sie mit einem Mulltuch und stellen sie für ein paar Stunden in die Sonne. Sie scheint noch lange genug. Danach gießen wir das Wasser durch einen Kaffeefilter in Gläser ab. Ich gebe ein wenig Branntwein dazu, und dann bringen wir die Gläser in meinen Erdkeller.«

»Warum?« Es war seit Stunden das erste Wort, das Lilah von sich gab.

»Um eine Blütenessenz herzustellen. Wir geben Walnuss und Mimulus ringens hinzu.« Er deutete mit dem Kinn auf das dicke Bündel großer lilafarbener Blüten mit gelber Mitte. »Es ist sehr ungewöhnlich, dass sie schon so früh blühen. Meistens sieht man sie erst im Juni, aber wir brauchten sie jetzt, und die Natur hat dafür gesorgt. Komisch … gestern wusste ich nicht, warum ich sie gepflückt habe. Jetzt verstehe ich es.«

»Wofür dienen sie?«

Der Greenman lächelte. Sein Gesicht war voller Falten, aber wenn er lächelte, fügten sich all diese Linien so zusammen, dass er jünger, irgendwie alterslos aussah. »Für Mut und Tapferkeit, Lilah«, erklärte er.

Lilah verkrampfte sich. »Du weißt, wie ich heiße?«

»Jeder hier in den Bergen kennt deinen Namen. Lilah, das Verlorene Mädchen. Du bist berühmt. Die furchtlose Zombiejägerin. Das Mädchen, das geholfen hat, Rotaugen-Charlie und den Hammer zur Strecke zu bringen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß, ich weiß«, beschwichtigte der Greenman sie mit einem sanften Lächeln. »Niemand ist wirklich der, für den die Leute ihn halten. Es ist nicht fair. Wenn sie uns Spitznamen geben und eine Geschichte über uns erzählen, erwarten alle, dass wir diese Person wirklich sind und der Legende gerecht werden.« Er fuhr fort, Walnüsse zu knacken. »Tom kennt sich damit aus. Für die Leute hier draußen ist er entweder ein Held oder ein Schurke. Niemals etwas dazwischen. Auch er hasst das. Hast du das gewusst? Er will genauso wenig für alle ein Held sein, wie er ein Schurke sein will.«

»Tom ist kein Schurke.«

»Nicht für dich oder mich, nein. Nicht für die Leute in der Stadt. Aber für viele hier draußen – Leute wie Charlie und seine Truppe – ist Tom der Schwarze Mann.«

»Das ist bescheuert. Sie sind die Schurken.«

»Ganz ohne Zweifel.« Er deutete auf die Blumen. »Diese Blütenblätter springen nicht von allein in die Schale.«

Lilah starrte kurz auf die lila Blumen, nahm dann eine Pinzette und begann, die Blütenblätter abzuzupfen. Sie zerriss ein paar, ehe sie den Bogen raushatte. Der Greenman sah ihr zu, nickte zufrieden und widmete sich dann wieder seinen Walnüssen. »Wer bist du?«, fragte sie ihn. »Ich meine, wer bist du wirklich?«

»Die meiste Zeit bin ich niemand«, antwortete der Greenman. »Wenn du allein lebst, brauchst du keinen Namen. Das muss ich dir ja nicht sagen.« Lilah nickte zustimmend. »Ich war einmal Arthur Mensch – Ranger Artie für die Touristen im Yosemite-Nationalpark. Aber das war vor der Ersten Nacht.«

»Als sich die Welt veränderte und alles schlecht wurde«, ergänzte sie.

»Viele Leute sehen es so«, sagte der Greenman, »aber was sich tatsächlich geändert hat, ist der Tod. Menschen sind noch immer Menschen – einige sind gut, andere schlecht. Der Tod hat sich verändert, und wir wissen nicht mehr, was er eigentlich bedeutet. Vielleicht ging es ja genau darum. Vielleicht brauchten wir Anschauungsunterricht über die Arroganz unserer Annahmen. Schwer zu sagen. Aber die Welt? Sie hat sich nicht verändert, sie ist genesen. Wir haben aufgehört, sie zu verletzen, und ihre Wunden konnten heilen. Du kannst es überall um dich herum sehen. Die ganze Welt ist inzwischen ein Wald. Die Luft ist sauberer. Es gibt mehr Bäume und mehr Sauerstoff. Selbst im Yosemite war die Luft noch nie so gut.«

»Die Toten …«, setzte Lilah an.

»… sind Teil der Natur«, beendete er den Satz.

»Woher weißt du das?«

»Weil sie existieren.«

Sie dachte darüber nach. »Du hältst sie nicht für böse?«

»Du denn?«

Sie schüttelte den Kopf. »Menschen sind böse.«

»Ja, einige schon«, räumte er ein. Er schob die Walnussschalen beiseite und begann, die Kerne mit der Käsereibe zu zerkleinern. »Menschen sind alles Mögliche. Manche sind gleichzeitig gut und böse. Zumindest, was ihre eigene Weltsicht angeht.«

»Wie können Menschen gut und böse zugleich sein?«

Der Greenman schaute Lilah in die Augen. »Auf dieselbe Weise wie Menschen sehr tapfer und sehr, sehr ängstlich sein können. Sie können in der einen Sekunde Helden und in der nächsten Sekunde Feiglinge sein. Und dann wieder Helden.«

Sie wich seinem Blick aus. »Ich habe etwas Falsches getan«, sagte sie kaum hörbar. »Ich bin weggerannt.«

»Ich weiß.« Er bestätigte nur die Information, ohne sie zu werten.

»Ich … ich habe …« Lilah schluckte. »Ich habe jahrelang keine Angst vor den Toten gehabt. Schon als kleines Kind nicht. Sie … sind einfach. Verstehst du?«

»Ja.«

»Aber letzte Nacht … es waren so viele.«

»War das der Grund? Lag es nur daran, dass es so viele waren? Tom hat mir erzählt, dass du damals im Hungrigen Wald gespielt hast. Was war denn letzte Nacht so anders?«

Die Katze kam aus dem Wald, sprang auf den Tisch, legte sich hin und zog die Pfoten unter ihren Rumpf. Lilah zupfte weiter Blütenblätter ab. »Ich habe Benny und Nix an der Raststätte zurückgelassen. Ich … bin einfach weggerannt.«

»Bist du vor den Toten weggelaufen? Weil es so viele waren?«

»Ich … ich weiß es nicht.«

»Das stimmt nicht«, widersprach er sanft. »Du weißt es.«

Lilah musterte das lila Blütenblatt, das in der Pinzette klemmte. »Und das Zeug macht Mut?«

»Nicht wirklich«, entgegnete der Greenman lächelnd. »Es hilft dir, herauszufinden, wo der Mut geblieben ist, den du hattest. Mut ist tückisch, nicht greifbar. Man kann ihn leicht verlieren.«

»Ich dachte, wenn man Mut hat, dann hat man ihn für immer.«

Der Greenman lachte laut auf. Die Katze, die die ganze Zeit vor sich hin gedöst hatte, öffnete ein Auge, schaute ihn kurz an und döste dann weiter. »Lilah, nichts hat man für immer – weder Mut noch Freude, Hass oder Hoffnung. Wir fassen Mut, verlieren ihn und finden ihn jahrelang nicht wieder, aber manchmal sind wir auch eine Weile damit gesegnet.«

Sie überdachte seine Worte, während sie weiter Blütenblätter abzupfte. »Was ist mit Liebe? Ist die auch so flüchtig?«

»Darauf habe ich zwei Antworten, obwohl es wahrscheinlich noch mehr gibt. Da wäre zum einen die große Antwort: Liebe ist immer da. Sie lebt in uns, in uns allen. Selbst Rotaugen-Charlie, so schlecht er auch war, hat etwas geliebt. Er liebte seinen Freund Marion Hammer. Er hatte eine Familie und einst auch eine Frau. Vor der Ersten Nacht. Jeder liebt. Aber das hast du nicht gemeint, ich weiß. Die andere, die kleinere Antwort lautet: Wenn wir etwas lieben, dann lieben wir es nicht immer. Es kommt und geht. Wie der Atem in den Lungen.«

»Ich verstehe nichts von Liebe.«

»Natürlich tust du das«, protestierte der Greenman. »Tom hat mir von Annie erzählt und von George. Ich bin George einmal begegnet, vor langer, langer Zeit, als er auf der Suche nach dir war. Er war ein guter Mann, ein aufrichtiger Mensch. Verstehst du, was ich meine?«

»Ja.« Tränen schimmerten in Lilahs Augenwinkeln.

»Er hat dich geliebt, und ich glaube – nein, ich weiß, dass du ihn auch geliebt hast. Genauso wie du Annie geliebt hast. Doch, du weißt sehr wohl, was Liebe ist, Lilah.«

Darauf sagte sie nichts.

»Oder meinst du eine andere Art Liebe?«, fragte er und zog dabei eine Augenbraue hoch. »Liebe zwischen Jungen und Mädchen? Gibt es jemanden, den du liebst? Jemanden, der dich liebt?«

Sie schüttelte den Kopf und zuckte dann die Achseln. »Es gibt da einen Jungen. Er heißt Lou Chong.«

»Der Freund von Benny Imura? Von ihm hat Tom mir auch erzählt. Ein kluger Junge.«

»Er kann auch ganz schön dumm sein!«, platzte sie heraus, beherrschte sich dann aber und schüttelte wieder den Kopf. »In der Stadt … ist Chong klug. Er weiß eine Menge über Wissenschaft, Bücher, Sterne, Geschichte und so weiter. Ich kann mit ihm reden. Wir haben uns nachts auf seiner Veranda unterhalten. Jede Nacht, nachdem ich bei ihnen eingezogen war. Sieben Monate lang. Wir haben über alles geredet.«

»Das klingt nach einem netten Jungen.«

»Das ist er auch … aber hier draußen … ist er nicht klug.« Sie warf die Pinzette auf den Tisch. Die Katze knurrte mürrisch, stand auf, drehte sich um und legte sich wieder hin.

»Erzähl mir davon«, forderte der Greenman sie auf, nahm die Pinzette und reichte sie ihr erneut. Es dauerte lange, bis sie sie ergriff.

Lilah erzählte ihm alles, was passiert war, seit sie mit Tom und den anderen die Stadt verlassen hatte. Als sie geendet hatte, waren alle Blütenblätter abgezupft und schwammen im Wasser.

»Wenn Chong dich liebt … liebst du ihn denn auch?«

»Ich weiß es nicht!«, fauchte sie, sagte dann aber sanfter: »Ich weiß nicht, wie.«

Der Greenman lachte in sich hinein. »Du bist nicht der erste Mensch, der so empfindet, aber vermutlich der erste, der es zugibt. Also … was hat das damit zu tun, dass du von Benny und Nix weggerannt bist? Atme tief durch. Denk darüber nach und antworte erst, wenn es sich richtig anfühlt.«

Sie holte mehrmals tief Luft und erklärte dann: »Benny hat immer wieder gesagt, Chong wäre meinetwegen abgehauen. Dass ich ihn mit dem, was ich zu ihm gesagt habe, dazu gebracht hätte.«

»Was hast du denn zu ihm gesagt?«

»Unterwegs auf der Straße … da habe ich zu Chong gesagt …« Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich habe ihm gesagt, er sei ein dummer Stadtjunge und er sollte nicht hier draußen sein. Ich wollte, dass er nach Hause geht. Und das hab ich ihm auch gesagt. Als Benny dann meinte, es sei meine Schuld … da … da wusste ich plötzlich nicht mehr, wie ich meinen Speer benutzen sollte. Oder meine Waffe. Meine Hände konnten nicht mehr denken.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich rede Unsinn.«

»Nein, tust du nicht.«

»Ich bin schuld, dass Chong abgehauen ist.«

Der Greenman stützte sich auf die Ellbogen und schaute Lilah mit einem wohlwollenden Lächeln an. »Ein weiser Mann hat einmal gesagt, dass wir niemanden dazu bringen können, etwas zu fühlen oder zu tun. Wir können gute Ratschläge vorbringen, aber jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er reagiert und wo er stehen will, wenn es darauf ankommt. Verstehst du, was ich meine?«

Lilah schüttelte den Kopf.

»Es geht um Verantwortung. Chong fühlt sich verantwortlich für das, was passiert ist. Deine Worte haben ihn nicht gezwungen, abzuhauen.«

»Ich wünschte, ich könnte … sie ungesagt machen.«

»Ja, das glaube ich dir. Aber es geht um Chong. Es war seine Entscheidung zu gehen. Er hätte bleiben können, ganz egal, was du gesagt hast. Und du hättest ebenfalls bleiben können, trotz Bennys Vorwürfen. Es entschuldigt nicht, dass harte Worte gefallen sind, aber keiner ist deshalb im Unrecht, weder du noch Benny. Das müsst ihr mit euch selbst ausmachen. Chong hat seinen Weg gewählt und Benny seinen, als er diese Worte zu dir gesagt hat. Und du hast gewählt, als du weggelaufen bist.«

»Aber es war die falsche Wahl!«, rief sie.

»Deine Entscheidung, Liebes«, entgegnete er. »Weißt du, warum du weggerannt bist?«

Sie zuckte die Achseln. »Bevor … ich Benny und den anderen begegnet bin … kannte ich mich aus. Ich wusste, wie die Welt war. Es gab Zombies, Kopfgeldjäger und mich. Meine Höhle, meine Art zu jagen. Ich habe Zombies befriedet, gegen Männer gekämpft, Fallen aufgestellt und all das. Es gab nur mich und den ganzen Rest. Ich kannte mich selbst, und ich wusste, was nicht ich war. Aber nachdem ich Benny und den anderen begegnet bin, ist alles … so kompliziert geworden. Plötzlich gehörte ich zu anderen Menschen. Ich musste mich um sie kümmern, mich um sie sorgen.«

»Und das hat dir Angst gemacht, denn die letzten Menschen, um die du dich gesorgt hast, waren Annie und George, nicht wahr? Nein, schau nicht so überrascht, Lilah. Auch ich habe Menschen verloren, und nicht nur ich. Nachdem du die beiden verloren hattest, hast du dich von der Menschheit zurückgezogen. Es war nicht deine Entscheidung, sondern es geschah, weil du überleben musstest. Irgendwann hast du dich daran gewöhnt, allein zu sein und dich um niemand anderen zu kümmern. Aber dann bist du Benny und Nix begegnet und hast gemerkt, dass sie dir etwas bedeuten.«

»Ja, aber es tut weh!« Sie schrie so laut, wie es ihre beschädigten Stimmbänder erlaubten. Leiser und ruhiger fügte sie dann hinzu: »Es macht mir Angst, und ich hab nie Angst gehabt. Wenn ich überlebte, dann überlebte ich eben. Wenn ich sterben würde, wen kümmerte es? Annie und George waren nicht mehr da. Ohne sie war es, als hätte ich … einen Panzer. Ich verstehe es nicht.«

»Wahrscheinlich doch irgendwie.«

»Benny meinte, Chong sei nur mitgekommen, weil er mich liebt.« Angesichts dieser Vorstellung schüttelte sie verblüfft den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Ich meine … ich habe Bücher über Liebe und Romantik gelesen, aber das ist doch nicht dasselbe.«

»Nein«, pflichtete der Greenman ihr bei. »Ganz bestimmt nicht. Aber wie fühlst du dich bei dem Gedanken, dass jemand dich liebt?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Annie hat mich geliebt. Und George.«

»Und du hast beide geliebt … aber jetzt sind sie tot«, sagte der Greenman sanft. »Und wahrscheinlich hast du dich deswegen schuldig gefühlt.« Lilah funkelte ihn zornig an, trotzdem fuhr er fort: »Ich vermute es nur, aber wahrscheinlich hast du dich schuldig gefühlt, weil du schon aus Gameland entkommen warst und nicht rechtzeitig wieder zurückkehren konntest, um Annie zu retten. Und George starb, als er dich suchte. Hast du Angst, dass Chong auch sterben wird, weil er dich liebt und du dich in ihn verliebt hast?«

»Er … ist schon weg.« Ihr Gesicht verzog sich, aber sie zwang sich, nicht zu weinen. »Nichts ergibt mehr Sinn. Letzte Nacht, als wir nach draußen gegangen sind, waren die Stolperdrähte gekappt. Da waren all diese Zombies. Viel zu viele. Ich habe in all die toten Augen geschaut. Ich sah Chong vor mir … und er war tot. Tom und Benny und Nix auch. Ich sah sie vor mir und sie waren alle tot. Alle, die mir etwas bedeuten, waren tot. Ich hatte das Gefühl, dass ich selbst auch tot war.«

»Verstehe«, sagte der Greenman sanft. »Das nennt man Todesangst. Es ist eine Mischung aus Verwirrung, Paranoia und einer guten Dosis Panik. Jeder Mensch hat solche Momente. Jeder. Sogar Helden wie Tom.«

»Aber ich bin weggerannt. Das kann ich nicht ungeschehen machen. Ich bin weggerannt und habe Benny und Nix dort alleingelassen. Ich habe ihnen nicht geholfen und ich habe auch nicht nach Chong gesucht. Er ist meinetwegen abgehauen. Weil ich ihn so mies behandelt habe und wegen der Sachen, die ich zu ihm gesagt habe. Benny sagt das.«

»Benny ist nur ein Junge, und ich wette, er ist genauso durcheinander und verängstigt wie du. Manchmal sagen Menschen schreckliche Dinge, wenn sie Angst haben. Sie wollen es gar nicht, aber sie können nicht anders. Sie schlagen um sich, denn wenn sie sehen, dass sie mit ihren Worten jemand anderen verletzen können, haben sie das Gefühl, nicht vollkommen ohnmächtig zu sein.«

»Das ist bescheuert.«

»Nein, es ist nicht fair, aber meistens geschieht es ohne Absicht. Wenn Benny auch nur ein bisschen so ist wie Tom, beißt er sich vermutlich in den Hintern für das, was er zu dir gesagt hat. Er würde bestimmt viel darum geben, die Uhr auf gestern zurückdrehen und sich bei dir entschuldigen zu können.«

»Aber das kann er nicht! Er hat es gesagt.«

»Richtig. Er hat es gesagt und er hat dich damit verletzt. Und bei alldem, was passiert, geht es euch allen bestimmt ähnlich. Ihr seid verwirrt, habt Angst und tut Dinge, die ihr am liebsten rückgängig machen würdet.«

Wieder wischte Lilah sich die Tränen aus den Augen. »Es tut mir leid, was ich zu Chong gesagt habe. Ich wünschte wirklich, ich könnte es zurücknehmen.«

»Ich will dir etwas sagen, kleine Schwester. Egal, wie du dich entscheidest, du legst dich damit nicht fest. Nicht für immer. Menschen können schlechte Entscheidungen treffen, sie können sich eines Besseren besinnen und später Gutes tun, genau wie Menschen gute Entscheidungen treffen können und dann trotzdem einen schlechten Weg einschlagen. Keine unserer Entscheidungen gilt für das ganze Leben. Wenn du mit einer von deinen Entscheidungen nicht mehr zufrieden bist, kannst du eine andere treffen.«

»Aber ich kann es nicht rückgängig machen.«

»Das habe ich auch nicht gesagt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man durch die Zeit reisen müsste, um es rückgängig zu machen, aber ich habe keine Zeitmaschine.«

Das ließ sie fast lächeln.

»Wir alle kennen das«, fuhr der Greenman fort. »Die Erste Nacht war nicht die einzige Krise. Wir alle haben Momente der Schwäche und des Scheiterns erlebt und unsere Seelen haben dunkle Nächte durchgemacht.«

»So sieht das also aus? Wird das für den Rest meines Lebens so sein? Kann ich nicht das Richtige tun und nicht die richtigen Worte finden?«

»Es liegt an dir. Die Vergangenheit kannst du nicht ändern. Aber die Zukunft … die Zukunft gehört dir.« Der Greenman lächelte. »Also, welche Entscheidung möchtest du jetzt treffen?«