Benny wirbelte herum und starrte Preacher Jack entgeistert an. »Das ist unmöglich! Das hier kann nicht Gameland sein!«
»Nichts ist unmöglich in dieser Welt der Wunder, junger Benjamin Imura«, erwiderte Preacher Jack mit einem leisen Lachen.
»Ich versteh das nicht! Tom hat doch gesagt …«
»Tom ist schon lange nicht mehr hier draußen gewesen, Junge.«
»Ist auch gut so«, knurrte der Schwarze mit dem Raben-Tattoo. »Man konnte hier in den Wäldern ja nicht mal pinkeln, ohne dass der Schnelle Tommy einen dafür zur Schnecke gemacht hat. Dein Bruder ist hier draußen nicht gut gelitten, Kleiner.«
»War«, korrigierte Preacher Jack und hielt einen schlanken Finger in die Luft. »Tom Imuras Tage sind gezählt. Keiner unserer Anhänger braucht diesen Sünder und seine brutale Gewalt mehr zu fürchten. Ein strahlender neuer Tag ist hier draußen im Paradies des Herrn angebrochen. Glaubt mir, denn so ist es.«
Nix verzog angewidert den Mund. »Wirklich? Ich glaube eher, wenn Tom herkommt, wird er Ihren hässlichen …«
Preacher Jack machte einen Schritt vorwärts und verpasste Nix mit der flachen Hand eine Ohrfeige, die so schockierend schnell und fest war, dass sie Nix um die eigene Achse schleuderte und auf die Hände und Knie zwang.
Benny schrie auf und versuchte, Nix aufzufangen und gleichzeitig sein Holzschwert zu ziehen. Beide Versuche scheiterten. Der Weiße mit den Schweinsaugen packte Nix an den Haaren und zerrte sie weg. Sofort nahm Benny die Hand vom Schwertgriff und boxte den Mann auf den Solarplexus. Der Rumpf des Mannes war mit harten Muskeln bepackt, aber Tom hatte Benny beigebracht, wie er den gesamten Körper einsetzen konnte, um Kraft in einen Schlag zu legen. Die kleinen Schweinsaugen traten aus den Höhlen, der Mann hustete und prustete und ließ Nix los. Benny stieß ihn mit beiden Händen so fest nach hinten, dass er in den Schwarzen krachte und mit ihm zusammen fuchtelnd und wild fluchend zu Boden ging.
Nix rappelte sich mühsam auf, war aber benommen und blutete. Preacher Jacks Schlag hatte einen Teil der feinen Naht in ihrem Gesicht aufplatzen lassen. Mit einem wütenden Brüllen riss Benny sein Bokutō aus der Scheide und schwang es mit aller Kraft gegen den grinsenden Mund von Preacher Jack.
Doch da landete es nicht.
Preacher Jack war alt – etwa Mitte 60, mit einem Gesicht so voller Falten und Linien wie eine Straßenkarte und einem Körper, der so zerbrechlich wirkte wie ein Streichholz –, aber er trat in den Hieb hinein und fing das Holzschwert mit einer schwieligen Hand ab. Das plötzliche Abstoppen ließ Benny vor lauter Schock und Verblüffung förmlich erstarren. Ungläubig schaute er auf die Hand, die sein Schwert umfasste, und dann in Preacher Jacks Gesicht, aus dem das Lächeln nie zu weichen schien.
»Überraschung«, flüsterte der Prediger und verpasste Benny mit seiner freien Hand einen heftigen Schlag ins Gesicht. Als Benny nach hinten geschleudert wurde, schoss Blut aus seinen geplatzten Lippen und aus seiner Nase. Er stürzte zu Boden und sein rudernder linker Arm traf Nix an der Schläfe. Zusammen fielen sie ins Gras.
Vor Bennys Augen züngelten kleine Flammen durch die Luft und in seinem Kopf schienen Feuerwerkskörper zu explodieren. Neben ihm stöhnte Nix leise und rollte sich auf die Seite.
Inzwischen waren die beiden Kopfgeldjäger wieder auf den Füßen und schauten wütend auf Benny herab. Der große Weiße hob das Bein, um Benny zu treten, aber Preacher Jack hielt ihn mit einem Zungenschnalzen davon ab. »Digger, Heap – nehmt ihnen ihr Spielzeug ab«, befahl er. Die beiden Männer kochten sichtbar vor Wut und hatten Mühe, sich zurückzuhalten. »Ich will mich nicht wiederholen müssen«, fügte der Prediger hinzu.
Die beiden warfen dem alten Mann einen ängstlichen Blick zu und bückten sich sofort, um Nix und Benny ihre Messer und alles andere abzunehmen, das sie als Waffe benutzen konnten, darunter auch die Angelschnur und die Sturmstreichhölzer. Dabei gingen die Männer gröber vor, als es nötig gewesen wäre, und nahmen sich mehr heraus, als sich gehörte. Nix jaulte auf vor Schmerz und Entrüstung und trat dem schweinsäugigen Mann namens Heap gegen den Oberschenkel, wobei sie ihr ursprüngliches Ziel nur um ein paar Zentimeter verfehlte. Heap fauchte sie an und wich zurück.
Dann beugte Preacher Jack sich über sie. »Oh, wie fremd euch jungen Leuten diese Welt erscheinen muss. Fremd und wundersam und voller Rätsel«, murmelte er. Unheimliche Schatten tanzten in seinen blassen Augen. »Ich weiß, welche Fragen genau in diesem Augenblick in euren Köpfen nach Antworten schreien. Ja, das weiß ich.«
Benny spuckte Blut aus. »Sie wissen gar nichts über uns.«
»Ich weiß mehr über euch als ihr über mich, mein Junge … und das ist euer Pech.«
»Tom wird Sie umbringen«, sagte Nix hasserfüllt.
»Oh … ich bete, dass er es versucht.«
Digger und Heap glucksten amüsiert.
Nix wischte sich Blut aus den Augen. »Tom wird uns finden und …«
»Natürlich wird er euch finden, Mädchen. Gott ist mein Zeuge, wir haben es ihm leicht gemacht, euch zu finden. Mich zu finden.« Preacher Jack ging in die Hocke, sodass er sich fast auf Augenhöhe mit Benny und Nix befand. »Mmmh … diese Antwort habt ihr nicht erwartet, oder? Glaubt ihr etwa, der Schnelle Tommy würde euch retten? Tom der Schwertkämpfer, Tom der Waldläufer … Tom der Killer? Glaubt ihr das?«
»Warum tun Sie das?«, fragte Nix flehentlich. »Warum können Sie uns nicht einfach in Ruhe lassen? Wir wollen doch nur von hier fortgehen.«
»Fortgehen? Und wohin?«
Nix zeigte nach Osten. »Weit weg von euch allen und all diesem Zeug. Wir wollen damit nichts mehr zu tun haben.«
»Ihr wollt nach Osten?« Irgendetwas flackerte in Preacher Jacks Augen, und für einen Moment hatte es fast den Anschein, als fürchtete er sich vor etwas. Dann wurde sein Blick hart. »Oh, meine dummen kleinen Sünder, ihr wollt nicht nach Osten. Dort draußen gibt es nichts für euch.«
»Doch«, widersprach Nix. »Es gibt …«, setzte sie an, unterbrach sich dann aber.
»Was wolltest du sagen? Dass es dort ein Flugzeug gibt? Einen großen, glänzenden Jet?« Preacher Jack schüttelte den Kopf. »Vielleicht tue ich euch einen Gefallen, wenn ich euch davon abhalte, diesen Weg einzuschlagen. Das Einzige, was ihr östlich von hier finden werdet, sind Grauen und Leid.«
»Ganz im Gegensatz zu all dem Spaß und den Spielen, die wir hier haben«, meinte Benny spöttisch. Aber trotz seines beißenden Kommentars säten Preacher Jacks Worte – und dieser Ausdruck in seinen Augen – Zweifel in seiner Seele. Hatte Nix es auch bemerkt?
»Warum?«, fragte Nix wieder. »Warum tun Sie das?«
Preacher Jack stieß die Spitze von Bennys Bokutō in den weichen Boden, stützte sich darauf und schmiegte eine Wange an das polierte Hartholz. »Das ist eine sehr gute Frage, kleines Fräulein. Warum? Warum bin ich aus dem ›Ruhestand‹ zurückgekehrt? Bis letzten Dezember habe ich in Ruhe und Frieden meine Herde gehütet. Ich habe den Acker des Herrn bestellt und mich um die Kinder Lazarus’ gekümmert.«
»Zoms«, stieß Benny hervor, in der Hoffnung, mit diesem Wort dem Prediger das Lächeln aus dem Gesicht wischen zu können.
»Ah ja – die alte Taktik, den Feind zu provozieren. Hat Tom dir das beigebracht? Oder ist es deine eigene Sündhaftigkeit, die dich dazu verleitet, einen Diener Gottes zu beleidigen? Nein … antworte nicht, mein Junge, denn sollte ich dieses Wort noch einmal aus deinem Mund hören, schneide ich dir die Zunge heraus und nagle sie dir an die Stirn. Glaub nicht, dass ich Witze mache, Klein Benjamin, denn es wäre nicht das erste Mal, dass ich die beleidigende Zunge eines Sünders zum Schweigen bringe. Stimmt’s, Jungs?«
»Ja und Amen, Padre«, bestätigten sie.
Benny war klug genug, den Mund zu halten.
Preacher Jack nickte zufrieden. »Als ich hörte, dass Tom Imura Charlie Matthias und Marion Hammer umgebracht hat … da wusste ich, dass der Herr mich gerufen hat, um ihm auf andere Art zu dienen.«
»Tom hat niemanden umgebracht!«, erklärte Nix wutschnaubend. »Rotaugen-Charlie war der Mörder! Er hat meine Mutter getötet!«
»Schhh, meine Kleine. Ich glaube, es dürfte dir schwerfallen, mit zusammengenähten Lippen Lügen zu verbreiten.«
Nix spuckte ihn an. Benny spannte alle Muskeln an und war bereit, sich zwischen Nix und Preacher Jack zu werfen, falls der ihr etwas antun wollte. Doch der Prediger lachte nur und wischte sich den Speichel von den Aufschlägen seines staubigen schwarzen Mantels. Er schüttelte den Kopf und sein Lächeln verblasste ein wenig.
»Oh, Kind des Staubes … du häufst nur Sünden im Lagerhaus des Herrn an«, sagte er sanft. »Du sprichst schlecht über Charlie, aber er war ein guter Mensch. Seine Männer haben ihm vertraut, er war gut zu seiner Familie und für jeden ein Vorbild in dieser schlimmen, schlimmen Zeit. Dumme, sündige Menschen können nicht über ihre eigene Unzulänglichkeit hinaus sehen und begreifen nicht, welch schwierige Entscheidungen ein Mann wie Charlie treffen musste, um das zu schützen, was ihm gehörte.« Er schloss für einen Moment die Augen. »Das Wissen, dass der Mann, der ihn umgebracht hat, noch immer auf Erden wandelt, ist wie ein Splitter in meinem Herzen. Tom Imura ist ein böser Mensch. Er hat die Familie Matthias jahrelang verfolgt, hat falsche Behauptungen aufgestellt, sich in den zugelassenen Handel eingemischt … und jetzt ist er auch noch ein Mörder, an dessen Händen Blut klebt.«
Benny wollte etwas erwidern, überlegte es sich dann aber. Dem Ausdruck in den Augen des Mannes nach zu urteilen, würde er seine schrecklichen Drohungen wahr machen. Benny fragte sich kurz, ob es irgendwie von Nutzen sein könnte, Preacher Jack zu erzählen, dass Charlie vielleicht noch lebte, dass er ihn auf dem Feld bei der Raststätte gesehen hatte. Doch er schwieg.
»Typen wie Tom bin ich auf der ganzen Welt begegnet«, fuhr Preacher Jack fort. »Vor der Ersten Nacht, bevor ich den Ruf Gottes vernahm, der mich meiner heiligen Aufgabe zuführte, war ich ein anderer Mann. Eher wie Charlie und White Bear. Ich war einst ein Soldat, in einem Sondereinsatzkommando, auch wenn das euch Jungvolk wohl nichts mehr sagt. Ich habe meinem Land bei geheimen, verdeckten Einsätzen gedient, in Afrika und Asien, im Nahen Osten und in Südamerika. Wir waren die Gerechten, die Harten. Haben Herzen gebrochen und Köpfe rollen lassen.« Er seufzte. »Dann wurden die Dinge … kompliziert. Zu viele Vorschriften, die dem Militär auferlegt wurden. Also stiegen ein paar Waffenbrüder und ich aus und machten uns selbstständig. Wir wurden Unternehmer.«
»Sie meinen Söldner«, warf Nix verächtlich ein.
»Diese Bezeichnung beschämt mich nicht, kleines Fräulein. Söldner oder Unternehmer, da ist kein Unterschied … wir waren den Interessen des amerikanischen Volkes verpflichtet. So oder so.« Wieder lachte Preacher Jack. »Ihr habt doch wohl nicht geglaubt, ich hätte in der Bibelschule gelernt, mich selbst zu verteidigen? Nein, ich behaupte nicht, dass ich ein Heiliger gewesen bin, weil ich der Fahne und dem Land gegenüber loyal war. Diese Lüge würde ich keinem verkaufen. Um die Wahrheit zu sagen: Ich war damals ein Sünder. Ich gebe es zu und beschönige nichts, aber ich war immer auf der Seite der Guten. Bin noch immer stolz darauf, Amerikaner zu sein, egal, wo ich war oder in welche gottverlassenen Länder man mich geschickt hat.« Er beugte sich dichter zu ihnen hinunter. »Dann kam die Erste Nacht. Ah … das war das Wunder, das diesem armen Sünder die Augen geöffnet hat. Die Toten standen auf, um die Erde zu beanspruchen. Jene, die zu Staub zerfallen sollten, erhoben sich und beanspruchten die Herrschaft über die Länder der Lebenden. Die Kinder Lazarus’ erwachten und zeigten uns in ihrer Reinheit, wie sehr wir irrten und wie sündhaft wir waren. Da änderte ich mein verruchtes Leben und begann, aus der Bibel zu predigen.«
Benny fand seine Stimme wieder und fragte leise: »Wenn Sie so heilig sind, wie erklären Sie dann Gameland? Wie kann das ein Teil von Gottes Plänen sein?«
Preacher Jack zuckte die Achseln. »Diese Welt mag ein Paradies für die Kinder Lazarus’ sein, aber für rotznasige kleine Sünder wie euch … ist diese Welt die Hölle. Das ist doch mal ein kosmisches Paradox, oder? Himmel und Hölle existieren hier im Leichenland gleichzeitig und bilden zusammen einen neuen Garten Eden. Die Städte – man könnte sie als die Vorhölle betrachten, wo die Seelen auf das Jüngste Gericht warten. Und Gameland … nach Gottes eigener Wahrheit ist Gameland das Fegefeuer, wo jeder die Chance bekommt, seine Sünden abzubüßen.«
»In Kämpfen gegen Z …«, setzte Benny an, besann sich aber, bevor er das Wort aussprach. »Indem man in Gruben gegen die Toten kämpft?«
Preacher Jack nickte. »Wenn eine Person einem der Kinder gegenübertritt, werden beide auf die Probe gestellt, wie würdig sie sind. Wenn das Kind gewinnt, hat es bewiesen, dass Gottes Macht in ihm lebendig ist, auch wenn das Gefäß tot ist … und der Sünder wird dann ebenfalls zu einem der Kinder, zu einem höheren Wesen. Gewinnt der Sünder, so hat er vor Gott damit nur gezeigt, dass er in den Augen des Himmels würdiger ist. Und indem er eines der Kinder besiegt, hat er einen Makel in der heiligen Landschaft beseitigt.«
Was für ein Schwachsinn, schrie Bennys innere Stimme – und fast hätte er es laut ausgesprochen, doch er wusste, dass diese Worte seine letzten sein würden. Er fragte sich, ob der alte Mann das alles wirklich glaubte oder ob es nur irgendein verrückter Schwindel war. Charlie hatte sein Handeln mit der Begründung zu rechtfertigen versucht, er habe nur beim Aufbau der Handelsrouten geholfen, über die die Städte am Leben gehalten wurden. Folgte diese Rechtfertigung vielleicht einer ähnlichen Logik?
Benny schaute hinüber zu Nix. Ihre Wunde blutete nicht mehr so stark, aber ihre Augen funkelten vor Hass und Angst. Welches Licht mochte wohl in seinen Augen brennen? »Was haben Sie mit uns vor?«, fragte Benny schließlich.
»Ich glaube, wir alle kennen die Antwort auf diese Frage. Alle Sünder erwartet das Fegefeuer.« Preacher Jack stand auf und nickte seinen Männern zu. »Nehmt sie mit.«
