9

Die Freunde saßen am Picknicktisch in Toms und Bennys Hof, tranken Eistee und aßen riesige Stücke Apfelkuchen mit Rosinen und Walnüssen. Die Sonne glich einem goldenen Ball und schien von einem wolkenlosen blauen Himmel herab und in den Bäumen zwitscherten die Vögel. Aber auch diese üppige Schönheit konnte die bedrückte, bestürzte Stimmung nicht aufhellen, die sie wie ein Nebel umfing.

Lilah hockte abseits im Schneidersitz auf dem Rasen. Seit den Ereignissen in Zaks Garten hatte sie keinen Ton mehr gesagt. Auch die anderen hatten nicht viele Worte verloren, abgesehen von ein paar Kommentaren über Toms Apfelkuchen. Benny knabberte an seinem Kuchenstück, hatte aber keinen Appetit. Nix ging es genauso, doch sie stocherte zornig in dem Gebäck herum, bis nur noch ein klebriger beiger Klumpen auf ihrem Teller lag. Chong und Morgie aßen ihre Portion, allerdings schaufelte Chong den Kuchen in sich hinein, als sei er auf Autopilot eingestellt, und hatte dabei den Blick auf Lilahs hübsches, aber finsteres Profil geheftet.

Tom saß auf einem Baumstumpf und wirkte wütend und unglücklich.

»Was ist da eben passiert?«, fragte Benny schließlich. »Mit Danny und Zak … und …?«

Tom seufzte und fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. »Es hat mit Opa Houser angefangen. Allem Anschein nach ist er auf der Couch im Wohnzimmer gestorben, während er die Town Pump las. Wahrscheinlich dachte Michelle, er würde schlafen, und hat versucht, ihn wachzurütteln. Und als er dann wiedererwachte, wurde sie wohl gebissen. Dann ist sie aus dem Haus gelaufen. Um zu fliehen oder Hilfe zu holen. Die Zwillinge sagten, sie seien den ganzen Morgen mit ihrem Dad unterwegs gewesen, also wollte Michelle sich vielleicht an Zak oder Big Zak wenden. Keine Ahnung, was danach passiert ist. In der Küche war jede Menge Blut – möglicherweise hat Opa Houser sie angegriffen, als sie wieder hereinkamen. Oder vielleicht war Michelle schlimmer verletzt, als sie dachte. Zak muss dort gebissen worden und dann nach Hause gelaufen sein. Ich bin auch im Haus der Matthias’ gewesen. Im Esszimmer war alles voll mit Zaks Blut und als er wiedererwacht ist …«

»… hat er seinen Vater angegriffen«, ergänzte Benny.

Tom nickte.

Benny überlegte, ob er von seinem Verdacht erzählen sollte, dass Big Zak seinen Sohn geschlagen hatte, aber das schien jetzt keine Rolle mehr zu spielen. Trotzdem nahm ein hässlicher Gedanke in seinem Kopf Gestalt an. Was wäre, wenn Zak von Mrs Houser oder Opa Houser gebissen worden und nach Hause gegangen war, im vollen Bewusstsein, dass er sich angesteckt hatte und bei seinem Vater wiedererwachen würde? War das vielleicht seine kranke Art gewesen, sich für die Misshandlungen zu rächen?

Nix legte ihm die Hand aufs Knie und drückte es kurz. Als Benny sie daraufhin anschaute, entdeckte er eine Fülle von Emotionen in ihren grünen Augen. Sie schenkte ihm ein trauriges Lächeln, und nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob sie seine Gedanken lesen konnte. Oder fühlen konnte, was er fühlte. Wie nannte man das noch gleich? Empathie? Er war sich ziemlich sicher, dass dies der richtige Begriff war.

»Das ist echt ätzend«, meinte Morgie. »Danny und seine Familie. Mann, Mann, Mann …«

»Zak nicht zu vergessen«, bemerkte Chong.

Morgie musterte ihn finster. »Ohne die Familie Matthias sind wir besser dran. Ihr habt uns allen einen Gefallen getan, als ihr Zak den Schädel eingeschlagen habt …«

Nix’ Hand schoss auf ihn zu und packte ihn am Hemd. »Halt die Klappe!«, forderte sie aufgebracht.

»Hey! Was hast du denn für ein Problem?«, entgegnete Morgie und versuchte, ihre Faust zu öffnen. »Du solltest eine Party schmeißen. Deine Mom ist wegen Zak und seiner ganzen beschissenen Familie gestorben. Sie haben dich entführt und du wärst fast gestorben. Und mir haben sie so hart auf den Schädel geschlagen, dass ich ebenfalls fast abgekratzt wäre. Was muss passieren, damit du wütend genug bist, um …«

»Halt den Mund.« Nix’ Stimme war kalt wie Eis. »Zak konnte nicht wissen, was Charlie tun würde, als er ihm von der Karte mit dem Verlorenen Mädchen erzählt hat.«

Morgie grinste spöttisch. »Ach ja? Und woher weißt du das? Hast du ihn gefragt? Hast du ihn jemals gefragt, warum er es Charlie überhaupt erzählt hat? Woher willst du wissen, dass Charlie ihm nicht gesagt hat, was passieren würde?«

Nix antwortete nicht, aber ihre grünen Augen sprühten Feuer.

»Woher willst du wissen, dass Zak keine Ahnung hatte?«, bohrte Morgie weiter. »Tom ist nicht der Einzige, der Kids in unserem Alter zu Kopfgeldjägern ausbildet. Vielleicht ist Zak von Charlie ausgebildet worden. Vielleicht hat Charlie ihm alles über Gameland und die Z - Spiele erzählt. Du weißt nicht, was Zak wusste. Er könnte genauso schuldig gewesen sein wie Charlie und der Hammer.«

Alle schauten zu Nix, und Benny rechnete damit, dass sie in Tränen ausbrechen, auf Morgie einschlagen oder sonst was Extremes tun würde.

Stattdessen öffnete sie langsam die Hand und ließ Morgies Hemd los. »Du hast recht«, sagte sie schließlich.

Morgie blinzelte überrascht. »Ich …«

»Ich weiß es tatsächlich nicht«, fuhr Nix fort und ließ Morgie gar nicht mehr zu Wort kommen. »Aber weder du noch sonst jemand weiß es. Charlie Matthias und Marion Hammer sind tot. Wir haben sie oben in den Bergen getötet. Ich weiß, dass das meine Mom nicht zurückbringt.« Eine Träne lief ihr die Wange hinab und hinterließ dort eine silberne Linie. »Aber es ist genauso sinnlos, Zak ohne Beweise zu verurteilen.«

Morgie wollte etwas entgegnen, überlegte es sich dann jedoch anders und klappte den Mund wieder zu. Er schaute in die Runde, als erwartete er die Zustimmung der anderen, doch alle wichen seinem Blick aus.

Nix wischte sich die Träne mit dem Handrücken ab. »Seit unserer Rückkehr habe ich nichts anderes getan, als Zak zu hassen. Genau wie seinen Vater und alle, mit denen Zak etwas zu tun hatte. Ich wollte sie alle tot sehen. Ich wollte, dass sie bezahlen.« Ihre Worte waren kämpferisch, aber ihre Stimme klang so leise, dass Benny sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. Sie schniefte. »Heute … als ich Zak getötet habe … da hab ich es wirklich gewollt. Ich habe nicht nur den Zombie getötet, in den Zak sich verwandelt hatte. Ich konnte es tief in mir drin spüren. Und ich spüre es noch. Es ist, als …«

Alle schwiegen, während sie sich bemühte, ihre Gefühle in Worte zu kleiden, die jeder verstehen konnte. Benny legte ihr die Hand aufs Knie, aber Nix schüttelte den Kopf und schob sie sanft weg. »Ich möchte nicht, dass deswegen jemand jubelt«, sagte sie mit einer Stimme, die schon fast einem Schluchzen glich. »Und ich will auch nicht, dass jemand mich zu trösten versucht. Ich hab das Gefühl, als würde ich allmählich verrückt. Ich fühl mich …« Sie atmete tief ein. »Ich fühl mich verseucht.« Sie schaute die anderen an, ob einer von ihnen sie verstand.

Tom nickte als Erster, und Benny begriff, warum. Tom war schon wesentlich länger in diesem Geschäft als jeder andere von ihnen, und Benny wusste, dass jeder Einzelne, von ihm herbeigeführte Tod seinen Bruder schwer traf. Bis tief ins Mark.

Auch Chong nickte und wandte das Gesicht ab, um das zu verbergen, was vermutlich sonst in seinen dunklen Augen zu erkennen gewesen wäre. Lilah gab ein kurzes Grunzen von sich, das alles Mögliche bedeuten konnte, aber zumindest schüttelte sie nicht den Kopf.

Nix drehte sich Benny zu, ihr Gesicht voller Hoffnung und Schmerz zugleich.

»Ja«, bestätigte Benny. »Du weißt, dass ich es weiß.«

Einer nach dem anderen wandte sich nun an Morgie. Seine Augen funkelten wütend, seine Kiefer mahlten angespannt. Dann stand er wortlos auf und ging fort.

»Morgie!«, rief Nix und wollte aufspringen, aber Tom schüttelte den Kopf.

»Lass ihn«, riet er ihr. »Er braucht ein wenig Zeit.«

Doch Nix hörte nicht auf Tom. Sie lief Morgie nach und holte ihn ein, als er das Gartentor hinter sich zuwarf. Nix drückte es wieder auf, aber er marschierte weiter, rannte fast. Entschlossen setzte sie sich vor ihn und versperrte ihm in den Weg. Benny konnte weder hören, was sie sagte, noch was Morgie erwiderte. Zuerst schrien sie einander an, doch ihre Worte wurden vom Wind verschluckt. Dann umarmte Nix Morgie, der zuerst nicht reagierte – und schließlich ebenfalls die Arme um sie schlang. Die beiden standen einfach nur da, den Kopf an die Schulter des anderen gelehnt. Benny sah, wie ihre Körper bebten, als sie weinten.

»Geh da jetzt besser nicht hin, Benny«, sagte Chong leise.

»Nein, du hast recht«, pflichtete Benny ihm bei.

Eine Weile schauten sie zu Nix und Morgie hinüber, dann wandten sie sich einer nach dem anderen ab.

Aus Nix’ Tagebuch

Menschen im Leichenland

Kopfgeldjäger sind die größte Gruppe von Menschen, die sich ins Leichenland wagen oder manchmal auch dort leben. Sie erledigen Jobs gegen Bezahlung, beispielsweise eine Stadt von Zombies befreien oder bestimmte Zombies ausfindig machen, Handelsrouten sichern, vermisste Menschen suchen und so weiter.

Tom sagt, die meisten von ihnen seien gefährlich und nicht besonders nett. Aber er sagt auch, dass „nette Leute diese Art von Arbeit meistens gar nicht erst annehmen“. Bürgermeister Kirsch bezeichnet sie als „notwendiges Übel“.

In der Stadt erzählt man sich von einem neuen Kopfgeldjäger, der in die Gegend gekommen ist, um Rotaugen-Charlies Gebiet zu übernehmen. Sie nennen ihn White Bear, aber das ist auch fast schon alles, was ich über ihn weiß … angeblich soll er genauso gemein und brutal sein wie Rotaugen-Charlie. Na toll.

Rotaugen-Charlie und der Motor City Hammer waren Kopfgeldjäger, und alle Menschen, die für sie gearbeitet haben, waren schlecht.

Abschlussspezialisten sind eine besondere Art von Kopfgeldjägern. Sie werden von Angehörigen beauftragt, um nach Familienmitgliedern oder Freunden zu suchen, die zu Zombies mutiert sind. Tom Imura ist ein Abschlussspezialist.

Tom macht sie ausfindig, wenn er kann (Zoms entfernen sich meistens nicht weit von dem Ort, an dem sie wiedererwacht sind), liest ihnen einen Abschiedsbrief ihrer Familie vor und „befriedet“ sie dann so human wie möglich.

Andere Abschlussspezialisten, die Tom mir vorgestellt hat, sind Old Man Church, Solomon Jones und Lucy Diamonds.

Kopfgeldjäger, denen Tom vertraut: J - Dog, Dr. Skillz, Hector Mexico, Sally Two-Knives, Basher Bashman, Magic Mike, LaDonna Willis und Söhne sowie Fluffy McTeague.

Wie würde ich wohl heißen, wenn ich eine Kopfgeldjägerin wäre? Reds Riley? Little Killer?

Darüber muss ich erst noch nachdenken.