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Benny wurde von Monstern aus seinen Träumen aufgeschreckt. Seit dem Einschlafen war er durch eine albtraumhafte Landschaft gelaufen, wo gigantische Bäume mit schwarzen Stämmen und gelblich brennenden Blättern Hunderte Meter hoch in den Himmel ragten. Er rannte durch ein Feld mit verkohltem Gras und bei jedem Schritt schoss eine vertrocknete weiße Hand aus dem Boden und griff nach ihm. Hektisch wich er aus, schlug Haken und taumelte, als eine Hand nach der anderen durch den schwarzen Boden brach und ihn packen wollte.

Zombies tauchten keine auf … nur die nach ihm greifenden Hände mit den abgebrochenen Fingernägeln und der fahlen Haut. Im Laufen rief er Nix’ Namen, aber der heiße Wind trug ihn davon und zerriss ihn zu tonlosen Fetzen. Er konnte Nix nirgends sehen. Er rannte und rannte.

Dann sah er Tom, der sich langsam inmitten des Meers aus Händen von ihm entfernte. Benny lief zu ihm, griff nach seinem Arm und riss ihn herum. Tom starrte ihn mit staubigen schwarzen Augen an; sein Gesicht hatte die Farbe von altem Wachs und statt Zähnen ragten abgebrochene Stümpfe aus seinem Kiefer. Als er den Mund öffnete, um zu sprechen, kam nur das hungrige Stöhnen eines Zombies heraus.

»NEIN!«, schrie Benny und wich zurück. Bleiche Hände packten seine Fußgelenke und hielten ihn fest, während Tom mit unsicheren Schritten auf ihn zuwankte. Er kam immer näher. Wieder schrie Benny auf, trat um sich und hatte sich gerade befreit, als Toms trockene Finger sein Gesicht streiften. Asche wehte von den brennenden Bäumen herüber und Benny rannte los.

»NIX!«, rief er, aber seine Stimme besaß noch immer keine Kraft und war nicht zu hören.

Zu seiner Linken nahm er eine Bewegung und dann eine Farbe wahr. Ein aufflackerndes Rot. Benny lief in diese Richtung und sah dann Morgie Mitchell, der im Schneidersitz auf der Kühlerhaube eines ausgebrannten Wagens saß, das Gesicht angespannt vor Konzentration, während er versuchte, die zerbrochene Angelrute seines Vaters zu reparieren. An der Seite des Wagens lehnte eine schlanke, zusammengesackte Gestalt, die mit leuchtend rotem Blut bedeckt war.

Chong!

Benny lief zu ihm, kniete sich neben ihn und versuchte, herauszufinden, wo sein Freund verletzt war. »Chong! Chong … kannst du mich hören? Komm schon, rede mit mir, du magerer Affenpinscher.«

Chongs Lider flatterten und öffneten sich dann langsam. In seinen Augen war noch Leben, ein feuchtes Glänzen tief in der braunen Iris. Er versuchte, zu lächeln, und begann, sehr langsam und leise zu sprechen. Benny musste sich dicht zu ihm hinunterbeugen, um ihn zu verstehen.

»Alles hier draußen will dich töten, Benny«, sagte er.

»Chong! Wo bist du verletzt?«

Sein Freund hob die Hand und tippte sich mit einem blutigen Finger an die Schläfe. »Hier drinnen tut es weh, Benny. Hier drinnen funktioniert nichts mehr.« Dann fiel die Hand schlaff herab, und Chong kippte zur Seite, während ein letzter Atemzug rasselnd seiner Kehle entwich.

Benny fiel nach hinten und stieß sich von Chong weg. Weitere Hände brachen durch die Erde und umschlangen seine Handgelenke. »Nein!«, brüllte Benny und zappelte, trat und biss um sich, bis die Finger ihn freigaben und sich in heiße Asche verwandelten. Er spuckte die Asche aus und rappelte sich mühsam auf. Tom torkelte noch immer auf ihn zu.

»Du hättest zu Hause bleiben sollen«, sagte Morgie, ohne von der zerbrochenen Angelrute aufzublicken. »Denn du weißt, dass ihr alle hier draußen sterben werdet.«

»Wo ist Nix?«, wollte Benny wissen.

Morgie blickte auf. Statt Augen starrten Benny nur zwei leere Höhlen entgegen. »Auch sie wird sterben, Benny … und das ist deine Schuld.«

In Bennys Herz kämpften Wut und Abscheu gegeneinander, aber er wich zurück. Plötzlich berührten ihn Hände. Nicht die kalten Hände der begrabenen Toten, sondern zwei kleine, warme Hände. Sie strichen über seinen Rücken, dann über seine Schultern und schließlich über seine Wangen. Benny drehte sich langsam um, von Dankbarkeit und Erleichterung erfüllt.

»Nix … mein Gott. Wo warst du?«

Im nächsten Moment versagte ihm die Stimme. Nix Riley war ein verwelktes Ding. Ihre roten Haare hingen wie schlaffe, rote Schnüre von einer scheckigen, ausgefransten Kopfhaut herab. Ihre Haut wirkte fahl und auf ihren Wangen, Schultern und Armen prangten deutliche Bissspuren. Aber am schlimmsten war die Tatsache, dass mit ihren wunderschönen grünen Augen etwas nicht stimmte. Sie glichen einem totalen Chaos aus Grün, Gold und Schwarz. Ein fürchterlicher Anblick – eher die Augen eines leblosen Wesens als die eines Mädchens.

»Benny«, sagte sie und lächelte dann. Verwesende Lippen öffneten sich und legten abgebrochene Zähne frei. »Küss mich.«

Benny wurde von seinem eigenen Schrei geweckt. Er war schweißgebadet. Keuchend und mit pochendem Herzen setzte er sich auf. Das kalte Licht der Sterne drang durch das Laub der Bäume und verlieh der Welt eine seltsame weiß-blaue Aura, so fremd wie die Traumlandschaft, der er gerade entflohen war. Er wandte sich Nix zu, überrascht, dass sein Schrei sie nicht aufgeweckt hatte. Oder war der Schrei auch Teil des Traums gewesen? Er berührte ihren Arm und schüttelte sie sanft.

Aber ihre Haut war so kalt wie Eis.

»W…was …?« Bennys Stimme klang tonlos und brüchig. Als er Nix umdrehte, waren ihre Glieder ganz steif. Ihr Körper befand sich bereits im Übergang zur Leichenstarre. »Nein!« Hastig tastete er ihren Hals ab und versuchte, ihren Puls zu finden, zumindest ein schwaches Zeichen, dass sie noch lebte. Doch er fand nur kalte Haut, unter der sich nichts regte.

»NEIN!«

Er packte sie und zog sie an sich, bevor ein neuer Schrei wie heiße Lava in seiner Brust aufstieg. Wie konnte das sein? Lag es an der Verletzung in ihrem Gesicht? Nein, dabei handelte es sich nur um eine Schnittwunde. War sie gebissen worden?

Wo?

Wann?

In dem Moment wusste er die Antwort. Es musste auf dem Feld passiert sein, in der Dunkelheit. Als das Feuer wütete, und der Rauch alles verdeckte, hatte eines der torkelnden Monster sie gebissen. In ihrer Panik während der Flucht hatte sie es vermutlich nicht bemerkt. Oder vielleicht hatte sie auch nicht gewagt, es ihm zu sagen.

Wie ein Eisblock lag sie in seinen Armen und immer wieder rief Benny ihren Namen. Es konnte nicht sein. Die Welt durfte das nicht zulassen. Es durfte einfach nicht wahr sein. Doch Nix hing kalt und tot in seinen Armen.

Bis sie sich bewegte.

Benny wich zurück und starrte sie an. Sein verwirrter Verstand klammerte sich an dieses letzte bisschen Hoffnung. Bitte … mach, dass mit ihr alles in Ordnung ist. Vielleicht ist sie einfach nur krank. Bitte … bitte … bitte!

Nix Riley öffnete die Augen. Die grün-goldenen, kranken Augen eines Zombies. Und mit einem unendlich hungrigen Knurren stürzte sie sich auf Benny.