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Tom Imura war im Leichenland zu Hause. Er liebte die Wälder, selbst als sich die Nacht herabsenkte und die grüne Welt in eine fast undurchdringliche schwarze Finsternis verwandelte. Seit jener schrecklichen Nacht vor 15 Jahren hatte Tom fast ein Drittel seines Lebens in diesen Wäldern verbracht. Im Gegensatz zu Mountainside mit seinen unverrückbaren Grenzen und der allgegenwärtigen Angst erschien ihm alles im Leichenland einfach und klar: Man wusste genau, woran man war.

Tom vermutete, dass dieser Zustand große Ähnlichkeit mit der Welt zu einer Zeit besaß, bevor die Menschheit die ersten Städte gründete. Damals hatte es alle möglichen Raubtiere gegeben und das Leben war bestenfalls mühsam gewesen. Jeder Tag glich einem Kampf ums Überleben, aber eben dieser Kampf hatte die Menschen zu Problemlösern gemacht. Ihre Erfindungsgabe war eines ihrer wichtigsten Werkzeuge und der Grundstein jeglicher Zivilisation. Ohne sie hätten sich die Menschen nie das Feuer nutzbar gemacht oder aus einem Stück Holz ein Rad geschnitzt.

Tom wusste, dass es da draußen Zombies gab, aber er hatte keine Angst vor ihnen. Er respektierte und akzeptierte sie genauso als ernsthafte Bedrohung wie die Bären, Pumas und Wölfe, die durch die Berge streiften. Seine Philosophie gründete sich auf die natürliche Ordnung der Dinge: Wenn ein Problem auftaucht, nutze alle Ressourcen, um es zu lösen. Bis jetzt war er mit dieser Strategie erfolgreich gewesen: Sie hatte ihm unter anderem dabei geholfen, Benny in der Ersten Nacht zu retten, das erste Gameland niederzubrennen und Hunderte Zombies zu befrieden. Sollte jedoch ein Problem auftauchen, das seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten überstieg, und sollte er infolgedessen sterben, so war er mit sich im Reinen. Das war der Lauf der Welt: Die Stärkeren überlebten, aber niemand konnte immer der Stärkste sein.

Während Tom durch den Wald lief, wich er immer wieder Ästen aus und sprang über kleine Gräben; aber er bewegte sich nie schneller, als es die Wahrnehmungsfähigkeit seiner Sinne zuließ, und lauschte aufmerksam auf das, was seine Umgebung ihm mitteilte. Inzwischen hatte er aufgehört, nach Chong zu rufen. Der Junge hatte eindeutig weglaufen wollen, und wenn er ihn nun rief, würde Chong sich vermutlich verstecken. In dieser Dunkelheit konnte auch der beste Jäger der Welt niemanden finden, der nicht gefunden werden wollte. Es war ohnehin schon schwer genug, Chongs Spur zu folgen. Zum Glück hatte der Junge den alten Trick angewandt und seine Fußspuren mit einem Ast verwischt. Natürlich waren seine Schuhabdrücke dadurch unkenntlich geworden, doch dabei hatte er deutliche Streifen im Dreck und im Moos hinterlassen. Tom musste fast lächeln, als er sie sah.

Schließlich gelangte er an die Stelle, wo Chong innegehalten und versucht hatte, von seiner Spur abzulenken. Das auffällige Waffelmuster seiner Sohlen ließ sich auch in der Dunkelheit deutlich erkennen.

Entlang des Pfads befanden sich noch andere Spuren; die meisten stammten von Tieren und waren für Tom nicht weiter von Interesse. Er entdeckte auch ein paar Fußabdrücke von Menschen, vermutlich auch von Zombies, aber die meisten waren schon ein paar Tage alt und von Chongs Spuren überlagert. Doch der Anblick eines dieser Abdrücke sorgte dafür, dass er wie angewurzelt stehen blieb und seine Hand sogar zum Griff seiner Pistole im Holster zuckte. Die Spur stammte von Wanderschuhen aus der alten Welt, mit abgenutztem Profil und einer halbmondförmigen Einkerbung an der rechten Ferse.

Tom bückte sich, um sich die Spur genauer anzusehen. Eindeutig die Abdrücke von Preacher Jacks Schuhen, allerdings hatte er sie auf seinem Weg zu ihrer Begegnung vor wenigen Stunden hinterlassen.

Leise setzte Tom seine Suche fort. Der Wald wurde immer stiller, und er bewegte sich nur so schnell vorwärts, wie es ihm möglich war, ohne dabei ein Geräusch zu verursachen. So lautete eine Regel der Fährtensucher: Mach nie mehr Lärm als das, was du verfolgst.

Knack.

Das Geräusch war nicht besonders laut, kam aber ganz aus der Nähe, und mit drei Schritten schlüpfte Tom in den Schatten zwischen zwei alten Ulmen. Er lauschte. Geräusche waren trügerisch. Ohne ein zweites Geräusch fiel es häufig schwer, mit Bestimmtheit zu sagen, aus welcher Richtung das erste gekommen war. Von vorn links? Von jenseits des Pfads?

Ein Rascheln. Eindeutig von links. Tom spähte in die Finsternis. Das zweite Geräusch hatte sich angehört, als sei jemand über trockenes Gestrüpp gegangen. Es folgte eine lange Pause, dann ein Knirschen.

Tom sah, wie sich ein Schatten löste und von links nach rechts über eine Lichtung huschte. Eine schnelle, verstohlene Bewegung eines zweibeinigen Wesens. Aber kein Zombie, da war er sich sicher.

Preacher Jack? Falls ja, war Tom fest entschlossen, dieses Mal eine andere Art von Schwätzchen mit ihm zu halten als vor wenigen Stunden auf der Straße.

Die Gestalt kam auf ihn zu, aber der Körpersprache nach zu urteilen, hatte sie ihn nicht gesehen. Der Kopf war eher nach Norden gewandt, weiter in Richtung des Wildpfads. Zu der Stelle, an der Tom sich jetzt ungefähr befunden hätte, wenn er weitergegangen wäre … Tom nickte zustimmend. Ein ziemlich guter Fährtensucher, überlegte er.

»Tom!«, rief eine Stimme. Eine sehr vertraute Stimme. »Tom Imura. Ich weiß, dass du irgendwo da oben hinter einem Baum bist. Lass mich nicht den ganzen Hang hochlaufen.«

Mit gezückter Pistole trat Tom hinter dem Baum hervor. Die schattenhafte Gestalt schob sich langsam auf eine Lichtung mit etwas mehr Sternenlicht: eine große, kräftige Frau, imposant von den Sohlen ihrer Stiefel bis zu den Spitzen ihres orangefarbenen Irokesenschnitts. Aus ihrem Gürtel ragten Messer- und Pistolengriffe in alle Richtungen, wie bei einem Piraten aus früherer Zeit. In der rechten Hand hielt sie ein riesiges Jagdmesser mit einer tödlich scharfen, 45 Zentimeter langen Klinge.

Auf der Klinge schimmerte etwas Schwarzes, das in der Dämmerung an Öl erinnerte. Aber Tom wusste, dass es sich dabei um Blut handelte. Gesicht und Kleidung der Frau schienen damit beschmiert zu sein. Als sie ins Licht schwankte, sah Tom, dass ihr linker Arm schlaff und bewegungslos herunterhing.

Verwundert trat er einen Schritt vor. »Sally?«

Sally Two-Knives grinste ihn mit blutigen Zähnen an. »Bist du allein, Tom?«

»Ja.«

»Gut«, sagte sie und fiel dann mit dem Gesicht nach vorn zu Boden.