»Wie weit ist es bis zum Yosemite?«, fragte Benny und spähte in Richtung der dunstigen, dunkelgrünen Masse in der Ferne.
Nix fächelte eine Wolke Mücken weg, die vor ihrem Gesicht schwebte. »Ich weiß es nicht genau. Was denkst du, wie weit wir gekommen sind?«
Benny schaute hinauf zur Sonne. »Wir sind seit drei Stunden unterwegs. Ich schätze, dass wir in diesem Gelände ungefähr drei Meilen die Stunde machen. Vielleicht etwas weniger, sagen wir zweieinhalb. Also sieben bis acht Meilen seit Verlassen der Raststätte.«
Nix nahm ihr Tagebuch aus der Tasche und schlug eine der Seiten mit den Karten auf, die sie sorgfältig übertragen hatte. Eine davon zeigte den Osten von Mariposa County und Mountainside. Ein Stück Pappe klemmte daran, auf dem stufenweise ansteigende Meilenmarkierungen eingezeichnet waren. Nix entfernte den Pappstreifen, unter dem sich ein weiterer eingekreister Ort befand: BD/RS, Bruder Davids Raststätte. »Tom sagte, er wolle uns nach Wawona bringen, drüben in der Nähe des Merced River.« Rasch stellte sie eine Berechnung im Kopf an und verkündete dann: »Wir sind wahrscheinlich keine acht Meilen mehr von Wawona entfernt.«
Der Gedanke an das große Hotel mit seinen zahlreichen Gästen und den bewachten Wäldern war beruhigend. Wenn sie dort wieder zusammentrafen, konnten sie ihre Suche nach dem Jet vielleicht noch einmal ganz neu beginnen.
»Jemand im Hotel könnte den Jet gesehen haben«, spekulierte Benny. »Tom meint, es kämen andauernd Leute auf der Durchreise vorbei.«
»Wie Preacher Jack«, erinnerte Nix ihn und fügte leise hinzu: »Der Irre.«
Benny nickte, holte seine Feldflasche hervor und trank einen Schluck Wasser. »Wir passen auf. Außerdem wird Tom sich denken können, dass wir nach Wawona gegangen sind.«
Nix kramte die letzten Erdbeeren vom Greenman hervor und teilte sie mit Benny. »Jetzt hätte ich wahnsinnig gern eins von Toms Sonntagsessen. Ein großes Steak, so blutig, dass es noch muht, wenn man die Gabel reinsteckt. Dazu Spinat und Mais. Und die Honigplätzchen, die er nach dem Rezept meiner Mom macht, und einen seiner Apfelkuchen mit Rosinen.«
»Mit Rosinen und Walnüssen«, korrigierte Benny sie. »Die dürfen nicht fehlen.« Sie gingen weiter und träumten von einem Festmahl. »Im Hotel gibt es jede Menge zu essen.«
»Wenn nicht, beiße ich dir einen Arm ab.«
Dieser Scherz beschwor ein Bild aus Bennys Traum herauf. »Komm, Nix«, sagte er schnell. »Wir können in ein paar Stunden da sein.«
Nix warf einen Blick auf den Weg, den sie gekommen waren. »Sie werden uns finden, oder?«
»Na klar«, bestätigte er, und zum ersten Mal an diesem Tag meinte er es auch so. »Und bis dahin wird uns nichts passieren.«
Bisher waren sie weder auf den Feldern und Wiesen noch in den Tälern, die sie durchquert hatten, auf eine ernsthafte Gefahr gestoßen. Sie hatten zwar ein paar Zombies gesehen, waren aber jedes Mal in einem großen Bogen um sie herumgegangen. Keiner von beiden hatte das Verlangen, Zombies anzugreifen, wenn es nicht unbedingt sein musste. Bei seinem ersten Ausflug ins Leichenland im Jahr zuvor hatten Benny und Tom ein Trio von Kopfgeldjägern beobachtet, die Zombies nur so zum Spaß geschlagen und gequält hatten. Die Männer hatten gelacht und sich amüsiert, aber Benny war bei dem Anblick sofort schlecht geworden, und die Erinnerung daran schmerzte wie eine offene Wunde.
»Okay, dann mal weiter«, meinte Nix, und sie setzten sich wieder in Bewegung. Es war zwar erst Anfang April, und sie befanden sich auf höher gelegenem Gelände, aber trotzdem brannte die Sonne vom Himmel. Die meisten Wolken waren verschwunden und keiner von ihnen hatte einen Hut.
»Wow«, keuchte Benny und griff erneut nach seiner Feldflasche. »Ich schlag vor, wir warten ein Weilchen und gehen erst weiter, wenn die Sonne nicht mehr direkt über unseren Köpfen steht.«
»Von mir aus«, willigte Nix mürrisch ein, aber dann hellte sich ihre Miene auf, und sie zeigte nach vorn. »Sieh mal! Äpfel.«
Sie verließen die Straße, überquerten ein Feld und gelangten auf eine überwucherte Obstwiese. Nachdem jeder einen Arm voll Äpfel gesammelt hatte, setzten sie sich und lehnten sich mit dem Rücken an eine von Einschüssen übersäte Mauer. Die Steine waren kühl und die Äpfel süß. In der Nähe stand eine ausgebrannte Farm und dahinter eine Scheune, die einst leuchtend rot gewesen sein musste. Aber in 14 Jahren war aus dem Rot ein Rostton geworden, der an getrocknetes Blut erinnerte. Auf dem Dach saßen ein paar Krähen, die in der Nachmittagssonne dösten.
Benny und Nix zogen ihre drückend heißen Teppichmäntel aus, denn beide waren schweißnass. Benny war so erschöpft, dass er beinahe – beinahe! – nicht bemerkt hätte, dass Nix die Kleider am Körper klebten. Er schlug ein paarmal mit dem Kopf leicht gegen die Steinmauer, schloss die Augen und versuchte, bis 50 000 000 zu zählen. Schließlich öffnete er die Augen wieder und beschäftigte sich damit, für sie beide Äpfel in Stücke zu schneiden. Nach einer Weile zog Nix ihr Tagebuch aus der Tasche und begann zu schreiben.
»Was machst du da?«, fragte Benny, während er ein Stück Apfel kaute.
»Ich erstelle eine Liste.«
»Wovon?«
»Von den Dingen, die passiert sind und die ich nicht verstanden habe.«
»Das wird aber eine lange Liste. Was hast du denn bis jetzt notiert?«
Nix knabberte nachdenklich am Ende ihres Bleistifts. »Also, das mit dem Rhinozeros verstehe ich ja. Zoos und Zirkusse und so weiter. Das ergibt ja noch Sinn … aber was ist mit dem Typ, der an den Laster gefesselt war? Wer war er und warum wurde er an die Zombies verfüttert? Und von wem? Aber vor allem: Warum ist er nicht wieder aufgewacht?«
Benny schüttelte ratlos den Kopf.
»Was hat das zu bedeuten?«, fuhr Nix fort. »Was könnte es bedeuten? Lässt die Seuche oder die Strahlung – oder was auch immer die Ursache ist – langsam nach? Oder entdecken wir gerade erst, dass einige Menschen dagegen immun sind?«
»Meinst du nicht, dass wir das dann schon längst wüssten?«, erwiderte Benny skeptisch.
»Bei 300 000 000 Zombies in Amerika? Wie sollte das jemand wissen, vor allem wenn diese Immunität selten ist?«
»Die Kopfgeldjäger würden es wissen«, beharrte Benny. »Tom wüsste es. Er kommt überall herum, hört alles Mögliche. Wenn das der Fall ist, weiß er es.«
»Okay«, sagte sie nachdenklich. »Das sehe ich ein … aber würde das nicht bedeuten, dass die andere Vermutung wahrscheinlicher ist?«
»Dass sich die Toten nicht mehr erheben, weil das, was sie dazu veranlasst hat, allmählich abklingt?« Benny dachte darüber nach. »Das wäre ziemlich erstaunlich.«
»Falls es stimmt …«, gab Nix zu bedenken. »Und dann ist da noch das große ›Rätsel an der Raststätte‹. Wo sind Bruder David, Shanti und Sarah? Und all das Zeug, das Tom für unsere Expedition hingeschickt hat?«
»Und die Zombies«, ergänzte Benny. »Tom hat mir erzählt, dass ein Haufen Zombies manchmal irgendeinem beweglichen Ziel hinterherläuft, etwa einer Herde wilder Pferde oder einem Bär. Er nennt es ›Schwarmbildung‹. Haben wir das vielleicht letzte Nacht erlebt?«
»Auf gar keinen Fall«, antwortete Nix bestimmt. »Was letzte Nacht passiert ist, war kein Zufall. Es sah aus wie ein geplanter Angriff. Ich glaube, irgendwer hat sie von den Bergen hinuntergetrieben, wie Lilah damals die Zombies aus dem Hungrigen Wald gelockt hat.«
Eine Weile kauten sie schweigend ihre Äpfel.
»Nix«, setzte Benny dann vorsichtig an, »ich … muss dir etwas sagen. Etwas, das ich dir letzte Nacht nicht erzählen konnte.«
»Geht es um Lilah?«, fragte Nix schnell.
Verwundert wandte Benny sich ihr zu. »Lilah? Was meinst du? Weil sie weggerannt ist?«
Nix lief rot an. »Nein, vergiss es. Red weiter … was wolltest du sagen?«
Benny holte tief Luft. »Letzte Nacht … als wir mit all den Zombies auf dem Feld waren … bevor ich das Feuer gelegt hab … Da hab ich … äh … jemanden gesehen.«
»Wen?«
Benny räusperte sich. »Es war dunkel und ich hatte Angst. Da waren 1 000 000 furchtbare Zombies, also bin ich nicht ganz sicher und vermutlich irre ich mich sowieso, aber … ich glaube, ich habe Rotaugen-Charlie gesehen.«
Nix wirbelte herum, packte ihn mit ihrer kleinen, starken Faust am Ärmel und schüttelte ihn. »Was?«
»Hey! Au, du schlägst meinen Kopf gegen die Mauer.«
Sofort hielt Nix inne, aber ihre Finger blieben in seinen Ärmel gekrallt. »Du hast ihn gesehen?«
»Nein, ich sagte, dass ich nicht sicher bin. Die Dunkelheit, die Zombies und all das …«
»War er lebendig oder war er ein Zombie?«
»Ich … weiß es nicht.«
»Lüg mich nicht an, Benny Imura!«
»Ich lüge nicht – ich weiß es nicht. Es war nur eine Sekunde. Ich … ich glaube, er war lebendig, aber die Zombies haben ihn nicht angegriffen.«
»Er könnte Kadaverin aufgetragen gehabt haben, Benny, genau wie wir.«
»Ich weiß. Aber irgendwas stimmte nicht mit ihm. Vielleicht war er es ja auch gar nicht.«
Nix schaute ihm lange tie fin die Augen und ließ ihn dann mit einem kleinen Schubs los. Plötzlich stand sie auf und entfernte sich ein paar Schritte, die Arme fest um sich geschlungen, als stünde sie im kalten Wind. Benny kam langsamer auf die Füße, blieb aber bei der Mauer.
Er beobachtete sie, während sie angestrengt nachdachte. Die Konturen ihres Körpers wirkten kantig und scharf, ihre Haltung angespannt. Benny konnte nur ahnen, welche Schreckensbilder in ihrem Kopf abliefen. Der Mann, der ihre Mutter zusammengeschlagen und getötet und sie selbst entführt hatte. Die Vorstellung, dass Charlie den Angriff der Zombies auf die Raststätte angezettelt haben könnte, war schrecklich. Aber es ergab auf unheimliche Weise Sinn, denn schließlich war eine Horde Zombies dazu benutzt worden, Charlies Bande zu zerstören. Auge um Auge?
»Nix?«
Sie ignorierte ihn und blieb steif und zitternd in der unerbittlich heißen Sonne stehen. Benny wartete ab. Drei Minuten vergingen. Vier. Fünf. Allmählich, in langsamen und schmerzhaften Abstufungen, fiel die Anspannung von Nix’ Schultern und Rücken ab. Als sie sich umdrehte, erkannte Benny die unvergossenen Tränen in ihren Augenwinkeln. Einen Moment lang starrte sie ihn ausdruckslos an, aber dann riss sie die Augen auf.
Ihre Warnung kam eine halbe Sekunde zu spät, denn schon packten kalte Hände Benny von hinten und zogen ihn über die Steinmauer. Benny zappelte, drehte sich panisch um und schaute in das Gesicht des Zombies, der ihn festhielt. Ein großer, dünner Mann, gekleidet in eine Tunika, die aussah, als sei sie aus einem alten Bettlaken geschneidert worden.
»Nein!«, schrie Benny.
Vor ihm stand Bruder David.
Aus Nix’ Tagebuch
Notizen aus Mrs Griswolds Naturkundeunterricht über die Herstellung von Kadaverin
Das Kadaverin, das im Leichenland verwendet wird, ist eigentlich eine Mischung aus Kadaverin, Putrescin, Spermidin und anderen ekelhaften Leichengiften. Die reinen chemischen Verbindungen sind ätzend und giftig, können aber leicht mit Wasser oder Ethanol verdünnt werden (wobei der Geruch nicht wirklich nachlässt).
Diese Stoffe lassen sich nicht in einem Chemielabor zu Hause im Keller und auch nicht in der Schule herstellen. Die benötigten Glasgefäße, Apparate und Chemikalien findet man meist nur in Labors an Universitäten oder in der Industrie und eine solche Ausrüstung wurde geplündert und nach Mountainside gebracht.
Die ursprüngliche Methode stammt aus einer deutschen Fachzeitschrift, die um das Jahr 1890 erschienen ist. Bei dieser Methode reagiert Dichlorpropan mit Natriumcyanid (ein tödliches Gift), woraufhin eine Reaktion mit Zinkstaub und Salzsäure folgt. Das Ergebnis ist Kadaverin. Igitt.
