»Der Tag kann gar nicht mehr schlimmer werden«, stieß Tom leise hervor.
Benny warf ihm einen strafenden Blick zu. Er würde es nie wagen, eine solche Bemerkung zu machen, da das Schicksal sie immer als Herausforderung aufzufassen schien. Dann legte er die Hände an den Mund, formte sie zu einem Trichter und rief Chongs Namen.
Das Echo hallte von überall zurück, blieb aber ohne Antwort.
»Ich fass es nicht«, knurrte Tom mit wachsender Ungeduld. »Jemand, der so klug ist, kann sich unmöglich so dämlich anstellen.«
»Vielleicht musste er mal aufs Klo«, schlug Benny vor. »Chong ist ziemlich eigen, wenn es um so was geht … also ist er vielleicht …«
»Aufs Klo gegangen? Etwa zu Hause bei seinen Eltern? Ein paar Meter weiter gibt es ein Plumpsklo, und überall sind Büsche, hinter die er sich hocken kann.«
»Er war ganz schön durcheinander«, meinte Nix. »Vielleicht wollte er auch einfach nur allein sein.«
Tom wandte sich ihr zu und fragte aufgebracht: »Allein? Im verdammten Leichenland?«
Sie lief feuerrot an und rief sofort wieder nach Chong. Genau wie Tom. Nur Lilah blieb stumm. Wegen ihres beschädigten Kehlkopfes konnte sie nicht mehr laut rufen, aber ihren honigfarbenen Augen entging nichts, während sie sich langsam um die eigene Achse drehte und den umliegenden Wald absuchte. Sie warf Nix einen funkelnden Blick zu. »Sind alle Jungs so dämlich?«
»Hey!«, protestierte Benny.
Nix gab keine Antwort. Stattdessen rief sie erneut Chongs Namen, so laut sie konnte, auch wenn die Wunde in ihrem Gesicht dadurch zu schmerzen begann. Falls er die Rufe hörte, reagierte Chong jedoch nicht.
Tom fluchte ein paar Sekunden heftig vor sich hin. »Ich bring ihn um. Ich schleif ihn zurück in die Stadt und kette ihn an die Veranda seines Elternhauses.«
»Ich helf dir«, bot Benny an, der ebenso wütend wie verängstigt war.
Tom schaute von der Baumgrenze zur Sonne und wieder zurück. »Verdammt!« Dann wandte er sich an die anderen: »Okay, verteilt euch und sucht nach Chongs Fußabdrücken. Er trägt diese Stiefel mit keilförmigen Sohlen. Haltet eure Waffen bereit und bleibt mit mindestens einer Person in Sichtkontakt. Wenn ihr etwas entdeckt, ruft. Los!«
Die vier stürmten von der Vorderseite der Tankstelle in alle Richtungen, als hätte jemand eine Bombe in ihre Mitte geworfen.
Er ist weg, flüsterte Bennys innere Stimme. Find dich damit ab.
Benny wollte es nicht glauben, aber in seinem Kopf spulte sich noch einmal seine letzte Unterhaltung mit Chong ab – und Chongs letzte Worte: »Tut mir leid, dass ich mitgekommen bin.«
»Komm schon, Alter«, murmelte Benny vor sich hin, als er den staubigen Boden absuchte und sich über den zerbröckelnden Beton bewegte. »Lass den Scheiß.«
Dann entdeckte er etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er richtete sich auf und rief so laut er konnte: »HIER!«
Sofort kamen die anderen herbeigelaufen. Benny sah, wie das Sonnenlicht von Toms Schwert reflektiert wurde, als sein Bruder von links zu ihm stieß, und wie Lilahs scharfe Speerspitze funkelte, als sie sich von rechts näherte. Hinter ihnen kam Nix aufgeregt näher. Alle blieben abrupt stehen und starrten auf den Boden. Keiner sagte auch nur ein Wort, denn die Worte waren bereits gesprochen … oder besser gesagt: in ein Stück Betonplatte gekratzt, die durch dicke Baumwurzeln fast senkrecht stand. Chong hatte ihnen eine Nachricht hinterlassen. Sie bestand nur aus drei Worten: TUT MIR LEID.
Benny hob den Kopf und blickte über die Landschaft, die sich jenseits der Betonplatte erstreckte: ein endloses Feld aus weißen Felsbrocken, die ein Gletscher dort hinterlassen hatte und die in der Sonne schimmerten. Die Reihe der Felsen verästelte sich zu fünf einzelne Linien, welche weit hinauf in die Berge führten und dann in der Dunkelheit unter dem Kronendach des Waldes verschwanden.
Benny erinnerte sich an eine der grundlegenden Tatsachen der Spurensuche, die Tom ihm beigebracht hatte: Gummisohlen hinterlassen auf Stein keine Spuren.
Vor ihnen lagen fünf mögliche Wege, und sie waren zu viert. Die Sonne stand bereits hinter den Baumwipfeln; in zwei Stunden würde es dunkel sein.
Benny wurde bang ums Herz, als er begriff, dass Chong – klug wie immer – einen Weg gewählt hatte, dem sie nicht folgen konnten. Er war vor Kummer und Scham davongelaufen.
Und sie konnten nichts dagegen tun.
