»Das ist unmöglich!«, sagten Benny und Nix wie aus einem Mund.
»Ich hoffe, dass ihr recht habt«, meinte Tom.
»Charlie ist tot«, beharrte Benny. »Wenn er sich bei dem Sturz nicht das Genick gebrochen hat, dann ist er ein Zom. Er kann nicht mehr am Leben sein.«
Tom erwiderte nichts darauf, zog stattdessen sein Messer und begann, den Leichnam loszuschneiden.
»Tom, Charlie ist tot«, beteuerte Nix. »Ich weiß es.«
»Okay«, sagte Tom. Er durchtrennte die Stricke, mit denen die Arme des Mannes gefesselt waren, und ließ den toten Körper zu Boden gleiten.
»Tom!«, fauchte Nix. »Er ist tot!«
Tom zog den Rumpf des Mannes vom Lastwagen fort und legte ihn ausgestreckt auf den Boden. »Ich widerspreche dir doch gar nicht, Nix.«
»Aber du glaubst uns doch, oder? Wir haben gesehen, wie er abgestürzt ist.«
»Ich glaube euch.«
»Aber ihr habt nicht gesehen, wie er unten angekommen ist.« Tom faltete dem Mann die Hände über dem Bauch, richtete sich auf und ging hinüber zum Lastwagen, um sich darin genauer umzusehen. Nach ein paar Minuten kam er mit einer großen, fleckigen Plastikplane wieder heraus. Wortlos wickelte er den Toten in die Plane und beschwerte die Enden mit großen Steinen.
»Tom!«, rief Benny.
Tom drehte sich wütend um. »Was willst du denn von mir hören, Benny? Wir haben uns diese Seite des Berges nicht näher angesehen. Möglicherweise war da ein Abhang oder ein Felsvorsprung oder genügend dichtes Gebüsch, um Charlies Sturz abzufangen. Genauso gut könnte er 100 Meter in die Tiefe gestürzt und völlig zerschmettert worden sein. Ich weiß es nicht. Wir wissen es nicht, und das ist der entscheidende Punkt. Ich hätte nicht so lange überlebt, wenn ich mich nur auf Mutmaßungen verlassen würde.«
»Aber …«, setzte Nix an.
Doch Tom unterbrach sie. »Nein.« Er seufzte. »Jetzt hört ihr beiden mir mal zu. Ihr wollt weiterziehen, richtig? Ihr wollt nicht zurück in die Stadt.«
»Nein!«, bestätigte Nix mit Nachdruck. Benny war sich nicht ganz so sicher und schüttelte nur langsam den Kopf.
»Okay«, fuhr Tom fort, »dann müsst ihr lernen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Mutmaßungen können euch das Leben kosten. Wenn Charlie tot ist, ist er tot. Wenn er lebt, dann lebt er. Wir wissen es nicht genau, aber wenn wir die Möglichkeit ausschließen, könnten wir eine unangenehme Überraschung erleben. Wie würde es euch gefallen, wenn Charlie noch lebt und sich an uns rächt? Wenn er Leute foltert und den Zombies zum Fraß vorwirft, nur weil sie sich auf seinen Handelsrouten bewegt haben, was wird er dann erst mit uns anstellen? Wir haben seinen besten Freund getötet, haben eine Armee von Zombies auf seine Crew gehetzt, haben ihn zum Geächteten in diesem Teil des Leichenlands gemacht, er kann sich nie wieder in der Stadt blicken lassen, und du, Benny, hast ihn in einem Kampf besiegt. Willst du wirklich irgendwann in der Dunkelheit aufwachen und in sein grinsendes Gesicht schauen? Willst du das, Nix?«
Beide blieben stumm, denn sie waren nicht in der Lage, etwas zu sagen.
»Ich habe hier draußen im Leichenland überlebt, weil ich Realist bin. Ich lasse die Wahrheit die Wahrheit sein – so sehr ich mir auch wünschte, sie wäre etwas anderes.« Tom machte eine Handbewegung in Richtung Wald. »Da draußen könnte die Hölle auf uns warten. Ihr kennt doch den Satz: Alles hier draußen will dich töten. Und das stimmt.«
Sie schwiegen noch immer. Nix griff nach Bennys Hand und drückte sie noch fester als bei Zaks Beerdigung.
»Ich möchte, dass ihr beiden lernt, so zu denken, zu handeln und zu reagieren wie ich. Ich will, dass ihr überlebt. Ihr müsst bereit sein für diese Welt und sie als die eure annehmen. Noch seid ihr Teenager, aber hier draußen werdet ihr sehr schnell erwachsen. Doch das passiert nur, wenn ihr klug, vorsichtig und ehrlich euch selbst gegenüber seid.«
»Tom … glaubst du, hier könnte es noch andere Typen wie Charlie geben?«, fragte Nix.
»Ja«, antwortete er ohne Zögern. »Vielleicht sogar noch schlimmere.«
»Noch schlimmer?«, wiederholte sie und erschauderte.
Benny nickte. »Dann müssen wir wohl auch das realistisch sehen.«
»Ich wünschte, ich könnte dir widersprechen.« Tom schaute hinauf zur Sonne. »Wir müssen weiter. Ich will heute nicht im Freien übernachten. Nicht nach einem solchen Tag. Wir können uns bei Bruder David einquartieren, aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns und …« Er redete immer langsamer und verstummte schließlich ganz. Einen Augenblick lang schien er in die Luft zu starren, aber dann machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte auf den toten Mann zu. »Verdammt! Ich Idiot!«
»Was ist los?«, wunderte sich Nix.
Tom antwortete nicht. Stattdessen riss er die Plane von dem Toten weg, beugte sich zu ihm hinunter und untersuchte seinen Hals. Er rollte ihn auf die Seite und inspizierte den Schädel. »Wie …?«, setzte er an, völlig verblüfft.
»Was ist?«, fragte Nix erneut.
Der Mann ist schon ein paar Tage tot, flüsterte Bennys innere Stimme. »Schon ein paar Tage«, wiederholte er laut.
Tom warf ihm einen scharfen Blick zu und nickte dann.
Nix kapierte es noch immer nicht.
»Sein Genick ist nicht gebrochen, oder?«, fragte Benny.
Tom schüttelte den Kopf.
»Keine Kugel im Schädel?«
Wieder Kopfschütteln.
»Kein Pflock?«
Endlich begriff Nix, was sie sagten, und riss die Augen auf. »Niemand hat ihn befriedet«, folgerte sie leise.
»Nein«, bestätigte Tom.
»Warum ist er … nicht zurückgekommen?«
Tom überlegte einen Moment und winkte dann Lilah zu sich heran. Mit einem blassen, schweigenden Chong im Schlepptau kam sie angestapft.
»Sieh dir mal diesen Mann an«, bat Tom, »und sag mir, wie er gestorben ist.« Mehr erläuterte er nicht.
Lilah musterte Tom kurz, zuckte dann die Achseln und kniete sich neben den Toten. Benny bemerkte, dass sie bei ihrer Untersuchung auf dieselbe Weise vorging wie Tom. Ihre Reaktion fiel allerdings komplett anders aus: Sie fauchte, riss ihr Messer aus der Scheide und rammte es ohne Zögern in die Schädelbasis des Mannes.
»Wow!«, rief Benny und sprang vor der blitzenden Klinge zurück.
»Immer mit der Ruhe!«, sagte in diesem Moment eine unbekannte Stimme.
Alle fünf wirbelten herum, als direkt hinter Lilah ein Fremder aus dem Wald trat.
