»Da draußen ist ein Zombie«, flüsterte Benny.
»Ich weiß«, murmelte Lilah mit ihrer geisterhaften Stimme und wischte sich mit der linken Hand die Tränen aus den Augen. »Er muss dich gehört haben.«
»Uns gehört haben«, korrigierte Benny, aber sein Einwand war schwach, und das wusste er auch.
Lilah schnaubte.
Bumm.
»Was soll das?«, fragte Nix entsetzt. »Klopft er an, weil er reinwill?«
Lilah schüttelte den Kopf. »Er klopft nicht an, er schlägt gegen die Tür. Er will auf uns losgehen … die Tür ist im Weg.«
Irgendwie fand Benny dies gruseliger als die Vorstellung, dass die Kreatur anklopfte. Auch wenn er den Zombie nicht sehen konnte, war die Tatsache, dass seine schlaffe, tote Hand immer wieder gegen die Tür hämmerte und dabei dem Impuls eines ansonsten abgestorbenen Gehirns folgte, äußerst unheimlich. Wie wollte die Wissenschaft das je erklären? Wie konnte das einen Sinn ergeben?
Das Hämmern ging weiter. Es folgte keinem Rhythmus, aber jeder Schlag hatte dieselbe dumpfe Wucht.
»Was sollen wir jetzt tun?«, fragte Nix.
Lilahs Antwort war so kalt wie das verfaulte Gewebe des Monsters vor der Tür und in ihren Augen blitzte ein seltsames Leuchten auf. Sie wirkte mehr als nur ein bisschen verrückt. »Wir töten ihn.«
Die beiden anderen starrten sie ungläubig an.
Benny deutete auf die Tür. »Du meinst, wir sollen da raus? Die Tür öffnen und rausgehen?«
»Wenn du Angst hast, kannst du ja hierbleiben«, erwiderte sie verächtlich.
Plötzlich kam Benny sich wie ein Idiot vor. »Hör mal … wegen vorhin …«
»Sei still«, fauchte Lilah. »Ich will nicht darüber reden.«
Da Benny sich gedemütigt fühlte, straffte er die Schultern, stellte sich noch aufrechter hin und setzte eine Miene auf, die nach taffem Typ, Kopfgeldjäger und Zombiekiller in einer Person aussehen sollte.
»Was ist mit deinem Gesicht los?«, fragte Lilah. »Musst du kotzen?«
»Nein, ich …«
Doch Lilah schob ihn einfach aus dem Weg. »Wenn ihr die Tür öffnet, schubse ich den Zombie zurück. Verschließt die Tür hinter mir. Wenn er befriedet ist, klopfe ich, und dann lasst ihr mich wieder rein.«
»Machen wir«, versprach Nix, »aber solltest du nicht wenigstens deinen Teppichmantel anziehen? Das ist nicht gerade klug wie ein Krieger.«
Lilah tat den Vorschlag mit einem höhnischen Lächeln ab. »Wegen einem einzigen Zombie?«
Benny räusperte sich. »Hör zu … Lilah … bist du dir sicher, dass du das wirklich tun willst?«
Das Verlorene Mädchen schaute ihn fragend an. »Mit ›wollen‹ hat das nichts zu tun. Die Zombies werden weiterhin versuchen, uns zu kriegen. Und das Hämmern kann man meilenweit hören.«
Wie um ihre Bemerkung zu unterstreichen, schlug die schlaffe Hand wieder gegen die Tür. Und noch einmal.
»Jetzt«, sagte Lilah leise. Sie hielt ihr Messer mit der lässigen Kompetenz, die sich nur durch jahrelange Übung einstellte.
»Jetzt!«, stieß Lilah noch einmal hervor, und Benny fuhr zusammen.
»’tschuldigung«, murmelte er und streckte die Hand nach dem Türknauf aus. Lilah warf ihm einen angewiderten Blick zu.
»Warte!«, forderte Nix und musterte Lilah eindringlich. »Die Dosen.«
Lilah erstarrte. »Oh«, sagte sie nur.
»Oh Mann …«, keuchte Benny, fast atemlos vor Schreck. »Wie kommt ein Zombie da durch, ohne …« Er beendete den Satz nicht, weil er nicht beendet werden konnte.
»Wir haben ein Problem«, wisperte Nix. »Da draußen ist noch jemand – ein Mensch.«
»Ich weiß.« Lilah wich von der Tür zurück.
Einen Moment lang schloss Nix die Augen. »Bruder David und die Schwestern sind nicht einfach so fortgegangen.«
»Ich weiß«, sagte Lilah wieder, steckte das Messer in die Scheide und griff nach ihrem Speer.
»Warte«, stieß Benny hervor und stellte sich vor die Tür, um ihr den Weg zu versperren. »Du willst doch nicht wirklich da raus? Nicht jetzt!«
»Doch.«
»Hör zu … was ich gesagt habe, tut mir leid, aber du musst nicht …«
Lilah unterbrach ihn, indem sie plötzlich so nah an ihn herantrat, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Ihre honigfarbenen Augen schauten wütend und verletzt zugleich. »Am liebsten würde ich dich da rauswerfen.«
Das brachte Benny zum Schweigen.
Bumm! Bumm!
»Aber im Augenblick müssen wir den Zombie daran hindern, solchen Krach zu schlagen«, sagte Lilah und wandte sich von ihm ab. »Geräusche sind nachts besonders weit zu hören.«
»Lilah«, mahnte jetzt auch Nix, »vielleicht solltest du wirklich nicht gehen. Da draußen könnte etwas sein, das viel gefährlicher ist als ein Zombie.«
»Ich bin viel gefährlicher als ein Zom«, entgegnete sie mit kalter Stimme. »Macht die Tür auf.«
»Lilah«, wisperte Benny, »Rotaugen-Charlie könnte vor der Tür stehen.«
Ein tödliches Lächeln stahl sich auf Lilahs Gesicht. »Das wäre perfekt.«
Auf der anderen Seite der Tür hämmerte der Zombie unermüdlich gegen das Holz und auch der Wind frischte deutlich auf. Nix schloss die Ofentür und blies die Kerzen aus, sodass der Raum in völlige Dunkelheit getaucht wurde und nur das schwache Licht der Sterne durch die Ritzen rund um die Tür hereinfiel. Benny tastete nach dem Türknauf. Er zählte von drei an rückwärts, riss die Tür auf und sprang aus dem Weg.
Der Zombie stand direkt vor der Tür, eingerahmt vom Licht der Sterne. Groß, dürr wie eine Bohnenstange und weiß wie Wachs, mit schwarzen Augen und weit aufgesperrtem Mund torkelte er sofort auf Benny zu. Aber plötzlich sprang Lilah auf ihn zu, versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust und trieb ihn zurück. Wie der Blitz hechtete sie durch die Tür, schloss zu dem Zombie auf, bevor er zu Boden ging, drehte sich um die eigene Achse und schlitzte ihm mit dem Bajonett am Ende ihres Speers die Kniekehlen auf. Dieser Schnitt war ihr Markenzeichen; sie hatte ihn bereits als Kind von George gelernt – der Mann, der sie großgezogen hatte, nachdem sie in der Ersten Nacht zur Waise geworden war. Da sie dem Zombie die Sehnen durchtrennt hatte, fiel dieser sofort auf die Knie. Sie trat ihm zwischen die Schulterblätter, und als er mit dem Gesicht voran zu Boden stürzte, wirbelte sie ihren Speer in der Luft herum und rammte ihn mit beiden Händen zielsicher und mit aller Kraft in die schmale Öffnung in seiner Schädelbasis.
Der Zombie erschlaffte sofort und zuckte nicht länger. Er war tot … ein für alle Mal. Der ganze Vorgang – vom Tritt gegen die Brust bis zum Speerstoß – hatte keine vier Sekunden gedauert.
Benny und Nix standen an der Tür, wie immer über Lilahs Schnelligkeit und Effizienz verblüfft. Und über ihre Skrupellosigkeit. Sie wussten zwar, warum das Mädchen sich so verhalten musste, aber es nahm ihnen immer wieder aufs Neue den Atem.
»Mein Gott …«, keuchte Nix.
»Ich weiß, was du meinst«, sagte Benny.
»Nein«, entgegnete Nix, hob den Arm und deutete in die Ferne. »DORT DRÜBEN!«
Benny spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, in die Nix wies, und Lilah drehte sich blitzschnell um, hob ihren Speer, als erwarte sie einen plötzlichen Angriff, und starrte ebenfalls zum Horizont.
Die Sterne spendeten ausreichend Licht, um die wogenden Bäume in einen unheimlichen, blau-weißen Schimmer zu hüllen … und um die Blechdosen auf dem Boden zu beleuchten. Die Schnüre waren durchtrennt worden und die Dosen standen ordentlich in einer Reihe. Da draußen war jemand und dieser Jemand war klug und umsichtig genug, die Falle zu entschärfen. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste. Denn wirklich unheimlich … wirklich grauenerregend … war das kalte Mondlicht, das sich auf den wachsbleichen Gesichtern der lebenden Toten widerspiegelte.
Bei Hunderten von lebenden Toten.
»Mein Gott …« Mehr brachte Benny nicht heraus. Die Zombies waren überall – eine Armee lebloser Killer, die schlurfend, hinkend und torkelnd aus der Finsternis des Waldes hervorkamen. Benny drehte sich nach links und sah noch mehr von ihnen; manche gingen, andere krochen, aber alle stöhnten lauter als der Wind. Als Benny sich nach rechts wandte, sah er die lange Reihe der weißen Findlinge am Ende der Tankstelle. Doch auch dort wimmelte es jetzt von kriechenden Zombies. Der erste war noch ungefähr 100 Meter entfernt, aber sie näherten sich unaufhaltsam der Raststätte. Benny konnte die Untoten nicht zählen. In wenigen Minuten würden sie da sein, und es gab kein Entkommen.
»Bitte sagt mir, dass ich mich irre«, flehte Benny. »Das kann nicht wahr sein.«
»Wir sind tot«, flüsterte Nix. »Oh Gott … oh Gott …«
Lilah drehte sich zu ihnen um und im Schein des Mondes sahen sie, dass ihr eisernes Selbstvertrauen verschwunden war. Ihr Gesicht wirkte so blutleer und ausdruckslos wie das der Monster, die sich von allen Seiten näherten. Sie ließ ihren Speer sinken, bis er schließlich nur noch an ihren Fingerspitzen hing und jeden Augenblick zu Boden fallen würde.
»Wir sind tot«, wiederholte Nix mit hysterischer Stimme.
»Ja«, bestätigte das Verlorene Mädchen. »Wir sind tot.«
