Benny schrie.
Nix schaute auf, erblickte den Zombie … und kreischte ebenfalls.
Der Zombie lag im hohen Gras nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt. Aber er schrie nicht, sondern fletschte die Zähne. Dann machte er einen Satz nach vorn und versuchte, Benny ins Gesicht zu beißen.
Nix packte ihn an der Schulter und riss ihn zurück. Der Untote schlug seine Zähne ins Leere statt in Bennys Wange. Benny warf sich rückwärts und schob gleichzeitig Nix zur Seite, fort von den verfaulten Zähnen des Zombies und dessen ausgestreckten, wachsweißen Händen. Aber er war nicht schnell genug: Der Zombie bekam ihn mit einer Hand an seinem linken Turnschuh zu fassen und biss herzhaft in die Gummikappe. Benny heulte auf vor Schmerz, als sein Zeh zwischen den abgebrochenen Zähnen des Zombies knackte.
Mein Gott! Hat er mich gebissen? Hat er mich gebissen? Diese Frage schoss ihm wieder und wieder durch den Kopf, wie eine Litanei der Furcht.
Benny holte mit dem rechten Fuß aus und trat den Zombie ins Gesicht – einmal, zweimal, immer wieder. Das Wesen trug eine Latzhose wie ein Farmer und hatte große Hände und breite Schultern. Es mochte verkrüppelt und tot sein, besaß aber trotzdem Bärenkräfte. Benny trat mit Wucht und mit all seiner Angst weiter nach seinem Angreifer und spürte die Erschütterung jedes Aufpralls wie heiße Nadeln in seinem Schienbein. Alte Knochen knackten, verfaulte Zähne brachen – und dann war er frei. Endlich.
Er stieß Nix von dem Monster weg. Sie rappelte sich auf und setzte sich in Bewegung, schrie aber sofort los und fiel wieder hin. Benny krabbelte rückwärts, drehte sich um … und erstarrte. Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Ein zweiter Zom war aus dem Unterholz gekrochen und griff Nix an – eine einstmals sehr große Frau, gekleidet in die schwarzen und weißen Lumpen einer Nonnentracht. In ihren Wangen prangten zwei Einschusslöcher, aber die Einschüsse waren alt, und die Kugeln mussten Rückgrat und Gehirn verfehlt haben. Die untote Nonne drückte Nix an den Schultern zu Boden und beugte sich über sie, um zuzubeißen und damit alles Gute und Wunderbare in Bennys Welt zu zerstören.
Nix’ Gesicht war vollkommen mit hellrotem Blut bedeckt und in Bennys Brust stieg eine dunkle Woge nackter Angst auf. Aber seine Wut war größer als seine Angst.
»NIX!«
Er brüllte lauter als ein Stier, lauter als das Rhinozeros und stürzte sich dann mit einem unverständlichen Schrei auf den Zombie. Sein Bokutō lag vergessen im Gras. Er dachte nicht einmal daran, sein Messer zu ziehen, sondern kreuzte nur die Arme vor dem Gesicht und krachte wie ein Blitz in die Zombie-Nonne hinein.
»Lass sie los!«
Benny rannte die Nonne mit solcher Wucht um, dass er mit ihr zusammen zu Boden ging und die beiden schließlich fauchend und ineinander verkeilt im Gras hin und her rollten, während Nix’ Schrei die Luft erfüllte.
Die Nonne war völlig ausgetrocknet, besaß aber noch kräftige Arme. Als sie jedoch zusammen über den Boden rollten, spürte Benny die dumpfe Last ihres Rumpfes und ihrer Beine. Offensichtlich hatte man ihre Wirbelsäule unterhalb der Schulterblätter zertrümmert, sodass ihre Beine tatsächlich tot waren. Doch das galt nicht für ihren Mund. Die Untote stöhnte verzweifelt vor Hunger und schnappte nach ihm. Sie hatte die Oberhand gewonnen und lag jetzt auf Benny – ganz und gar nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er schob seinen Unterarm unter ihr Kinn, um ihre Zähne von sich fernzuhalten. Über die Schulter der Zombie-Nonne hinweg sah er Nix. Blut lief über ihr Gesicht, und in ihren Augen erkannte er nackte Angst, aber sie hielt ihr Bokutō fest mit ihren kleinen, sonnengebräunten Händen umklammert.
»Jetzt!«, kreischte sie, und mit einem angestrengten Grunzen stieß Benny seinen Arm nach oben und hob den zuschnappenden Zombie hoch, während Nix ihr Holzschwert niedersausen ließ.
KNACK!
Die obere Hälfte des Zombiekopfes schien auseinanderzufallen und augenblicklich erschlaffte das Wesen. Angewidert warf Benny es zur Seite.
»Danke …«, setzte er an – und registrierte, wie Nix neben ihm erstarrte.
Mühsam kam Benny auf die Beine, drehte sich um und spürte, wie das Blut aus seinem Gesicht wich, während er eine Szene wie aus einem seiner schlimmsten Albträume vor sich sah. Im hohen Gras wimmelte es von Zombies. Dutzende lagen zwischen wucherndem Unkraut und Glyzinen, die leeren Augen auf sie gerichtet, die Hände nach ihnen ausgestreckt und die Münder erwartungsvoll geöffnet. Ihr hungriges Stöhnen erfüllte die Luft.
Aber sie waren alle versehrt. Zertrümmerte Beine und Hüften, gebrochene Wirbelsäulen, fehlende Gliedmaßen. Einige hatten große Löcher in der Brust oder im Bauch. Benny und Nix waren von einer Heerschar verkrüppelter Zombies umringt! Sie robbten auf gebrochenen Beinen vorwärts oder packten Grasbüschel, um ihre verdrehten Körperruinen näher an das Frischfleisch heranzubringen.
»Was ist das?«, wisperte Nix entsetzt.
Benny zog sein Holzschwert. Er und Nix standen Rücken an Rücken und wussten nicht, wohin sie ausweichen sollten. Es mussten weit über zwei Dutzend Untote sein, und immer neue krochen wie graue Schnecken über umgestürzte Baumstämme oder schleppten sich aus Bodensenken heran – 50, 60, vielleicht noch mehr. All diese verstaubten Augen und die schwarzen, verfaulten Zähne. Angelockt durch den Geruch von frischem Fleisch und Blut, krochen die Zombies näher und stöhnten aus trockenen Kehlen. Das schreckliche Verlangen und der unglaubliche Hunger in diesem Stöhnen ließen Benny das Blut in den Adern gefrieren. Es war ein Geräusch aus grauer Vorzeit – so alt wie aller Schmerz und alles Leid der Welt.
»Wir müssen von hier verschwinden«, flüsterte er. Er wusste, dass diese Worte sinnlos waren, ihre Bedeutung auf der Hand lag, aber er hatte das dringende Bedürfnis, inmitten all dieser Klagelaute der Toten eine menschliche Stimme zu hören.
Ein paar Hundert Meter links von ihnen hörten Benny und Nix die Rufe von Tom und Chong sowie das aufgebrachte Schnaufen des gewaltigen Tiers, das sie alle bis hierher gejagt hatte.
Und dann begriff er. »Mein Gott!«, keuchte er. »Das Nashorn!«
»Was ist damit?«, fragte Nix, aber dann verstand auch sie. »Oh!«
»Los, wir müssen weg!«
Nix fuhr sich mit dem Unterarm übers Gesicht, um sich das Blut aus den Augen zu wischen. »Wie denn?«
Benny leckte sich die trockenen Lippen und umfasste sein Schwert fester. »Schnell und ohne Rücksicht auf Verluste!« Er schwang sein Bokutō und versetzte dem Zombie, der ihm am nächsten war, mit der Hartholzkante einen Hieb an die Schläfe. Der Zombie kippte zur Seite weg und Benny sprang über ihn. Ein Dutzend verwitterter Hände griff nach seinen Turnschuhen und Hosenaufschlägen, doch er trat und trampelte, als würde er von einem Schwarm Kakerlaken angegriffen.
»Komm!«, schrie er, aber Nix rannte bereits an ihm vorbei. Ihr Schwert sauste krachend herab und ein weiterer Zombie sackte mit mahlendem Kiefer zu Boden.
Die beiden rannten und schlugen wie wild mit ihren Schwertern um sich. Das Blut auf Nix’ Gesicht machte Benny solche Angst, dass er glaubte, sein Herz würde stehen bleiben.
War sie etwa gebissen worden?
Sein Zeh schmerzte fürchterlich.
Sind wir tot?
»Benny!«, schrie Nix ihn an. »Kämpfe!«
Er biss die Zähne zusammen und schwang sein Schwert. Es krachte gegen eine ausgestreckte Hand und zerschmetterte das Gelenk. Wieder holte er aus, und im nächsten Augenblick kippte ein Zombie, der dem Aussehen nach ein Soldat gewesen war, mit verdrehtem Hals nach hinten. Entschlossen mähten Benny und Nix die Zombies um sie herum mit ihren Schwertern nieder und kämpften sich vorwärts.
»Hier entlang«, rief Nix und schubste ihn mit der Schulter weiter.
Benny drehte sich um und entdeckte eine kleine Lücke in dem Meer kriechender Monster. Er schob Nix vor sich her. »Lauf!«
Sie rannte und sprang, ließ ihr braunes Schwert durch die Luft sausen, bis es auf alte Knochen traf und sie mit lautem Knall zertrümmerte.
Zwei Zombies – ein Lebensmittelverkäufer und ein Mann in den zerfetzten Überresten eines Anzugs – bekamen Benny gleichzeitig zu packen, jeder an einem Fußgelenk. Er schwankte und fiel hin, als er aber auf dem Boden landete, drehte er die Schienbeine so, wie Tom es ihm gezeigt hatte, und hebelte die Daumen der zupackenden Hände aus. Der Griff des Geschäftsmannes lockerte sich, und Benny wirbelte herum und schüttelte auch den Verkäufer ab, indem er ihm mit dem flachen Ende des Schwertgriffs einen Schlag auf den Kopf verpasste. Sein Schädel knackte und seine zuckende Hand öffnete sich.
Benny rappelte sich auf und rannte los. Nix war 50 Meter vor ihm, aber er lief so schnell, dass er sie fast eingeholt hatte, als sie die schmale Lücke erreichten.
»Los! Los!«, brüllte er, und zusammen preschten sie durch die versehrten Zombies zu dem zertrampelten Teil des Feldes, über den Chong gelaufen war. Es erschien ihnen, als würden sie aus den Klauen des leibhaftigen Todes entfliehen.
Aber damit war das Problem keineswegs gelöst. Das Rhinozeros hatte sich noch nicht davongemacht.
Chong lief hinter einer Reihe von Eichen entlang, während das monströse Tier zwischen die Baumstämme zu stürmen und ihn mit seinem Horn aufzuspießen versuchte. Zum Glück standen die Bäume sehr dicht zusammen, sonst hätte es Chong erwischt. Dann entdeckten sie Tom, der seine Pistole mit beiden Händen umfasst hielt und auf das Nashorn zielte.
»Ziel auf sein Auge!«, brüllte Benny im Laufen.
Aber Tom ignorierte ihn und rief Chong zu: »Ich werde zweimal schießen, dann rennst du hinter die Bäume. Halte dich links und lauf so weit in den Wald hinein, wie du kannst!«
»Nein!«, schrie Nix.
Tom warf ihr einen scharfen Blick zu. »Warum nicht?«
»Da kommen wir gerade her«, antwortete sie keuchend. »Alles voller Zoms!«
»Verdammt!«
»Tom! Ich muss hier weg!«, flehte Chong, während er dem Horn durch eine rasche Drehung auswich. Dieses Mal verfehlte es ihn nur um wenige Zentimeter.
»Benny, Nix … lauft zurück zur Straße und sucht euch auf der anderen Seite einen Baum, auf den ihr klettern könnt. Wartet da auf mich.«
»Tut, was ich sage!«
Die beiden gehorchten, liefen aber nur ein paar Meter und blieben dann stehen, um zuzusehen, wie sich Tom dem wütenden Rhinozeros näherte und mit seiner Pistole auf das Tier zielte.
»Tut mir leid, altes Mädchen«, sagte Tom laut.
Der Klang des Schusses war ein seltsam hohles Pock! Benny hätte ein lauteres Geräusch erwartet. Die Kugel traf das Nashorn in die Schulter. Es heulte auf, mehr vor Wut als vor Schmerz, und stürmte eine Sekunde später erneut auf Chong zu.
Tom gab einen weiteren Schuss ab und zielte auf den muskelbepackten Schenkel des Ungetüms. Diesmal stieß das Rhinozeros ein Brüllen aus, das von Schmerz erfüllt war. Es drehte sich um, rasende Wut in den Augen … und griff Tom an.
»Warum schießt er ihm nicht ins Auge?«, fragte Nix aufgebracht, aber Benny schüttelte den Kopf.
Als das Tier an ihnen vorbeidonnerte, winkten sie Chong stumm, aber eindringlich zu. Er sah sie, zögerte, schaute auf das sich entfernende Hinterteil des Ungetüms und rührte sich nicht von der Stelle.
»Mist!«, schimpfte Benny. »Er hat zu viel Angst, sich zu bewegen.«
Dann erhob sich etwas Blasses aus dem Gras hinter Chong.
»Lilah!«, rief Nix.
»Warum seid ihr Idioten nicht auf einen Baum geklettert? Was soll all dieses Gerenne?«, fragte sie wütend, wartete ihre Antwort jedoch nicht ab, sondern packte Chong bei der Schulter und zerrte ihn hinter sich her. Dann rannten die vier durch Gras und Büsche auf die Bäume zu und schließlich auf die Straße.
»Hier hinein!«, befahl Lilah und zeigte auf den Wald auf der anderen Straßenseite. Gemeinsam tauchten sie in das Unterholz ein, kämpften sich durch Dornengestrüpp und herabhängende Kletterpflanzen, sprangen über einen kleinen Bach und landeten auf einer weiteren Lichtung. Am anderen Ende stand ein massiver, gedrungener Baum mit einem dicken, tief hängenden Ast. »Los!«
Sie rannten auf den Baum zu und sprangen einer nach dem anderen hoch, um den Ast zu packen. Lilah schob ihre Hinterteile hinterher, griff dann so flink wie ein Affe selbst nach dem Ast und kletterte ebenfalls nach oben und in Sicherheit.
In der Ferne hörten sie zwei weitere dumpfe Pistolenschüsse. Und dann nur noch das triumphierende Brüllen des Nashorns.
Aus Nix’ Tagebuch
Waffen der Zombiejäger – Teil III
Tom Imuras Schwert ist ein Katana. Diese Art von Schwert wurde im alten Japan während der Muromachi-Zeit (etwa 1336-1573) von der obersten Kriegerkaste der Samurai entwickelt. Manchmal führten Samurai noch ein zweites, kürzeres Schwert, das Wakizashi, das sie jedoch nur zur rituellen Selbsttötung benutzten, wenn sie glaubten, ihre Ehre verloren zu haben.
(Als ich Tom fragte, warum er kein Kurzschwert trage, sagte er: „Ich glaube an das Überleben, nicht an Selbstmord. Gibt es nicht schon genug Tote auf der Welt?“)
Das Katana gilt als das schärfste Schwert der Welt.
Toms Schwert ist ein Kami Katana. Er sagt, es bedeute „Geisterschwert“ oder „Dämonenschwert“. Irgendwie cool, aber auch ein bisschen irre.
Sein Kami Katana hat eine 74 Zentimeter lange Klinge und einen 27 Zentimeter langen Griff. Der Griff war ursprünglich mit schwarzer Seide umwickelt, aber als sie sich abgenutzt hatte, verkleidete meine Mom den Griff mit Seide und Leder und arbeitete ein paar keltische Knoten in das Muster ein.
(Mom hat Tom wirklich geliebt.) Sie fehlt mir. Tom fehlt sie auch.
