Tom war schnell, aber Sally Two-Knives sackte zu Boden, bevor er sie auffangen konnte. Er kniete sich neben sie, fühlte ihren Puls und stellte beruhigt fest, dass ihr Herz noch schlug. Dann untersuchte er ihren Nacken und ihr Rückgrat, ehe er sie langsam auf den Rücken drehte und ihr Schmutz und Blätter aus dem Gesicht wischte.
»Oh Mann, Sally«, sagte er, »du siehst ja ganz schön mitgenommen aus.« Ihre Lider zuckten und öffneten sich dann langsam. Selbst im dämmrigen Licht erkannte Tom, dass ihr Gesicht angespannt war vor Schmerz. »Wo bist du verletzt?«, fragte er.
»Überall.«
»Kannst du es etwas genauer angeben oder muss ich selbst nachsehen?«
Sally schnaubte. »Seit wann bist du denn so prüde?« Dann zuckte sie zusammen und zeigte auf ihren Bauch. »Hier und am Arm.«
Tom öffnete die unteren Knöpfe ihres Hemds und legte eine Messerwunde frei. Da Sally kein Blut hustete, ging er davon aus, dass sie keine ernsthaften inneren Verletzungen hatte. Zumindest hoffte er das. Er zog eine kleine Flasche Desinfektionsmittel und ein paar Wattepads aus einer seiner Westentaschen, reinigte die Wunde vorsichtig und legte einen sauberen Verband an. Dann schlitzte er den Ärmel ihres Hemds auf und sah ein zerklüftetes schwarzes Loch in der Muskulatur. Behutsam hob er Sallys Arm hoch und betrachtete die Rückseite, wo er ein zweites, etwas kleineres Loch entdeckte.
»Ein Durchschuss. Die Kugel hat dich hinten am Arm getroffen, hat den Muskel durchbohrt und ist vorn wieder ausgetreten. Womit hat man auf dich geschossen?«
»Keine Ahnung«, stieß Sally zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Irgendwas Kleines. Kaliber .22 oder .25, obwohl es sich verdammt groß angefühlt hat.«
»Die Kugel hat die Arterien verfehlt und auch die Knochen heil gelassen«, teilte Tom ihr mit. »Du warst schon immer ein Glückspilz, Sally.«
»Von wegen Glück. Ich wurde angeschossen und niedergestochen. Wenn das deine Vorstellung von Glück ist, möchte ich nicht wissen, was Pech ist.«
»Spar dir die Witze«, tadelte Tom sie mild. Dann reinigte er die beiden Wunden, legte sterile Kompressen an und umwickelte Sallys Arm mit weißem Verbandsmull. »Ich habe heute schon genug Pech gehabt«, fügte er hinzu und verknotete die Enden des Verbands sorgfältig. Doch tief in seinem Inneren machte sich leichte Panik breit: Es war inzwischen zu dunkel, um Chong zu suchen. Schließlich half er Sally, sich aufzusetzen und reichte ihr seine Feldflasche.
»Du hast nicht zufälligerweise meine Stute irgendwo gesehen, oder?«, erkundigte sie sich, nachdem sie einen Schluck Wasser getrunken hatte. »Ich hatte sie an einen Baum gebunden, aber sie muss sich erschreckt haben und davongestürmt sein.«
»Nein, ich hab sie nicht gesehen«, erklärte Tom. »Sally, was ist passiert und wer hat das getan?«
»Die Sache ist etwas kompliziert. Ich bin ein paar Leuten von White Bears Truppe begegnet. Kennst du White Bear?«
Tom nickte. White Bear hatte einst zur Gang von Rotaugen Charlie gehört, war aber vor Jahren abgetaucht. »Hab von ihm gehört, bin ihm aber nie begegnet. Großer Typ aus Nevada. War vor der Ersten Nacht Türsteher in einem der Casinos in Vegas, richtig? Erzählt jedem, er sei die Reinkarnation irgendeines großen indianischen Medizinmanns, aber soviel ich gehört habe, fließt nicht ein Tropfen Indianerblut in seinen Adern. Was treibt er hier?«
Sally zog vor Schmerz scharf die Luft ein, als Tom sich daran machte, die Wunde an ihrem Bauch zu vernähen. Er wünschte, Lilah wäre da.
»AU … verdammt, Mann! Benutzt du da gerade eine Schusterahle?«, knurrte sie.
»Ach, komm schon, stell dich nicht so an.«
Grimmig verfluchte Sally ihn und sein gesamtes Geschlecht bis zurück in die Steinzeit. Doch Tom ertrug es stoisch und tat, was zu tun war. Flüche waren besser als Schmerzensschreie.
»Was ist mit White Bear?«, hakte er nach.
Sally holte gequält Luft. »Seit Charlies Gang letztes Jahr von diesen Zombies verputzt wurde, ist viel darüber geredet worden, wer wohl sein Revier übernehmen wird. Charlie hatte immer die besten Gebiete. Mountainside, Fairview und so weiter, außerdem die Handelsstraße durch die Berge. White Bear will sich das alles unter den Nagel reißen. Und er hat ein paar andere Typen mitgebracht. Die meisten von ihnen sind totale Idioten, die nicht wissen, an welchem Ende der Knarre es ›Peng‹ macht. Aber er hat eine Menge von ihnen um sich geschart.«
»Wie viele?«
»Die beiden, die ich heute Abend gesehen habe, und ungefähr 20 weitere. Vielleicht auch doppelt so viele, wenn man den Gerüchten Glauben schenkt … und er wird vermutlich versuchen, sich jeden von Charlies ehemaliger Truppe vorzuknöpfen, der noch lebt.«
Tom verknotete den Faden und begann, einen Verband anzulegen. »Warum haben sie dich angegriffen?«
»Haben sie nicht. Ich, äh, hab eher sie angegriffen.« Sie berührte Toms Arm. »Tom … ich glaube, sie haben deinen Bruder Benny.«
»Was?«
»Ich hab beobachtet, wie sie einen japanisch aussehenden Jungen fast zu Tode geprügelt haben. Wie alt ist dein Bruder? 15, 16?«
»15. Was hatte der Junge an?«
Sally dachte einen Moment nach. »Jeans. Dunkles Hemd mit roten Streifen und eine Weste mit ziemlich vielen Taschen.«
Tom atmete erleichtert auf. »Das war nicht Benny, sondern sein Freund, Lou Chong. Er ist Chinese, kein Japaner. Außerdem ist Benny halb irisch-amerikanisch.«
»Was weiß ich. Es war dunkel, da war ein Junge, und ich bin angeschossen worden, Herrgott noch mal.« Sie blinzelte ihn an. »Ist das der Junge, den du suchst? Dieser chinesische Junge?«
Tom klärte sie über seine Pläne auf.
»Also … hast du wirklich vor, von hier zu verschwinden?«, fragte sie.
»Ja, aber wir scheinen einen schlechten Start erwischt zu haben.«
»Als du mich gebeten hast, dich bei Bruder David zu treffen, wolltest du dich also … verabschieden?«
Er nickte.
»Verdammt. Ohne den edlen Ritter wird es hier draußen nicht mehr dasselbe sein.«
Tom schnaubte. »Ich mag ja vieles sein, Sally, aber ganz bestimmt kein edler Ritter.«
Doch Sally lachte nicht. »Wenn du das glaubst, Tom, dann bist du ein noch größerer Idiot, als ich dachte. Hier in den Bergen gibt es keinen, der nicht weiß, wer du bist und was du tust. Das war auch schon so, bevor du Charlie und den Hammer den Zombies auf einem Silbertablett serviert hast.« Sie schwieg einen Moment und fuhr dann fort: »Viele Leute sehen zu dir auf. Besser gesagt, sie richten sich nach dir, wenn es darum geht, wie sie handeln und ihr Leben führen sollen.«
»Komm schon, Sally, lass uns jetzt nicht …«
»Hör mir zu, Tom. Du bist für die Leute wichtig. In der Ersten Nacht und in den Jahren danach haben viele von uns ziemlich wilde Sachen angestellt, um irgendwie zu überleben. Davon weißt du nichts. Oder … vielleicht ja doch. Vielleicht hast ja auch du ein paar wilde Sachen angestellt. Aber Tatsache ist, dass du seit damals jemand bist, an dem sich die Menschen orientieren können und von dem sie sagen: ›Ja, so sollte man handeln.‹ Seit dem Aufkreuzen der Zoms gibt es nicht viele Vorbilder, Mann, aber du …« Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
Tom räusperte sich. »Hör mal, Sally, ich glaube, du redest nur so, weil du Schmerzen hast und unter Schock stehst, also lass uns lieber zur Sache kommen. Wohin haben sie Chong gebracht und wie bist du verletzt worden?«
Jetzt lachte Sally. »Auch noch bescheiden. Echt eine Schande, dass du die Stadt verlässt. Jessie Riley war die glücklichste Frau in Kalifornien, und der Blitz möge mich treffen, wenn das nicht stimmt.«
»Chong …«, beharrte Tom.
»Okay, okay. Das Ganze ist vor ungefähr zwei Stunden passiert. Ich war unterwegs zu Bruder David, als ich jemanden schreien hörte. Also hab ich mich angeschlichen und dann gesehen, wie der Junge versucht hat, sich gegen ein paar Mistkerle zu wehren. Zuerst hat er sich ganz gut geschlagen, mit einer Art hölzernen Version deines Schwerts. Die Typen haben versucht, ihm das Ding abzunehmen, sich einen Spaß daraus gemacht und so getan, als seien sie Zombies und so. Man kennt das ja.«
»Ja«, bestätigte Tom nüchtern. »Ich hab das schon öfter gesehen. Was ist dann passiert?«
»Der Junge hat einem der Typen einen ziemlich heftigen Schlag verpasst. Traf ihn an der Schulter, ich konnte den Aufprall noch oben auf dem Berg hören. Danach unterbrachen die Kerle ihr Spielchen und gingen ernsthaft auf den Jungen los. Traten ihm das Schwert aus der Hand und prügelten brutal auf ihn ein.«
»Verdammt.« Tom dachte an den asketischen, intellektuellen Chong und wie er um sein Leben kämpfte. Wie tapfer musste der Junge gewesen sein und welch furchtbare Angst musste er ausgestanden haben.
»Mehr brauchte ich nicht zu sehen, außerdem war ich mir ziemlich sicher, dass der Kleine dein Bruder war. Also bin ich mit Kriegsgebrüll den Hang hinuntergestürmt und hab mir die beiden Drecksschweine vorgeknöpft. Dabei war ich nicht besonders zimperlich. Eigentlich hatte ich ihnen einfach eine Lektion erteilen und sie anschließend davonhumpeln lassen wollen, aber dann haben sie versucht, bei mir Eindruck zu schinden. Ist nicht gut für sie ausgegangen. Kein Verlust für die Menschheit.«
»Moment mal … du hast sie beseitigt?«
»Zwei Irre wie die gegen mich? Das hätte ich schon damals gekonnt, noch zu meinen Roller-Derby-Zeiten, lange bevor ich gelernt hab, wie man mit miesen Tricks kämpft.«
»Nein, ich meine, wenn du sie getötet hast, wer hat dann …?«
»Muss ein dritter Typ gewesen sein. Hab ihn nicht kommen sehen. Ich wollte die beiden Scheißkerle gerade befrieden, als mich plötzlich von hinten etwas am Arm traf und gegen einen Baum rammte. Ich hab noch versucht, mich aufzurappeln, aber dann kam jemand aus dem toten Winkel, riss mich herum und stach mit dem Messer auf mich ein. Ich hab nur noch einen großen Mann mit weißem Haar gesehen, bevor ich ohnmächtig wurde.«
»Weißes Haar? Sally … könnte das Preacher Jack gewesen sein?«
»Der Irre aus Wawona?« Sally überlegte kurz und sagte dann: »Nein, dieser Typ war wesentlich größer. Jedenfalls bin ich ohnmächtig geworden, und als ich wieder aufwachte, waren der Junge und der große Typ verschwunden.«
»Was ist mit den anderen beiden?«
»Die liegen noch da. Wer auch immer auf mich geschossen hat, muss sie befriedet und dann den Krähen überlassen haben.«
Tom lehnte sich zurück und dachte nach. »Könnte der große Mann White Bear gewesen sein?«
Sally zuckte die Achseln. »Vielleicht. Der Kerl war so groß wie Rotaugen-Charlie und sein Gesicht sah übel zugerichtet aus. Überall Brandwunden.«
»Könnte es Charlie gewesen sein?«
Verwundert kniff Sally die Augen zusammen. »Charlie ist tot. Du hast ihn getötet.«
»Nicht direkt«, erklärte Tom und erzählte ihr von den Ereignissen, nachdem Benny Charlie das Eisenrohr des Motor City Hammer über den Schädel gezogen hatte.
»Oh Mann, das sind nicht gerade die Neuigkeiten, die ein Mädel hören will, wenn’s ihm sowieso schon beschissen geht. Glaubst du, dass Charlie noch lebt?«
»Ich weiß es nicht. Wollte der Typ, der dich angegriffen hat, die von dir getöteten Männer rächen, oder war er hinter dem Jungen her?«
»Ich … hab keine Ahnung. Aber müsste Charlie nicht wissen, dass der Kleine nicht dein Bruder ist?«
Tom nickte. »Er kennt Benny und auch Chong.«
Sally nahm noch einen Schluck aus der Feldflasche und biss sich nachdenklich auf die Lippe. »Bevor ich auf sie losgegangen bin, hab ich in Teilen gehört, worüber die Mistkerle mit dem Jungen geredet haben. Unter anderem auch, wo sie ihn hinbringen würden.«
Tom wusste bereits, was Sally sagen würde, und schloss die Augen, als litt er und nicht sie körperliche Schmerzen. »Sag es mir.«
»Gameland«, sagte Sally Two-Knives. »Sie wollten ihn an die Leute verkaufen, die den Laden betreiben. Wollten ihn in die Zombiegruben schicken.«
»Aber du weißt nicht, ob der Mann, der dich angeschossen hat, ihn dort hinbringt?«
»Keine Ahnung.«
»Na großartig«, meinte Tom mürrisch. »Seit wir Charlies Bande zerschlagen haben, wurde Gameland schon zweimal verlegt. Ich hab versucht, es zu finden … aber ich hab keinen blassen Dunst, wo es liegt. Genauso gut könnte es sogar irgendwo in Utah sein.«
»Das glaub ich nicht, Tom«, entgegnete Sally mit einem kalten Lächeln. »Als diese Kerle den Jungen gequält haben, höhnte einer von ihnen, er werde bereits im Morgengrauen in den Gruben kämpfen. Das waren seine Worte.«
Tom blickte in die Finsternis. »Verdammt«, murmelte er leise.
